Das Milieu: Prolet Hotte in Aktion.

Ausgabe 231
Kultur

Lustige Prolls

Von Rupert Koppold
Datum: 02.09.2015
Der Regisseur Markus Sehr hat mit "Die Kleinen und die Bösen" eine Gaunerkomödie inszeniert – und sich dabei vergriffen, meint der Kontext-Filmkritiker.

Hoppla, hier kommt Peter Kurth vom Stuttgarter Staatstheater, der zum deutschen Schauspieler des Jahres 2014 gewählt wurde! Er stürmt jetzt als Gewohnheitskrimineller Hotte ins Büro seines Bewährungshelfers Benno (Christoph Maria Herbst) und poltert los. Ein fetter Kerl mit rotem Zornschädel und schier aus der Leinwand dünstender Fahne, vornehmer gesagt: mit glaubhaft vermittelter Alkoholanmutung. Ein wüster Proll und Choleriker, der Badelatschen und ein versifftes Hawaiihemd trägt und innerhalb von Sekunden dreimal das Wort "Fotze" rauskrakeelt. Ja, so geht nämlich Milieu in dieser Komödie von Markus Sehr! "Die Kleinen und die Bösen", tönt die PR-Abteilung, sei "eine Liebeserklärung an einen Kleinkriminellen mit Herz(!)", und dazu noch "eine schwarzhumorige Abrechnung mit der Arbeit von Bewährungshelfern". Über Hotte heißt es da: "Eigentlich unser aller Albtraum, wenn er nicht gleichzeitig auf eine fast unheimliche Weise sympathisch wäre."

Hotte zieht jetzt – gegen den Willen des freudlosen Benno, aber mit Unterstützung einer dicken Jugendamtstante – zu seinen Kindern Dennis und Jenny, die bei der verstorbenen Oma in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen sind und ihren Vater kaum kennen. Der aber genießt die Situation, kassiert das Kindergeld, lümmelt auf der Couch herum, guckt Sex-Clips im TV, säuft Dosenbier, stopft Chips in sich hinein und denkt an seine nächsten Einbrüche. Wobei der halbwüchsige Dennis auch schon ins kriminelle Leben geschlittert ist, was das Presseheft so ausdrückt: "Vater und Sohn verbindet der Reiz des Verbotenen und das Herz(!) am rechten Fleck." Die Verbindung dauert aber nicht lange, denn Dennis wird auf einem Raubzug von Hotte verfolgt, flüchtet übers Bahngleis und ... Nein? Doch! Man glaubt es zwar erst nicht, denkt, dass wäre wieder ein kruder Gag, aber der Film lässt den jungen Mann tatsächlich tödlich verunglücken. Und will trotzdem weiter eine brutal gut gelaunte Gaunerkomödie bleiben!

"Am spannendsten fand ich die angestrebte Tonalität dieser Geschichte", sagt der Regisseur in feiner Diktion. Das alles changiere "immer zwischen Komik und Drama, zwischen Realismus und Überhöhung, zwischen Härte und großer Zuneigung für die Figuren". Man habe auch herausgefunden, "wie man den Zuschauer zwischen den ernsteren und den leichten Tönen hin und her wandern lässt, ohne ihn zu verlieren". Spätestens jetzt müssen die PR-Töne aber abgeschaltet werden! Weil sie nämlich alle falsch sind; weil Markus Sehr einen fahrig-überdrehten Film inszeniert hat; weil er im dramaturgischen und visuellen Bereich keinen Stimmungswechsel hinkriegt und diesen mit Popsongs simuliert; weil er sich im überladen-wirren Plot bald selber nicht mehr auskennt; weil er sein Personal komplett empathielos in einem dreist folklorisierten Milieu herumrumpeln lässt, auf das er schadenfroh herabschauen kann. Man könnte auch sagen: Dieser Film hat das Gemüt eines Fleischerhunds.

Eigentlich könnte man es dabei bewenden lassen. Eigentlich sind schon die bisher geschriebenen Zeilen zu viel für dieses plumpe Machwerk. Aber wenn sich eine deutsche Komödie in einer Situation, in der die Gesellschaft auseinanderzubrechen droht, auf solch fahrlässige Weise der Realität verweigert, schlimmer noch: diese Realität zynisch umfälschen will in ein Gaunerstücklein, dann ist das auch exemplarisch für die Verwahrlosung in manchen Köpfen. Nein, man muss das Subproletariat nicht idealisieren, man kann die Kriminalität, die Wut und die Gewalt, so wie Pier Paolo Pasolinis "Accatone" (1961), in die Tragödie wenden. Man kann die Probleme derer da unten auch, so wie Aki Kaurismäki in seinem Frühwerk, in melancholischen und mitleidsschweren Tragikomödien schildern. Und man darf ans Lumpenproletariat auch so rabiat rangehen wie Ettore Scola in seiner Komödie "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" (1975), in dem ein durch und durch materialistisches Leben ohne Manieren, Hygiene und Sinn für Ästhetik gezeigt wird, in dem aber auch so etwas wie eine Umformung von Zorn, Verzweiflung und Schmerz passiert: In diesem Saustall ist alles so hoffnungslos, dass man nur noch darüber lachen kann.

"Die Kleinen und die Bösen" aber verniedlicht und verharmlost die Misere, was den Regisseur allerdings nicht daran hindert, seine Figuren in gewalttätig-blutige Szenen zu schicken. Und sie auf Schritt und Tritt zu denunzieren: Bennos Frau (Anneke Kim Sarnau) zum Beispiel wird ausschließlich als lästiges Wesen mit Kinderwunsch vorgeführt. Über den jungen Ivic (Ivo Kortlang) dagegen, der sich in Hottes Tochter verknallt und mit deren Vater zum Räubern geht, schreibt das Pressehaft, er laviere sich "mit einem großen Herzen(!) und kosovarischem Mut durch die Untiefen des Lebens". Im Film sitzt Ivic dann mal gefesselt auf einem Stuhl, ist von Folterung bedroht, und macht sich vor Angst in die Hose. Für Markus Sehr ist das lustig, er zeigt das Einnässen in Detailaufnahme und lässt auch später noch einen Scherz dazu folgen. Allein wegen dieser Szenen müsste man den Regisseur mit Namen belegen, die zahlungspflichtig wären.

Und was macht Peter Kurth in diesem kleinen und bösen Film? Auf der Bühne agiert er meist als Minimalist, in TV und Kino kannte man ihn bisher eher als müde herumhockenden Trauerkloß. Jetzt aber ist er recht agil und vor allem: laut! Eben so wie ein Schauspieler, der vom Drehbuch als dürftige Karikatur gezeichnet und von der Regie im Stich gelassen wird. Charme und Herz? In "Die Kleinen und die Bösen" ist Kurth als Hotte so charme- und herzlos, dass er die Absichten des Films auf fast schon subversive Weise unterläuft. Denn Markus Sehr würde ja nur zu gern gefühlig werden. Er baut auch immer wieder Sentimentalitätsversprechen ein, etwa die autistische Tochter von Bennos neuer Ich-lächle-mich-einfach-durch-diesen-Film-Freundin Anabell (Dorka Gryllus). Bloß dass er dieses Mädchen gleich wieder vergisst, etwa so wie Eltern, die ihr Kind gedankenlos an der Autobahnraststätte stehen lassen. Gedankenlos? Es muss natürlich herzlos heißen.

 

Info:

Der Film "Die Kleinen und die Bösen" läuft in Stuttgart im Kino Metropol. Zur Abendvorstellung am kommenden Donnerstag haben sich der Regisseur Markus Sehr und sein Hauptdarsteller Peter Kurth angesagt.

Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, http://kinofinder.kino-zeit.de/programmsuche/die-kleinen-und-die-boesenfinden Sie hier.

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