Ausgabe 231
Editorial

Mauern einreißen

Von unserer Redaktion
Datum: 02.09.2015

Was wäre, wenn alle miteinander reden würden? Wenn möglichst viele Menschen möglichst viele Informationen hätten, die nachprüfbar sind? Wenn sie Hintergründe aus verschiedenen Blickwinkeln aufgefächert bekämen, abweichende Meinungen zugelassen wären und diese als Grundlage dienten für ein "ehrliches Ringen" um die bestmögliche Lösung von aktuellen Fragen des Zeitgeschehens? So wünscht sich Kontext-Leserin Charlotte Rath eine demokratische Öffentlichkeit, und sie schränkt zugleich ein, dass dies eine "unerreichbare Utopie" sei.

Albrecht Müller in seinem Treppenhaus. Foto: Kontext
Albrecht Müller in seinem Treppenhaus. Foto: Kontext

Der Streit um die Veröffentlichung der Otto-Brenner-Stiftung ("'Querfront' – Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks") zeigt, wie recht sie hat. Die Fronten scheinen klar: hier der Mainstream, dort die Gegenöffentlichkeit. Aber schon hier beginnt das Problem. Was ist der Mainstream, was die Gegenöffentlichkeit? Kampfbegriffe beides und deshalb wenig geeignet, die Dinge differenziert zu betrachten. Wolfgang Storz hat sich in dieses Minenfeld begeben, hat versucht, eine Struktur herauszuarbeiten, und hat damit heftige Sprengsätze ausgelöst. Befördert auch durch Fehler, die er einräumt.

Dieser Kampf, erbittert von beiden Seiten geführt, spiegelt die Verhältnisse wider. Jene Medien, die wechselweise traditionell, etabliert oder alt genannt werden, fürchten (zu Recht) um ihre Existenz, beanspruchen jedoch weiter die Deutungshoheit für sich. Auf der anderen Seite wachsen Alternativmedien, vornehmlich im Netz, die diesen Alleinvertretungsanspruch öffentlicher Meinung nicht mehr akzeptieren. Zwischen beiden, den Alten und den Neuen, scheint eine Wand zu stehen, und sie wird so lange stehen bleiben, so lange nicht miteinander geredet wird. Wer die einen als "gleichgeschaltete Systempresse" beschimpft, die anderen als "spinnerten Verschwörungstheoretiker", ist zur Kommunikation nicht fähig. Viel sinnvoller wäre es, genau hin zu schauen, zu prüfen, wer einen sinnvollen Beitrag zu einer demokratischen Zivilgesellschaft leistet – und wer nicht. Nazis zum Beispiel. Und dies in aller Unaufgeregtheit, und mit der Gewissheit, dass niemand ein Abo auf die Wahrheit hat. Hier nicht und dort nicht.

Wolfgang Storz in der Kontext-Redaktion. Foto: Joachim E. Röttgers
Wolfgang Storz in der Kontext-Redaktion. Foto: Joachim E. Röttgers

So jedenfalls verstehen wir bei Kontext Journalismus. In diesem Verständnis haben wir auch auf die Arbeit von Wolfgang Storz in unserem letzten Editorial hingewiesen – und sind damit in eine Reihe mit der "Frankfurter Rundschau", "Berliner Zeitung", "Tagesspiegel", "Zeit", taz und "Deutschlandfunk" gerückt, wie Albrecht Müller kritisiert. Der Herausgeber der "Nachdenkseiten" zeigte sich enttäuscht von Kontext, dem "ansonsten aufklärenden Medium", das "ungeprüft die Parolen des Autors der Otto-Brenner-Stiftung übernommen" habe.

Daraufhin ist Josef-Otto Freudenreich zu ihm nach Pleisweiler in die Pfalz gefahren. Wolfgang Storz ist aus Frankfurt in die Redaktion gekommen, um mit Susanne Stiefel zu sprechen. Im Sinne der Aufklärung und Prüfung – und um Mauern einzureißen.


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