Echte Landschaften, satte Farben und sparsame Effekte machen das Märchen zum ästhetischen Hochgenuss. Foto: Concorde

Ausgabe 230
Kultur

Von der Mafia zum Märchen

Von Rupert Koppold
Datum: 26.08.2015
Es sind keine Kindermärchen, die Thriller-Regisseur Matteo Garrone in seinem neuen Film bietet. Es ist die Rückeroberung eines Genres, das Hollywood verniedlicht hat.

Aus dem Wüstensand heraus führt der Weg eines Gauklers, so als käme er aus einer archaischen Welt, über grobes Pflaster geht es weiter, vorbei an mittelalterlichen Mauern, bis hin zu einem Palast im venezianischen Stil. Drin im Saal thront ein Königspaar und schaut Tänzern, Jongleuren und Possenreißern zu. Sie aber lässt sich nicht unterhalten, sitzt da wie versteinert, und als sich eine Frau ein Kissen unters Kleid schiebt und eine Schwangerschaft simuliert, verlässt sie überstürzt die Vorführung. So sehnlich wünscht sich diese Königin (Salma Hayek) ein Kind, dass sie all das erfüllen will, was ihr ein düsterer Kuttenträger zur Bedingung macht: Ein Drache muss getötet, dessen Herz von einer Jungfrau gekocht und dann von ihr, der Königin, verzehrt werden. Sie tut wie geheißen, und bald darauf gebiert sie einen Sohn – aber nicht nur sie, sondern auch die jungfräuliche Dienstmagd, die das befruchtende Mahl bereitet hat.

So beginnt "Das Märchen der Märchen" von Matteo Garrone, der bei uns mit dem fulminanten Thriller "Gomorrha" bekannt wurde und nun drei Episoden der im 17. Jahrhundert entstandenen Geschichtensammlung "Pentameron" von Giambattista Basile adaptiert hat. Ein radikaler Genrewechsel: von der Mafia zum Märchen! Anders gesagt: von der realistisch-genauen Beobachtung der Gegenwart zurück in alte und historisch nicht festzulegende Zeiten, in denen das Wünschen manchmal noch geholfen hat. Und wenn Garrone seinen neuen Film – dessen literarische Vorlage in neapolitanischem Dialekt geschrieben wurde – auch noch in englischer Sprache gedreht hat, dann fragt man sich zunächst: Bietet respektive biedert sich der Regisseur nun dem internationalen Markt für jene Nicht-von-dieser-Welt-Filme an, in denen die Hobbits, die Potters, die Shreks, die Eisköniginnen und eine ganz Armada von Superhelden ihre Abenteuer erleben?

Keine Geschichten für kleine Kinder

Aber lassen wir die Frage erst mal so stehen und schauen wieder hinein in dieses "Märchen der Märchen", in dem die erste und in Longtrellis spielende Geschichte nun ergänzt und verschränkt wird mit Geschichten von zwei anderen Königreichen, nämlich denen von Strongcliff und Highhills. Da wacht ein lüsterner Lebemann-König (Vincent Cassel) nach einer Orgie auf und ist sexuell immer noch nicht gesättigt, streicht voller verlotterter Geilheit herum, hört verführerischen Gesang und sieht, wenn auch nur von hinten, eine Frau (Hayley Carmichael) in ihr Häuschen gehen, die er noch nicht gehabt hat. Und da wird im dritten Schloss ein kleiner und verwitweter König (Toby Jones) beim Musikvortrag seiner Tochter Violet (Bebe Cave) abgelenkt durch einen Floh, den er heimlich in sein Gemach mitnimmt und heranfüttert zu einem kommodengroßen Schmarotzertier, das ihm wichtiger ist als sein sehnsüchtig auf einen Bräutigam wartendes Kind.

Nein, das sind auch in unseren abgebrühten Zeiten keine Geschichten für kleine Kinder. (Der Film ist auch nicht ab sechs, sondern erst ab zwölf Jahren freigegeben.) Zumal sie in einem realistischen Stil erzählt werden, also nicht abstrahiert und verfremdet sind durch Zeichentrick- oder Computeranimation, und die Inszenierung auch sehr sparsam und ökonomisch umgeht mit digitalen Bildern und Special Effects. Trotzdem, nein, gerade deshalb wird "Das Märchen der Märchen" zum ästhetischen Hochgenuss! Die dicken Gemäuer, die prächtigen Stoffe, die im Fackelschein leuchtenden Barockgewänder wirken so, als könne man sie anfassen, die spektakulären Landschaften, fast alle der Natur abgefilmt, so, als könne man sie begehen. Und auch die drei Königsschlösser sind "echt" – als Doubles für Longtrellis, Strongcliff und Highills haben sich der Palast Donnafugata auf Sizilien, das über einen Felsen ragende Roccascalegna in den Abruzzen und das achteckige Castel del Monte in Apulien zur Verfügung gestellt. All dies kann auch als stolzer Hinweis an Hollywood verstanden werden: Die alte Märchenwelt, die Amerika mit Kulissen nachbauen oder per Computer imitieren muss, steht hier in Europa noch ganz selbstverständlich herum.

"Das Märchen der Märchen" ist auch in einem anderen Sinn die Rückeroberung eines Genres. Mit Walt Disneys "Schneewittchen" begann 1937 ein amerikanischer Raubzug durch die europäische (und später auch asiatische) Märchenwelt, der diese Geschichten einerseits global bekannt machte, sie andererseits aber auch amerikanisierte, was so viel heißt wie: "Schneewittchen" und Co. wurde alles Fremde und Archaische ausgetrieben, die Erzählungen wurden sentimentalisiert, ironisiert, verniedlicht. Garrone dagegen nimmt diese Erzählungen ernst. Hier wird nicht psychologisiert, kennen die Protagonisten auch keine Selbst- und Genrereflexion, überlegen also nicht, sondern tun; hier finden sich grausam-blutige und fast splatterhafte Szenen; hier rutscht die Story selbst in grotesken Momenten nie ins Parodistische ab; hier wird keine Botschaft verkündet und schon gar keine simple Moral. Der Oger zum Beispiel, der das Floh-Fell-Rätsel des Königs von Highhills gelöst und dessen Tochter Violet in seine knochengefüllte Höhle abschleppen durfte, ist kein durch Liebe zu erlösender Prinz – er bleibt ein hasserfüllter und menschenfressender Oger.

Rebellierende, zum Glück aufreizende Geschichten

Was Ernst Bloch mal über das Märchen geschrieben hat, kommt bei Garrone wieder zum Vorschein: Es sei "gerade sehr wenig Einlullendes, sehr wenig Ammenmärchen in diesen so rebellierenden wie wachen, diesen scharf auf Glück ausziehenden, das Glück ständig vorhaltenden, zu ihm aufreizenden Geschichten". Blochs Fazit: "Das Märchen hat fast immer einen unzufriedenen, aufrührerischen Charakter." Dass in allen drei Geschichten die Hauptfiguren weiblich sind, sei ihm, sagt der Regisseur, erst später aufgefallen. Und er hat dann doch noch einen Bezug zur Moderne, nein, eben nicht hineininszeniert, sondern aus dem Stoff herausgelesen, nämlich den, dass "sich jedes der Märchen auf seine Weise mit Obsessionen befasst, die auch heute eine Rolle spielen: das machtvolle Streben nach Jugend und Schönheit; die Besessenheit einer Mutter, die alles dafür geben würde, einen Sohn zu haben; der Konflikt zwischen den Generationen; die Gewalt, mit der sich ein Mädchen auseinandersetzen muss, um erwachsen zu werden."

So kann also die oben aufgeworfene Frage, ob Garrone sich dem Hollywood-Kinotrend in Sachen Märchen anbiedert, mit einem Nein beantwortet werden. Und noch etwas muss man erwähnen: die eigenartige Poesie des Schreckens in diesem bildertrunkenen Film. Als Inspiration nennt Garrone, der seine Karriere als Maler begann, die Caprichos von Goya, außerdem den 1960 entstandenen Horrorfilm "Die Stunde, wenn Dracula kommt" seines Landsmanns Mario Bava. Man kann in den Landschaften aber auch noch den Stil von Caspar David Friedrich oder William Turner entdecken und in der nach einem Sturz in den Wald in eine nackte, junge Schönheit verwandelten Alten eine Wiedergängerin der Botticelli-Venus. Und man darf sich auch noch mit einer Behauptung hervorwagen: Wenn hier ein König (John C. Reilly) seiner Frau zuliebe ins Wasser taucht, um ein großes Herz zu rauben, wird dies zur faszinierendsten Drachenkampf-Sequenz der Kinogeschichte.

 

Info:

In Deutschland läuft "Das Märchen der Märchen" ab Donnerstag, den 27. August, im Kino. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.

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