Tom Hanks spielt den Versicherungsangestellten Jim Donovan. Filmstills: 20th Century Fox

Ausgabe 243
Kultur

Der gute Amerikaner

Von Rupert Koppold
Datum: 25.11.2015
In Steven Spielbergs "Bridge of Spies" ist Tom Hanks der Mann, der sich von der CIA nicht missbrauchen lässt. Und verhandelt, wie es die US-Verfassung will. Der Film spielt im Kalten Krieg und ist doch aktueller denn je, meint unser Filmkritiker.

Wortlos starren die Fahrgäste aus den Scheiben der Berliner S-Bahn. Unter ihnen, im gerade abgetrennten Ostteil der Stadt, hetzen Menschen durchs Sperrgebiet, versuchen über die Mauer zu klettern, zucken auf, als das Gewehrfeuer lospeitscht, fallen leblos herunter. Es sind die frühen Sechzigerjahre, es ist die Zeit, in der John le Carré seinen Roman "Der Spion, der aus der Kälte kam" schrieb, die Geschichte des britischen Agenten Alec Leamas, der von den eigenen Leuten für einen kleinen Gewinn im großen Spiel der Systeme geopfert wird.

In Steven Spielbergs neuem und auf Tatsachen basierenden Film "Bridge of Spies" agiert der Held Jim Donovan ebenfalls zwischen den Fronten, doch wird er nicht, wie Leamas bei le Carré, an der Grenze erschossen, er ist zunächst nur ohnmächtiger Zeuge einer tödlichen Mauerszene. 

Aber wir haben vorgegriffen. "Bridge of Spies" beginnt nämlich fünf Jahre früher mit der Verhaftung des Sowjetspions Rudolf Abel (exzellent: Mark Rylance) in New York. Der Prozess gegen diesen grau und spröde wirkenden KGB-Oberst scheint eine Formsache zu sein: Der Mann ist schuldig, die Todesstrafe steht eigentlich schon fest. Und die Verteidigung? Es geht schließlich um den Systemvergleich, es muss also zumindest aussehen wie ein demokratisches Verfahren. Und so wird der Versicherungsangestellte Jim Donovan rekrutiert, um den Anwalt von Abel zu geben, diesen Part jedoch eher zu spielen als dessen Funktion auszufüllen.

Ein Herr Jedermann als willfähriger Gehilfe im Kalten Krieg. Doch als Jedermann respektive Donovan tritt auf: Tom Hanks! Der Schauspieler also, der wie kein anderer seiner Generation den guten Amerikaner verkörpert. Nein, der inzwischen auf die sechzig zugehende Hanks ist in seinen Rollen nicht für die Gefahr und das Abenteuer geschaffen, er ist der Zivilist, der eine Aufgabe annimmt und dabei, wie etwa in Spielbergs "Der Soldat James Ryan" (1998), über sich hinauswächst.

Der Familienvater Donovan nimmt diese neue Aufgabe nicht gern an. Er weiß, dass er im paranoiden und immer noch von McCarthys Kommunistenjagd bestimmten Klima von seinen Landsleuten als Verräter angesehen wird – diese verächtlichen Blicke in der U-Bahn! –, er ahnt, dass er auch Probleme mit seinen Freunden und sogar mit seiner Frau (Amy Ryan) bekommen wird. Aber Donovan beharrt stur auf der Einhaltung der Regeln. Als ihm ein CIA-Mann befehlen will, wie er Abel zu verteidigen, besser: nicht zu verteidigen habe, will Donovan wissen, was sie beide, den deutschstämmigen Agenten und den irischstämmigen Anwalt, wohl zu Amerikanern mache. Er beantwortet die Frage dann selbst: "Die Verfassung!" Und spätestens hier ist dieser Film, der in Sachen Ausstattung, Mode und Dekor so ungeheuer sorgfältig die Vergangenheit rekonstruiert, in der Gegenwart angekommen. 

So wie Donovan in diesem Verfahren in die Revision geht, so geht auch der Regisseur in die Revision der US-Historie. Diese Szenen aus den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren sind bei Spielberg zwar so nostalgisch arrangiert und ausgeleuchtet wie damals die American-Way-of-Life-Bilder des populären Illustrators Norman Rockwell, aber sie sind letztlich bloß die bunte Fassade für ein Land, das im Schatten der Bombe nur noch in Schwarz-Weiß-Kategorien denken kann. Wie sehr diese US-Gesellschaft von Angst, Panik und Hysterie erfasst ist, zeigt unter anderem die Sequenz, in welcher an der Schule ein inzwischen berühmt-berüchtigter Atomkriegslehrfilm ("Duck and Cover") vorgeführt wird. Danach bereitet sich Donovans verstörter Sohn in seinem Kinderzimmer auf die Apokalypse vor. 

"Sollten wir nicht zeigen, wer wir sind?", fragt Donovan in einer Fairness und Demokratie einfordernden Rede vor Gericht. Er schafft es schließlich, dass sein Klient Rudolf Abel trotz aller Rufe nach der Todesstrafe mit dem Verdikt "lebenslänglich" davonkommt. Damit kann er zum Pfand werden, und damit geht der Film in seine zweite Hälfte. Der US-Pilot Gary Powers wurde nämlich mit seinem Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen und ist dort inhaftiert, er soll nun ausgetauscht werden gegen Rudolf Abel. Für die inoffiziellen Verhandlungen greifen die US-Geheimdienste wieder auf den Zivilisten Jim Donovan zurück. Und wieder wird er sich weigern, das Spiel so "dreckig" zu spielen, wie es seine Auftraggeber verlangen.

Verrät der Westen seine propagierten Ideale, wenn er dieselben Methoden benutzt wie das System, das er bekämpfen will? Diese Frage war es, die sich durch das Werk von John le Carré hindurchzieht, diese Frage ist es, die auch in "Bridge of Spies" aufgeworfen wird. Nun geht es auch dezidiert um deutsche Geschichte, um eine DDR, die sich von der Sowjetunion emanzipieren und international etablieren will, um Verhandlungen, in denen Donovan nur vermuten kann, mit wem er es zu tun hat. Zum Beispiel mit dem zwielichtigen und von Sebastian Koch gespielten Wolfgang Vogel, der auch mit Schmidt und Genscher verhandelt und mit Gysi zusammengearbeitet hat und viel später über sich sagt: "Meine Wege waren nicht weiß und nicht schwarz. Sie mussten grau sein."

Der Unterhändler Donovan, der in die Kälte geht: Ostberlin sieht hier aus wie vertrautes Kalter-Kriegs-Thriller-Land, also winterlich, fahl und farbleer. Sofort ist Donovan, dem der Mantel geklaut wird, auch erkältet, in tristen Korridoren oder Büros schnieft er sich durch Gespräche mit schillernden Figuren, von denen noch die kleinste Charge zum Charakterporträt wird. Das Drehbuch zu "Bridge of Spies" stammt übrigens von den Coen-Brüdern. Dass diese Geschichte aber nicht vom typisch Coen'schen Fatalismus oder von der le Carré'schen Melancholie vereinnahmt wird, dass hier am Ende vielmehr eine Hymne auf den kleinen Mann gesungen wird, das ist wohl genuiner Spielberg-Touch. 

Wobei auch der große Erzähler Spielberg ein großes Vorbild hat: Tom Hanks ist hier der Nachfolger jener Helden aus dem Volk, die der unverbesserliche Optimist Frank Capra früher in seinen Filmen ("Mr. Smith geht nach Washington", 1939) gegen ein korrumpiertes System aufstehen ließ. Nun stehen Jim Donovan und der überraschend positiv gezeichnete Rudolf Abel austauschbereit auf der echten Glienicker Brücke, die ja gut fünfzig Jahre nach den geschilderten Ereignissen nicht mehr nachgebaut werden muss. Die Zeiten haben sich geändert, das Reich des kommunistischen Feindes ist gefallen.

Ist also alles, was in "Bridge of Spies" passiert, vergangen, vergessen, vorbei? Nein, jedenfalls nicht die Fragen, die dieser in keiner seiner 141 Minuten zu lange Film stellt und aktualisiert. Oder die Antworten, die er für Krisenzeiten vorschlägt: Verhandeln! Immer verhandeln! Aber dabei nie das aus den Augen verlieren, was nicht verhandelbar ist: die Humanität.

 

Info:

In Deutschland kommt "Bridge of Spies" am 26. November in die Kinos. In Stuttgart läuft er montags um 20.45 Uhr im Metropol. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.

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