Leonardo DiCaprio ist ein wilder Mann. Fotos: Twentieth Century Fox

Ausgabe 249
Kultur

Mann in der Wildnis

Von Rupert Koppold
Datum: 06.01.2016
In Koppolds Kino tanzt der Bär. Leonardo DiCaprio ist ein Trapper, der von seinem Trupp schwer verletzt zurückgelassen wird. Und nun zurückkriecht, um Rache zu nehmen.

Der Bär! Diese Urgewalt, die in Alejandro González Iñárritus Film "The Revenant" einbricht! Diese wahnwitzige Sequenz vom Kampf zwischen Mensch und Tier, die den Zuschauer atemlos in den Sitz drückt!

Man könnte, man sollte, man müsste diesen Text vielleicht anders beginnen, etwa mit einführenden Worten zum Film, der auf einer wahren Geschichte basiert und um das Jahr 1820 herum im Nordwesten Amerikas spielt. Oder mit dessen ersten Bildern, in denen Indianer einen Trupp von Pelzjägern überfallen. Großartig inszenierte Szenen, gewiss, und doch bereiten sie einen nur ungenügend vor auf das, was nun kommen wird. Der Trapper und Scout Hugh Glass (Leonardo DiCaprio), der die dezimierte Gruppe durch die Wildnis führen und dabei die Verfolger abschütteln soll, steht allein im Wald, späht einen Pfad aus, hört Geräusche, sieht kleine Bären aus dem Unterholz hervortollen und erkennt zu spät, dass er zwischen die Jungen und das Muttertier geraten ist.

Den heißen Atem des Bären mitten im Gesicht

Angriff! Der Grizzly stürmt heran, und bevor Glass schießen kann, ist das riesige Tier auch schon über ihm, schüttelt ihn durch wie eine Lumpenpuppe, schmeißt ihn wieder auf den Boden, haut ihm seine Tatzen in den Rücken, probiert die Krallen an seinem Kopf aus. Dies alles fünf Minuten lang und ungeschnitten. Und genauso weit entfernt von den alten Kinozeiten, in denen ein Mensch ins Tierfell gesteckt wurde, wie von den neueren, in denen computeranimierte Kunstwesen wie die Orks herumwüten. Dieser rasende Bär, man möchte es beim Sehen beschwören, ist echt, ja, er ist so echt, dass sein heißer Atem die Linse der Kamera beschlagen lässt. Aber das ist dann doch ein irritierender Moment, der einerseits stolz auf die Authentizität des Gezeigten verweist und gleichzeitig deutlich macht, dass dies alles für das Kino choreografiert wurde. Mit welcher Technik? Mit welchen Tricks? Letztlich auch: mit wie vielen künstlich generierten Bildern? Das möchte der Kameramann Emmanuel Lubezki freilich nicht verraten.

Lubezki hat mit Iñárritu schon "Birdman" (2014) gedreht, die scheinbar ohne jeden Schnitt erzählte Geschichte eines Superheldendarstellers, der ein Comeback am Broadway versucht. Eine Tour de Force wie fast alle Filme des Regisseurs, der mit "Amores Perros" (2000) bekannt wurde, einem mehrsträngigen Drama aus Mexico City, und später mit "Babel" (2006) seine Erzähltechnik ins Globale ausweitete. Was er nun in "The Revenant" versucht, ist paradox und geht am Ende doch auf: die Errettung des physischen Kinos durch das elektronisch unterstützte Bild!

Diese Odyssee eines schwer verwundeten Mannes, der von seinen Gefährten allein und ohne Waffen zurückgelassen wurde, setzt sich dabei ihre eigenen Regeln. Sie ist zwar mit einer beweglichen Weitwinkel-Digitalkamera gefilmt, aber in chronologischer Folge, langen Einstellungen und ohne künstliches Licht; sie setzt nur sparsam die hypnotische Musik des exzellenten Komponisten Ryūichi Sakamoto ein, ergänzt sie jedoch durch einen virtuosen Soundtrack der Geräusche; und sie inszeniert immer wieder das dem rein analogen Kino Unmögliche, katapultiert den Zuschauer also in Schluchten, Stromschnellen oder Wasserfälle, aber mit einer Art von haptischem Realismus, der jede Skepsis überwältigt.

Wer sind hier eigentlich die Guten?

Seine Story und seine Charaktere gibt dieser Film nur langsam frei. Sie sind zunächst nicht dies oder das, sie sind einfach nur, hineingeworfen in die pure Gegenwart, gezwungen zur Aktion. Wer sind die Guten, wer die Bösen? Man ist auch als Zuschauer so nahe dran, dass noch keine Einordnung möglich ist. Später schälen sich aus dahingeworfenen Halbsätzen und traumartigen Rückblenden einige Motive heraus: die indianische Frau des Helden wurde vor Jahren ermordet von marodierenden Soldaten, sein Sohn wird nun erstochen vom Pelzjäger Fitz (Tom Hardy), der den grob und dürftig zusammengeflickten Hugh Glass dann seinem sicher scheinenden Tod überlässt.

"The Revenant" wird so nicht nur zur Geschichte vom Überleben, sondern auch zur Geschichte einer Rache. Aber sie erzählt dann eher von diesem Motiv, als sich dieses zu eigen zu machen. Denn auch Glass ist ja, anders als etwa sein fiktiver Zeitgenosse Lederstrumpf, kein reiner Held, sondern ein ambivalenter Charakter, den der Film in einer faszinierenden Mischung aus physischer Nähe und moralischer Distanz schildert.

In einer Steinreuse Fische fangen und sich die noch zuckenden Körper einverleiben; mit einem Feuerstein Funken schlagen; buchstäblich ins Gras beißen: In diesem immer winterlicher werdenden Film agieren die Figuren nicht vor, sondern in der Natur. Die ist hier aber nicht der Feind, sie ist einfach nur groß, erhaben und von majestätischer Gleichgültigkeit.

Nebenbei bemerkt: In einer Zeit, in der TV-Serien als avancierteste Erzählform gelten, ist "The Revenant" ein starkes Plädoyer fürs Kino. Während die Serien in mehr oder weniger funktionalen Szenen erzählt werden, kann dieser Film seine großen Bilder wirklich für sich stehen lassen und auskosten.

Der Feind ist hier der Mensch, jede Begegnung mit ihm könnte tödlich sein. In wenigen Sequenzen nur kommt ein Mitmensch zum Vorschein, zum Beispiel ein Pawnee-Indianer, der dem hungrig herankriechenden Glass ein Stück rohes Büffelfleisch zuwirft (eklig habe das geschmeckt, so Leonardo DiCaprio) und ihn vor einem Schneesturm beschützt. Bald darauf liest Glass ein Schild, das einem an einem Ast baumelnden Körper umgehängt wurde: "Wir sind alle Wilde."

Gott ist ein Eichhörnchen 

"The Revenant" ist nicht ohne Vorbilder in Literatur und Film, und es sind nur die besten. Cormac McCarthys gewalttätige Erzählungen vom Westen oder der wiederentdeckte John-Williams-Roman "Butcher's Crossing" fallen einem ein; Filme wie Howard Hawks' "The Big Sky", Anthony Manns "Meuterei am Schlangenfluss", Sidney Pollacks "Jeremiah Johnson" oder Akira Kurosawas "Derzu Uzala". Auch ein Werk wie Terrence Malicks "The New World" mit seinen lyrischen Blicken in Baumkronen und der flüsternden Stimme aus dem Off.

Aber gerade der Vergleich mit Malick führt auch zum entscheidenden Unterschied: Malick ist ein verzweifelter Romantiker, der seine Bilder mit göttlichem Raunen überschwemmt, Iñárritu dagegen ein stoischer Realist, in dessen Film sich so etwas wie Transzendenz eher an den Rändern einschleicht. Einmal erzählt Fitz von einem Kumpel, der in der Wildnis glaubte, Gott entdeckt zu haben. "Es war", sagt Fitz, "ein Eichhörnchen, und er hat es gegessen!" Was aber bleibt dem Helden Hugh Glass, wenn alles gerächt ist? Wäre die Welt für ihn dann nur noch wüst und leer? Oder hätte er so etwas wie Erlösung gefunden?

Was sonst so läuft

Vergangene Woche ist noch ein anderer Western im Kino angelaufen: "Jane got a Gun" (hier geht's zum Trailer). Nicht hineingehen! Das ist nämlich ein völlig verkorkster Film, der seine dünne Story durch dumm gesetzte Rückblenden verhackstückt und quälende Langsamkeit mit Spannungsaufbau verwechselt.

Ganz neu und besser gelungen: Die britische Gangsterstory "Legend" (Trailer), in der Tom Hardy (der Fitz-Darsteller in "The Revenant") fulminant die Doppelrolle der gefürchteten Kray-Zwillinge spielt. Der eine der Brüder lässt sich im London der sechziger Jahre vom Glamour der Clubs und Casinos anstecken, der andere, ein Psychopath, will immer Proll bleiben.

Auch ganz neu und ziemlich zwiespältig: "Louder than Bombs" (Trailer). Ein mit Gabriel Byrne, Isabelle Huppert und Jesse Eisenberg prominent besetztes Arthouse-Drama mit ein paar anrührenden und intensiven Sequenzen, in der Anhäufung der Probleme und deren prätentiöser Second-Hand-Inszenierung aber letztlich nur Kunsthandwerk.


Info:

"The Revenant" kommt am Mittwoch, dem 6. Januar, in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.

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