Der Grünen-Politiker Tobias Bacherle (vorne) und Vabo-Schüler Abdul Rahman: "Immer trifft es die Kinder." Fotos: Filmstills

Ausgabe 369
Gesellschaft

"Warum mag die AfD keine Flüchtlinge?"

Von Anna Hunger
Datum: 25.04.2018
Die Vabo 12, die Sprachklasse des Kontext-Film-Projekts mit jungen Geflüchteten, ist am vergangenem Freitag auf dem Weg zu ihrem ersten offiziellen Interview-Termin ins Sindelfinger Rathaus. Mit vielen Fragen. Und wahnsinnig aufgeregt. (Teil 2)

Unsere Film-Projektklasse möchte unbedingt einmal Angela Merkel interviewen. Da zählt auch kein "das wird nicht klappen". Dass es zum ersten Politiker-Interview unter Live-Bedingungen nicht gleich die Kanzlerin, sondern Tobias B. Bacherle geworden ist - ein junger grüner Gemeinderat aus Sindelfingen -, sehen unsere SchülerInnen dann doch ein. In der Klasse herrscht trotzdem größte Aufregung. Es ist der erste offizielle Termin für die Jugendlichen zwischen 17 und 20. In den Wochen zuvor haben wir geübt: Vom Interview-Training untereinander bis zum Bundestagswahl-Planspiel. Wer Fragen stellt, muss etwas wissen. Wer etwas wissen will, lernt Sprache und Kultur.

Beim Planspiel hatten die Schülerinnen und Schüler in den vergangenen Wochen die Aufgabe, selbstständig Parteien zu bilden und ein Programm zu entwerfen. Vier Parteien sind es geworden: "Singh is King" mit der Kernforderung: Frieden auf der Welt und keine Kriege! Die "Partei ohne Namen", die sich für gebührenfreien ÖPNV einsetzt. Die "Sara-Partei" fordert Fahrverbote für Betrunkene in der S-Bahn. Und die "UDM"  (United Democratic Movement) steht für Gerechtigkeit, gleiche Chancen für alle Menschen und gegen Gewalt und Unterdrückung. Bundeskanzlerin wurde schließlich Sara von der gleichnamiger Partei. Die junge Frau aus Syrien ist kurz vor dem Interview im Sindelfinger Rathaus so aufgeregt wie ihre MitschülerInnen.

Alle haben Zettel dabei mit Notizen und Fragen. Nur Klassen-Clown Abdul Rahman tippt sich gewichtig an die Stirn und sagt: "Wenn man sich für etwas interessiert, dann hat man alles im Kopf." Aha. Zum Beispiel? Nicht dass wir misstrauisch wären. "Was kann man hier in Deutschland tun, um den Menschen in Syrien zu helfen?" In der Tat eine gute Frage. Ahmed möchte wissen, ob er fragen darf: "Wie sieht ihr Arbeitstag aus?" Ja, natürlich! "Und warum hat die CDU bei der Bundestagswahl so viele Stimmen verloren?", fragt uns Shreen. Ja, auch gut! "Ist 'Danke, dass wir Sie kennengelernt' richtig formuliert?" Fast, "kennenlernen durften", sonst prima. Abdulkader strahlt mit der vom Himmel knallenden Sonne um die Wette. "Ok!", er seufzt schwer und schreibt im Gehen noch ein "durften" auf sein Papier.

So zuckeln wir mit unseren SchülerInnen und der Klassenlehrerin Ann-Katrin Reinl durch die Sindelfinger Innenstadt, eine gut gelaunte Truppe bepackt mit zwei Stativen, die über Schultern hängen, drei Kameras und einer Ton-Angel. Abdul Rahman, der Quatschkopf mit den schwarzen Locken, zupft eine Blüte von einem Busch und versenkt nahezu die ganze Nase darin. "Frau Reinl, kucken Sie", ruft er in Richtung seiner Lehrerin und schwenkt die weiße Blüte über dem Hirn voller kluger Fragen. "Das Duft! Hmm! Das schenke ich Ihnen!"

Im Sindelfinger Rathaus treffen wir Tobias Bacherle, Anfang 20, Student der Politik- und Islamwissenschaft in Tübingen. Einer, der in die Politik gegangen ist, weil er etwas mitgestalten möchte. Was ganz schön kompliziert und zeitintensiv sein kann, erklärt er der Klasse. Er bittet ins kleine Fraktionsbüro, beschreibt sein Aufgabengebiet Kulturpolitik. Als er einen dicken Ordner mit dem Haushaltsplan 2018 hochhebt, werden die Augen der SchülerInnen groß und größer. Da steht drin, was alles kostet? "Puh, ganz schön viel zu lesen", stöhnt Abdul Rahman und quetscht sich in den kleinen Raum: "Vorsicht, Vorsicht, ich muss doch die Kamera aufstellen!"

Bacherle ist seit 2014 bei den Grünen. Er war bis 2015 Sprecher der Grünen Jugend im Kreis Böblingen, sitzt mittlerweile im Landesvorstand und hat zur Bundestagswahl 2017 kandidiert, allerdings auf Listenplatz 18 und damit erfolglos. Da kommt die erste Frage von Dembo genau richtig. Der will wissen, warum eigentlich so wenig junge Menschen im Bundestag sitzen? Nicht einfach für den Stadtrat, mal eben in leicht verständlichen Sätzen das Listenwahlrecht zu erklären.

Was denn die wichtigsten Projekte der Grünen gegen den Klimawandel seien, möchte Dembo außerdem wissen. Ahmed fragt, warum die AfD Flüchtlinge nicht leiden kann. Spätestens bei dieser Frage nimmt das Gespräch ordentlich Fahrt auf, denn darüber kann Bacherle aus der Haut fahren. "Warum dürfen junge Flüchtlinge ihre Familie nicht nachholen?", fragt Abdul Rahman dann, und plötzlich sind die beiden jungen Männer tief verstrickt im Thema Flüchtlingspolitik, Integration, und die Frage, wie Jugendliche an einem anderen Ort ohne ihren Eltern ein neues Leben anfangen sollen. "Das ist doch schlimm", sagt Abdul Rahman und dann wird er ganz traurig. Warum werfen Menschen Bomben auf andere Menschen? Bacherle schluckt, was soll man da auch sagen? "Es trifft immer die Kinder", sagt Abdul Rahman.

Beim Stichwort Bomben schaltet sich Dembo ein. Was Bacherle zum Angriff auf Syrien sagt, den die USA, Frankreich und Großbritannien kürzlich angestrengt haben? Bomben seien immer die falsche Lösung, antwortet der Grüne.

Nach eineinhalb Stunden hat fast jeder eine Frage gestellt. Noch ein Gruppenfoto für die Klasse, eines für Tobias Bacherles Facebook-Account, dann machen wir uns auf den Weg zurück zur Schule. Unsere Klasse ist ganz stolz. Und hat ihr erstes offizielles Interview mit Bravour gemeistert.

Abdul Rahman hüpft auf dem Gehweg, bleibt abrupt stehen, zupft wieder eine Blüte von einem Busch und saugt den Duft ein. Diesmal schenkt er sie Sara.


Kontext-Redakteurin Anna Hunger und Kameramann Steffen Braun betreuen mittlerweile im dritten Jahr ein Film-Projekt mit Sprachklassen an der Sindelfinger Gottlieb-Daimler-Schule 1. Jeden Freitag unterrichten sie dort zwei Stunden. Bis zu den Sommerferien werden die SchülerInnen lernen, eine Kamera zu bedienen, mit Ton umzugehen, wie man recherchiert, ein Interview und eine Reportage macht.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

0 Kommentare verfügbar

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!