Viel Theater um ein mittelmäßiges Stück: "Mein Kampf" im Theater Konstanz. Foto: Ilja Mess

Viel Theater um ein mittelmäßiges Stück: "Mein Kampf" im Theater Konstanz. Foto: Ilja Mess

Ausgabe 369
Kultur

Hakenkreuz-Konfetti

Von Jochen Kelter
Datum: 25.04.2018
Regulärer Preis mit Davidstern, freier Eintritt mit Hakenkreuz. So hat das Theater Konstanz die Premiere von Taboris "Mein Kampf" beworben und erreicht, was absehbar war: große Aufgeregtheit. Unser Autor war dabei und mäßig beeindruckt.

Viel Volk, viel Auflauf vor dem Stadttheater und drinnen im Foyer. Ein paar Polizisten passen auf, dass bei dem Gedränge niemand vom Trottoir auf die Fahrbahn gerät, müssen aber sonst nicht eingreifen. Keine Proteste, geschweige Tumulte. Zeitungs- und Rundfunkjournalisten, Fernsehteams drinnen und draussen. Selbst "Bild" und "Blick" (Schweiz) entdecken die Hochkultur. Es ist schwierig, zur Kasse oder ins Innere vorzudringen, ohne Interview-Fragen zu beantworten. Und es kursieren Meldungen und Gerüchte.

So soll das Theater dem SWR-Fernsehen untersagt haben, im Foyer zu drehen, weil klar war, dass es ausschliesslich darum ging, die Hakenkreuze oder Judensterne zu filmen, die sich die Besucher wahlweise ans Revers stecken sollten. "Hakenkreuz oder Davidstern? Freikarte oder bezahlen? In diesem Moment müssen Sie sich auseinandersetzen mit dem Hitler in sich", schreibt der Referent von Intendant Christoph Nix im Programmheft. Ob das so einfach wäre? Reservierungen für insgesamt 50 Freikarten mit der Absicht, das Hakenkreuz zu tragen, habe man erhalten, so das Theater. Also 50 Faschisten? Oder doch nur einige "Geiz ist geil"-Fans oder Studenten, die sich keine Eintrittskarte leisten können oder wollen?

Kulturbürgermeister Andreas Osner (SPD) erklärt vorm Theater, warum er nicht ins Theater geht. Foto: Hans-Peter Koch
Kulturbürgermeister Andreas Osner (SPD) erklärt vorm Theater, warum er nicht ins Theater geht. Foto: Hans-Peter Koch

Eine andere Meldung lautet, zwei russische Journalisten seien eigens für ein Interview mit Kulturbürgermeister Andreas Osner eingeflogen und gleich danach zurückgereist. Das Stück von George Tabori hat sie, wenn es denn stimmt, nicht interessiert, die Frage nach dem Antisemitismus in Deutschland und Hakenkreuzen in einem deutschen Theater wahrscheinlich schon. Sozialdemokrat Osner gab vor dem Theater bereitwillig Interviews und erklärte erneut, dass er die Inszenierung für geschmacklos halte und sie daher boykottiere, bevor er zu einer anderen Veranstaltung weiterzog, wie der örtliche "Südkurier" berichtete.

Kurz bevor die Vorstellung hätte beginnen sollen, kam dann doch noch eine gewisse Unruhe auf, weil die Besucher nicht in den Theatersaal gelassen wurden. Wieder Gerüchte: Die Vorstellung falle aus oder die vom Theater verbreitete Version, ein Beamer sei ausgefallen, lasse keinen Zutritt zu. Mit einer halben Stunde Verspätung wurde das Publikum schließlich eingelassen. Ohne die Aufforderung, sich ein Hakenkreuz oder einen Davidstern an die Brust zu stecken. Ganz zum Schluss der Aufführung, nachdem ein Schuss gefallen ist, der Hitler trifft, regnet es aus den Leuchtern unter der Decke bunte Papierschnitzel in den Zuschauerraum. Es sind die zerschnittenen Hakenkreuze und Judensterne. Sehr kurzfristig stellte man diesen neuen Gag anstelle des ursprünglichen, über den sich trefflich streiten lässt. Das zu improvisieren, kostete natürlich Zeit – die die Zuschauer dann eben vor den Eingängen warten mussten.

Das Stück wird Nix ein volles Haus bringen

Der Gag, der Medien-Hype, um den sich in den Wochen vor der Premiere alles gedreht hatte, war nun also plötzlich weg. Und das war gut so. Es hätte ihn von Anfang an nicht gebraucht. Wer immer diesen Einfall gehabt hat – es heißt, er stamme von Regisseur Serdar Somuncu –, musste wissen, was er damit anrichtet. Wie scharf die Medien nicht auf Taboris Stück, sondern darauf sind, was ein Hakenkreuz, ein Judenstern in der Öffentlichkeit bedeuten, wer sich in Deutschland heute traut, so etwas zu tragen. Hatte man es darauf angelegt? Intendant Nix verneint. Wie immer, das Stück wird ihm in den kommenden Wochen ein volles Haus bringen, und das ist der positive Aspekt der Angelegenheit.

Lieber ins Sternelokal

Wie die "Neue Zürcher Zeitung" meldete, sagte Kulturbürgermeister Andreas Osner, es sei die "größte Schande für die Stadt", die er je erlebt habe. Statt in das Stück sei der Genosse dann in ein benachbartes Sterne-Lokal gezogen, wo er die eigene Realität einer anderen vorgezogen habe. Die NZZ erinnerte auch noch daran, dass sich in Radolfzell eine SS-Kaserne und in Überlingen eine Außenstelle des KZ Dachau befunden haben. Voraussichtlich ohne Theaterdonner werden die künftigen Aufführungen über die Bühne gehen. Zu finden sind sie hier. (jof)

Auch über das Datum der Premiere, den 20. April, wurde gestritten und getwittert. Egal, ob nun Tabori persönlich Nix einst zu diesem Termin geraten hat, den alten und neuen Nazis und Rechten diesen Termin, "Hitlers Geburtstag" wegzunehmen, ist für mich durchaus ein positiver symbolischer Akt. Ach ja, Theater gespielt wurde an diesem Abend auch noch. Taboris Stück, dem der Autor die Gattungsbezeichnung "Farce" beigibt, ist schnell erzählt. Schlomo Herzl ("Sie sehen gar nicht wie ein Jude aus") nimmt sich in einem Männerwohnheim in Wien um 1910 des von der Akademie abgelehnten Möchtegernmalers Adolf Hitler an ("man sollte Ihnen verbieten, irgendetwas anderes anzumalen als ein leeres Zimmer"), schlägt ihm vor, Politiker zu werden, formt ihn und schenkt ihm sogar den Titel des Buchs, an dem er schreibt: Mein Kampf.

Aus den guten Schauspielern ragen die Darsteller von Schlomo und Hitler (Thoma Fritz Jung und Peter Posniak) noch besonders heraus. Das Bühnenbild ist zurückhaltend bis minimalistisch. Die Inszenierung versucht, den Stoff zu aktualisieren und überfrachtet ihn damit. Allzu viele Fäkalien, nicht motivierter, kruder Sex, zu viele überflüssige Anspielungen auf die Gegenwart, die nicht weiterverfolgt werden (können): Da tanzt Hitler zu Musik von Helene Fischer, Trump spielt kurz mit, und "Frau Tod" wird von Theresa May verkörpert. Dazu noch Björn Höcke, Alexander Gauland, die Balkanroute und ein schwarzes Baby (aus Gummi), das nach allen Regeln der Perversion zerhackt und zerteilt wird. Mitunter ist gut gemeint das Gegenteil von Kunst.


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