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AfD-Parteitag in Erfurt

Gefeierter Misserfolg

AfD-Parteitag in Erfurt: Gefeierter Misserfolg
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 Fotos: Jens Volle 

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Zehntausende Antifaschist:innen sind nach Erfurt gefahren, um den AfD-Bundesparteitag zu blockieren. Sieben Busse sind aus Stuttgart angereist, genützt hat es am Ende nichts. Die Polizei agierte teils sehr fragwürdig.

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Gut 250 Menschen, die meisten unter 30 Jahre, versammeln sich am Freitagabend beim Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Mit dabei: Taschen, Beutel, festes Schuhwerk, Sonnenbrillen und Kopfbedeckung. "Hier wollen ja viele wandern gehen", scherzt ein junger Mann. Das ist nicht der Grund, wieso sie hier sind. Mit sieben Bussen werden sie kurze Zeit später in die Thüringer Landeshauptstadt Erfurt fahren, wo die AfD ihren Bundesparteitag abhält. Auf den Tag genau 100 Jahre nach dem NSDAP-Parteitag im benachbarten Weimar.

Vorab wurden von allen Seiten Horrorszenarien an die Wand gemalt. Bis zu 2.500 gewaltbereite Linke erwartete die Polizei. Es kursierten Gerüchte von Brandanschlägen oder Steine, die von besetzten Hausdächern auf AfDler geschmissen werden sollen. Oder gar vom Versuch, die Messehalle zu stürmen, in der die Rechtsextremen ihren Parteitag veranstalten. All das sollte sich als Hirngespinst herausstellen, in Erfurt bleibt es überwiegend friedlich.

Die Stuttgarter:innen haben im Gewerkschaftshaus die Wahl: Ein Bus fährt direkt zur angemeldeten Kundgebung am Erfurter Messeplatz, wo unter anderem der ehemalige Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) und die DGB-Chefin Yasmin Fahimi sprechen werden. Drei Busse belegt das Aktionsbündnis "Widersetzen", das bundesweit zum Protest aufgerufen hatte, mit dem Ziel, Zufahrtsstraßen zur Messe zu blockieren. "Von uns wird keine Eskalation ausgehen", sagt die Aktivistin Laura beim Briefing im DGB-Haus. Die übrigen Busse besetzt das Bündnis "Zeit zu handeln".

Eskalation "in sinnvollem Maße"

Die letztgenannte Gruppe entstand 2024 im Zuge der Landtagswahlen in Thüringen und Brandenburg. Eine junge Frau, die sich als Alicia vorstellt, erklärt beim Briefing den "erweiterten Aktionskonsens": Anders als bei "Widersetzen" sollen die Zufahrtswege zur Erfurter Messe nicht nur mit dem eigenen Körper blockiert werden, sondern auch durch "Material", etwa Mülltonnen. Zudem sei die Gruppe bereit, die Eskalation mit der Polizei zu suchen – "in sinnvollem Maße", und wenn es zweckdienlich sei, etwa um Einsatzkräfte zu bündeln und somit woanders Blockaden zu ermöglichen. Auch die "physische Konfrontation" mit "Faschos" würden sie mit "Maß und Vernunft" eingehen.

Kurz vor 21 Uhr steigen die Antifaschist:innen in die Busse, Kontext steigt bei einem von "Zeit zu handeln" ein. Der Plan, auf einem Thüringer Parkplatz auf andere Busse aus Süddeutschland zu warten, fällt ins Wasser: Ein halbes Dutzend Polizeitransporter ist aufgetaucht, außerdem mahnt Busfahrer Karl-Heinz, dass seine Lenkzeit eingehalten werden muss – eine längere Pause sei deshalb nicht drin. Von den Polizeitransportern bis zur Stadtgrenze eskortiert, fährt der Bus zum Erfurter Willy-Brandt-Platz. Im Bus ziehen sich einige Handschuhe an, eine junge Frau geht durch die Reihen und verteilt Demo-Material aus einer großen Tüte.

Die Uhr zeigt 3.13 Uhr, als die Angereisten aus Stuttgart auf den Asphalt treten. "Entmummen, entmummen!", fordert ein junger Mann eine Handvoll Aktivist:innen auf, die ihre Schlauchschals über die Nase gezogen haben. Es gelte jetzt, so unauffällig wie möglich zu sein, erklärt er – Vermummung sei kontraproduktiv. Kurz darauf kommen die beiden andern Busse aus Stuttgart an, die Gruppe, an die 100 Köpfe, schlendert zum Stadtpark. Hier harren sie über zwei Stunden aus, die meiste Zeit aus der Distanz und zunächst im Schutz der Dunkelheit von mehreren Polizeigruppen in schwarzer Kampfmontur bewacht.

Farbbeutel fliegen auf das Parteibüro 

Die Sonne ist inzwischen aufgegangen, als gegen 5.30 Uhr vor dem AfD-Wahlkreisbüro in der Clara-Zetkin-Straße unweit des Stadtparks drei leere Reisebusse vorbeifahren. Vor dem Büro stehen ein Polizeitransporter und eine Handvoll Uniformierte. Was gleich geschieht, können sie nicht verhindern. Unter "Alterta"-Rufen ziehen mindesten 200 Frauen und Männer heran, gehüllt in Schwaden von grünem und lila Rauch, fast alle vermummt. Farbbeutel fliegen auf das Parteibüro, manche treffen das Polizeigefährt. Die Beamten greifen nicht ein, ziehen sich hinter das Tor der Hauseinfahrt zurück. Die Antifaschist:innen sprinten los, teilen sich auf, wechseln ihre Kleidung und mischen sich – zumindest teilweise – unter die Kundgebung vor dem Hauptbahnhof.

Keine halbe Stunde später vermeldet der "Widersetzen"-Ticker, dass die erste Blockade am Gothaer Platz geglückt sei, von dort führt die einzige Straße aus der Innenstadt auf direktem Weg zur Messe. Hunderte Menschen in gelben Warnwesten sitzen auf der Kreuzung, die Stuttgarter Antifaschist:innen von "Zeit zu handeln" haben sich inzwischen ebenfalls dort eingefunden. Lange bleiben sie nicht, wollen weiter vorstoßen. Doch in der Cyriakstraße, die gesäumt ist von schicken Einfamilienhäusern und Villen, kommt der Block zum Stehen. Eine Polizeikette versperrt den Weg, auch von hinten rücken Einsatzkräfte an. Es kommt zu Gerangel, die Uniformierten machen Gebrauch von Schlagstock und Pfefferspray, entreißen Transparente und Fahnen. "Sobald irgendwie gegen uns agiert wird, niedrigschwellig einschreiten. Alle Einsatzmittel freigegeben", gibt ein Polizist Anweisung über das Funkgerät. "Die Straße frei der roten Jugend!", rufen die rot vermummten, und: "Mörder, Lügner, Bullenschweine!" Die Provokation zeigt ihre Wirkung. "Das hören wir uns noch zwei Mal an, dann gehen wir wieder ran", gibt der Polizist erneut durch. Keine zehn Sekunden später werden die Antifaschist:innen wieder mit Schlagstöcken geprügelt.

Um 7.45 Uhr öffnen die Uniformierten schließlich den Kessel, freilich nicht in Richtung Messehalle, sondern zurück in Richtung Gothaer Platz. Dort ist Zeit für eine Verschnaufpause: Helfer:innen verteilen vegane Sandwiches, Äpfel und Wasserflaschen. Verpflegung gibt es auch unter dem Pavillon der Linkspartei, wo zeitweise die früheren Parteivorsitzenden Janine Wissler, Martin Schirdewan und Jan van Aken zu sehen sind. Zimmerleute in traditioneller Kluft haben eine Holzbarrikade auf der Straße aufgestellt. Noch immer sitzen Hunderte in Warnwesten auf der Straße. Auch die "Wissenschaftler*innen gegen Faschismus" sind hier, darunter Philosophin Rahel Jaeggi und Jurist Max Steinbeis, Betreiber des Verfassungsblogs.

Angriff folgt auf Angriff

Zwischenzeitlich haben mehrere tausend "Widersetzen"-Aktivist:innen auch die Autobahn A 71 lahmgelegt. Im Ticker feiern sie den Erfolg – zugleich macht auch die Nachricht die Runde, dass der Parteitag nicht verhindert oder großartig verzögert werden kann. Viele der AfD-Delegierten sind bereits sehr früh angereist oder haben gleich im Hotel am Messegelände genächtigt. Die Polizei hatte in den frühen Morgenstunden mehrere Busse der AfD zum Parteitag eskortiert, bevor die Autobahn blockiert wurde. Der Parteitag beginnt pünktlich um 10 Uhr. Nach den beiden Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla spricht der Thüringer Landeschef Björn Höcke. Für ihn sind die Demonstrierenden in Erfurt "Seelenverwundete", die Therapie benötigen.

Während in der Messehalle der Parteitag startet, kommt es am Gothaer Platz zu einer unschönen Szene: Ein dreiköpfiges Reporterteam der rechten Medienplattform "Apollo News" hat sich unter die Menge gemischt. Nachdem sie identifiziert worden sind, stürmt eine Truppe vermummter Antifaschist:innen auf sie zu, sie werfen Farbbeutel, schubsen und treten, selbst als einer am Boden liegt. Die Polizei schreitet ein, die drei finden Zuflucht hinter der Polizeikette. "Wir finden euch!", kündigt das rechte Portal daraufhin an, und: "Wir bringen euch in den Knast". Am Tag darauf heißt es bei der Pressekonferenz seitens Widersetzen: "Faschisten mit Presseausweis sind immer noch Faschisten!" Am Montag legen sie mit einer Pressemitteilung nach: Die Reporter von "Apollo News" würden Vorfälle provozieren, "die sie propagandistisch ausschlachten können". Presse sei Willkommen, doch mit "seriöser Berichterstattung haben rechte Provokateure wie 'Apollo News'" nichts zu tun.

Auge in Auge stehen unmittelbar nach dem Vorfall Antifaschist:innen im Block den Uniformierten gegenüber. Nach zehn Minuten treten die Linken langsam den Rückzug an. Die Lage scheint eigentlich wieder ruhig. Die Polizei aber hat andere Pläne: Plötzlich stürmen die Beamten mit lautem Gebrüll auf den Block zu, wieder hagelt es Schläge mit Knüppeln, Pfefferspray regnet in die Masse.

Fragwürdig bleibt auch ein Einsatz, der sich eine halbe Stunde später wiederum in der Cyriakstraße wenige hundert Meter weiter ereignet. "Widersetzen"-Aktivist:innen in gelben Westen haben sich zwischen den Prachtbauten auf das Kopfsteinpflaster gesetzt, vor und hinter ihnen rücken Polizeiketten an. Eine Handvoll Uniformierter zieht zunächst auf dem Gehsteig an ihnen vorbei, dann stampfen die Polizisten von hinten durch die Reihen der Sitzblockade. Aktivist:innen, die sich untergehakt hatten, drücken sie unsanft auseinander oder pressen ihnen schwere Handschuhen ins Gesicht. Dutzende Kameras halten die Szene fest, darunter eine der Polizei selbst. Ein Grund für die grobe Handhabe ist nicht ersichtlich. Die Sitzenden bleiben friedlich und werden ihrerseits nicht handgreiflich. Nach dieser Schikane zieht die Polizei ab, über den Köpfen fliegt ein Flugzeug mit dem Banner "Nazis nerven!".

Voller Erfolg für Rechtsextreme

Gegen Mittag haben sich viele Blockaden bereits aufgelöst. Tausende strömen zur Kundgebung am Messegelände, kurz vor 14 Uhr ist der Platz überfüllt, niemand darf mehr rein. Das Ziel, den Parteitag zu verhindern oder wenigstens zu verzögern, ist nicht erreicht worden. "Widersetzen" wertet den Tag dennoch als Erfolg: 50.000 hätten sich an den Protesten beteiligt, 17.000 an den Blockaden. Die Polizei spricht von 31.000 und 10.000. Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen.

Ein voller Erfolg ist der Tag gewiss für die Rechtesten in der AfD. Parteichefin Alice Weidel baut ihre Position aus, Co-Chef Tino Chrupalla wird geschwächt. Dem Faschisten Höcke gelingt es, mit Stefan Möller seinen Co-Landeschef und mit Katrin Ebner-Steiner aus Bayern eine Vertraute im Bundesvorstand zu installieren. Außerdem ringt er den Vorsitzenden das Versprechen ab, die Unvereinbarkeitsliste der Partei binnen eines Jahres zu überarbeiten. Künftig könnte eine frühere Mitgliedschaft in rechtsextremen Organisationen wie der Identitären Bewegung oder bei Neonaziparteien wie der NPD (nun "Die Heimat") kaum mehr ein Problem sein – nicht, dass es bislang ein großes gewesen wäre. Wie jedes Mal rückt die AfD beim Parteitag nach rechts.

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