Europäisch und außergewöhnlich, der Titel des Stücks verrät's. Mehr Bilder mit Klick auf den Pfeil. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 415
Kultur

Humanoide servieren Malventee

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 13.03.2019
Was ist deine Botschaft für Europa? Das Tübinger Zimmertheater, das sich seit kurzem auch Institut für theatrale Zukunftsforschung nennt, fragt mit einem Stück des ungarischen Kollektivs Stereo Akt nach der Zukunft des Kontinents. Ein wild persiflierender Parforce-Ritt mit Publikumsbeteiligung.

Was verbindet uns alle? Wir sind Europäer! Der geringe Erkenntniswert dieser Feststellung wird dadurch vollends ad absurdum geführt, dass sich auf die Gegenfrage, ob jemand im Publikum keinen EU-Pass besitze, auch ein paar Hände heben. Das ficht die vier Akteure von Stereo Akt nicht an, die sich in forschem Takt über die Bühne des früheren Tübinger Löwen-Kinos bewegen. Es sind Euro-Humanoiden, was man nur daran merkt, dass ab und zu die Sprachwiedergabe hängt und sie kurze, abgehackte Passagen mechanisch wiederholen, bis jemand kommt und ihnen einen leichten Schlag versetzt.

"Der durchschnittliche Europäer ist 42 Jahre alt." "Er konsumiert zehn Liter Alkohol pro Jahr." "Er verbringt fünf Stunden am Tag vor dem Bildschirm." "Er spricht 1,9 Sprachen." Die statistischen Angaben klingen zunehmend ein wenig dubios. Es liegt wohl in der Absicht des ungarischen Theaterkollektivs, wenn sich die Zuschauer fragen: Woher stammen diese Daten? "Der durchschnittliche europäische Mann wird 78 Jahre alt", heißt es – und in dem Moment bricht einer auf der Bühne zusammen.

Es geht durchaus etwas irr zu in dieser Aufführung, die in englischer Sprache stattfindet. Was sinnvoll ist, denn die je zwei Schauspielerinnen und Schauspieler sind nicht allein: Vier Tübinger Freiwillige steigen von hinten herab auf die Bühne. Und auch das Publikum, das an Caféhaustischen auf den Podesten im hinteren Teil des Saals sitzt, wird immer wieder mit einbezogen. Der Gedanke, mit ungarischer Sprache und Übertiteln zu arbeiten, wurde schnell verworfen.

Stückentwicklung mit Marktforschungsmethode

An jeder Aufführung sind fünf TübingerInnen beteiligt, an den sechs Terminen insgesamt mehr als zwanzig. Sie bilden die Fokusgruppe. Dahinter verbirgt sich eine Methode der Marktforschung, beziehungsweise hier eine Persiflage derselben, bei der Teilnehmer einer Gruppe nach ihrer Sichtweise befragt werden, in diesem Fall der auf Europa. "Are you an European Freak?" hieß es im Open Call, mit dem die Teilnehmer angeworben wurden, und weiter: "In fünf Workshops identifizieren wir die wichtigsten Herausforderungen für Europa und teilen unsere Visionen und Lösungen."

Um sich vorzubereiten, hatten Stereo Akt im Januar eine professionelle Marktforscherin eingeladen, eine Fokusgruppe zu befragen. Regisseur Martin Boross und den SchauspielerInnen kam es dabei weniger auf die Inhalte an, als vielmehr auf die Gestik, das Auftreten der Marktforscherin, den Rhythmus der Fragen und Entscheidungsfindungsprozesse.

Partizipative Programmgestaltung

European Freaks ist das bisher größte Projekt des neuen Tübinger Intendantenpaars Dieter und Peer Ripberger, die am 1. September vergangenen Jahres am Zimmertheater angefangen haben. Sie haben das 60 Jahre alte Theater zum "Institut für theatrale Zukunftsforschung" erklärt. Damit ist gemeint, dass sie keine bestehenden Dramen auf die Bühne bringen, sondern einmal im Monat die Öffentlichkeit einladen, sich mit ExpertInnen und dem Ensemble über ein Thema zu unterhalten, das dann Gegenstand der Aufführung wird. Ungefähr zur Hälfte handelt es sich um Eigenproduktionen unter der Regie von Peer Ripberger, die andere Hälfte bestreiten Ensembles der freien Szene. Themen waren bisher unter anderem Frauen- und AusländerInnenwahlrecht oder Analoge Privatheit und digitale Öffentlichkeit. Am 13. April steht Altersvorsorge, am 4. Mai Klimawandel auf dem Programm.

Doch selbst im Rahmen dieser recht unkonventionellen Programmgestaltung war das dreitägige "europäische Barcamp 'European Freaks' Con on Resistance for Utopias" Anfang Februar, wie es in der Pressemitteilung hieß, ein besonderes Ereignis. Wer eine Lesehilfe braucht: Con steht für Convention – Zusammenkunft. Und ein Barcamp ist eine kurzfristig anberaumte Konferenz, deren Programm ad hoc entwickelt wird.

"Bedürfnis, den europäischen Herzschlag zu defibrillieren"

Die Vorbereitungen reichen dabei schon einige Zeit zurück. Durch ein Video von einem "Escape Room Europe" anlässlich des Brexit am Collegium Hungaricum in Berlin war Dieter Ripberger auf Stereo Akt aufmerksam geworden. Er lud das Kollektiv ein, ein Projekt zur Europawahl am 26. Mai zu entwickeln. Es ist das erste Mal unter seiner Leitung, dass das Zimmertheater mit internationalen Gästen arbeitet. Aber bis Mitte Dezember war noch nicht klar, ob die beantragten Fördergelder bewilligt würden, erklärt der Intendant. So kam das Barcamp ziemlich kurzfristige zustande.

"Die Bürokraten haben es nicht geschafft, eine gemeinsame Erzählung zu schaffen, die uns um die europäische Idee versammelt", hieß es in der Einladung zum Barcamp, das die europaweite Initiative Citizens for Europe moderiert hat. "Wir verspüren das starke Bedürfnis, den europäischen Herzschlag zu defibrillieren, indem wir einen Schmelztiegel von Ideen für seine Zukunft schaffen." 2002 in München gegründet, wollen die Citizens for Europe als aktive Bürger die Politik mitgestalten, statt sie den Politikern allein zu überlassen: "Wir erstellen eine Black Box, in die wir 'verrückte' Europäer hineinstoßen." "'Freaky' Europeans", heißt es im englischsprachigen Aufruf, daher der Titel "European Freaks". Gemeint sind: "Aktivisten, Künstler – jeder der eine Vision zu teilen hat."

Die Vision, die die Freaks in Tübingen auf die Bühne bringen, ist bisweilen eine ziemlich dadaistische. Zwischen 21 und 49 Jahren sind die Teilnehmer der Fokusgruppe alt: drei Frauen und ein Mann. Sie müssen erklären, dass sie keine Trolls und keine Agenten des russischen Geheimdiensts sind. Um dies vorzuführen, wird später eine fünfte Teilnehmerin dazu gebeten. Die Interview-Situation wechselt mit eigenen, im schnellen Rhythmus choreografierten Handlungen der Humanoiden und Fragen ans Publikum. Wovor haben Sie Angst? Wie in einem Multiple-Choice-Test können die Zuschauer wählen: Geisteskrankheit, Erderwärmung, Tod, Rassismus? Die Fokusgruppe bringt Wohnungslosigkeit ins Spiel. Das Rennen macht Erderwärmung.

EU-Wahlprognose mit Tarot-Karten

Welche Botschaft möchten die Zuschauer an die 500 Millionen Europäer senden? Um die Frage zu beantworten, bekommen sie Kartons auf die Tische gestellt, die Kärtchen mit Worten enthalten, die zu Sätzen zusammengesetzt werden sollen. Zwischendurch bieten die Humanoiden Malventee an, während die Fokusgruppe gefragt ist, innerhalb kürzester Zeit zu einem Meinungsbild zu gelangen: Sind die europäische Hymne und die europäische Flagge ansprechend gestaltet? Welche Gefühle lösen sie bei den Teilnehmenden aus? Was müsste anders sein, damit sich die Europäer besser mit ihnen identifizieren können?

Dann sind wieder die Zuschauer dran. "Wer geht gerne wählen?" werden sie gefragt. Nicht alle. Um den Ausgang der EU-Wahlen zu prognostizieren, ziehen drei Fokusgruppenmitglieder Tarot-Karten. "Wer ist der Meinung, die EU sollte allen europäischen Unternehmen verbieten, Waren zu verkaufen, die mit Kinderarbeit verbunden sind?" Da ist die Zustimmung groß. Doch dann sagt einer der Humanoiden, dies würde dazu führen, dass die Kinder hungern müssten. Woher er das habe, wird er gefragt. "Das habe ich mir gerade ausgedacht", gibt er zurück.

Unter Zeitdruck entscheidet sich die Fokusgruppe schließlich für eine rote EU-Flagge mit einer größeren Sonne und einem Ring kleinerer; und für "Freude schöner Götterfunken" als Hymne, wie gehabt, aber unterlegt mit einem Drum-and-Bass-Rhythmus. Gefragt nach einer Prognose für 2029, halten Publikum und Fokusgruppe bei einer Auswahl von zehn Punkten für relativ wahrscheinlich, dass bis dahin polyamore Beziehungen von mehr als zwei Personen europaweit offiziell sanktioniert werden können.

An den hohen Ansprüchen des Aufrufs gemessen, wirkt dies alles eher wie eine Parodie. Wie steht Martin Boross selbst zu Europa? Als sein Land 2004 in die EU eintrat, war er noch ein Teenager. Viktor Orbán hatte bereits von 1998 bis 2002 das Land regiert. In Deutschland beobachtet er, dass sich die Bürger aktiv in die Politik einmischen. In Ungarn herrsche dagegen Schulterzucken. Als Orbán 2010 zum zweiten Mal Ministerpräsident wurde, gab es noch große Protestkundgebungen. Doch dann wurde er 2014 und 2018 erneut wiedergewählt, die Proteste wurden kleiner und rarer. Wichtig sei heute vor allem, der Gleichgültigkeit entgegenzuwirken, sagt Boross.

Angst vor Orbán? Boross winkt ab

Ob er wegen der neuen Performance keine Nachteile befürchtet? Boross winkt ab. Stereo Akt besteht nur aus Freiberuflern. Ein so kleines Ensemble sei für das Regime nicht von Bedeutung. European Freaks wird unter anderem gefördert vom Nationalen Kulturfonds, der nach bestimmten Regularien entscheidet und noch nicht vollständig von Orbáns Fidesz-Partei dominiert ist.

Indirekt war allerdings auch Boross schon von Orbáns Kulturpolitik betroffen. Im vergangenen Jahr hat er am Budapester Operettentheater erstmals eine Oper inszeniert, nach einer Komposition des Amerikaners Raymond J. Lustig. Es ging um Ignaz Semmelweis, einen ungarischen Mediziner des 19. Jahrhunderts, der zuerst die Bedeutung der Desinfizierung erkannte und dafür von seinen Kollegen angefeindet wurde.

Eine Gestalt wie Semmelweis hervorzuholen, war im Kontext der Kulturpolitik des Orbán-Regimes, die nach nationalen ungarischen Figuren verlangt, ein kluger Schachzug. Semmelweis, so Boross, "war das Opfer einer Hexenjagd, jemand, auf den sich die Welt weigerte zu hören, und er starb in einem Irrenhaus durch die Hände seiner eigenen Pfleger. Sein einziges Verbrechen war, dass er für seine eigene Wahrheit einstand, er wagte eine neue Lehre und kämpfte leidenschaftlich für das Leben anderer." Mittlerweile musste der Leiter des Operettentheaters, der Boross beauftragt hatte, György Lőrinczy, allerdings seinen Posten räumen, zugunsten des staatstreuen Tenors Attila Kiss B. Ob der unkonventionelle Regisseur auch von ihm Aufträge bekommt?

 

Info:

Aufführungen am 14., 15., 16., 21., 22. und 23. März, jeweils um 20 Uhrim Kino Löwen, Kornhausstraße 5, Tübingen. Am Mittwoch, den 13. März, gibt es ebenfalls um 20 Uhr außerdem eine öffentliche Generalprobe, um Anmeldung wird gebeten (anmeldung@zimmertheater-tuebingen.de).

Weitere Aufführungen sind geplant, unter anderem in Ungarn, Rumänien, England, Österreich und Hamburg, wenn auch voraussichtlich erst nach der Europawahl.


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