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Flüchtige Töne

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Viele Menschen brachte Bernhard König im Projekt Fugato zusammen: junge afghanische Flüchtlinge, iranische Musikerinnen, die Württembergische Philharmonie Reutlingen, chilenische Gaukler. Die Geschichte von Flucht und Asyl erzählt der Komponist als Parabel von einem Ton.

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So beginnt die Erzählung, nachdem zum Lied der Rohrflöte des afghanischen Chors die Gaukler die Bühne betreten haben: "Es war einmal ein Ton." Es spricht Ahmet Gül, im bürgerlichen Leben Telefonist des Esslinger Klinikums. Der studierte Musiker betritt als Zirkusdirektor verkleidet die Bühne des Esslinger Neckarforums und teilt sich die Rolle des Conférenciers mit Lucie Mackert, die sich bei ihm untergehakt hat. Denn was man allenfalls ahnen kann: Gül ist blind. Als Sänger ist er sowohl in der europäischen als auch in der türkisch-islamischen Tradition und Gesangstechnik bewandert.

"Es war einmal ein Ton, der hatte ein schönes Zuhause. Da war's gemütlich, und alles war wie immer; da kannte man sich aus." Das Lied der Rohrflöte – oder der Ney-Flöte – erzählt eine andere Geschichte: "Ich suche die Herzen derer, die von Einsamkeit gequält sind, nur sie verstehen den Schmerz meiner Sehnsucht. Wer weit entfernt ist von seiner Heimat, der sehnt sich nach dem Tag seiner Rückkehr." Es sind unbegleitete afghanische Jugendliche aus Reutlingen, die da singen. Erst vor einem Jahr brachte ihnen der Chorleiter Monir Naachiz viele Lieder aus ihrem Heimatland bei, die sie bis dahin nicht kannten. In Reutlingen.

Ein Ton will weg

Im Herbst und Winter 2015, als immer mehr Menschen über die Balkanroute nach Mitteleuropa kamen und die Nachrichten kein anderes Thema mehr kannten, machten sich auch die Musiker der Württembergischen Philharmonie Reutlingen Gedanken, wie sie mit dieser Situation umgehen könnten. Sie suchten nach musikalischen Begegnungen und wandten sich an den Komponisten Bernhard König, mit dem sie in einem Projekt mit Behinderten bereits einmal erfolgreich zusammengearbeitet hatten. König ist zugleich der Kopf hinter dem 2012 an der Stuttgarter Bachakademie gegründeten interreligiösen Chor "Trimum", in dem Christen, Muslime und Juden miteinander singen.

Ein Dreivierteljahr streckten König und die Philharmonie in alle Richtungen die Fühler aus. Großes Interesse hatten die afghanischen Jugendlichen aus Reutlingen. Ebenfalls mit Begeisterung war ein Chor vorwiegend iranischer Frauen in Tübingen dabei. Aber dann waren die Frauen auf einmal nicht mehr da. König nennt mehrere Gründe: Ihre Männer waren strikt dagegen, dass sie öffentlich auftreten. Zudem wurden die Familien von einer nahe gelegenen Sammelunterkunft auf weiter entfernte Orte verteilt. In Esslingen wurde ein Gambier der Theater-, Tanz-, Musik- und Akrobatiktruppe "United Unicorns" abgeschoben. In Zusammenarbeit mit der Reutlinger Philharmonie entstand ein Musikvideo.

König erbat sich vom ersten Moment an größtmögliche Offenheit. Er wollte weder den Geflüchteten europäische Orchestermusik vermitteln, noch dass sich die Württembergische Philharmonie lediglich mit einem Flüchtlingsprojekt schmückt. Er wollte eine echte Begegnung, einen Austausch auf musikalischer Ebene. Nur: Wie lässt sich ein Austausch herstellen, auf Augenhöhe, wie es so schön heißt, wenn die einen Profimusiker sind und die anderen noch nicht einmal das Liedgut aus ihrem Heimatland kennen? In den ersten neun Monaten bis Herbst 2016, sagt König, habe er immer "zu 50 Prozent geglaubt, das kann jetzt scheitern."

Ein Ton will weg und rennt um sein Leben

Die Verbindung ließ sich nur herstellen durch professionelle oder geübte Musiker aus den jeweiligen Herkunftsländern. Wie etwa den Chorleiter Monir Naachiz oder den Tabla-Spieler des afghanischen Chors, Djalal Sepas. Oder den Musikinstrumentenbauer Salam Ghafuri, der die Tanbur spielt, im Klang und Aussehen der indischen Sitar recht ähnlich. Im Verlauf des Programms erzählt er seine Geschichte. Die Taliban kamen und zerstörten alle seine Instrumente: das Werk von Jahrzehnten. Eines nahm er mit, unter Frauenkleidern versteckt, da die Gotteskrieger diese nie anrühren würden. Er möchte nur eines: die Musiktraditionen seines Landes erhalten.

Fugato: So heißt das Projekt, ein musikalischer Begriff, der sich von der Fuge herleitet, in dem aber auch das Wort Flucht steckt. Das Fugato-Ensemble besteht aus fünf Musikerinnen und Musikern der Württembergischen Philharmonie und ebenso vielen aus Syrien, dem Iran und Afghanistan. Die Sängerin Ermia wird im Lauf des Abends die Aussagen vieler anderer Frauen vom Band, die nicht auf der Bühne erscheinen, in deutscher Sprache vortragen und zum Schluss das Publikum mit ihrem bewegenden Gesang mitreißen. Ebrahim Cheraghi Hamoole erzählt, wie er im Iran nur als "Kellersänger" auftreten konnte, ständig bedroht, verhaftet und verprügelt zu werden.

Farzaneh Soorani spielt exzellent Santur, das persische Hackbrett, und Mahdiyeh Meidani schlägt gekonnt die hell klingenden Saiten der Setar. Musik im Iran: das ist ein Thema für sich. Man braucht eine Genehmigung, für Frauen ist es besonders schwierig. "Aber man kann doch Töne nicht einfach verbieten?", fragt der Zirkusdirektor. Seine Gefährtin zuckt die Achseln: "Wenn man die Macht dazu hat." Bei "Die Gedanken sind frei" singen auch einzelne deutsche Zuhörer im Publikum mit. Es folgen zwei Gitarristen, der Kurde Alaa Hesso aus dem Norden Syriens und der Israeli Alon Wallach, der nach einem Musikstudium in Stuttgart in Deutschland geblieben ist. Ihm hat König den Teil des Programms überlassen, der mit populären Musikrichtungen zu tun hat, weil er sich in diesem Bereich besser auskennt. König selbst hat das Programm choreografiert und die Musik für die Philharmoniker geschrieben.

Ein fremder Ton will mitspielen

Der Ton bildet das Leitmotiv. Er will nur noch weg. Er rennt um sein Leben. Er begegnet als fremder Ton den einheimischen Tönen, die ihn nicht mitspielen lassen wollen. Hier streiten regelmäßig die Erzählerin und der Erzähler. Die eine will Begegnung, der andere wehrt alles Fremde ab. Ein Afrikaner tritt auf und singt ein Lied vom Krieg. Gül verliest Namen im Mittelmeer Ertrunkener. Doch nur wenige sind namentlich bekannt. Wie können wir der anderen gedenken, fragt die Erzählerin. Nur durch Töne, nur durch Musik. Hier steht nun zum einzigen Mal die Württembergische Philharmonie ganz im Mittelpunkt.

Gül hätte nicht unbedingt den Zirkusdirektor spielen müssen. Aber da sind auch noch, rechts auf der Bühne, die Gaukler. Bei den United Unicorns aus Esslingen denkt manch einer zuerst an die Gambier. Doch die sind nun fast alle verschwunden. Der eine ist in sein Erstankunftsland Italien, der andere direkt nach Gambia abgeschoben worden. Da trifft es sich gut, dass gerade das Colectivo Racún aus Santiago de Chile zu Gast ist: eine bunte Truppe, zu Hause in Akrobatik und Straßentheater. Alles, was im Stück angesprochen wird, setzen sie in Bewegung um. Auch den ablehnenden Bescheid des Bundesamts. Aber sie verzaubern auch ein wenig den Saal. Einer balanciert eine Glaskugel auf dem Kopf, lässt sie dann über seine Arme rollen und dreht sie zwischen den Händen.

"Auch wenn unsere Gesichter sich unterscheiden und manche Herzen sich unterscheiden, sind wir doch alle nur Menschen", resümiert ein elfjähriges Mädchen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 05.07.2017
    Antworten
    Vorbildlicher Event - man kann dafür nur "DANKE" sagen!
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