Kunst statt Abriss: Das Projekt "Raumwunder" von Künstlerin Martina Geiger-Gerlach bei Plieningen. Joachim E. Röttgers

Kunst statt Abriss: Das Projekt "Raumwunder" von Künstlerin Martina Geiger-Gerlach bei Plieningen. Joachim E. Röttgers

Ausgabe 286
Gesellschaft

Raumwunder gibt es immer wieder

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 21.09.2016
Die Stadt Stuttgart will verhindern, dass die Zahl der Sozialwohnungen weiter sinkt. Und doch lässt sie zu, dass ihre eigene Wohnungsgesellschaft Häuser abreißt, deren Miete noch unter Sozialwohnungs-Niveau liegt. Die Künstlerin Martina Geiger-Gerlach nutzt solche Häuser wenigstens bis zu ihrem Abriss.

"Die SWSG reißt keine Sozialwohnungen ab, die SWSG baut Sozialwohnungen", sagt Peter Schwab, Pressesprecher der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft empört, angesprochen auf die Räumung der Häuser in der Lübecker und Dessauer Straße am Hallschlag. Vorübergehend waren hier noch einmal Flüchtlinge untergebracht. Nun mussten sie in die neu gebaute Unterkunft in der Quellenstraße umziehen: die üblichen Systembauten mit orangefarbenem Balkon, irgendwo im Niemandsland zwischen Wizemann-Konzertlocation, Bosch Rexroth und Autohäusern. Die Häuser am Hallschlag sollen weg.

Schwab weiß natürlich, wovon er spricht. Wenn die Förderdarlehen für den Bau von Sozialwohnungen zurückgezahlt sind, sind sie keine Sozialwohnungen mehr. Bei den Häusern am Hallschlag ist dieser Zeitraum längst überschritten. Aber die Wohnungen am Hallschlag kosteten 5,50 Euro, äußerstenfalls 8,45 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete, in der Regel immer noch weniger als die neuen Sozialwohnungen, die bei 7,50 Euro pro Quadratmeter liegen.

Das klingt so noch nicht dramatisch. Aber es werden keineswegs nur Sozialwohnungen gebaut. An der Lübecker Straße hat die SWSG schon vor einem halben Jahr mit dem Abriss begonnen. An die Stelle von 75 Bestandswohnungen treten nun in einem ersten Bauabschnitt 94 Neubauwohnungen, davon aber nur 19 Sozialwohnungen, neben 30 geförderten Wohnungen für Bezieher mittlerer Einkommen (MME) und 45 frei finanzierten Wohnungen, die 11 Euro aufwärts kosten.

Keine Schönheiten: Sozialwohnungen im Hallschlag.
Keine Schönheiten: Sozialwohnungen im Hallschlag.

Das ist kein Einzelfall. Bereits 2011 hat die SWSG am Hallschlag mit dem Abbruch begonnen. Zuerst waren die Häuser des Architekten Paul Schmitthenner an der Reihe. Im Bereich Auf der Steig/Rostocker Straße mussten 81 Altbauwohnungen 109 neuen weichen, darunter allerdings nur 24 Sozialwohnungen. Erst durch eine Ausschreibung im Internet brachten die Mieterinitiativen in Erfahrung, dass die SWSG bereits im März einen weiteren Auftrag über 76 Neubauwohnungen vergeben hat.

Ziel ist offenbar, schneller höhere Mieteinnahmen zu erzielen, als dies bei Bestandsbauten möglich wäre, wo die Mieten nur begrenzt angehoben werden dürfen. So verfährt die SWSG auch anderswo. In Zuffenhausen etwa sollen in der Keltersiedlung 105 Wohnungen der Abrissbirne zum Opfer fallen, weitere 46 in der Fürfeldstraße, wo nur 34 Neubauwohnungen geplant sind, davon ganze 11 Sozialwohnungen.

In der Keltersiedlung seien bereits 54 Wohnungen instand gesetzt worden, erklärt Schwab auf Kontext-Nachfrage, weitere 25 in der Ingelheimer Straße: alle ohne Mieterhöhungen. Die neuen Sozialwohnungen in der Keltersiedlung lägen nicht über der derzeitigen Durchschnittsmiete von 7,54 Euro pro Quadratmeter. Geplant sind freilich nur 93 Sozialwohnungen, genau die Hälfte der 186 neuen Wohnungen. Und die zukünftige Miete von 7,50 Euro pro Quadratmeter haben die Mieter hart erstritten.

Abriss für höhere Mieteinnahmen

An den genannten Standorten hat die SWSG somit insgesamt 307 Bestandswohnungen abgerissen oder will dies tun, um 423 neue zu errichten. Während aber die Miete der Bestandsbauten durchweg auf dem Niveau von Sozialwohnungen liegt, gibt es in den Neubauten nur 147 Sozialwohnungen. Für das Jahr 2015 kommt Schwab immerhin auf eine positive Bilanz: 40 Wohnungen hat die SWSG in diesem Jahr insgesamt abgerissen, 352 neu gebaut – darunter aber nur 44 Sozialwohnungen.

Geht man davon aus, dass die abgerissenen Häuser allesamt zu den preisgünstigsten gehören, kann die SWSG also den zahllosen Wohnungssuchenden, die nur über ein geringes Einkommen verfügen, 2015 gerade mal vier zusätzliche Wohnungen anbieten. Wenn es in dem Tempo weitergeht, kann es 1000 Jahre dauern, bis die Zahl der 4000 Haushalte in der Notfallkartei des Wohnungsamts abgearbeitet ist, die dringend eine Wohnung benötigen.

Nun behauptet Schwab, abgerissen wird ja nicht wegen der Miete, sondern weil die Häuser baufällig sind. Einen Architekten der Mieterinitiativen, der zu ganz anderen Ergebnissen kam, hält die SWSG für befangen.

Roland Ostertag hat sich die Siedlung angesehen. "Ich war zunächst überrascht von der atmosphärischen Qualität des Gebiets", gesteht der Architekt. Die Häuser, erbaut Mitte der 1930er-Jahre, die er in der zweiten Generation der "Stuttgarter Schule" in der Nachfolge Paul Schmitthenners verortet, seien "verwohnt, aber ganz gewiss nicht abbruchreif". Der Fotograf Thomas Fütterer hat die Siedlung aufgenommen und die Bilder ins Netz gestellt: schlichte, sicher nicht denkmalwürdige, aber eben auch nicht baufällige Häuser.

Die SWSG ist nicht allein. Der Bau- und Wohnungsverein – er hieß einmal Wohlfahrtsverein – will in der Beethovenstraße in Botnang kostengünstige Wohnhäuser abreißen, die Baugenossenschaft Neues Heim 60 Wohnungen in Zuffenhausen und die Baugenossenschaft Zuffenhausen sogar ihren einstigen Stammsitz an der Wimpfener und Stammheimer Straße: 66 Wohneinheiten in einem schönen, keinesfalls baufälligen, dreieckigen Block aus der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg.

Gerade bei der städtischen Wohnungsgesellschaft, zugleich der größte Vermieter in Stuttgart, zählt das Argument nicht, sie müsse wirtschaftlich arbeiten und Einnahmen erzielen, um ihre 18 000 Wohnungen instand halten zu können. OB Fritz Kuhns "Bündnis für Wohnen" hat sich auf die Fahnen geschrieben, "attraktiven und bezahlbaren Wohnraum in Stuttgart zu erhalten bzw. neu zu schaffen, um Familien mit Kindern und Menschen mit schmalerem Portemonnaie Wohnraum anbieten zu können". Kuhn könnte die SWSG in die Pflicht nehmen.

Die Ziele des Bündnisses sind ohnehin nicht ambitioniert: 1800 Wohnungen im Jahr, davon 600 gefördert, wohlgemerkt in der Stadt insgesamt, also nicht nur städtische Wohnungen. Auf städtischen Grundstücken sollen nun zwar zu 80 Prozent geförderte Wohnungen entstehen – Sozialwohnungen aber wiederum nur 60 Prozent. Das reicht bei näherer Betrachtung nicht einmal aus, um den Bestand zu halten. Denn während 300 Sozialwohnungen jährlich neu entstehen sollen, fallen 450 aus der Belegungsbindung.

OB Fritz Kuhns "Bündnis für Wohnen" ist nicht ambitioniert

Um wenigstens einen weiteren Rückgang zu verhindern, sollen nun Wohnungsunternehmen und Genossenschaften jeweils 100, die SWSG 50 nicht mehr mietpreisgebundene Wohnungen der Stadt zum Erwerb eines Belegungsrechts anbieten. Nach dieser Rechnung bleibt zwar die Zahl der Sozialwohnungen gleich. Die Zahl der preiswerten Wohnungen geht aber trotzdem weiter zurück, eben weil kostengünstige Bestandsbauten in allen Teilen der Stadt abgerissen werden: Wohnungen, die eben keine Sozialwohnungen mehr sind.

So paradox es klingt: Während Tausende von Familien keine Wohnung finden, die sie sich leisten können, oder Flüchtlinge in engen, containerartigen Systembauten ohne Privatsphäre zusammengepfercht sind, stehen an vielen Stellen der Stadt Wohnungen leer, die nur darauf warten, abgerissen zu werden. Von einem solchen Abrisshaus erfuhr Martina Geiger-Gerlach aus der Zeitung. "Ich arbeite oft mit der temporären Nutzung von Abrisshäusern", sagt die Künstlerin und beschloss zu handeln.

Beim Besitzer des Hauses im Stadtteil Steckfeld, dem Siedlungswerk, 1948 gegründet von der Diözese Rottenburg, stieß sie sofort auf offene Ohren. Nur eines wollte das Siedlungswerk unbedingt vermeiden: die leer stehenden Räume als Wohnraum zu vermieten. So steht es nun auch im Mietvertrag, den das Liegenschaftsamt für eine der Wohnungen in der Karlshofstraße unterzeichnet hat, auf ein Jahr begrenzt und kostenfrei, während das Sozialamt die Stromrechnung übernimmt: Es handelt sich ausdrücklich nicht um ein Wohnraum-Mietverhältnis.

Die Künstlerin Martina Geiger-Gerlach verbindet Flüchtlingshilfe mit Kunst.
Die Künstlerin Martina Geiger-Gerlach verbindet Flüchtlingshilfe mit Kunst.

Und dennoch wohnen dort Flüchtlinge: Bis zu acht Menschen können sich auf Listen in der Plieninger Unterkunft eintragen, wenn sie für ein oder zwei Wochen Ruhe brauchen oder, was auch schon vorgekommen ist, ihre Verwandten und Freunde aus ganz Deutschland einladen wollen, um ein wenig zu feiern. Drei Wochen lang haben Flüchtlinge und Freundeskreis renoviert. Ein Maler stiftete die Farben. Geiger-Gerlach bestimmte das Farbkonzept.

Jeweils für ein bis zwei Monate stellt in den Räumlichkeiten zudem eine Künstlerin oder ein Künstler aus: derzeit die Malerin Christa Munkert, die mit D-C-Fix spielt oder in einem Zimmer auf Kinder-Augenhöhe ein Bild eines Meerschweinchens angebracht hat. Die Eröffnungen bieten Gelegenheit, sich zwanglos kennenzulernen. So vermeidet Geiger-Gerlach die peinliche Situation, dass die Nachbarn kommen, um die Flüchtlinge anzusehen.

"Raumwunder" nennt Martina Geiger-Gerlach ihr Projekt, bei dem Wohnraum und Menschen Teil der Kunst, eine soziale Plastik, sind. Eben ein Ort, an dem auch Unerwartetes passiert. Demnächst wird eine iranische Familie, die ein Kind erwartet, die Wohnung nutzen. Am Ende bleibt die Frage: Warum muss überhaupt Wohnraum vernichtet werden, nur um später wieder neuen zu schaffen?

 

Info:

Am Samstag, 24. September um 11 Uhr ruft die Mieterinitiative Zuffenhausen zur Demonstration. Treffpunkt ist die "Kommunistenburg" an der Haltestelle Wimpfener Straße der U 15. Am Sonntag, 25. September, um die selbe Zeit hält Roland Ostertag zur Finissage der Ausstellung "Stuttgart reißt sich ab" einen Vortrag im Vortragssaal Neubau 2 der Stuttgarter Kunstakademie, in dem er auch auf die Keltersiedlung eingehen wird. Der Titel: "Auch Du kommst noch dran."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!