Unter den Augen des alten Vorsitzenden Wolfgang Drexler (SPD) und seiner neuen Stellvertreterin Petra Häffner (Grüne) beginnt der zweite NSU-Untersuchungsausschuss. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 286
Politik

Hass ist eine Seuche

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 21.09.2016
Hass fressen Seele auf. Und Gehirn dazu. Die Krankheit ist ansteckend. In Redaktionen laufen die Online-Postfächer mit unflätigen Beschimpfungen voll, Lehrkräfte schlagen Alarm mit einem Manifest. Und im NSU-Ausschuss machen Extremismusforscher einmal mehr klar, wie unerreichbar viele Anhänger des rechten Populismus mittlerweile sind.

Eine Pandemie ist eine sich kontinentübergreifend ausbreitende Krankheit. Von der FPÖ in Österreich bis zu den Rechtsnationalen in Australien, die nicht an fehlenden Wählern, sondern regelmäßig nur am ganz speziellen Wahlsystem scheitern. Von Donald Trump bis Andreas Scheuer reichen die beunruhigenden Diagnosen eines mehr oder weniger rabiaten völkischen Egoismus. "Das Schlimmste", sagt der CSU-Generalsekretär, "ist ein Fußball spielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los." Tatsächlich sind das Schlimmste Politiker, die in der von ihnen selbst geschürten Konfusion Kontrolle und Überblick verlieren und nicht mehr erkennen, was sie anrichten mit solchen Sätzen. Wovon auch die nachgeschobene Erklärung zeugt: Anstatt sich zu entschuldigen, schwadroniert er von einer "bewussten Zuspitzung".

Eine zweite Aufregergeschichte dieser Tage spielt ebenfalls in Bayern. Also dort, wo die nach der AfD eifrigsten Retter des Abendlandes sitzen. Lehrer und Lehrerinnen haben zum Schuljahresbeginn ein Manifest gegen den Hass publik gemacht, unter dem Titel "Haltung zählt". Mit Auslöser war eine Schmiererei an einer Dorfschule: "Fickt euch, ihr Lehrergesindel, ihr Untermenschen." Die Pädagogen sehen die Verfassung tangiert. Der Grundkonsens des Artikels eins, "Die Würde des Menschen ist unantastbar", sei in Gefahr, weil "unsere Gesellschaft gespalten und Menschen emotional aufgehetzt werden sollen". Extreme Gruppierungen und Personen, insbesondere Repräsentanten der Rechtspopulisten und Rechtsextremen, "tragen zu dieser Verrohung des Umgangs maßgeblich bei und bereiten den Boden für Zwietracht, Verfolgung und physische Gewalt".

Milde Urteile gegen fremdenfeindliche Gewalttäter befördern Rassismus

Das ist nicht übertrieben. Am vergangenen Montag schlug der Göttinger Wissenschaftler Samuel Salzborn als Sachverständiger im neuen NSU-Ausschuss des Landtags den Bogen von den Unterstützern rechter Gedanken zum harten Kern des Terrorismus. Grafisch in Kreisen wird dargestellt, wie weltanschauliche Festigung und Gewaltbereitschaft sich entwickeln. Der Extremismusforscher nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er über die Zeit in den Neunzigern spricht, als sich der Nationalsozialistische Untergrund zu formieren begann. "Rassistische Pogromstimmung" habe es nicht nur im Nach-Wende-Osten gegeben, sondern auch im Westen, etwa in Mannheim, wo Hunderte Bürger und Bürgerinnen tagelang gegen Migranten gehetzt hätten und von örtlichen Politikern unterstützt worden seien.

Die beschriebenen Kaskaden lassen wenig Gutes hoffen für die Zukunft. Zum alltäglichen Rassismus damals haben laut Salzborn milde Urteile gegen fremdenfeindliche Gewalttäter beigetragen sowie Union und SPD mit der Grundgesetzänderung und den damit verbundenen "massiven Einschränkungen des Asylrechts". Damals wie heute spielte das Thema Überfremdung eine zentrale Rolle, weiß der linke Professor. Den "Kampf gegen die multikulturelle Gesellschaft" verurteilt er scharf und sieht heute erneut einen Nährboden, in dem sich Menschen radikalisieren können. "Können, wohlgemerkt", so Salzborn. Wie postete die stellvertretende AfD-Landesvorsitzende Christina Baum dieser Tage: "Das deutsche Volk wird zurückgedrängt, sein freiheitlicher Lebensstil, seine Kultur und seine Traditionen werden unweigerlich weichen müssen."

Die promovierte Zahnärztin vertritt im Ausschuss die ursprüngliche AfD-Gruppierung, also jene Abgeordneten, die Jörg Meuthen im Antisemitismus-Streit nicht folgen wollten. Sie könnte viel lernen in diesen Stunden, in denen Salzborn und der Rassismus-Forscher Thomas Grumke referieren. Sie darf aber getrost zu jener Gruppe gezählt werden, die eine weitere wesentliche Rolle in der Radikalisierung der Gesellschaft spielen: die "Antirationalisten", die nicht mehr bereit und irgendwann nicht mehr in der Lage sind, sich vernünftigen Argumenten zu öffnen, damit eigene Positionen kritisch zu überprüfen und sie womöglich aufzugeben. "Noch so starke Fakten und belegte Sachargumente", sagt Salzborn, "ändern dann nichts mehr an der einmal aufgestellten Theorie." Solche Zeitgenossen trügen bei zur "Rhetorik des Ressentiments" und zu einem "terroraffinen Milieu".

Hass ist ansteckend

Grumke, ein Ku-Klux-Klan-Forscher seit vielen Jahren, erinnert an die Entstehung dieser rassistischen Vereinigungen nach dem Niedergang der Südstaaten im US-amerikanischen Bürgerkrieg. Für sehr wichtig hält er die Rolle, die das Thema Geltungsdrang für Rechtsextreme spielt. Zumal in einem Land, in dem Propaganda nicht bestraft wird, auch keine neonazistische oder antisemitische: "Sie können in den USA so oft 'Heil Hitler!' schreien, wie Sie wollen." Oder New York immer nur 'Jew York' nennen. Die Rechtslage wäre in Deutschland eine andere. Auf vielen AfD-Seiten, aber selbst in Posts, die Unionspolitiker nicht löschen, kümmern sich die Verfasser aber nicht darum, nennen Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik nur noch "Ferkel" oder Joachim Gauck "Bundesgauckler". Und es wird munter über die völkische Gesinnung debattiert oder darüber, ob die Bezeichnung Nazi nicht längst einem Ritterschlag gleichkommt.

"Ich bin fest davon überzeugt, dass Hass ansteckend ist", warnte der inzwischen verstorbene Friedensnobelpreisträger Elie Wesel zu Beginn des Jahrtausends. Hass kenne "keine geografischen, religiösen oder ethnischen Grenzen. Leute, die hassen, hassen jedermann, und am Ende hassen sie sich selbst." Der Shoa-Überlebende hatte sich mit Kinderpsychologen zusammengetan, "weil Kinder erst mit drei Jahren hassen können". Es müsse ein Weg gesucht werden, Menschen in diesem Stadium zu halten oder zumindest Strategien zu entwickeln, "wie Hass wieder verlernt werden kann". Sein Traum blieb bis heute unerfüllt. In der Redaktion der "Tagesschau" landen im Durchschnitt täglich 12 000 Kommentare. Jeder dritte wird inzwischen als verhetzend eingestuft.

"Wir wollen, dass unsere Kinder in einer weltoffenen Gesellschaft leben, sie sollen Respekt, Wertschätzung und Interesse für die anderen Menschen erleben und leben – unabhängig davon, welcher Religion sie angehören, welche Hautfarbe sie haben, welche Muttersprache sie sprechen und welche Meinung sie vertreten", schreiben die bayerischen Pädagogen. Und appellieren "an alle, unsere Gesellschaft vor Spaltung, Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Radikalisierung zu schützen". Andreas Scheuer will da nicht mithelfen. Er legt weiter nach und behauptet dreist, es gehe ihm mit seiner Verbalattacke "um die Sache". Allein die hat natürlich auch Donald Trump Jr. Im Blick mit einem aktuellen Vergleich von Flüchtlinge mit vergifteten Süßigkeiten: "Wenn ich Ihnen eine Schale mit Kaubonbons hinhalten würde und erklärte, drei davon wären vergiftet – würden Sie eine Handvoll davon nehmen? Das ist unser Problem mit syrischen Flüchtlingen." Hass ist nicht nur ansteckend. Hass ist erblich.


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11 Kommentare verfügbar

  • hp. blomeier
    am 18.01.2017
    fakt ist: die bewußt neoliberale politik unserer neoliberalen
    politikerkaste " merkel " ist der quell des hasses; hass kann politisch " bewusst " erzeugt werden.
    wer also ist der brandstifter?
  • Rolf Steiner
    am 27.09.2016
    > M.Stocker --- Tolle Leistung, so eine umfangreiche Diagnose zu erstellen. Manch einer, vielleicht sogar unangenehmen "Wahrheit" sollte man sich nicht verschließen. Das mussten auch die fanatischsten Stalin-Anhänger lernen, als ihr "unfehlbares Idol" den "Hitler-Stalin-Pakt" schloss. Manche Kommunisten traten - wie Paul Nizan - aus, doch viele blieben "treu" und durften die "Erfahrung einer kognitiven Dissonanz" durchleben.

    Bringen wir lieber nicht das Pferd mitsamt dem Sattel und Zaumzeug zum Schinder, sondern überlegen wir uns vielmehr , wie wir aus der heutigen Situation das Best"m ö g l i c h e " machen können. Und das heißt, z.B. wie in den kommenden USA-Wahlen, das kleiner scheinende Übel wählen, um das noch größere, noch schäbigere zu verhindern.

    Die zur Zeit bösartige neokapitalistsche Weltpolitik und die größten Dummheiten der Wähler können weder Sie noch ich verhindern. Wir müssen sie aber deutlichst anprangern, um auf Besserung zu hoffen. Revolutionen sind - leider - bisher gescheitert. Setzen wir im Kleinen auf Humanität, machen wir dies wie z.B. die vielen HelferInnen, die den bei uns Schutz suchenden Menschen beistehen. Und deren Arbeit ich meinen größten Respekt entgegenbringe.
  • M. Stocker
    am 26.09.2016
    @Rolf Steiner:

    Jedesmal, wenn ich Ihre Beiträge lese, beschleicht mich ein Gefühl der Skepsis und des Zweifels, und die Erfahrung einer kognitiven Dissonanz. Endlich kann ich es etwas präzisieren. Zunächst die wunderlichen Dinge:

    RS: "Neben den unbelehrbaren Neonazis der NPD erzeugt auch die AfD die Voraussetzungen für eine Sprache des schäbigsten Hasses."
    Erzeugt.. die Vorraussetzungen? Wie soll das gehen? Die AfD nutzt eine Sprache, die hassgeladen ist. Hass ist übrigens meistens schäbig, der Superlativ 'schäbigst' ist zwar eine Einladung, an Ihrer Verachtung für diese Menschen teilzunehmen, aber sprachlich überflüssig.

    RS: "Von hier bis zur Gewalt à là NSU ist nur noch ein kurzer Weg. Das verbale und phy(s)ische Vorgehen der Aufgehetzten gegen die "Lügenpresse" ist nur eines von vielen Beispielen."

    Es ist eine steile Behauptung - und ein schlechtes Beispiel. Denn der Hass der rechtradikalen Täter gilt in erster Linie dem, vor allem den Fremden. Dass Redaktionsräume irgendeiner "Lügenpresse" vielleicht irgend wann einmal von ein paar Pedigisten gestürmt werden könnten, ist natürlich nicht auszuschließen. Vorausgesetzt, die Polizei reagiert darauf genauso gelassen und zurückhaltend zugunsten der politischen Rechten wie in manch anderen Situationen: auf die Communiquees, die unsere z.T. in der Wolle gefärbte konservative Presse dann der geneigten Leserschaft überbringen müsste, kann man fast gespannt sein. Glauben Sie, dass da mehr rauskommen würde als 'Deutschland den Deutschen' und 'Abschiebung aller kriminellen Ausländer'? Also das, was von den Redakteuren der 'Lügenpresse' in der Vergangenheit untergründig z.T. genauso xenophob-ressentimentgeladen wie von jedem AfD-Politiker ventiliert wurde, nur eben mit edelster Motivation für den Wahlsieg der CDU/CSU? Also das, was von den in jeder dritten Talkshow sitzenden AfD-Schwurblern und Herrn Seehofers Adlaten persönlich transportiert wird?

    RS: "Auch der Verbal-Angriff einer AfD-Anhängerin im sächsischen Heidenau gegen Angela Merkel mit einem der widerlichsten Gossen-Ausdrücke fällt darunter."
    Sie wirds überleben. Besser als jede heute-show und jeden Auftritt von Georg Schramm oder Urban Priol.

    Aber jetzt kommts richtig dicke:

    RS: "Ganz s(i)chlimm ist, dass der unter der Nazi-Herrschaft durch und durch verschmutzte und beschädigte Sprachkern des „Völkischen“ noch immer vorhanden ist."
    Wie darf ich das verstehen? Gab es vor den Nazis einmal einen intakten unverschmutzten völkischen Sprachkern? Und dann die 'Verschmutzung' und 'Beschädigung' als politische Kritik. Begriffe, die nicht nur Eingang in das Handbuch der Reichspropaganda gefunden haben, oder deren Gegenteil als 'Ethnische Säuberung' als Unwort des Jahres geehrt wurden. Die 'Beschädigung' z.B. ruft nach Heilung. Erinnern Sie sich noch, was dem Führer einst entgegenschallte? Richtig: Sieg Heil! Sieg als Ausdruck der vernichtenden rauschhaften Aggression, Heil als Wunsch, die empathiefrei geschundenen beschädigten Seelen der Faschisten zu heilen. Die 'Verschmutzung' ist übrigens auch eine Chiffre aus dem III. Reich. Damals wars der Volkskörper, den man so dringend wie mörderisch von Schmutz reinigen musste. Mein Lesetipp für Sie dazu: Klaus Theweleit: Männerfantasien.

    Zum schlechten Schluss:

    RS: "Dieses "Stichwort" wird von den erbärmlichsten unter den moralisch verkommenen Populisten als rhetorische Waffe verwendet zur vorsätzlichen Zerstörung unserer Grundwerte und zum Kaputtmachen unserer Demokratie."

    Ich halte es für wenig sinnvoll, den Herren und Damen Überfremdungspanikern, die ganz ohne rhetorischen Waffenschein die biologische Durchmischung imaginierter Rassen als 'Völkermord' bezeichnen, die Ehre eines Duells auf gleichem Niveau zu erweisen, und ihnen die Waffentauglichkeit ihrer Dummheit und Borniertheit zu bestätigen.

    Am meisten irritiert mich aber Ihre Inanspruchnahme einer Gemeinsamkeit der Demokraten und des Charakters der Demokratie, 'unserer' Demokratie, wie Sie sie nennen.
    Keine Sorge, ich werde den Rechtsstaats-Torso und die Leiche der parlamentarischen Demokratie, die die CDU und die Schröder-Clement-Müntefering-Gang in langen Jahrzehnten hinterlassen haben nicht freiwillig oder gar leichtfertig gegen eine AfD-Diktatur eintauschen.
    Sie sollten jedoch zur Kenntnis nehmen, dass die Demokratie, der Sozial- und Rechtstaat in den Zeiten fundamental ausgehöhlt wurden, in denen die AfD noch CDU/CSU, SPD, FDP und 'von Grün unter Protest toleriert' hieß. Von daher wäre es auch im Sinne einer vehementen Gegnerschaft zu den neurechten Tendenzen endlich die Verantwortlichen des europaweiten nationalistischen Taumels zu nennen: der großkoalitionäre deutsch-europäische Herrenmenschenclub und seine ergebenen Dulder in der SPD. Die sich nicht mal zu einer kleinen Geste der Kritik an der eurofiskalischen Barbarei gegen die griechische Syriza-Regierung herabließ. Geschweige denn etwas am jahrzehnte anhaltenden Dauer-Bombardement des NATO-Imperiums auszusetzen hatte, vor dem die Menschen inzwischen zu uns nach Europa fliehen.

    Und jetzt haben wir noch nicht mal richtig angefangen, die Frage nach der Fluchtursachen-Bekämpfungspolitik der im Vergleich zur AfD ach so edlen bürgerlich-demokratischen Parteien zu stellen. Es wäre wohl auch leider eine Frage in ein politisches und intellektuelles Vakuum.

    Ihr dröhnendes Schweigen zu den Ursachen des AfD-Erfolgs und ihre gleichzeitig abgesonderen Empörungs-Schaumberge: das ist die kognitive Dissonanz, die Ihre Beiträge erzeugen.
  • M. Stocker
    am 25.09.2016
    @Musterknabe:

    Ich verstehe Ihre Kritik nicht: der größte (und leider auch verbreitetste) Teil unserer Springer-Qualitätspresse lebt davon, die Verlierer der Kohl- und Schröder-Agenda-Politik mit ihrem Dasein zu versöhnen, indem sie ihnen zur eigenen Selbstwertgefühlssteigerung Parias zum drauftreten andient. Geschichten von Hartz-IV-Schnorrern, die im Gegensatz zum gedemütigten Bild-Leser im Jobcenter damit in Florida in Saus und Braus leben, Geschichten vom kriminellen Ausländer, der uns nicht nur auf der Tasche liegt, sondern auch noch 'unsere' Arbeitsplätze wegnimmt und zum Dank dafür gegenüber 'unseren' Frauen sexuell übergriffig wird.
    Das ist die schmierenjournalistische Basis für eine Partei wie die AfD, die so gesehen aus der Mitte der Mitte unserer Gesellschaft kommt. Die AfD ist die Kombination von reaktionärem Furor, der sich bisher bei der CDU pudelwohl gefühlt hat, und dem offen sozialdarwinistischen Flügel der FDP.
    Wenn irgendwo eine Verharmlosung zu beklagen ist, dann darin, die zutiefst bürgerlichen Wurzeln der AfD nicht erkennen zu wollen und so zu tun, als ob es sich um Außerirdische handelt, die aus dem Nichts auf die Erde niedergekommen sind, oder als NS-Gespenster einer Militaria-Kiste entstiegen sind.
    Wie soll bitte ein Presseorgan wie die Springerpresse, die FAZ, der Focus oder der Spiegel etwas anderes kritisieren, als die Stimmenverlagerung auf eine Partei, die die anderen bürgerlichen Parteien zu noch mehr faulen Kompromissen und Ununterscheidbarkeit zwingt? Von den Presseorganen können Sie nur die Beschreibung des Frusts über eine Doppelniederlage erwarten, die darin besteht, dass die Vergraulung der Wähler zugunsten der bürgerlich-konservativen Hegemonie nicht funktioniert hat (die Zerstörung der SPD stellt sich als Pyrrhus-Sieg heraus) und dass die schönen xenophoben Stimmen bei einer Partei gelandet sind, die man (noch) nicht in das eigene konservative Machtkalkül einbinden kann. Dumm gelaufen eben.
    Und mit dem frommen Wunsch, die Dödel, die AfD wählen, mögen doch zu Hause bleiben, outen sie sich auch nicht gerade als Musterknabe der Demokratie. Von Wähler-Sedierungs- und Vergraulungsstrategien haben bisher nur konservative Parteien profitiert, also diejenigen, die die wichtigsten und eifrigsten Geburtshelfer der AfD sind.
    Übrigens hofieren die Medien die AfD alleine dadurch, dass sie Flüchtlingselend und Einwanderungsdebatte chronisch durcheinanderwerfen, und bald jeden zweiten Tag eine wirre Talkshow zum Thema machen. Das hat die AfD doch prima hingekriegt! Da hilft kein Schaumberg der Empörung und keine Forderung nach Klarstellung der Positionen. Da hilft nur der Einsatz des Verstandes. Aber der ist bei unseren öffentlich-rechlichen Medien genauso Mangelware wie bei Politikern des reaktionär-konservativen Spektrums.
  • Musterknabe
    am 23.09.2016
    Ein gerütteltes Maß an Mitschuld tragen diejenigen Medien, die die AfD verharmlosen und als normale Partei behandeln. Manche Kommentatoren versteigen sich sogar zu der These, die AfD sei gut für die Demokratie, weil sie in großem Umfang Nichtwähler mobilisiere. So ein Blödsinn! Mir wäre es lieber, diese Wähler würden im Nichts bleiben.
    Eines noch: Sicher ist nicht jeder AfD-Abgeordnete oder AfD-Wähler ein Neonazi. Es gibt aber in der AfD tonangebende Leute, die ein abgeschlossenes rechtsextremes Weltbild haben. Solange diese von den Medien hoffiert werden und diese Einstellung nicht beim Namen genannt wird, brauchen wir uns über den zunehmenden und häufig geduldeten Hass auf Andersdenkende oder Andersaussehende nicht zu wundern.
  • Rolf Steiner
    am 22.09.2016
    Die AfD-Verharmloser feiern weiterhin fröhliche Urständ' und beklagen nicht nur hier in schäbig-penetranter Weise eine "Gesinnungsjustiz". Dabei stammeln AfD-Obere über "Pinoccio-Presse" oder "Völkisches"! - in Nazi-Stichwort, das ihnen so flott über die Lippen geht. Entweder wissen manche Leutchen nicht, wen sie mit dieser AfD vor sich haben oder sie wissen es ganz genau und handeln desto verwerflicher.

    Außer dieser Frau Baum gibt es noch weitere AfD-PolitikerInnen, die mit einem gewissenHerrn Höcke sympathisieren. Gestärkt durch diesen anonym schreibenden Nazi-Verherrlicher zieht die AfD seit dem Rechtsruck nach dem Essener Parteitag in jedes Parlament mit einem satten zweistelligen Ergebnis ein.

    Diese durch und durch scheindemokratische AfD sieht sich selbst inzwischen europaweit als „Klammer“ aller rechten Parteien. Sie setzt sich in Deutschland an die Spitze einer gefährlichen nationalistischen Bewegung, die kontinuierlich stärker wird.

    Sie mit aller Schärfe zu bekämpfen ist nicht nur "Ehrensache" für jeden demokratisch-denkenden Journalisten. Der Journalismus muss nerven, immer wieder und wieder an die AfD und deren Scheindemokraen die selben Fragen stellen, bis die ideologischen, finanziellen und strategisch/taktischen Finessen und Hintergründe dieser gefährlichen Partei aufgedeckt sind. Auch die in Baden-Württemberg existierenden AfD-Wähler müssen erfahren, welchen Rattenfängern sie ihre Stimme gegeben haben.
  • Beteigeuze
    am 22.09.2016
    Mit so einem selbstgezimmerten, dogmatisch und hermetisch gegen jegliche Vernunft abgeriegelten Weltbild sieht man sich wohl bald nur noch von Rechten und Nazis umzingelt, was dann als Rechtfertigung für Gesinnungsjustiz dient. Die Jakobiner waren wohl nicht unerbittlicher in der Verfolgung Andersdenkender als bestimmte Kreise heute, die sich moralisch im Recht sehen.

    Wer aber Moral und Werte über Recht und Gesetz stellen will und stellt, errichtet einen Willkür- und Unrechtsstaat, in dem nach Belieben bestimmter Gruppen jederzeit Recht und Gesetz im Namen höherer Moral und hehrer Ziele ausser Kraft gesetzt werden können.
  • Rolf Steiner
    am 22.09.2016
    Neben den unbelehrbaren Neonazis der NPD erzeugt auch die AfD die Voraussetzungen für eine Sprache des schäbigsten Hasses. Wenn man deren Kundgebungen verfolgt, dann merkt jeder Aufmerksame sehr schnell, wie die anscheinend "so harmlosen" Stichwörter bei den aufgeladenen AfD-Sympathiesanten deren aggressive Haltungen weiter befördern. Von hier bis zur Gewalt à là NSU ist nur noch ein kurzer Weg. Das verbale und phyische Vorgehen der Aufgehetzten gegen die "Lügenpresse" ist nur eines von vielen Beispielen.

    Auch der Verbal-Angriff einer AfD-Anhängerin im sächsischen Heidenau gegen Angela Merkel mit einem der widerlichsten Gossen-Ausdrücke fällt darunter.

    Ganz sichlimm ist, dass der unter der Nazi-Herrschaft durch und durch verschmutzte und beschädigte Sprachkern des „Völkischen“ noch immer vorhanden ist. Dieses "Stichwort" wird von den erbärmlichsten unter den moralisch verkommenen Populisten als rhetorische Waffe verwendet zur vorsätzlichen Zerstörung unserer Grundwerte und zum Kaputtmachen unserer Demokratie.
  • andromeda
    am 22.09.2016
    Es nützt irgenwann nichts mehr , wenn der normale Bürger und einfache Mann und Frau tagtäglich von Wirtschaft und Politik verarscht wird und dies immer mehr merken .
    Dann helfen auch die besten Absichten der Aufklärung nicht mehr , weil sie auch nur noch als Verarschungstaktik angesehen werden .
    Zu Recht , denn die eigentlichen Themen der Verarschung werden zwar mal erörtert , aber die "Lösungen" sind weitere Verarschung . Wie Gabriels "Ceta-Verhandlungsnachbes-serungen".
    Ceta,Ttip,Tisa , "Garantiezins" Lebensversicherungen , Sozialkürzungen , Arbeitnehmerrechte-Abbau , Rechtsprechung , Steuerschlupflöcher und Amnestien , "Erbschaftssteuerreform" , Vorratsdatenspeicherungsgesetz -neuregelung nach der x ten Zurückweisung durch das Bundesverfassungsgericht , Hoeneß , Beckenbauer ,Zumwinkel, und endlos weiter . S21 -
    Bundesrechnungshofbericht , aber ein paar Seiten weiter , wohl egal welche "große Regionalzeitung" werden die Kritiker als alte Querköpfe diffamiert , obwohl ihre Einwände zuvor behördlich betätigt worden .
    Was soll bei so einer Presse anderes herauskommen als Wut und Lügenpresse ? Weswegen existiert Kontext: ? Warum ist es ins Leben gerufen worden ?
    Alles zu Recht .
  • Schwabe
    am 21.09.2016
    Die Diskussion um Hass und Fremdenfeindlichkeit wäre m.E. schnell beendet wenn eine neutrale Aufklärung der Bevölkerung unter der Hinzuziehung interdisziplinärer seriöser Wissenschaftler stattfinden würde.
    Aber genau diese Plattform zu ermöglichen/zu suchen wird von den herrschenden kapitalorientierten Politikern und Parteien, gemeinsam mit dem Establishment (Geld- und Finanzeliten), mit aller Kraft vermieden. Diese "Vermeidungstaktik" hinsichtlich neutraler Aufklärung durch die herrschenden Politiker und des Establishments nimmt Spaltung, Hass, Rassismus, Kriege, Tod und Elend (auch im eigenen Land) billigend in Kauf, gespeist aus niederen Beweggründen des Machterhalts und der persönlichen Karriere/Bereicherung.
    Der ungezügelte Kapitalismus (Globalisierung, Neoliberalismus, Freihandel, Sozialabbau) dem die herrschende Politik in Deutschland frönt zerstört bzw. verhindert funktionierende, solidarische Gesellschaften/Gemeinschaften und fördert stattdessen das schlechte im Menschen (Egoismus/Entsolidarisierung, Gier, Gewaltbereitschaft, etc.).
    Man sollte heutzutage genau hinsehen wie mit Wissenschaftlern umgegangen wird bzw. was als Wissenschaft "verkauft" wird bzw. wie (auch seriöse) Wissenschaft interpretiert und instrumentalisiert wird.
  • Ernst-Friedrich Harmsen
    am 21.09.2016
    Ein klarer, guter Artikel! Lebensstrukturen und Haltungen werden an Kinder weitergegeben, tatsächlich auch in der DNA, wie man herausgefunden hat. Dass Hass Seelen zerstört, ist sichtbar in der Verrohung ganzer - gesellschaftlich abgehängter - Schichten, wo eigenständig aufbauende Kräfte und Selbstorganisation fehlen. Auch diese müssen erlernt werden. Wissen und können das unsere Lehrer? Lassen die Lehrpläne ihnen den Raum dazu? Hängt das vielleicht auch mit einer Grund-Versorgungsmentalität zusammen, dass man fordert, alles zu bekommen, was als Lebensstandard angesehen wird? Bedauerlicherweise sind die Erwartungen an Berufswege und Wertschätzung von Arbeit ganz auseinandergedriftet in einer Gesellschaft, die zugelassen und durch Wahlen bestätigt hat, dass der Profit weniger im Neoliberalismus gesellschaftskonform zu sein scheint - eine Fehlannahme.

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