Musterbeispiel für gelungene Integration: das Ensemble United Unicorn. Foto: Vera Senn

Musterbeispiel für gelungene Integration: das Ensemble United Unicorn. Foto: Vera Senn

Ausgabe 296
Gesellschaft

Einhörner für Gambia

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 30.11.2016
Junge Gambier arbeiten mit großem Erfolg im Theaterensemble United Unicorns und in fünfzehn Esslinger Kultureinrichtungen. Trotzdem ist einer von ihnen abgeschoben worden. Der Flüchtlingsrat weist indes darauf hin: Gambia ist kein sicheres Herkunftsland.

Auf die Frage, wie er nach Deutschland kam, antwortet Kebba: mit dem Zug. Aus Italien. Und wie kam er nach Italien? Mit einem Schlauchboot, von Libyen. Sie waren 118 Personen und wurden, als das Boot bereits leck war, vor Sizilien von einem Containerschiff aufgegriffen. Warum hat er Gambia verlassen und ist nach Deutschland gekommen?

Kebba denkt positiv, er antwortet: um zu studieren. Er spricht nicht von Flucht. Aber er fügt gleich hinzu: In Gambia gibt es keine Meinungsfreiheit. Wer sagt, was er denkt, kann von einem Tag auf den anderen verschwinden. Niemand weiß dann, wo er ist oder ob er noch lebt. Es herrscht Korruption. Arbeit findet nur, wer einen Verwandten oder guten Freund hat, der einen empfiehlt. Ein Klientelsystem: die Angehörigen des Präsidenten Yahia Jammeh zuerst, dann sein Stamm, dann diejenigen, die ihm hörig sind, dann deren Verwandte. Qualifikation ist kein Kriterium.

"Wir sind wandelnde Tote"

"Wenn ich an der deutschen Botschaft in Banjul ein Visum beantrage", erklärt Kebba, "um in Deutschland zu studieren, dann mustern sie mich und sagen: Es besteht die Gefahr, dass er nicht mehr zurück will." Ihm blieb nur eines übrig: eine lange, gefahrvolle Reise auf sich zu nehmen.

Kebba musste die Grenze in den Senegal überqueren, fuhr weiter nach Mali. Auf dem Weg nach Niger wurde er aus einem Reisebus heraus verhaftet. Nur drei Passagiere durften weiter reisen. Es gelang ihm, mit einem Taxi nach Niamey und von dort nach Agadez zu gelangen. Dann kam die Fahrt durch die Sahara, 40 Personen auf einem Geländewagen. Wer sich beschwerte, riskierte erschossen oder zurückgelassen zu werden. Drei Nächte verbrachte er in der Wüste.

In Sabha in Libyen wurde Kebba eingesperrt und musste sich auf Umwegen von der Familie Geld schicken lassen, um frei zu kommen. Direkte Überweisungen aus Gambia sind nicht möglich. Wieder auf freiem Fuß, musste er Geld verdienen, bevor er weiter fahren konnte nach Tripolis. Auf der Fahrt wurde auf sie geschossen. Einer wurde getroffen, sie verbanden ihn notdürftig. "We are dead people walking", sagt Kebba - wir sind wandelnde Tote.

Ein Jahr hat der junge Gambier in Italien verbracht, dann fuhr er nach München. Er wurde nach Karlsruhe geschickt, verbrachte zwei Wochen im Mannheimer Erstaufnahmelager und landete schließlich in einer Turnhalle in Esslingen-Zell. Ein Jahr vegetierte er dort vor sich hin. Dann kam Babette Ulmer. "Sie hat uns gerettet", sagt Kebba, "uns eine Möglichkeit gegeben uns auszudrücken."

Babette Ulmer, Kulturanthropologin, ist die künstlerische Leiterin des Theaterensembles Stage Divers(e). Das Ensemble ist 2008 aus einer Schülertheater-AG am Esslinger Georgii-Gymnasium entstanden. Die Schülerinnen und Schüler wollten keine fertigen Theaterstücke nachspielen, also entwickelten sie eigene Projekte mit politischen Inhalten, basierend auf Recherchen. Als sie aus der Schule herausgewachsen waren, gründeten sie einen Verein mit heute 50 Mitgliedern, von denen immer einige an aktuellen Produktionen beteiligt sind.

Hoffnung und Halt geben

Bereits 2010 thematisierte die Gruppe in ihrem Projekt "Niemals aus dem Sinn" auch die Situation der Mittelmeer-Flüchtlinge. "Am Ende des ersten Teiles von 'Niemals aus dem Sinn' wurden unsere beiden Helden Prometheus und Epimetheus zu Flüchtlingen", heißt es in der Ankündigung. "Sie verließen mit einem Gummiboot das U-Boot der Götter und wollen nun nach Deutschland gelangen. Allerdings war ihnen natürlich nicht bewusst, was die EU alles unternimmt, um Flüchtlinge an ihren Außen-Grenzen am Betreten des EU Territoriums zu hindern."

Die Künstler stützen sich gegenseitig. Foto: Vera Senn
Die Künstler stützen sich gegenseitig. Foto: Vera Senn

Unterstützt von "Kultur macht stark", dem größten Förderprogramm für kulturelle Bildung, gründeten die Stage Divers(e) 2014 eine "Welcome! Akademie der Begegnung" für Kinder mit Fluchthintergrund. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Physiotherapeut und Akrobat Matias Urroz, den Ulmers Tochter Katinka in Santiago de Chile kennengelernt hatte. Es gelang, für ihn eine Stelle im Bundesfreiwilligendienst (BFD) einzurichten. Er sprach anfangs kaum Deutsch und arbeitete mit den Kindern aus Balkanländern, aber auch aus afrikanischen Staaten, weitgehend ohne Sprache, mit Akrobatik, aber auch mit Ulmers eigenen Pferden.

Nach einem Besuch in der Zeller Turnhalle bildete sich bald ein zweites Ensemble, diesmal mit erwachsenen Geflüchteten: die "United Unicorns" – vereinigte Einhörner – sind vorwiegend Gambier, aber auch ein iranischer Kurde ist dabei. Mit Theater, Tanz, Trommeln und Gesang wollen die United Unicorns denen Hoffnung geben, die nicht weiter wissen und keinen Ausweg sehen: eine Situation, die sie selbst sehr gut kennen.

Mittlerweile sind die Einhörner sogar überregional erfolgreich. Sie waren zum Sommeratelier Hallschlag in Stuttgart, zum Festival Theaterwelten in Rudolstadt, zum Luftakrobatenprojekt"Upside Down in Berlin eingeladen und zogen während des Festivals Stadt im Fluss durch die Esslinger Altstadt. Beim Esslinger Neue-Musik-Festival TonArt traten sie an einem Abend zum Thema Heimat auf. Das Stück "Train to Paradise – wer verhandelt meinen Fall" wurde im Kulturzentrum Dieselstrasse aufgeführt. Einladungen nach Friedrichshafen und Offenbach folgten. Als ein kleines Mädchen aus Gambia in der Stuttgarter Sana Herzchirurgie aus der Narkose erwachte, kamen die Unicorns und munterten sie auf. "Wenn wir die nicht hätten", sagt Ulmer. Und: "Die Gambier sind diejenigen, die alle anderen motivieren."

Damoklesschwert Abschiebung

Ulmer ist auch engagiert im Esslinger Netzwerk Kultur. Das brachte sie auf einen neuen Gedanken: 15 Flüchtlinge erhalten nun nicht nur Kurse in deutscher Sprache und politischer Bildung, nehmen nicht nur teil an Veranstaltungen wie dem philosophischen Café oder den Theater- und Akrobatikprogrammen der United Unicorns. Über Stellen im Bundesfreiwilligendienst bezahlt, haben sie gleichzeitig die Aufgabe, jeweils eine Esslinger Kultureinrichtung kennenzulernen – die Volkshochschule, die Stadtbücherei, die Württembergische Landesbühne, den Kreisjugendring oder das Podium Festival – und anderen Flüchtlingen zu erklären: Warum gibt es diese Einrichtung? Was bedeutet sie für die Demokratie? Aus Babette Ulmers Idee wurde ein bundesweit einzigartiges Programm.

Trotzdem ist Saney abgeschoben worden. Er war viermal hintereinander in der Unterkunft nicht angetroffen worden, denn er arbeitete im BFD bei buntES, der Interessengemeinschaft der Migranten in Esslingen. Das Amtsgericht ordnete die Abschiebung nach Italien an. Ein Appell an das Regierungspräsidium Karlsruhe blieb ungehört. Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben erklärte seine BFD-Tätigkeit für beendet.

Schwierig, die Balance zu behalten. Foto: Stage Divers(e)
Schwierig, die Balance zu behalten. Foto: Stage Divers(e)

Zwei Stunden hatte Saney Zeit, seinen Anwalt ans Telefon zu bekommen, dann kam er in die Abschiebehaftanstalt nach Pforzheim. Babette Ulmers Tochter Katinka und eine Freundin fuhren sofort hin. Das Gefängnispersonal war entgegenkommend und über viele Umwege schaffte es Babette Ulmer, eine Familie in Vicenza zu finden, die bereit war Saney aufzunehmen. Nun steht im Februar seine zweite Anhörung auf Sizilien bevor. 

Im Kontakt mit dem italienischen Anwalt versucht Ulmer alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit er bleiben kann. Denn zurück nach Gambia zu müssen, wäre für den Mann fatal. Der Tyrann Jammeh nimmt ganze Familien in Sippenhaft. Seine Agenten sind überall. Deshalb haben Gambier auch in Deutschland große Angst vor der Veröffentlichung ihrer Namen und Bilder: Sie haben Angst um ihre Angehörigen.

Kebba ist nicht zum Geldverdienen nach Deutschland gekommen. Er will studieren, Fachkenntnisse erwerben, die er wie andere Gambier gern seinem Land zur Verfügung stellen möchte. Nach der Präsidentenwahl am 1. Dezember könnte alles ganz anders aussehen. Kebba wohnt inzwischen in Aichwald. Als Ulmer vorschlug, die Wohnungen einer ehemaligen Obdachlosen-Unterkunft, die abgerissen werden sollte, den Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen, stimmten der Bürgermeister und der gesamte Gemeinderat zu.

Die Gambier, die an den Aufführungen der United Unicorns mitwirken und in den Esslinger Kultureinrichtungen arbeiten, bieten nicht nur ein Musterbild gelungener Integration. Sie helfen auch Geflüchteten aus anderen Ländern, sich zu integrieren. Babette Ulmer kann nur hoffen, dass nicht noch mehr Geflüchtete aus ihrem Programm abgeschoben werden. Die Unicorns werden an der landesweiten Gambia-Woche des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg teilnehmen. Am 1. Dezember um 12.30 Uhr werden sie in Esslingen mit Gesang und Trommeln den Akrobaten Matias Urroz und Katinka Ulmer verabschieden. Sie fahren nach Vicenza, zu Saney, um eine italienische United-Unicorns-Gruppe zu gründen.

 

Info:

Die Woche vom 3. bis 10. Dezember – dem Tag der Menschenrechte – hat der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg zur Gambia-Aktionswoche erklärt. An rund 50 Orten sind Veranstaltungen geplant. Nach Syrern sind Gambier die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe in Baden-Württemberg. Ihre Chance auf Anerkennung ist außerordentlich gering – auch in Italien, dem Erstankunftsland der meisten Geflohenen.

Omar erzählt

Im September 2015 haben wir den Gambier Omar in einem Flüchtlingswohnheim in Müllheim bei Freiburg getroffen. In seiner Heimat war er Sozialarbeiter. Als er begann, für eine demokratische Partei Wahlkampf zu machen, begann die Jagd auf ihn und seine Familie.


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