Ausgabe 291
Gesellschaft

Aufstand der Flüchtlingshelfer

Von Anna Hunger
Datum: 26.10.2016
Der bayerische Flüchtlingshelfer Raffael Sonnenschein hat die Schnauze voll von Hetze und Rechtspopulismus. Er möchte ein Bündnis auf die Beine stellen, das laut wird. Gegen Rassismus, für eine konstruktive Flüchtlingspolitik und für ein Deutschland mit freundlichem Gesicht.

Mein Gott, wie ihn das ankotzt, dass all die Hetzer und Rechten und Nationalisten so viel Presse kriegen. Wie es ihn nervt, wie sehr die Politik auf diesen Haufen von Reaktionären eingeht und sich keinen Deut um die schert, die versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Hunderttausende Helfer setzen sich in Deutschland ehrenamtlich für Flüchtlinge und deren Integration ein, eine Arbeit, die immer stärker staatliche Aufgaben übernimmt. "Und was macht die Politik?", fragt Sonnenschein. "Sie arbeitet gegen uns." 

Raffael Sonnenschein sitzt in einem Café in Ulm, halbe Strecke zwischen Landsberg in Bayern und Stuttgart. Sein Tee ist schon lange kalt, weil er vor lauter Ärger nicht dazu kommt, ihn zu trinken. 47 Jahre ist er alt, Bürgerrechtler, Schriftsteller, Künstler, einer, dem sich die Erinnerung an die Neunzigerjahre mit ihrem gewalttätigen, sogar tödlichen Rassismus in die Seele gebrannt hat. Deshalb setzt er sich gegen Fremdenhass und für Toleranz ein, fast schon sein ganzes Leben. Als die Flüchtlinge kamen, hat auch er die Beine unter den Arm geklemmt und geholfen.

Will eine Rebellion gegen rechts: Raffael Sonnenschein. Foto: privat
Will eine Rebellion gegen rechts: Raffael Sonnenschein. Foto: privat

Er meldete sich als Mitarbeiter beim BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, bekam einen Einjahresvertrag in der Außenstelle München. Zur selben Zeit rief er ehrenamtlich die Initiative "Integrationshilfe Landsberg läuft" im bayerischen Landsberg ins Leben, um die Arbeit von Ehrenamtlichen und freiwilligen Helfer zu bündeln und ein Netzwerk aufzubauen.

Die HelferInnen haben es satt 

Am 1. Oktober dieses Jahres hat er einen Warnstreik der Flüchtlingshelfer initiiert. 24 Stunden haben ehrenamtliche Helfer ihre Arbeit niedergelegt. Eine kleine Gruppe, rund 250 Menschen, haben in Landsberg am Lech demonstriert und aus der dortigen Karolinenbrücke eine "Brücke der Integration" gemacht. Viele andere aus rund 100 Helferkreisen, Vereinen und Integrationsinitiativen in Bayern haben sich solidarisiert und seien an diesem Tag einfach zu Hause geblieben. Sonnenschein spricht von rund 3000 bis 4000 Menschen. 18 000 User hätten die Landsberger Demo mit Kunstaktion und Kundgebung zusätzlich live über Facebook verfolgt.

Dutzende Helferorganisationen aus dem ganzen Land, teils sogar aus dem europäischen Ausland, haben Solidaritätsbekundungen nach Landsberg geschickt, darunter viele aus Bayern. Weil sie genug davon haben, die kostenfreien "Wir schaffen das"-Hansel zu geben, während die Bayrische Landespolitik sich seit einem Jahr in Flüchtlingsbashing ergeht. Weil sie es satt haben, sich jeden Tag zu bemühen und dann an überforderten und lustlosen Ämtern, unwilligen Politikern, immer schärferen Gesetzen und viel zu wenig finanzieller Unterstützung zu scheitern.

Streikplakate von "Landsberg läuft".
Streikplakate von "Landsberg läuft".

Raffael Sonnenschein stand nie in Verdacht, konservative Politik auch nur im Ansatz zu unterstützen. Er ist ein Linker ohne politische Heimat. Und dann saß er da vor dem Fernseher, September 2015, und hörte Angela Merkel sagen: "Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land." "Ich musste mir erst mal die Augen reiben", sagt Sonnenschein. "Ist das die CDU? Ist das wirklich Angela Merkel?" 

"Epochale Wende" nennt er diese Zeit. "Deutschland war für 128 Tage ein Lichtblick", sagt er. Nachdem dieses Land in der Vergangenheit der Weltgeschichte nur wenig Ruhmreiches geleistet hat, war es plötzlich das freundliche Gesicht Europas. 

Warum haben Flüchtlingshelfer kein Mitspracherecht? 

"Landsberg läuft" hat Events für und mit Geflüchteten organisiert, Kunstgruppen, Fußball- und Schachgruppen. Sonnenschein war ein interkultureller Weihnachtsmann, hat eine Laufgruppe aufgemacht. "Wir sind über den Markplatz gejoggt, damit alle sehen, dass wir was tun. Wir wurden bejubelt und beklatscht." Er und seine Initiative wollten ein Nachhilfezentrum aufbauen, in dem es Ethikkurse, Demokratie-, Deutsch- und Umweltschutz-Unterricht geben sollte. Sie hatten die Idee einer Art Ausbildungsbörse, mit Handwerkern und der IHK mit im Boot. Die Ideen waren gut. 

Unterstützt wurden sie nicht, sagt Sonnenschein. "Keinen einzigen Cent haben wir für unsere Projekte bekommen", sagt er. Weder vom Land Bayern noch vom zuständigen Landratsamt. Alles haben die Helfer aus eigener Tasche finanziert, selbst die Pokale für ihr Bowlingturnier. "Unterstützung", schnaubt Sonnenschein. "Von wegen. Im Gegenteil!" Seit mehr als einem Jahr würden sich die Flüchtlingshelfer im Freistaat unter dem Flüchtlings-Bashing von Seehofer, Söder und Co. wegducken. "Es reicht einfach", sagt Sonnenschein. "Die Politik erwartet, dass wir das wuppen, aber sie torpediert unsere Arbeit und lässt es zu, dass Häme über uns ausgeschüttet wird, dass wir sogar bedroht werden."

"Geisterfahrer" nennt Sonnenschein die bayrische Landesregierung. "Aber wem bringt es denn was, wenn Geflüchtete nicht integriert werden? Wollen wir Zustände wie in den Banlieues?" Und: "Warum haben Flüchtlingshelfer eigentlich kein Mitspracherecht? Wir haben nicht einmal ein Konsultationsrecht, geschweige denn ein Vetorecht. Warum nicht? Das würde ich von einem zivilgesellschaftlich und demokratisch entwickelten Staat erwarten. Dass die Leute gefragt werden, die wissen, wovon sie reden, und zahlenmäßig die meiste Arbeit machen. Wir müssen immer nur 'aushalten'. Fragt sich mal einer, ob wir diese Integrationsverweigerer im Landtag noch aushalten wollen? Oder können?"

Die Grünen- und die SPD-Landtagsfraktion in Bayern haben ihre Verbundenheit mit dem Landsberger Streik bekundet, der Linke-Landesverband, der Flüchtlingsrat Bayern. Aber nicht nur bayrische Initiativen haben sich zu Wort gemeldet: auch Verdi, das Pen-Zentrum Deutschland, die Amadeo-Antonio-Stiftung haben den Landsbergern Solidaritätsadressen geschickt.

Der Heidelberger Verein Soup and Socks sendet Grüße aus Griechenland: "Wir fordern, dass man den engagierten Initiativen mehr Gehör schenkt und diese in ihrem Wirken fördert, anstatt in den Chor der Zweifler und geistigen Brandstifter am rechten Rand einzustimmen."

Solidaritätsadresse von Nina Hagen

Der Freundeskreis Asyl aus Schwäbisch Hall schreibt: "Wir als Ehrenamtliche aus Baden-Württemberg kämpfen mit den gleichen Problematik: Integration wird vonseiten der Politik lauthals gefordert, aber die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen werden immer enger."

Und Nina Hagen. Sie schickt ein Zitat von Martin Luther King: "Lasst uns den Kampf wieder aufnehmen, den langen und schwierigen – aber auch schönen – Kampf für eine neue Welt." Und das ist es für Tausende Flüchtlingshelfer – egal wo im Land – jeden Tag.

Flüchtlingshilfe bedeutet schon eine ganze Weile nicht mehr nur, einen Deutschkurs zu geben oder mal jemanden zum Arzt zu fahren. Der Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin bringt es in seinem Unterstützerbrief an die Landsberger auf den Punkt: Die FlüchtlingshelferInnen "vertreten mit ihrem Einsatz die Werte einer offenen, toleranten und solidarischen Gesellschaft".

Sie verteidigen sie, jeden einzelnen Tag, gegen die Hetzer, die sie vergiften. Sie müssen sich gegen Anfeindungen wehren, innerhalb ihrer Familien. Nachbarschaften und Freundschaften sind über die Frage zerbrochen, wie einer und eine zu Flüchtlingen steht. "Ich wurde in den letzten Monaten so beschimpft wie noch nie zuvor wegen meines Einsatzes für Integration", schreibt Konstantin Wecker. Auch er hat einen Soli-Brief nach Bayern geschickt. 

Wenn Raffael Sonnenschein mit seiner internationalen Laufmannschaft heute über den Landsberger Markt rennt, klatscht keiner mehr. Stattdessen folgen ihnen skeptische Augenpaare, einer aufgeheizten, immer brutaler agierenden Gesellschaft, in der so verdammt viele bereit sind, rechts zu wählen. In einem Land, in dem eine Partei wie die AfD in zehn Landesparlamenten sitzt und ab dem kommenden Jahr vermutlich im Bundestag. "Das kann man doch nicht leichtfertig hinnehmen, wenn Geschichtsillusionisten sich mit Gewalt an den Grundsäulen des Landes zu schaffen machen!", sagt Sonnenschein.

Sonnenschein sitzt da über seinem kalten Tee und findet kaum Worte dafür, wie wütend ihn das macht. Wie schlimm er das findet. "Warum steht die kritische Öffentlichkeit, die Anständigen, denn nicht auf und stemmt sich dagegen?", sagt er. "Wir schreiben gerade alle die Geschichte mit. Wir, die Flüchtlingshelfer und Flüchtlingshelferinnen, müssen rauskommen aus den Unterkünften und uns Gehör verschaffen." 

Info:

Demnächst wird Raffael Sonnenschein die Website "www.unser-veto.de" freischalten.


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