Bei den Zahlen der Facebook-Likes landet Kretschmann auf Platz fünf. Gemessen an der Bevölkerungszahl der Bundesländer führt Ramelow. Grafik: Kontext. Fotos: siehe unten.

Ausgabe 291
Politik

Virale Hits in der Politik

Von Minh Schredle
Datum: 26.10.2016
Die Landesregierung postet und twittert auf Teufel komm raus. Jugendliche will sie damit für die Politik begeistern. Doch auf Facebook und Co. zählt meist weniger die Sache als der Konflikt. Davon profitieren Populisten.

Ob Facebook, Twitter, Youtube, Google Plus, Flickr oder Instagram – die grün-schwarze Landesregierung nutzt die ganze Palette sozialer Medien. Dabei posten die Online-Redaktionen meist nicht unter dem Namen der Ministerien, die Profile sind auf die jeweiligen MinisterInnen personalisiert. "Wir wollen die Seiten dadurch attraktiver für junge Leute gestalten und hier gezielt ein Interesse für Politik wecken", erklärt Vera Weigelt. Die Pressesprecherin im Stuttgarter Wissenschaftsministerium ist dort für den Bereich soziale Medien verantwortlich – ein Posten, den es sonst in keinem anderen Ministerium gibt. Sie betreut auch die persönliche Facebook- und Twitter-Seite von Ministerin Theresia Bauer. Laut Regierungssprecher Rudi Hoogvliet sind die Netzwerke für die Politik wichtig, um frühzeitig Stimmungen in der Bevölkerung zu erkennen und "unschlagbar darin, schnell bestimmte Zielgruppen anzusteuern".

Der Aufwand ist zweifellos groß. Doch die erzielten Reichweiten bleiben überschaubar. Auf dem Flickr-Profil der Landesregierung sind fast 800 Bilder zu sehen. Follower allerdings gibt es nur 31. Auf dem regierungseigenen Youtube-Kanal wurden in den vergangenen zwei Monaten 18 Videos hochgeladen. Nur drei davon sind bislang mehr als 100 Mal angeklickt worden. Das ist noch ausbaufähig. Immerhin deutlich erfolgreicher läuft es auf den persönlichen Facebook- und Twitteraccounts. Hier kann sich der grüne Ministerpräsident über etwa 27 000 Fans freuen. Seinen MinisterInnen folgen hier zwischen 500 und 1500 Menschen.

Leichte Kost und Aufreger

Da geht noch mehr, sagt Dirk Baranek. Der 55-Jährige studierte Geschichte und Hispanistik, arbeitet seit 2006 als freier Journalist und berät heute Kunden beim Online-Marketing, unter anderem die SPD Baden-Württemberg, deren Mitglied er ist. Auf Facebook & Co. würde leichte Kost bereitwillig konsumiert, sagt er, und der Appetit auf Aufreger sei groß. Trockene, schwer verdauliche Schwarzbrot-Sachthemen würden eher verschrecken.

Das ist auch auf Theresia Bauers Facebook-Profil zu beobachten. Die meisten Kommentare (17) gab es in den letzten Monaten zu zwei Bildern. Eins davon zeigt die Ministerin mit einem "symbolträchtigen Geburtstagsgeschenk", wie es im Posting heißt (Kiwipflanze zu den Koalitionsverhandlungen). Das andere zum neuerlichen Amtsantritt unter Grün-Schwarz. Sachthemen finden kaum Beachtung. Von den 84 Postings seit Beginn der neuen Legislaturperiode wurden nur 17 überhaupt kommentiert. Ein Ausreißer ist das Reizthema Studiengebühren für EU-Ausländer (zwölf Kommentare).

Einer, der weiß, wie man von sich reden macht, sitzt in Tübingen. "Wer Aufmerksamkeit im Netz will, muss polarisieren", weiß Baranek. "Besonders viral wird Politik bei Kontroversen, Konflikten – und natürlich Skandalen." Boris Palmer macht es vor. Tübingen hat nur knapp 90 000 Einwohner. Trotzdem dürfte der grüne Oberbürgermeister dank provokanter Postings etwa zur Flüchtlings- und Parteipolitik bundesweit größere Bekanntheit erlangt haben als seine regierenden Parteifreunde in Stuttgart. Ohne Plattformen wie Facebook wäre das undenkbar, meint Baranek. Eine Feststellung, keine Wertung: "Etwas ist ungewohnt, passt nicht ins Bild, und die Leute wollen natürlich wissen: Was ist los? Das sorgt für Reibung, für Interesse."

Populisten profitieren

Dieser Mechanismus lässt sich leicht missbrauchen. Etwa, indem gängige Wertbilder und ethische Normen verletzt werden: "Ein Teil reagiert entsetzt, empört, schockiert. Der andere freut sich, weil eine Projektionsfläche für Frust und Aggressionen angeboten wird. Beide kommentieren, und im Endeffekt tragen beide zur Verbreitung bei", so Baranek.

Davon profitieren insbesondere Populisten. Doch die Reichweite allein ermöglicht noch keine Rückschlüsse auf Beliebtheit, Zustimmung oder Wahlergebnisse. So kommt die AfD-Vorsitzende Frauke Petry aktuell auf etwa 170 000 Facebook-Likes und liegt damit vor SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier (knapp 150 000), der laut ARD-Deutschlandtrend regelmäßig die Liste der beliebtesten Politiker Deutschlands anführt. Mit der Arbeit von Petry sind in dieser Umfrage hingegen nur elf Prozent zufrieden. Für das ZDF-Politbarometer befragt die Forschungsgruppe Wahlen repräsentativ etwa 1200 Teilnehmer, wen sie für die zehn wichtigsten Politiker halten, anschließend soll ihre Arbeit beurteilt werden. Am besten schneiden hier im Oktober Steinmeier und Kretschmann ab. Ein AfD-Politiker taucht in der Liste nicht auf.

Vor allem Rechtsextreme und -populisten verzeichnen Erfolge in sozialen Netzwerken. Wie viel wirklich dahinter steckt, ist fraglich. Das Zustandekommen von Gefällt-mir-Angaben ist intransparent. Oft ist nicht nachvollziehbar, ob dahinter echte Personen oder falsche Profile stehen. Zahlreiche Dienstleister bieten zudem Likes gegen Bezahlung an. Anderen "gefällt" eine Seite nur, weil sie auf dem Laufenden bleiben wollen, was von wem verbreitet wird.

Dennoch ist die gewaltige Reichweite der Rechtspopulisten alarmierend. Online-Vermarkter Baranek wagt die These: "Ohne Facebook keine AfD." Er ist überzeugt: "Ohne Plattformen, in denen Behauptungen ungeprüft verbreitet werden, könnte eine populistische Bewegung nicht in so kurzer Zeit so viel Zuwachs erhalten." Über die Kommentarspalten würden außerdem Meinungen, Beleidigungen und Unterstellungen öffentlich, die keine seriöses Medium freischalten würde.

Was stehen bleibt, liegt in der Hand der Administratoren. So verweist der AfD-Sprecher und Baden-Württemberg-Vorsitzende Jörg Meuthen auf seiner Facebook-Seite gelegentlich darauf, Kommentare entfernt zu haben. Gleichzeitig bleiben dort Beiträge unmoderiert stehen, die beispielsweise behaupten, dass Deutschland noch nie eine schlechtere Regierung gehabt hätte. Was, euphemistisch formuliert, auf eine gewisse Geschichtsvergessenheit hinweist. "Wir dürfen den digitalen Raum nicht den Rechten überlassen", sagt Baranek.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass Korrektheit, Vernunft und guter Stil über Bord geworfen werden? Müssen also politische Inhalte verflacht werden, um mithalten zu können bei den skandalös moraltorpedierenden Aufreger-Reizthemen? Nein, sagt Dirk Baranek: " Es reicht, etwas lockerer aufzutreten, gerne mit persönlicher Note, meinungsfreudiger zu werden und vor allem: weniger steif zu formulieren." Wenn dann auf weiterführendes Material verlinkt wird, tue das der Sachlichkeit keinen Abbruch. Und vor allem: weg mit dem leblosen Amts- und Politiksprech.

Vor allem Letzteres kann schwer werden, gerade dann, wenn man nicht selbst postet. So wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der schon mal betont, dass er lieber das Gezwitscher der Vögel höre, als zu twittern. Das tun andere für ihn. Die Beiträge auf Kretschmanns Facebook-Seite lesen sich wohl auch deshalb wie Musterbeispiele aus einem Leitfaden für Langeweile: "In diesem Album haben wir Impressionen der Reise nach Paris und Straßburg am 29. und 30. September 2016 für Sie zusammengestellt. Es handelt sich um den Antrittsbesuch der neuen Landesregierung in Frankreich", heißt es da etwa. Oder: "Endlich ist der gordische Knoten bei der Neuregelung der Bund-Länder-Finanzbeziehung zerschlagen. Bis tief in die Nacht haben Bund und Länder verhandelt. Am Ende steht ein schwer erarbeiteter Kompromiss, der allen Seiten gerecht wird." Virale Hits landet man so nicht.

 

Bildquellen zur Grafik:

Seehofer: CSU-Landtagsfraktion
Dreyer: Martin Kraft, photo.martinkraft.com, CC BY-SA 3.0
Kraft: Florian Jaenike
Ramelow: DiG TRIALON, CC BY 3.0
Kretschmann: Joachim E. Röttgers


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1 Kommentar verfügbar

  • Marcel Schmidt
    am 27.10.2016
    Parteien wie die AfD haben es auch deswegen so leicht, virale Hits zu landen, weil es ihnen letztlich egal ist, wie die Öffentlichkeit ihre Postings findet. Ich erinnere nur daran, dass das StaMi während des Kirchentages einen (aus meiner Sicht) für die Online-Community witzigen Tweet absetzte, dies aber gleich für einen öffentlichen Shitstorm gesorgt hat (http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.nach-facebook-panne-schaerfere-regeln-fuer-praktikanten.1295e70f-c26d-4fb5-8a6f-ca705f3bad64.html). Ich arbeite selbst als Social-Media-Manager für einen Verband und muss sagen, dass der Grad zwischen Viralität bzw. Shitstormgefahr sehr sehr klein ist. Da setzt man lieber ein Posting ab, welches zwar langweilig ist, aber keine Probleme nach sich zieht.

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