KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Hinter der Postkarte

Hall selber gemacht

Hinter der Postkarte: Hall selber gemacht
|

 Fotos: Jens Volle 

|

Datum:

Schwäbisch Hall ist nicht nur Bausparkasse, Würth und Freilichtspiele. Längst hat sich eine bunte Subkultur etabliert. Auch der globale Süden wird in der Stadt am Kocher nicht vergessen.

ZurückWeiter

Mit dem Club Alpha 60 fing alles an. Jedenfalls für das Kino im Schafstall, vor 50 Jahren gegründet, um anspruchsvolle Filme jenseits der Kassenschlager nach Schwäbisch Hall zu bringen. Es ist kein Kommunales Kino und kein Genossenschaftskino, sondern von einem Arbeitskreis des soziokulturellen Zentrums ins Leben gerufen, der es bis heute betreibt.

Das Kino im Schafstall ist die erste Station auf einem elfstündigen Rundgang durch die Kocherstadt, der uns an Orte abseits des touristischen Postkartenbilds führt, bestehend aus Kocherwiesen, Fachwerkhäusern, Sankt Michael und dem mächtigen Zeughaus. Und zu interessanten Menschen, die viel zu erzählen haben über das Leben in der Provinz. Jennifer Sittler hat den Parcours organisiert. Seit zwei Jahren ist sie Theaterpädagogin der Freilichtspiele und bestens vernetzt. In Hall, 40.000 Einwohner:innen, lernt man sich schnell kennen.

"Die Coronakrise hat uns schwer gebeutelt" – Volker Balle, der im Schafstall die Kontakte zu Verleih und Regisseur:innen abwickelt, macht sich ein wenig Sorgen. Das Kino vorübergehend zu schließen, war kein Problem. Niemand muss davon leben. Beruflich ist Balle in der offenen Behindertenhilfe tätig und kann sich seine Zeit einteilen. Aber: "Wir müssen funktionieren wie ein kommerzielles Kino." Was, wenn er plötzlich ausfällt? Der Arbeitskreis besteht aus rund zwanzig Aktiven. Doch keiner kennt sich aus wie er.

Balle ist seit 35 Jahren dabei, Reinhard Stehle seit 34. Bis vor Kurzem Mitarbeiter der Bausparkasse, ist er zuständig für die Zahlen: Abrechnung, Anträge, Statistik. Mehr als 300.000 Personen haben das Kino in den fünfzig Jahren seines Bestehens besucht, das sind jährlich über 6.000, zuletzt vor Corona allerdings nur noch rund 4.000. Das entspricht pro Vorstellung immer noch ungefähr dreißig Besucher:innen – in manchen Multiplex-Kinos herrscht vergleichsweise gähnende Leere. Aber es werden auch im Schafstall immer weniger.

Böller und Brot, Trauben und Rosinen

Der größte Erfolg aller Zeiten war "Rosa Luxemburg" von Margarethe von Trotta. Das sagt etwas aus über Schwäbisch Hall, ist aber schon lange her. Das Publikum muss jünger werden und der Arbeitskreis auch, damit das Kino eine Zukunft hat. Neuerdings kamen die Filme von Böller und Brot gut an. Das zeigt, wohin es gehen könnte. Sigrun Köhler, eine der beiden Filmemacherinnen, stammt aus Hall.

Weit außerhalb des Zentrums, im Baugebiet "Am Sommerrain" am Rande des Stadtteils Hessental, entsteht derzeit ein außergewöhnliches Projekt: "Trauben und Rosinen". Die Rosinen, zwischen 40 und 60, und die Trauben, die Jüngeren, auch Familien mit Kindern, bauen ein Haus mit elf Wohnungen. Das Ziel, sagt Gregor Zeitler, von Beruf Jugend- und Heimerzieher, sei es, "den Wohnungsbau nicht dem renditeorientierten Markt zu überlassen". Deshalb bauen sie Mietwohnungen, unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats, darunter fünf Sozialwohnungen. Noch sind Plätze frei. "Niemand muss Geld mitbringen", betont Zeitler. Aber Direktkredite können sie noch brauchen – eine sichere, wenn auch nicht hoch verzinste Anlage: Noch nie ist ein Projekt des Mietshäuser Syndikats gescheitert.

Zwischen Nürnberg und Stuttgart sind sie mit ihrem Projekt Vorreiter. Bei der Stadt Schwäbisch Hall mussten sie allerdings erst Überzeugungsarbeit leisten, um an ein Grundstück zu gelangen. Das teilen sie sich nun mit drei Baugemeinschaften. Martin Weis, im Beruf Projektleiter des Mehrgenerationentreffs im Haus der Bildung, vertritt eine davon. Er ist mit dem Fahrrad gekommen. Den Raum über der vorgeschriebenen Tiefgarage wollen sich die vier Gruppen teilen. Ein autofreies Quartier, so Weis, wäre ihnen lieber gewesen.

Aus dem Schlachthaus funkt der StHörfunk dazwischen

Zurück ins Zentrum: Im alten Schlachthaus sendet seit 1995 Radio StHörfunk, ein nichtkommerzieller Sender der ersten Stunde. Im Moment läuft "Arbeitswelt", die Sendung von Volker Stücklen, früher als Sozialsekretär der evangelischen Kirche landesweit bekannt. Sehr interessant, findet Rebekka Benz, die beim StHörfunk gerade ein FSJ Kultur absolviert und soeben einen Jingle für das StHörfunk-Sommerfest produziert hat. Stücklen spielt seine Sendung von Heilbronn aus auf den Server. Der Sender ist modern ausgestattet und sendet rund um die Uhr. Das Nachtprogramm, genannt "Wundertüte", mixt ein Zufallsgenerator.

Miro Ruff, seit acht Jahren dabei, ist Radiokoordinator: eine zu 65 Prozent bezahlte Stelle. Da beim StHörfunk Jede:r mitmachen kann, gibt es viel zu koordinieren. Regelmäßig senden auch ganze Schulklassen – erstaunlich, was alles in so ein kleines Studio passt. Das Programm ist bunt, aber übersichtlich gegliedert: mittags um zwölf Nachrichten, dann fünf Stunden Infoprogramm, dann Musik. Besonders beliebt, so Ruff, sei "Rush'en Radio", die russische Sendung am Freitagabend. Vor allem in Hessental leben viele Spätaussiedler.

Der StHörfunk hat kürzlich einen Medienpreis der Landesanstalt für Kommunikation (LFK) gewonnen, zusammen mit dem DJ-Kollektiv "Orte SHA". Als alle öffentlichen Einrichtungen wegen Corona geschlossen hatten, suchten sie die verwaisten Orte auf: eine Cocktailbar, die Stadtbibliothek, das Globe-Theater, das Hällisch-Fränkische Museum. Und die Weilerwiese, wo wir Noemi Smetana und David Amiri treffen: eine dem Namen zum Trotz ziemlich versiegelte, gleichwohl beliebte Spiel- und Freizeitfläche jenseits des Kochers.

Freundeskreis Afrika für alle aus dem globalen Süden

Die DJ-Acts sendeten sie per Livestream über den Twitch-Kanal von Radio StHörfunk. Smetana ging noch zur Schule, als sie anfingen: ans Aufbaugymnasium Michelbach, und Amiri war ihr Lehrer. "Damals musste ich sie noch siezen", schmunzelt er. Als sie dieses Jahr in der ehemaligen U-Bar zum ersten Mal wieder vor Publikum auftraten, war der Laden rappelvoll. Zuletzt haben sie anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens im Kino im Schafstall aufgelegt. Das Kollektiv wird sich wohl bald auflösen. Smetana will studieren und verlässt Hall. Und nicht nur sie.

Im reichen Schwäbisch Hall hat sich neben den Freilichtspielen und der Kunsthalle Würth auch eine vielfältige Subkultur etabliert. Auch der globale Süden wird in der Stadt am Kocher nicht vergessen.

In den Altbauten der früheren Justizvollzugsanstalt (JVA), dem Jugendgefängnis,  im Volksmund "Kocherhotel", befindet sich heute das Haus der Bildung: Volkshochschule, Musikschule und verschiedene andere Einrichtungen wie der Verein Freundeskreis Afrika, wo wir mit Hala Elamin verabredet sind. Wie viele Afrikaner:innengibt es in Hall? Nicht sehr viele, gesteht Elamin, aber der Freundeskreis sei offen für alle aus dem globalen Süden. Die Sudanesin ist seit 2001 hier und kennt die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind: Asylantrag, die Enge der Unterkünfte, die Sorge um die Angehörigen zu Haus, aber auch die Diskriminierung als Muslima und den Wunsch, ein normales Leben zu führen.

"Unser Ziel ist es, die Migranten mehr sichtbar zu machen", sprudelt es nur so aus ihr heraus. Seit einem Jahr ist Elamin eine von landesweit fünf interkulturellen Promotor:innen. In Hall gibt es noch mehr solche Initiativen: Im Oktober 2020 fand zuletzt eine interkulturelle Woche statt, im Juni ein "African Picnic". Es gibt eine starke afghanische Community und ein interkulturelles Elternmentorenprogramm. "Wie ergänzen uns wie ein Puzzle", sagt Elamin.

Bildung hinter Stahltüren im ehemaligen Knast

Silvie Beiermann hat 2016 den Verein "Die Theatermacher" gegründet, der in den Räumen unter dem StHörfunk probt. Sie ist mit ihrem Mann Walter Petschko ins Haus der Bildung gekommen, weil der früher einmal Sicherheitsbeauftragter der Jugendstrafanstalt war. Hinter dem Haus der Bildung ist Konsumzone: das Kocherzentrum. Nicht alle Haller wollten, dass die Gefängnisbauten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stehen blieben.

Volkshochschulkurse hinter schweren Stahltüren: Die Spuren der Geschichte bleiben sichtbar. Petschko erzählt von Ausbruchsversuchen, von der Gefangenen-Band, für die er sich engagiert hat, weil er selbst gern Musik macht. Jennifer Sittler meint, er sollte Führungen dazu anbieten. Ein Gefängnisaufenthalt ist kein Erholungsurlaub. Aber zu Petschkos Zeit – um 1980 – wurde viel für die Resozialisierung getan. Er hält fest:"Man konnte fast alle Ausbildungsberufe hier erlernen."

Silvia Ofori gehört ebenfalls zu den Theatermachern. Ihr Mann stammt aus Ghana, wo sie vor Jahren ein Schülertheater ins Leben gerufen hat, das bis heute existiert. Zur Unterstützung betreibt sie den Verein "Global Solidarity". Von Beruf Bankkauffrau, ist sie Betriebsrätin bei der Bausparkasse und war 2009 Bundestagskandidatin der Linken. Wir treffen sie in der WerkStadtHall. Als "begeisterte Hutfilzerin" leitet sie dort eine Textilgruppe, die Kreativspinnerei.

WerkStadtHall für alle

Die WerkStadtHall ist ganz neu: ein Projekt von Tobias Schlüter und Christian Gentner, dem technischen Leiter der Freilichtspiele. Schlüter ist zwar nicht in einem Handwerk ausgebildet, kann aber alles Mögliche. Die Maschinen in der Werkstatt hat er gebraucht gekauft und selbst instandgesetzt. Zur WerkStadtHall kann jede:r kommen und gegen einen Stundensatz mit oder ohne Anleitung arbeiten. Manche kommen auch nur, um sich einen Espresso zu machen nach dem Motto: Arbeiten ist zu schön, stundenlang könnt ich zusehn.

Die Espressomaschine ist ein Relikt aus der Zeit der U-Bar – ausgeschrieben Unverzichtbar, die Schlüter hier vorher betrieb. "Gute Nacht" steht noch auf dem Wirtshausschild: ein Name für ein Lokal? Schlüter erklärt: Vor langer Zeit hieß es einmal "Die englischen Gärten". Die Nazis machten daraus "Die deutschen Gärten". Nach dem Krieg setzten die Betreiber die Buchstaben neu zusammen. Die Unverzichtbar fiel der Coronakrise zum Opfer. Schlüter funktionierte das Lokal in seine Werkstatt um, die "Schlüterei", die er jetzt als WerkStadtHall für alle geöffnet hat, die sich betätigen wollen.

Club Alpha – die Mutter der Haller Subkultur

Der Club Alpha 60, 1966 gegründet, gilt als das älteste soziokulturelle Zentrum im Land. An seinem jetzigen Ort, rund einen Kilometer kocherabwärts, befindet er sich seit fünf Jahren, auch wenn es so aussieht, als könnte er schon viel länger dort sein: Graffiti und Wandbilder, bequeme Sofas, gemütliche Kneipeneinrichtung. Bis zu 18.000 Stunden Eigenleistungen hätten die Mitglieder des Clubs in den Umbau investiert, erzählt die Sprecherin des Clubs, Jessica Wieland, nach der Devise: "Viele Hände, schnelles Ende."

Non-Profit-Journalismus: Kontext im Gespräch mit Haller:innen

Willkommen Weltmarktführer, Bausparkasse, Weiler Tunnel, Reinhold Würth. Und Erhard Eppler ist auch schon tot. Ist das Schwäbisch Hall? Viele Haller:innen sehen das anders. Sei's bei Attac, den Weltmarktverlierern, beim Club Alpha, den Gewerkschaften, im Kino Schafstall oder beim Wohnprojekt Trauben und Rosinen. Sie brauchen mehr als das "Haller Tagblatt". Darüber wollen wir mit Ihnen/Euch reden.

Was brennt unter den Nägeln? Was sollte ein kritisches Zeitungsprojekt wie Kontext unter die Lupe nehmen? Vielleicht das, oder das, oder das? Wo gibt es bereits Initiativen, die sich aktueller Themen wie Wohnungsnot oder Rechtsradikalismus annehmen? Darüber hat Kontext-Autor Dietrich Heißenbüttel in dieser Ausgabe geschrieben. Und warum ist ein rein spendenfinanziertes Zeitungsprojekt wie Kontext wichtig? Der profitgetriebene Verlegerjournalismus steckt in einer tiefen Krise. Es braucht alternative Medien von unten.

Am 21. Juli um 20 Uhr sind wir im Schafstall in Schwäbisch Hall. Mit Kontext-Chefredakteurin Susanne Stiefel und Kontext-Autor Dietrich Heißenbüttel. Wir freuen uns auf einen regen Austausch.  (red)

Die obere Etage sieht noch vergleichsweise neu aus. Es gibt einen 120 Quadratmeter großen Multifunktionsraum, drei Ateliers und eine Gästewohnung, groß genug für eine sechsköpfige Band. Der Club Alpha ist so etwas wie die Mutter der Haller Subkultur. Generationen von Hallern wurden hier sozialisiert, auch der StHörfunk entstand hier. Der Club ist basisdemokratisch organisiert, erklärt Wieland. Es gibt Arbeitskreise für Bar, Programm, Film, Video, Technik und Politik. Das letzte Wort hat die Mitgliederversammlung.

Auch das dazu gehörige Kneipenkollektiv wird ehrenamtlich betrieben: eine Genossenschaft, die auch Hochprozentiges ausschenkt – was der Club Alpha nicht darf. Von den zwölf Kneipiers ist Boris Hasel mit 44 Jahren der älteste. Er macht Tac-Teamspiel-Abende, er will nicht, dass es nur um Alkohol geht. Es gibt auch Karaoke-Abende und einen Kneipenchor, den der Amerikaner Brady Swenson organisiert.

Das Ensemble aus Kneipe und Club, so Wieland, sei "ein Freiraum, wo man entspannt ausgehen oder sich engagieren kann". Hasel fügt hinzu, er freue sich, manchmal auch Angestellte der Bausparkasse hier zu sehen. Alternativkultur? Vielleicht. "Der Club ist das, was die Mitglieder daraus machen", resümiert Wieland.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


1 Kommentar verfügbar

  • Peter Bähr
    am 13.07.2022
    Antworten
    Apropos Club Alpha 60 und en passant verifiziert:
    Jüngeren muss und soll beispielhaft erläutert werden aus jener Zeit, als schriftliche Kommunikation nicht minder flink von der Hand; fallweise sind's gewichtige Apparate sprich Typenhebelmaschinen mit Vorderaufschlag für DIN-A4-Papier, vierreihiges…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:



Ausgabe 593 / Die Lunte brennt / Karl Heinz Siber / vor 15 Stunden 33 Minuten
Meine Frage richtete sich an Emil Meier.



Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!