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Konstanz

Schöner grüner Filz

Konstanz: Schöner grüner Filz
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Demeter-Kühe, viele Studis und viel zu viele Touris: Da geht was in Konstanz, der Kommune, die als erste Stadt Deutschlands einen Klimanotstand ausgerufen hat. Ein Ortsbesuch vor der Landtagswahl in der Stadt am Wasser.

Thomas Schumacher liebt die Stadt. "Man sagt ja immer so schön: Wenn ich den See seh', brauch' ich kein Meer mehr." Er lacht, weil das so wahnsinnig abgedroschen klingt, "es ist aber wirklich so." Die Berge sind nah, eine Fährfahrt ist wie ein Kurzurlaub, es gibt massenhaft Streuobstwiesen mit Apfelbäumen, aus deren Früchten er Saft macht und in deren Schatten seine Kühe dösen. "Das kannte ich von daheim nicht, dass da Wiesen gestört werden durch Bäume, die auf ihnen wachsen."

Schumacher kommt aus Krefeld, NRW, heute lebt er in Konstanz, einer der Städte in Baden-Württemberg mit hohem Bewusstsein für Bio und Umweltschutz allein wegen der See-Lage als Tourismusgebiet, als Wein-, Obst- und Gemüseanbaugebiet und als Stadt, die als erste in Deutschland den Klimanotstand zumindest ausgerufen hat.

Zuerst hat Schumacher Psychologie studiert, dann beim Landwirtschaftsministerium Baden-Württemberg gearbeitet, bis er gemerkt hat, er wäre doch lieber draußen statt am Schreibtisch. Er hat drei Kühe gekauft, sie auf einer Wiese untergestellt und Kuh-Paten gesucht, die auf das Fleisch der Nachkommen seiner Tiere 20 Prozent angerechnet bekamen. Wenn er so erzählt, mit ruhiger Stimme und feinem Humor, hört man ihm an, dass er gefunden hat, was er suchte.

Mittlerweile ist der 56-Jährige Demeter-Landwirt und betreibt am Rande von Konstanz den Hättelihof, 70 Kühe, 18 Paten, rund 500 Fleischkunden. All das ganz ohne Werbung, erzählt er. "Ein riesiger Luxus! Und das hat sehr viel mit dem Standort Konstanz zu tun." In der Sackgassenstadt – zwei Seiten Wasser, eine Seite Ausland, in einer Region mit hoher Demeter-Dichte – von Konstanz bis Lindau gibt es etwa 50 Betriebe. "Die Bevölkerung hier ist sehr aufgeschlossen gegenüber biologischer Landwirtschaft", sagt der Bauer. "Auf der Schwäbischen Alb wäre das nicht so gut gelaufen." Wenn er es mal salopp ausdrücken dürfe: "Hier gibt es einen schönen grünen Filz".

Die AfD hat eine neue alte Form der Lüge erfunden

Was ihn stört, ist der Verkehr in der Stadt. Und der Tourismus: "In der Touristensaison gehört Konstanz nicht den Konstanzern." Wenn man ihn fragt, was er sich von der Politik wünscht, kommt er auf das Volksbegehren Bienen zu sprechen. Im Juli 2020 hat der baden-württembergische Landtag dem Gesetzentwurf zur Änderung des Naturschutz-und des Landwirtschaftsgesetzes zugestimmt. Herausgekommen sei ein Kompromiss, meinen Kritiker. Schumacher dagegen findet, angesichts des schwierigen Themas sei es ganz gut geglückt. Diesen Weg zu verfeinern, ist sein Wunsch für die Zukunft, zum Erhalt des Ökosystems und der Idylle, in der er lebt.

In diesem Idyll steppt momentan der Bär. Denn die örtliche Zeitung "Südkurier" hat seinen Ausgaben in der vergangenen Woche ein AfD-Blättchen beigelegt und sich damit derart in die Nesseln gesetzt, dass selbst Entertainer Jan Böhmermann den Schlamassel getwittert hat. Die grüne Landtagsabgeordnete Nese Erikli, in landespolitischen Kennerkreisen als Hidden Talent aus Konstanz bekannt, findet in der alternativen Zeitung "Seemoz" klare Worte: "Die Konstanzer AfD hat eine neue alte Form der Lüge erfunden." Ihr Gegenkandidat von der CDU, die 40 Jahre den Wahlkreis innehatte, bis vor zehn Jahren die Grünen übernahmen, formuliert softer: "Der 'Südkurier' muss sich zurecht Kritik gefallen lassen, weil er aus meiner Sicht zu unkritisch mit dieser Beilage umgegangen ist. Die AfD schreit seit Jahren 'Lügenpresse' – aber seltsamerweise macht sie vor den Wahlen nun auf bürgerlich. Das dürfen wir ihnen nicht durchgehen lassen."

Levin Eisenmann ist Jura-Student, gerade mal 23 Jahre alt, und dennoch, sagen manche, könnte er Erikli durchaus gefährlich werden. 2012 ist er in die Junge Union eingetreten, nach einer Schulreise nach Straßburg und um "ein klares Bekenntnis zur EU zu zeigen". Wenn man ihn fragt, warum er sich für die CDU entschieden hat, dann sagt er: "Ich will pragmatische Politik machen, damit das Machen im Vordergrund steht."

Lokalpatriotismus ist in Konstanz keine Seltenheit

Seine Generation, sagt Eisenmann, sei nicht genug vertreten in der Politik und sein Landkreis momentan "unter Wert regiert". Deshalb will er selbst in den Landtag und würde dann, sagt er, 100 Prozent in sein Studium investieren und 100 Prozent in die Politik. Wie der Mann 200 Prozent Arbeit und noch ein Leben unter einen Hut bringen möchte, steht in den Sternen, an Selbstbewusstsein mangelt es ihm jedenfalls nicht.

Kürzlich war Eisenmann, nicht verwandt mit der CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann, mit seinem Parteikollegen Volker Kauder, Waffenlobbist und Evangelikaler, auf Wahlkampftour. Manche in Konstanz sagen, er sei schon alt geboren worden.

Für was er sich einsetzen möchte, sind junge Unternehmen. "In Konstanz haben wir fast keine Industrie mehr", sagt er, "wir leben von der Uni, von der HTWG. Wir müssen Grundlagen legen, um Start-Ups zu gründen." Solche, die autonomes Fahren erforschen oder neue Antriebstechnologien. "Wir müssen den Fokus auf die Schiene legen und den Individualverkehr nachhaltig machen." Er ist ein Mann der Politikerfloskeln. Aber auch er macht auf Öko. Für jede 50. Stimme möchte er einen Baum pflanzen, wünscht sich eine "Solaroffensive", mehr "Lernort Bauernhof." Dann haut er noch eine Phrase raus: "Jeder in seinem Wahlkreis würde sagen, dass seine Region total besonders ist, bei uns stimmt's halt wirklich." Lokalpatriotismus ist in Konstanz keine Seltenheit.

Tatsächlich ist der Wahlkreis Konstanz wohl einer der schönsten in Baden-Württemberg. Der Spirit junger Studierender trifft auf Yachtclub und politische Kulturszene. Das ganze verrührt mit viel Verkehr und sauteuren Mieten – da ist ordentlich Bewegung drin. In den Neunzigerjahren wurde hier der erste grüne Oberbürgermeister Deutschlands gewählt, beinahe wäre in Konstanz kürzlich sogar fast ein linker Oberbürgermeister gewählt worden.

"Hey Kommune, wir greifen euch da unter die Arme"

Konstanz ist die größte Stadt am Bodensee, eine Universitäts-Stadt mit 85.000 EinwohnerInnen, 15 Stadtteile, die größten davon Dettingen und Wollmatingen, einer eigenen Blumen-Insel (Mainau), das Herz der Stadt trägt den schönen Namen 'Paradies', einst Fischer- und Bauernsiedlung, heute dicht bebaut mit einer Menge denkmalgeschützter Gebäuden aus Gründerzeit und Jugendstil und sehr teuren Mieten. Hier leben die gute betuchten Grünen und Ökosozialen, die wollen, das Konstanz paradiesisch bleibt. Oder wieder wird. Mit 54,4 Prozent haben im Wahlbezirk Altstadt/Paradies zur OB-Wahl die meisten Menschen für Luigi Pantisano gestimmt.

Zwei, die den Wahlkampf des Linken und Stuttgarter Stadtrats unterstützt haben, sind Sophie Tichonenko und Rosa Buss, beide Mitte 20. Damals hatten Grüne, Linke, Fridays, Menschen, die sich der SPD zuordnen würden, Rambazamba gemacht für gedeckelte Mieten, eine verkehrsberuhigte Innenstadt, fürs Klima. Einmal hatten sie in konzertierter Aktion alle erreichbaren Fahrräder von Hand mit Pantisano-Werbung behängt. "Wir hatten zur OB-Wahl eine riesige Reichweite", sagt Tichonenko. "Da hat sich viel Energie und Motivation gebildet, das wollen wir nicht ins Leere laufen lassen." Im Moment sind sie dabei, einen Verein zu gründen, um die Kräfte zu erhalten, die entstanden sind bei denen, die den alten CDU-OB Uli Burchhardt gerne gegen einen neuen öko-linken getauscht hätten. Derzeit hat der Verein 200 Mitglieder, die Satzung liegt beim Finanzamt.

Nicht mal jetzt, zur Landtagswahl, habe sich das Bündnis entzweit. "Wir wollen der Zersplitterung im ökosozialen Lager entgegenwirken", sagt Rosa Buss. Und in Zukunft aktive Gruppen vernetzen, die das Leben im Ort voranbringen wollen – Rad-AktivistInnen, Fridays, AntifaschistInnen, Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen, für queeres Leben in der Stadt oder gegen Plastikmüll.

Beide haben ganz konkrete Wünschen an die Landespolitik: Fördermittel beispielsweise für Klimaschutz und Energiesanierung müssten einfacher zu beantragen sein. Kommunen sollten in Sachen Klimaschutz besser angeleitet werden nach dem Motto: "Hey Kommune, wir wollen euch da unter die Arme greifen. Die Klimakatastrophe ist halt da."

Gute Kommunikation sei dabei unerlässlich, sagen beide und wollen deshalb vor allem auch Informationen bereitstellen zu Themen, die in Konstanz wichtig sind. Ist das nicht die Aufgabe der Zeitung vor Ort? Da lachen beide. Siehe AfD-Beilage, da machen sie es lieber selber. Und das mit Power. "Dadurch, dass es hier so schön ist, fällt es nicht schwer, diese Stadt zu lieben", sagt Rosa. "Und diese Hingabe an den Ort spiegelt sich in den Leuten. Viele sind bereit, ihre Freizeit und ihre Energie einzusetzen, um Konstanz besser zu machen." In der Stadt, die im Sommer von der Sonne geküsst ist und im Winter im Dauernebel versinkt.

Mordsaufregung um veganen Weihnachtsmarkt

Mit Wetter kennt sich Matthias Schäfer aus. Bis vor einigen Jahren hat er als ITler für das Portal Wetter.com gearbeitet. Die Firma hat ihren Sitz in Konstanz, zumindest den technischen Bereich. Als er dort angefangen habe, erzählt Schäfer, sei Klima noch ein Randaspekt gewesen, der allerdings bald in den Vordergrund drängte. Damals, erzählt er, habe man sich im Unternehmen überlegt, in sozialen Medien neben der Niederschlagsmenge auch auf den Klimawandel hinzuweisen. "Da gab es regelmäßig Shitstorms", sagt Schäfer. "Man hat gemerkt, dass die Leute das nicht hören wollen." Generell, sagt er, merke er immer wieder, wie fortschrittlich Unternehmen oft seien und wie wenig das von den Kunden goutiert werde. Die Stadt, nur als Beispiel, habe einmal für den Weihnachtsmarkt und Konstanzer Stadtfeste eine 50 Prozent-fleischlos- und eine 20-Prozent-vegan-Quote einführen wollen. "Mords Aufregung", sagt Schäfer. "Dabei ist ja eigentlich der ganze Süßkram auf solchen Festen schon vegan."

Schäfer ist 45 Jahre alt und sitzt für das Junge Forum im Konstanzer Gemeinderat. Er sei so reingeschlittert, weil er sich selbst in keinem Wahlprogramm wiederfand als Mensch, der sich als sozialliberal mit grünem Anstrich versteht. Also hat er eine eigene Liste gegründet. Heute ist er Fraktionschef und arbeitet in der IT an der Uni. Gerade auf seinem Feld wünscht er sich Veränderung. "Die Digitalisierung voranzutreiben ist unglaublich wichtig." In Konstanz, sagt er, gebe es nicht mal jemanden, der flächendeckend W-LAN an Schulen einrichten könne.

Generell sei die Verwaltung viel zu schwerfällig. Es gebe so viele gute Ideen, die an der Umsetzung scheitern, weil kommunale Mühlen in Zeitlupe mahlen. Und er hätte gerne einen besseren Wissenstransfer – von den Kommunen zum Land oder zum Bund und anders herum. Stichwort Corona: "Mir fehlt das Verständnis großer Parlamente für die kleinen Parlamente vor Ort. Was es für die Kommunen heißt, Beschlüsse umzusetzen. Das geht so nicht, wie es gerade passiert."

Grenzübergreifendes Küssen

Gemeint ist damit auch die corona-bedingte Schließung der Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz. Bis Mitte Mai 2020 trennte die beiden miteinander verwachsenen Städte ein Zaun. Und weil sich Pärchen und Liebende durch den Zaun hindurch küssten, zog die Schweiz im zwei Meter Sicherheitsabstand auch einen hoch. Mittlerweile befindet sich ein Teil davon in Stuttgart im Haus der Geschichte Baden-Württemberg.

Was "so nicht geht" bündelt sich auch bei Clara Schlotheuber. "Während Corona ist die Ungleichheit sehr präsent geworden", sagt die 32-jährige Konstanzerin. 2015 hat sie das Café Mondial mitgegründet, als die Gemeinschaftsräume in den Flüchtlingsunterkünften zu Schlafsälen umfunktioniert werden mussten. "Wir wollten damals mehr Begegnung ermöglichen, sie aus den Unterkünften in die Stadt hinein verlagern", sagt sie. Das Café ist derzeit zu, die Situation in den Unterkünften schlimm. "Weil die Anschlussunterbringung nicht gut organisiert ist." Das ist etwas, sagt sie an die Adresse der Politik, das sich dringend ändern müsse. Und: "Viele geflüchtete Kinder haben es sehr schwer mit der schulischen Situation im Moment." Schon für Kinder, die deutsch könnten, wäre es nicht einfach, wer aber die Sprache erst lernt, ist derzeit völlig hilflos. "Da braucht es jetzt Angebote, sonst wird es wahnsinnig schwer, die Differenzen wieder aufzuholen."

Landwirt Schumacher hat das, was Geflüchtete nicht haben: Platz. Im ersten Lockdown war sein Hof so voll, dass er mit dem Traktor nicht mehr hindurchfahren konnte, weil überall Familien saßen und das Draußensein genossen haben. Mehrfach war die Polizei da, wegen der Mindestabstände. "War aber alles okay. Und es war toll!", sagt der Landwirt. Genau das, was er sich wünscht: dass die Menschen den Zugang zur Natur wiederfinden in dieser Stadt, der die Konstanzer Rapper Yasin und Lupo einen Song gewidmet haben.

"Die wunderschönsten Tage, erlebte ich nur hier, viele Wege führen nach Rom, aber ich wollt' immer nur zu dir. Zurück an den Hafen, am liebsten bei Nacht, das Ende meiner Welt, vor den Toren dieser Stadt. Und das ist für mich Heimat, wo ich jahrelang schon leb'. Ich hab' so viel Liebe für die kleine Stadt am See."

 

 

Info:

Am kommenden Freitag, kurz vor der Landtagswahl, blickt eine Zoom-Runde auf die Stadt am Bodensee und fragt: Wie lebt es sich denn in Konstanz? Moderiert wird der taz-Talk von Kontext-Redakteurin Anna Hunger und taz-Redakteur Tobias Schulze, zu Gast sein werden der Demeterbauer Thomas Schumacher, der knapp gescheiterte OB-Kandidat Luigi Pantisano und die Mitbegründerin der Konstanzer Begegnungsstätte Café Mondial Clara Schlotheuber. Am 12. März ab 18.30 Uhr ist der Talk im Stream auf Youtube zu sehen


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1 Kommentar verfügbar

  • Frank
    am 10.03.2021
    Antworten
    Schaut man sich mal an, was in Konstanz 1970 für ein Klima geherrscht hat (Link unten), dann zeigt sich der angenehm massive Kulturwandel innerhalb von 50 Jahren.
    Hätte auch schneller gehen können, aber wir sind ja hier in Ba-Wü...

    https://www.kontextwochenzeitung.de/zeitgeschehen/491/toedliche…
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