KONTEXT Extra:
Ei der Tauss – Staatsanwalt stellt Ermittlungen ein

Wer auf die Krim reist, lebt gefährlich. Das hatte Jörg Tauss im Juli 2017 erfahren, als ihn der Staatsanwalt im badischen Kraichtal mit einem Durchsuchungsbeschluss heimsuchte (Kontext berichtete). Der Grund: Als Vorsitzender der West-Ost-Gesellschaft Baden-Württemberg (WOG) hatte er eine Reise auf die von Russland annektierte Insel organisiert - und gegen den EU-Boykott verstoßen. So sah es zumindest das SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium, das den früheren Genossen mit einer Anzeige überraschte. Die Karlsruher Strafverfolger erkannten einen Anfangsverdacht und rückten wegen "Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz" aus. Jetzt haben sie die Ermittlungen eingestellt. Für den ehemaligen SPD-Generalsekretär Tauss ist die Angelegenheit damit noch nicht erledigt. Von Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries will er nach wie vor wissen, wie es zu der Anzeige gekommen ist, mit der Städtepartnerschaften auf der Krim "kriminalisiert" würden. Baden-Baden, Heidelberg und Ludwigsburg pflegen sie. (21.11.2017)


Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


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Durch Burladingen geht ein Riss. Fotos: Joachim E. Röttgers

Durch Burladingen geht ein Riss. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 323
Gesellschaft

Rechtsabbiegen in Burladingen

Von Susanne Stiefel
Datum: 07.06.2017
Burladingen, ein Städtchen am Rande der Schwäbischen Alb, war bisher allenfalls durch Trigema bekannt. Jetzt hat es auch der Bürgermeister zu einer gewissen Berühmtheit gebracht: als Fan der AfD.

So viel Hass auf eine Liebesbotschaft! Die Reaktionen auf ihren Valentinsgruß haben Bonita Grupp kalt erwischt. Vor einem Jahr hatte die Frau, die bei Trigema für E-Commerce zuständig ist, ein Bild gepostet von einem verliebten Paar, das sich hinter einem Herzen küsst. Sie weiß, er dunkelhäutig, beide beschäftigt bei Trigema. Das Textilunternehmen ist der größte Arbeitgeber am Ort, Bonita Grupps Vater der Chef, 18 Flüchtlinge haben sie als Näher angestellt. "Wir dulden weder auf Facebook noch in unserer Betriebsfamilie Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht oder Religion": Mit dieser Erklärung hat sie sich damals öffentlich gegen die rassistischen Ausfälle gestemmt. Für die junge Frau, Internat in der Schweiz, Studium in England, Freunde aus Polen und Frankreich, kamen die nationalistischen Töne gegen alles Fremde überraschend.

Ihr Bild lacht von den weißen Lastwagen, die im Hof von Trigema stehen. Bonita Grupp empfängt im gläsernen Besucherzimmer, von wo aus sie ihren Heimatort betrachten kann. Eine Kleinstadt am Rande der Schwäbischen Alb, 12 000 Einwohner, eigentlich eher ein Straßendorf, das namenlos wäre, gäbe es nicht ihren Vater Wolfgang Grupp, einen der berühmtesten Mittelständler Deutschlands. Und gäbe es nicht das Problem mit den Rechten, mit dem Bürgermeister, der zu ihnen gehört. "Man darf sich nicht verstecken", sagt die 27-Jährige, "nicht in diesen Zeiten".

Auf den LKW gekommen: Grupp-Geschwister Bonita und Wolfgang.
Auf den LKW gekommen: Grupp-Geschwister Bonita und Wolfgang.

Hier, nahe der Hohenzollern Burg, werden die Betten zeitig aus dem Fenster gehängt, damit die Nachbarn sehen, dass man nicht mehr faul in der Kiste liegt. Rabenschwarz war das Städtchen schon immer. Die SPD gilt hier als revolutionäre Partei und kriegt seit 15 Jahren keine Ortsgruppe mehr auf die Beine. Im Gemeinderat sitzen nur Freie Wähler und CDU.

Und die gehen jetzt auf die Barrikaden. Wegen ihres Bürgermeisters Harry Ebert, der sich an die AfD ranschmeißt, mit rassistischen Äußerungen zündelt und seine Stadträte beleidigt. Das ist dann doch zu viel. Sie habe Ebert als Parteilosen gewählt, erzählt Bonita Grupp, "schade, dass er in dieser Amtszeit vieles kaputt macht".

Tatsächlich hat der Schultes Burladingens Ruf als braunes Gelände noch verstärkt. Seit er vor einem Jahr seine Sympathie für die AfD bekundete, nachhaltig im Amtsblatt notiert, schlagen die Wogen hoch. Die Fraktionsvorsitzenden haben die Brocken hingeschmissen, die beiden Stellvertreterinnen des Stadtoberhaupts auch. Eine davon ist Rosi Steinberg von den Freien Wählern. Im Hauptberuf betreibt sie einen Kosmetiksalon.

Kaum Möglichkeiten, den rechten Bürgermeister loszuwerden

Ein schwieriger Mensch sei er schon immer gewesen, bescheinigt sie dem Bürgermeister. Einer mit der Tendenz zur beleidigten Leberwurst, wenn es nicht nach seinem Kopf ging. Das haben sie noch geschluckt, die rechtsdrehenden Schmähungen nicht mehr. Ebert hatte seine Stadträte als "Landeier" beschimpft, ihren Besuch einer Flüchtlingsunterkunft als "Asylantenschau" verhöhnt und das kirchliche Heim für geflüchtete Jugendliche als "Armleuchterprojekt" diffamiert. Und dabei "war das hier so eine Idylle", seufzt Steinberg.

Kosmetikerin und Stadträtin Rosi Steinberg (FW).
Kosmetikerin und Stadträtin Rosi Steinberg (FW).

Derzeit läuft ein Disziplinarverfahren gegen den Mann, der seit Wochen nicht mit der Presse redet und mit seinen Stadträten nur das Nötigste. Grund ist Eberts respektloser Umgang mit den Stadträten. Dass er noch bis zur nächsten Wahl 2023 im Amt bleiben soll ist für viele eine schreckliche Vorstellung. Aber im Ländle ist ein Bürgermeister ein kleiner König, im Grunde nicht abwählbar, oder wie man in Burladingen sagt: "Es ist einfacher, eine eingeölte Sau mit bloßen Händen zu fangen, als in Baden-Württemberg einen Bürgermeister loszuwerden." Auch Wolfgang Grupp, der Trigema-Chef, Herr über 1200 Arbeitsplätze und damit wirklicher König von Burladingen, ist mit seinen Vermittlungsversuchen gescheitert.

Rosi Steinberg, weiß, was die Leute reden. Seit 45 Jahren ist sie die Schönmacherin der Gemeinde. In ihrem Salon wird unter der Entspannungsmaske so manches erzählt. Dass man den Ebert doch endlich in Ruhe lassen solle. Aber auch, dass man ihn "het missa liega lau", als er mit seinem BMX-Rad gestürzt war. Was übersetzt so viel heißt wie: Man hätte nicht den Rettungshubschrauber holen sollen. Es herrscht ein rauer Ton auf der Schwäbischen Alb. Sie hat auch davon gehört, dass vor wenigen Wochen das Haus eines Burladinger Reichsbürgers nach Waffen durchsucht wurde. "Um Gottes Willen, jetzt auch noch Reichsbürger", hat sie gedacht. Als ob der Ruf nicht schon braun genug wäre. Steinberg will, dass wieder Frieden einkehrt. "Die Burladinger sind konservativ, aber keine Ausländerhasser", sagt sie.

Die Kosmetikerin ist eine unverbesserliche Optimistin. "Brause" nennen sie ihre Freunde, weil ihr Temperament auch manchmal überschäumt, vor allem, wenn es um den kleinen König Harry Ebert geht. Den großen König, den Wolfgang Grupp, verehrt sie, "seine Eleganz, seine Aura". Einmal hat sie sich dabei ertappt, wie sie auf die Bremse stieg, als sie ihn am Straßenrand auf eine Lücke im Autostrom warten sah. So einer muss doch immer Vorfahrt haben. Sie hat dann doch wieder Gas gegeben, schließlich gibt es offiziell ja keine Könige mehr. Auch nicht in Burladingen.

Kinobesitzer Ludwig Schülzle.
Kinobesitzer Ludwig Schülzle.

Er lasse sich seine Stadt nicht braun anmalen, sagte Harry Ebert, nachdem Rechtsradikale 2006 auf dem örtlichen Weihnachtsmarkt eine Massenschlägerei provoziert hatten. Darüber hat so mancher bitter gelacht. Neonazis sind hier schon lange ein Problem. Seit 2005 gab es immer wieder Übergriffe bei Grillfesten, wo Neonazis ausländische Jugendliche angriffen. Zuletzt, im April 2015, wurden Hakenkreuze und rechte Parolen an das örtliche Kino gesprüht. Ludwig Schülzle hatte in seinen Alb-Lichtspielen die Rechtsrock-Dokumentation "Blut muss fließen – undercover unter Nazis" gezeigt. Organisiert von der antifaschistischen Alboffensive.

Den anschließenden Film über den Hitler-Attentäter Georg Elser hat der 81-Jährige zunächst aus dem Programm genommen, weil er nicht schon wieder Hakenkreuze wegputzen wollte. Er hat den Film dann doch noch gezeigt. Die CDU hat ihn unterstützt mit einer Erklärung, die Vereine haben zum gemeinsamen Kinobesuch aufgerufen. Nur vom Bürgermeister kam keine Reaktion.

Melchingen hat reagiert – mit Menschenrechten und Grundgesetz.
Melchingen hat reagiert – mit Menschenrechten und Grundgesetz.

Dafür aus dem Teilort Melchingen und vom dortigen Theater Lindenhof. Die Theaterleute um Stefan Hallmayer haben ihre eigene Elser-Aufführung aus Solidarität mit dem Kinobesitzer wieder ins Programm genommen. In Melchingen ist man Fremdschämen gewohnt. Und hält genauso zuverlässig dagegen. Der 900-Seelen-Ort hat seit 20 Jahren eine Frau als Ortsvorsteherin, die erste im Zollernalbkreis, und darauf sind sie hier stolz. Hier kommen die wenigen SPD-Stimmen her, die das Burladinger Wahlergebnis immer ein wenig bunter machen. Der Ortschaftsrat hat vor wenigen Wochen einstimmig beschlossen, die Burladinger Verhältnisse deutlich zu kommentieren. Seitdem hängen an der örtlichen Bushaltestelle großflächig die Menschenrechte und das Grundgesetz. Und wer in der hübschen Dorfkneipe "Schlingelnudeln Dorfsau" isst, wird nicht nur satt, sondern von der Bedienung auch stolz auf diesen plakativen Protest hingewiesen.

Mut nur im Kleinformat

In Burladingen ist der Protest weniger sichtbar. Kein Plakat an der großen Straße, die die kleine Stadt durchschneidet. Nur wer gute Augen hat, erkennt den briefmarkengroßen Aufkleber, der hinterm Rathaus am Schild "Kundenparkplatz" angebracht ist: "Wer dem Rechtspopulismus nach dem Mund redet, hat sein Verantwortungsgefühl verloren und sollte als Bürgermeister abtreten". Mut im Kleinformat, Mundaufmachen eher selten. "Wer sich hier aus dem Fenster lehnt, spürt Gegenwind", weiß Karin Dinkelacker, die evangelische Pfarrersfrau. Im Pfarrhaus hängt ein Schild: "Dieser Bürgermeister spricht nicht in meinem Namen. Karin Dinkelacker, Landei a.D." Die ehemalige Stadträtin steht auch auf der Unterschriftenliste derer, die sich vom Bürgermeister distanzieren. "Es gibt grünere Auen als Burladingen", sagt sie und denkt laut darüber nach, ob es nicht besser wäre, den unwirtlichen Ort zu verlassen.

Tipsy Peucker mit ihren Alpakas Schoko und Karamel.
Tipsy Peucker mit ihren Alpakas Schoko und Karamel.

Tipsy Peucker tut das nicht, obwohl sie Grund dazu hätte. Zwei ihrer Alpakas waren plötzlich tot, und sie hat Hassmails bekommen, in denen stand, mit ihr solle man dasselbe machen. Die Reittherapeutin vermutet, dass die Tiere vergiftet worden sind. Warum? Weil sie Unterschriften gesammelt hat gegen die rassistischen Sprüche des Harry Ebert, um zu zeigen, "dass es in Burladingen Leute gibt, die anders denken als der Bürgermeister". Gemeinsam mit ihrer Mutter hat sie 120 Mutige gefunden.

Unterm Tisch liegt Siegfried, der Wachhund, im Kinderhaus daneben räkelt sich die Katze und die 40-Jährige sitzt im Garten ihres Reiterhofs, wenige Kilometer über Burladingen. "Jetzt erst recht", hat sie sich gesagt, "wer Angst bekommt, hat verloren." Wenn Oma und Opa von Hitler erzählt haben, habe sie sich immer gefragt, wie konnte das passieren? Sie will das Feld nicht räumen. "Ich pack doch net meinen Traum zusammen, das seh' ich überhaupt nicht ein." Eine Freundin hat ihr einen Sticker gebastelt, "Je suis Alpaka" steht darauf. Der Bürgermeister hingegen hatte die Gerüchte um den Tod der Tiere mit einem grinsenden Alpakafoto auf Facebook kommentiert.

Wenn auf der Schwäbischen Alb der Dorfsegen schief hängt, ist der katholische Pfarrer gefragt. Doch Konrad Bueb hat viel zu tun ("110 Beerdigungen im Jahr"), ist 65 Jahre alt und will sich nicht in die Politik einmischen. "Ich bin kein Don Camillo", sagt der kleine Mann. Die Vereinsvorsitzenden halten sich zurück, weil sie ahnen, dass sie mit diesem Bürgermeister, den die Burladinger erst vor zwei Jahren im Amt bestätigt haben, noch Jahre werden auskommen müssen. Schließlich muss auch künftig hier ein Vereinsheim renoviert oder dort ein Vordach genehmigt werden. Und mancher Zaun steht auch nicht dort, wo er sollte. Da hält man sich lieber raus. Es sind die Frauen, die sich nicht einschüchtern lassen. Sie machen den Mund auf, egal ob CDU, Freie Wähler oder Grünensympathisantin. Egal, ob sie konservativ, gläubig oder ängstlich sind.

Kein Don Camillo: Pfarrer Konrad Bueb.
Kein Don Camillo: Pfarrer Konrad Bueb.

Sie wagen sich zu einer Veranstaltung nach Melchingen. Zu den Aufmüpfigen, die Bürgermeister Ebert an der Fasnet gehörig eingeschenkt haben: ein Bonsai-Trump sei er, der auf Facebook rechte Parolen rumschmiert. In das Theater, das viele Burladinger nur mit hochgeschlagenem Kragen betreten, wie Rosi Steinberg sagt. Gemeinsam mit ihrer CDU-Fraktionskollegin Dörte Conradi und mit Bonita Grupp will sie "Farbe bekennen gegen braun." Auf offener Bühne.

Auch Tipsy Peucker versteckt sich nicht. Die Idee einer Demonstration für Toleranz und gegen Ausländerfeindlichkeit hat sie verworfen. Denn eine kleine Stadt, die einen König hat und einen Bürgermeister, der sich wie ein Nebenkönig fühlt, ist in demokratischen Protestformen nicht erprobt. Doch sie hat eine andere Idee. Sie will 1000 bunte Luftballons steigen lassen. In allen Ortsteilen. Jeder Ballon ein Symbol für eine bunte, vielfältige und tolerante Gesellschaft.

 

Info:

Farbe bekennen gegen Braun: eine Veranstaltung von taz, Kontext und dem Theater Lindenhof am Freitag, 9. Juni, in Melchingen im Theater. Beginn 20 Uhr.

Auf dem Podium: Bonita Grupp, Dörte Conradi (CDU) und Rosi Steinberg (FW) aus Burladingen. Theaterchef Stefan Hallmayer und der Büttenschreiber Gregor Götz aus Melchingen und Andreas Hauser, für die Linken im Kreistag Zollernalb.

Moderation: Susanne Stiefel (Kontext)


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