Das Theater am Lindenhof zeigt Rückgrat. 2008 spielte die Truppe ihr "Elser"-Stück trotz Naziübergriffen. Foto: Theater Lindenhof

Ausgabe 216
Überm Kesselrand

Schafft eins, zwei, viele Dörfer im Widerstand

Von Gastautor Stefan Hallmayer
Datum: 20.05.2015
Einschüchtern lassen haben sie sich noch nie, die Theaterleute vom Lindenhof. Nach den rechten Schmierereien und Drohungen gegen den Burladinger Kinobesitzer, der den "Elser"-Film gezeigt hat, bekennen sie einmal mehr Farbe gegen rechts. Der Intendant der Melchinger Kulturschaffenden, sagt, warum jetzt erst recht.

Wir vom Theater Lindenhof sind froh, dass der Burladinger Kinobetreiber den Film "Elser – Er hätte die Welt verändert" trotz der Sprühattacken nun doch zeigt. Wir freuen uns, dass sich viele Burladinger Bürgerinnen solidarisch zeigten mit dem Kinobesitzer und demonstrativ zum Kino kamen. Einschüchterungen und gezielte Verunsicherung sind eine Methode, um Menschen, die sich um Aufklärung über rechtsnationales Gedankengut bemühen, von ihrem Vorhaben abzuhalten. Diese Einschüchterung darf nicht erfolgreich sein. Solche Verunsicherungsversuche haben auch wir Theaterleute vom Lindenhof in Melchingen schon oft erlebt.

Solche Attacken bringen ans Licht, was an Rassismus und rechtem Gedankengut meist im Dunkeln schlummert. Hier können wir als Kulturschaffende ansetzen und im Theater einen offenen Diskurs über Meinungen und Haltungen anregen. Das tun wir in Melchingen mit einer Podiumsdiskussion im Theater Lindenhof unter der Überschrift "Ignorieren oder reagieren". Außerdem spielen wir an diesem 3. Juni vor dieser Sonderveranstaltung unser Theaterstück "Georg Elser – Allein gegen Hitler". Denn mit diesem Stück machten wir unsere ganz eigenen Erfahrungen mit der rechten Szene.

Am Tag der Premiere im Februar 2008 verteilten Nachwuchs-NPDler Flugblätter an unser Premierenpublikum. Dabei kam es zur Konfrontation zwischen den jungen Männern und dem früheren SPD-Landtagsabgeordneten Gerd Weimer, der unter unseren Gästen war und dem der Kragen platzte, als er las, Elser sei ein feiger Mörder und ein falsches Vorbild. Wir zeigten den Vorfall an, die Staatsanwaltschaft ermittelte, die für das Flugblatt Verantwortliche NPD-Aktivistin aus Bisingen, Edda Schmidt, musste sich vor Gericht verantworten. Sie wurde zu 90 Tagessätzen à 10 Euro verurteilt und legte Berufung ein. Ihrem Widerspruch wurde vom Verfassungsgericht in Karlsruhe stattgegeben und das Verfahren mit der Begründung der Meinungsfreiheit an das Landgericht Hechingen zurückgewiesen.

Die Folgen: Triumph bei den Rechtsradikalen, die sich nun als Hüter der Meinungsfreiheit präsentierten. Wenige Tage nach dem Urteil lagen wieder Flugblätter in Melchinger Briefkästen, diesmal mit noch schärfer formulierten Hetzparolen. Ein Urteil über dieses Flugblatt im Jahr 2012 hat es nie gegeben. In einer Verfügung empfahl die Staatsanwaltschaft Hechingen, von einem Ermittlungsverfahren abzusehen.

Dies und auch die Schmierereien und Drohungen in Burladingen zeigen, dass rechte Aktivisten organisiert vorgehen.

In letzter Zeit werde ich immer wieder gefragt, ob wir vom Theater Lindenhof nicht genug davon hätten, uns mit Stoffen aus der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Mit Stücken wie "Georg Elser – Allein gegen Hitler", "Stauffenbergs Schwur", "Empfänger unbekannt" oder "Ein Dorf im Widerstand". Denn die provozieren Flugblattaktionen, kontroverse Bewertungen und Leserbriefschlachten in der örtlichen Presse.

Nein, sage ich dann immer. Wir haben noch lange nicht genug davon. Wir dürfen nicht aufhören zu fragen: Wohin führt rechtsnationaler Wahnsinn? Wir dürfen nicht aufhören, uns die Frage zu stellen: Wie kann das geschehen? Wo schlummert Hass und Fremdenfeindlichkeit im Verborgenen, bevor er mit Schrecken ausbricht und unschuldige Menschen einschüchtert, ausgrenzt, demütigt und gar vernichtet? Wir dürfen nicht aufhören, wachsam nach den Ausgangspunkten inhumaner und unsere moderne Gesellschaft verachtender Einstellungen zu forschen. Wir dürfen nicht wegschauen und uns in der falschen Hoffnung wiegen, dass alles gut ist. Die NSU-Morde sind ein furchtbares Zeichen dieser Fehleinschätzung.

Nicht alle Attacken von rechts sind so auffällig wir die Schmierereien am Kino in Burladingen. Hier ist man sich wenigstens darüber einig, dass dies eine Straftat ist. Ermittlungen wurden eingeleitet. Aber schon die Flugblattaktionen an unserem Theater und der Karlsruher Beschluss zeigen, dass Einschüchterungsversuche und Beleidigungen rechtsstaatlich nicht immer sanktioniert werden.

Doch wir lassen uns nicht einschüchtern. Das Team des Theaters Lindenhof hat auf seiner Mitarbeiterversammlung beschlossen, aus Solidarität mit dem Kinobesitzer in Burladingen diese Sonderveranstaltung am 3. Juni zu planen. Jetzt erst recht! Wir haben den Spielplan geändert und werden erneut unser "Elser"-Theaterstück zeigen. Gerade nach Burladingen: Solidarität in Melchingen. Es braucht mehr als ein Dorf, es braucht viele Dörfer im Widerstand. Auch auf der Schwäbischen Alb.

 

Stefan Hallmayer ist Mitbegründer und Intendant des Theaters Lindenhof in Melchingen.


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4 Kommentare verfügbar

  • Lisa Dömeland
    am 26.05.2015
    Nicht aufhören! Und ich glaube nicht, dass hier etwas größer gemacht wird, als es ist. Ich bin von meinem achten bis dreizehnten Lebensjahr in einem schwäbischen Dorf unweit von Melchingen aufgewachsen. Eine sehr traumatische Zeit für mich. Ausgrenzung, Mobbing, Prügel, rechte Parolen waren an der Tagesordnung. Ich stamme nicht aus dem Ausland. Ich bin blond und blauäugig, aber mein Zeugnisheft hatte einen anderen Umschlag und meine Eltern wählten die Republikaner nicht. Im Nachhinein habe ich mich manchmal gefragt, ob das Trinkwasser auf der Alb wirklich so gut ist...
  • Harald Habich
    am 22.05.2015
    Zu Herrn Ulrich möchte ich kurz entgegnen, dass es die Strategie der etablierten Parteien sowie der Verwaltung in den neuen Bundesländern war, den rechten Kräften nichts entgegen zu setzen und auf stille Ignoranz zu schalten, um die rechten Kräfte nicht größer zu machen. Leider hat man sie dabei kleiner gemacht als sie tatsächlich waren! Dies ist auf jeden Fall nicht der richtige Weg. Vor Ort muß eine geistig-politische Auseinandersetzung stattfinden, wobei die Beteiligung aller Bürger und Einrichtungen gefragt ist.
  • Brigitte Wagner
    am 21.05.2015
    "Ein Dorf im Widerstand" war der Titel eines Theaterabends, der die Teilnahme von Mössingen am Generalstreik gegen Hitler im Januar 1933 thematisierte.
    Man darf also auch an dieser Stelle erfreut sein über die Stückauswahl eines kleinen Theaters auf der Schwäbischen Alb und sich für die Zukunft ruhig wieder mehr davon wünschen.
  • Hartmann Ulrich
    am 20.05.2015
    "Dörfer im Widerstand" - das klingt nach Asterix und als ob die Rechtsradikalen bei uns die Macht hätten. Haben sie nicht, und wir sollten ihnen auch nicht die Ehre antun, sie größer zu machen als sie sind.

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