Innere Schweinehunde im Angebot, weil der Weltmarktführer auch nicht immer gut drauf ist. Foto: Hans Kumpf

Innere Schweinehunde im Angebot, weil der Weltmarktführer auch nicht immer gut drauf ist. Foto: Hans Kumpf

Ausgabe 411
Wirtschaft

Mittelstand mit Schweinehund

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 13.02.2019
Was das genau ist, weiß man nicht: ein Weltmarktführer. Klar ist nur, dass es in Schwäbisch Hall ein Gipfeltreffen gibt, bei dem diese Spezies geladen ist. Grund genug, sich umzuschauen.

Stets zu Jahresbeginn, noch vor den ersten Schneeglöckchen, tauchen im Hohenlohischen merkwürdige Gestalten auf. Sie sind meist männlich, tragen dunkle Anzüge, fahren schwarze Autos und nennen sich "Hidden Champions". Sie wollen von den Besten lernen und eilen deshalb "zum Gipfeltreffen der Weltmarktführer" in Schwäbisch Hall, das weltweit durch seine Bausparkasse bekannt ist. Auf diese Steine können Sie bauen. Davor steht ein fetter SUV von Jaguar als Anschauungsobjekt.

Drei der Granden: Schraubenkönig Reinhold Würth mit den (Ex-)Wirtschaftsministern Peter Altmaier und Walter Döring (v. l.). Foto: Hans Kumpf
Drei der Granden: Schraubenkönig Reinhold Würth mit Peter Altmaier und Walter Döring (v. l.). Foto: Hans Kumpf

Zum neunten Mal erklimmen sie bereits diesen Summit, weshalb man auch schon vom hohenlohischen "Davosle" spricht. Das ist voll okay, weil da einer ist, der Davos auf seine Weise, eben auf die hohenlohische, verkörpert: Reinhold Würth, 83, der bodenständig-bescheidene Schraubenmilliardär. Und wer bringt ihn alljährlich zum Leuchten? Walter Döring, 64, der frühere Wirtschaftsminister im Ländle. Beide sind bei der FDP, wobei ersterer auch schon angedroht hat, aus dieser Partei auszutreten, weil sie ihn in seinem Steuerhinterziehungsverfahren nicht unterstützt hat. Aber das ist nicht wichtig. Schon gar nicht für die 500 Gäste, die bis zu 1990 Euro für zweieinhalb Tage zahlen.

Inzwischen können sie auch ungestört vor sich hin gipfeln, weil sich der Protest in Hall auf eine "geistige Demonstration" verlegt hat. Ein Bündnis aus Gewerkschaften, attac, Kirchen und dem ewiglinken Club Alpha 60 kontert die Weltmarktführer auf "satirische Weise" mit einer "Akademie der Weltmarktverlierer" und nicht mehr mit bösen Transparenten. Ganz und gar nicht lustig sind freilich die Themen. Während Döring seine Gäste auf dem "Forum des Optimismus" begrüßt, geißeln ein paar hundert Meter weiter Theologen die "Armut und Wohnungsnot in einem reichen Land" und die "Rohstoffplünderung" in Afrika. Die Elite der Erfolgreichen, poltern die Gegner, verhielte sich wie die "Sonnenkönige des Absolutismus" auf ihrem "neoliberalen Gipfel".

Auch Reinhold Würth hat einmal klein angefangen

Aber: Auch Reinhold Würth war einmal arm. Er hat seine Anstrengung nie verleugnet, wenn er von seinem Leiterwägele erzählt hat, in dem er die Schrauben in bitterkalten Nächten ausgeliefert hat. Nur so schafft man Großes, wie etwa die Hundertmeteryacht, die er zuletzt vor der Freiheitsstatue in New York geparkt hat. Nur so kann man etwas an die Allgemeinheit zurückgeben. Etwa in Form der Kunsthalle Würth, in dem das "CEO-Event" für die Firmenlenker stattfindet. Oder als Carmen-Würth-Forum, in dem der Galaabend veranstaltet wird, untermalt von den Würth-Philharmonikern, die dem Sprecher der Konzernführung von Würth, Robert Friedmann, aufspielen. Letzterer wünscht sich "wertschöpfende Gespräche".

Auch Walter Döring wollte immer Großes. In seiner Zeit als Politiker wurde er als "Windmaschine" bezeichnet, weil er es schaffte, den Blätterwald, der damals noch aus Holz war, mächtig zum Rauschen zu bringen. Später, als er über eine Hunzinger-Spende stolperte und Unternehmer wurde, hielt er sich auch noch in den Schlagzeilen, allerdings in anderer Tonalität. Sei's in der Küche (Alno), auf der Felge (BBS) oder bei der Windreich AG, da gab's nur Geld und irgendwann die Pleite. Aber der Tausendsassa aus Schwäbisch Hall hat alle überlebt, auch den Staatsanwalt.

Süßes zwischendurch. Foto: Kontext
Süßes zwischendurch. Foto: Kontext

Peanuts würde er wohl sagen, angesichts seiner Bedeutung, der Zelebrität seiner Gäste und deren Visionen. Diesmal heißt Doktor Döring, den Würths Vormann Friedmann gleich zum "Professor" erhebt, eine Delegation aus China willkommen. Der aus Frankfurt angereiste Generalkonsul zeigt sich erfreut, das Jahr des Schweines ausrufen und gute Geschäfte wünschen zu können. Allerdings, so schränkt er ein, falle das Glück auch im Jahr des Schweines nicht vom Himmel. Und Döring sagt, demnächst werde man in China tagen, auf einer Achse zwischen New York, Schwäbisch Hall und Peking. Von Menschenrechten sagt er nichts. Dasselbe gilt für Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU), der auch redet.

Für die Moral ist Josef (Joe) Kaeser von Siemens zuständig. Auch so ein Hidden Champion. Der Vorstandsvorsitzende des Weltkonzerns hat sich das Thema "Soziale Verantwortung in bewegten Zeiten" vorgenommen und erscheint dabei, wie das "Haller Tagblatt" später notieren soll, als "moralische Instanz, die über dem Tagesgeschäft schwebt", als ein Mensch, der größer aus der Halle gegangen sei, als er herein gekommen war. Mit offenem Hemdkragen und der Botschaft, dass ein Unternehmer Herz und Seele sowie Grundanständigkeit und Respektfähigkeit benötige (Das hat ihn lange mit der Frage ringen lassen, was wichtiger ist: Geschäfte mit der Saudi-Diktatur oder die Ermordung des Journalisten Khashoggi?). Großer Beifall begleitet den 61-Jährigen, der sich um die Gesellschaft sorgt. Angesichts von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz müsste auch den 40-Jährigen ein "würdevolles Altern" garantiert werden, fordert Kaeser. Schwere Kost. Ein Glück, dass sich die Sterne-Köche alle Mühe geben, die strapazierten Gäste zu stärken.

Der Gipfel des Treffens: Nicola Leibinger-Kammüller

Und ein Tusch auf den schwäbischen Kapitalismus, der sich hier, getarnt als Mittelstand, zum Hochamt mit Abendmahl einfindet. Alle Tüftler und Denker, gerne versteckt hinter hohen Büschen und bei der Bausparkasse daheim. Aber stets auf dem Sprung, das nächste Toplevel zu erreichen, sei's im Verpackungsbusiness, im Kosmetikgewerbe oder in der IT-Welt. Da hilft, zuhause auf dem Nachtkästchen, der putzige innere Schweinehund, den freundliche Hostessen verteilen. Für den Fall, dass der Optimismus, den Gastgeber Döring nachhaltig einfordert, morgens in der Früh noch zu wünschen übrig lässt.

Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller (links) mit Miriam Meckel, Herausgeberin der Wirtschaftswoche. Das Publikum: gewichtig, männlich. Foto: Hans Kumpf
Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller (links) mit Miriam Meckel beim Kamingespräch. Das Publikum: gewichtig, männlich. Foto: Hans Kumpf

Gut deshalb, dass auch die "Wirtschaftswoche" mit dabei ist, deren Ressort "Erfolg" die Sache moderiert. Sie wird zwar in Düsseldorf gemacht, gehört aber dem Stuttgarter Dieter von Holtzbrinck, wodurch die schwäbische Ernsthaftigkeit erhalten bleibt. Die "WiWo"-Truppe ist in Mannschaftsstärke vor Ort und trägt die Kunde vom Erfolg der Besten hinaus in alle Welt. Selbstverständlich ist auch Holtzbrinck ein Mittelständler, so wie der andere aus dem nahen Ditzingen (Kreis Ludwigsburg) auch einer ist: Die Trumpf GmbH + Co. KG, der weltweit größte Anbieter von Werkzeugmaschinen mit 13 400 Mitarbeitern und 3,6 Milliarden Euro Umsatz. Deren Chefin ist Nicola Leibinger-Kammüller und, man kennt und schätzt sich, sie ist der diesjährige Star des Gipfeltreffens.

Walter Döring bekennt, dass er der Unternehmerin, die im Holtzbrinck-Verlag als "Lichtgestalt" gilt, neun Jahre im Ohr gelegen ist, bis sie endlich zugesagt hat. Das ist nachvollziehbar, nicht wegen des Hallers Hartnäckigkeit, sondern wegen der Ditzinger Dosis Demut, die Zurückhaltung verlangt. Der Familienkodex, erläutert die 59-jährige Leibinger-Kammüller, schreibe ein "bescheidenes Auftreten" vor, was dem Wesen einer Talkshow quer liegt. Man schreibe sogar noch Briefe. Mit der Hand. Solche Bühnen, auch wenn sie im Würth-Museum "Kamingespräch" heißen, sind erkennbar nicht ihre Welt. Dazu ist sie zu direkt, zu sperrig, noch zu erschreckbar, wenn sie von Moderatorin (und "WiWo"-Herausgeberin) Miriam Meckel gefragt wird, welcher Titel auf ihrer Autobiographie stehen soll. Vielleicht: "Mein Wille geschehe!" Auf keinen Fall, sagt sie und zuckt merklich zusammen, "das wäre Blasphemie". Ja, Gottesfurcht ist in Ditzingen auch noch daheim.

Frau Professor Meckel, die zweite Ikone bei Holtzbrinck, ist eine verständnisvolle Gesprächspartnerin. Die Sache mit dem Buch vertieft sie nicht, sondern verfolgt ihren Lieblingsgedanken, die "Freude am Gestalten", weiter, klar strukturiert. "Ein bisschen Monarchie", sagt sie und strahlt, "ist doch schön". Da lacht auch Leibinger-Kammüller befreit auf, die Männerrunde vor ihr ebenso, und alles ist gut. Zusammen mit ihrem Sprecher strebt sie zum Auto und entschwindet in der Nacht. Noch vor dem Buffet. Aber das ist eine andere Geschichte.


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