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Die Akte Heilig ist geschlossen

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Mit ihren Aussagen hatten sie Anfang März den NSU-Untersuchungsausschuss erschüttert: der Vater und die Schwester von Florian Heilig, dem Aussteiger aus der rechten Szene, der vor zwei Jahren auf dem Cannstatter Wasen in seinem Auto verbrannte. Die Familie hätte es seither in der Hand, mehr Licht ins Dunkel des mysteriösen Todesfalls zu bringen. Aber sie weigert sich.

Das war keine schöne Begegnung. Gerhard Heilig sitzt gemeinsam mit seiner Tochter Tatjana unter den Zuhörern an diesem ersten Sitzungstag nach der Sommerpause. Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), geht zu ihm. Der Altenpfleger verweigert den Handschlag, will nicht mehr reden mit jenem Mann, in den die Familie so viel Hoffnung gesetzt hatte. Nicht inoffiziell und nicht offiziell. Jede Zusammenarbeit ist beendet. Kurz nach dem zweiten Todestag des Sohnes in der vergangenen Woche wurde das elterliche Haus in Eppingen durchsucht, in der Hoffnung, jene vier Gegenstände, oder zumindest zwei davon, beschlagnahmen zu können, die seit Mai in der Obhut des Landtagsgremiums sein sollten. So jedenfalls hatte es der Vater, als er Drexler noch vertraute, mit dem langjährigen SPD-Abgeordneten ausgemacht. Der Bewusstseinswandel kam überraschend – und gibt dem Ausschuss Rätsel auf, die er nicht lösen kann.

Allzu viel ist ungeklärt

Vor gut sechs Monaten hatten Vater und Tochter als Zeugen kaum fassbare Einzelheiten berichtet: wie desinteressiert die Polizei an den näheren Todesumständen gewesen ist, wie dilettantisch das Auto durchsucht worden war. Tatjana bricht in Tränen aus, beide bringen gute Gründe vor, warum sie einen Selbstmord – die Ermittler unterstellten wechsel- und fälschlicherweise als Motiv mal Liebeskummer, mal schlechte Noten – praktisch für ausgeschlossen hielten. Bei der Vernehmung der beteiligten Beamten kommen haarsträubende Einzelheiten an den Tag. Der zuständige, in Stuttgart bestens bekannte und inzwischen auf der Karriereleiter nach Karlsruhe abgewanderte Staatsanwalt Stefan Biehl bringt mit seiner Gleichgültigkeit sogar den früheren FDP-Justizminister Ulrich Goll, heute Obmann seiner Fraktion im NSU-Ausschuss, auf die Palme. "Ich bin erschüttert", wird sein SPD-Kollege Nik Sakellariou irgendwann bekennen. Und Gerhard Heilig bedankt sich bei Drexler für "die Wiederaufnahme": Sein Sohn sei "so jämmerlich gehängt worden".

Und jetzt bleibt doch so vieles ungeklärt. Yavuz Narin, der Anwalt der Hinterbliebenen, lässt sich zitieren mit der Einschätzung, die Abgeordneten verstünden sich "offenbar als verlängerter Arm des Innenministeriums". Der Vorwurf sitzt und ist nicht so einfach von der Hand zu weisen, nachdem ein Beamter aus dem Innenministerium mit einem Disziplinarverfahren überzogen wurde, weil der sich an den Ausschussvorsitzenden gewandt hatte. Drexler macht aus seiner Verärgerung über das Verhalten des Ministeriums in der Folge kein Hehl. Inzwischen sind einige wichtige Verfahrensabläufe verändert und Regierungsvertreter von bestimmten Informationen abgeschnitten. SPD-Innenminister Reinhold Gall, der den ganzen Untersuchungsausschuss nicht wollte, muss sich Behinderung der Aufklärungsarbeit vorwerfen lassen. "Wir sind doch gerade im Fall Kiesewetter auf Hinweisgeber angewiesen", sagt der Vorsitzende fast flehentlich.

Narin und Familie Heilig können sich aber zur Erklärung für ihren Strategiewechsel nicht auf diesen Vorgang berufen. Denn die Kooperation mit den Landtagsabgeordneten wurde Wochen vor dieser unerfreulichen Episode beendet. Datumsscharf kann Drexler die Abläufe vortragen, "um Verschwörungstheorien zu verhindern". Er berichtet von der Vereinbarung im Mai, einen Camcorder und den Laptop aus dem abgebrannten Auto zu übergeben, sowie vom Verlangen des Rechtsanwalts, einen Vertrag aufzusetzen. Das ist ohne Beispiel in der Geschichte von parlamentarischen Untersuchungsausschüssen. Dennoch hat sich das Stuttgarter Gremium darauf eingelassen. Zwei Monate wird verhandelt. Ende Juli bricht der Kontakt mit den Angehörigen komplett ab. Inzwischen ist sicher, dass es um vier Gegenstände geht; neben Laptop und Camcorder um ein Handy und eine Festplatte. Sechs Sommerwochen lang hat Drexler weiter auf eine Reaktion gewartet, bevor er beim Amtsgericht die Durchsuchung beantragte.

Luft für Spekulationen

Wieder kommt es zu Ungereimtheiten. Die Geräte befänden sich, so erklärte die Familie nach Rücksprache mit ihrem Rechtsanwalt den Beamten vor Ort, derzeit in dessen Gewahrsam. Eine Einwilligung in die Herausgabe wird abgelehnt. Der Rechtsanwalt gibt aber an, die Gegenstände nicht zu besitzen, und ohnehin habe die Familie während der Durchsuchung auch keine entsprechende Aussage gemacht. Mittlerweile sagt Drexler, er sei ratlos und wisse nun auch nicht mehr weiter. Alle Fraktionen entschieden am Montag gemeinsam, die Akte Heilig zu schließen.

Eine Hintertür bleibt offen: Sollte die Familie doch noch kooperieren, wird die Arbeit wieder aufgenommen. Kämen neue Ansatzpunkte auf den Tisch, würde sich das auch lohnen. Gerhard Heilig hatte in seiner Zeugenvernehmung berichtet, wie entschlossen sich sein Sohn herausgekämpft habe aus der rechten Szene, wie er immer wieder die Handynummer wechselte, um nicht weiter unter Druck gesetzt zu werden. Nach Kontakten mit der Polizei oder mit Beamten aus dem Aussteigerprogramm BIG Rex kamen die neuen Nummern seltsamerweise aber regelmäßig bei jenen an, von denen sich der Sohn losgesagt hatte. Dem nachzugehen wäre ein weites Feld für den Untersuchungsausschuss.

Genauso könnten Laptop, Camcorder, Handy und Festplatte wichtige Informationen enthalten: etwa darüber, ob sich der 21-Jährige kurz vor seinem Tod mit Sprüchen wie dem, dass im Münchener NSU-Prozess "nicht die Richtigen auf der Anklagebank sitzen", nur wichtigmachen wollte oder ob doch mehr dahintersteckte. Über seine letzten neun Stunden, denn die bisher ausgewerteten WhatsApp-Protokolle brechen zu früh ab, um 23.56 Uhr, postet er: "Du weißt nicht, was Du morgen erlebst. Du weißt nicht, ob Du morgen noch lebst." Wie hatte seine Mutter im Oktober 2013 in Kontext kommentiert: "Legislative, Judikative, Exekutive, ausführende Gewaltteilung des Staates, dies habe ich mehrmals in der Schule und in all meinen Weiterbildungen gelernt. Inzwischen haben diese Formen einen sehr negativen Beigeschmack. Florian war ein sehr lebenslustiger und kritischer Mensch. Er hatte so viele Träume, Wünsche und Ziele. Wer ihn gekannt hat, geht nicht von einem Suizid aus." Oder über mögliches Detailwissen zum NSU und dem Fall Kiesewetter, zu dem er an seinem Todestag hätte vernommen werden sollen. Tatjana Heilig hatte jedenfalls ausgesagt, als der NSU bekannt geworden sei, habe ihr Bruder gemeint, dass sei ein "Riesending", in dem auch "hohe Tiere" mit drinsteckten.

"Ich bedaure sehr", erklärt der Grünen-Obmann Jürgen Filius, "dass so gemauert wird." Eigentlich hatten die Abgeordneten mit der Familie zusätzlich einen Einblick in die Krankenakte vereinbart und wollten auch über den Facebook-Account mehr herausbekommen. Beides ist aber ohne Einwilligung der Angehörigen nicht möglich. "Wir haben von uns aus alle Details erfüllt, die vereinbart wurden", so Drexler. Es gebe keinerlei Erklärung dafür, was im Mai passierte. Auch deshalb sei er nach der Sitzung auf Gerhard Heilig zugegangen, "um wenigstens Guten Tag zu sagen."

Dem letzten Akt könnte auch ohne Zusammenarbeit ein allerletzer folgen, wenn Narin gegen die Durchsuchung in Eppingen vor Gericht vorgeht. Filius zuckt die Schultern: "Zur weiteren Aufklärung wird das auch nicht beitragen." Eher schon den Verdacht nähren, dass eine bisher geheim gehaltene Auswertung der Gegenstände durch von der Familie beauftragte Experten doch Ergebnisse brachte, die die Selbstmordtheorie stützen. Oder die belegen, dass Heilig stärker in der rechten Szene aktiv war, als seine Hinterbliebenen wussten.


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5 Kommentare verfügbar

  • Barolo
    am 26.09.2015
    Antworten
    Meiner Meinung kann der Aufklärungswille eines PUA nich abhängig davon sein, wie eine Familie Heilig sich verhält.
    Es wäre ein Armutszeugnis wenn es so wäre.
    Wenn der PUA wirklich aufklären wollte, hätte er die Mittel dazu.
    Beugehaft für Funke etc.
    Das offensichtliche Problem ist eben, das ein…
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