Goldener Hase auf der Neckarbrücke in Heilbronn. Fotos: Joachim E. Röttgers

Goldener Hase auf der Neckarbrücke in Heilbronn. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 215
Politik

Fischen im Trüben – der Fall Kiesewetter

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 13.05.2015
Der Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss nähert sich dem Hauptkomplex seiner Arbeit: mögliche Versäumnisse bei den Ermittlungen im Mordfall Kiesewetter aufzuklären. Die Analyse wird Monate in Anspruch nehmen. Auch weil die Pannenserie lange vor der Enttarnung der Rechtsterroristen begann.

Im Einsetzungsbeschluss, den der Landtag im November 2014 mit den Stimmen aller vier Fraktion auf den Tag genau drei Jahre nach dem Auffliegen des NSU in Eisenach gefasst hat, ist die selbst gestellte Aufgabe rund um die brutale Tat von Heilbronn klar umrissen. Die Abgeordneten wollen wissen, "ob es Hinweise auf einen rechtsextremistischen Hintergrund der Tat gab und ob ein rechtsextremistischer Hintergrund der Tat von den baden-württembergischen Justiz- und Sicherheitsbehörden hätte erkannt werden müssen"; ob Informationen zum Umfeld der 22-Jährigen Thüringerin früher hätte nachgegangen werden müssen; und nicht zuletzt, ob die so lange verfolgte Phantom-Spur den Blick auf anderes verstellt hat. In den Fragen schwingt der Vorwurf mit, dass sich die Behörden von Anfang an nicht ausreichend interessiert haben für die junge Frau, die nach ihrem Tod nicht einmal ihren Vornamen behalten durfte. Sie selber schrieb sich Michéle, alle Welt sagt heute, angestoßen nicht zuletzt von den Ermittlern, Michèle.

Juni 2007. Sieben Wochen nach der Tat konnte die Heilbronner Polizei endlich eine konkrete Spur präsentieren. Die Zeitung mit den ganz großen Buchstaben wurde als erste darüber informiert, dass Spezialisten am Tatort die DNA einer seit 14 Jahren gesuchten Serientäterin gefunden hatten. Auf einer eilends organisierten Pressekonferenz schwankten die Beamten zwischen Zuversicht und Zurückhaltung. Denn noch, sagte Heilbronns Polizeichef Roland Eisele damals, lasse das keinen Schluss auf eine unmittelbare Tatbeteiligung zu.

Die große Wattestäbchen-Panne

Was folgte, war ein beispielloser Ermittlungsmarathon über eineinhalb Jahre hinweg. Landespolizeipräsident Erwin Hetger sprach bald von einem "dicken Faustpfand", das man nun in der Hand halte, stellte sich vor, "wie sich die Täterin im Netz verfängt". Immer neue Vergleichsspuren in Deutschland, Österreich oder Frankreich tauchten auf, die ältesten davon aus dem Jahr 1993. Es gab keinerlei Fingerabdrücke oder Personenbeschreibungen, dafür aber jede Menge Spekulationen. Im Februar 2009 wanderte die Zuständigkeit ab zum Landeskriminalamt. Fünf Wochen später ist der Spuk vorbei: Nicht die gesuchte "Killerin" (BILD) hatte die DNA-Spuren hinterlassen, sondern die Mitarbeiterin einer Wattestäbchen-Firma aus Frickenhausen, deren Produkte an Hunderten Orten zur Spurensicherung benutzt worden waren.

In der Folge musste CDU-Innenminister Heribert Rech einräumen, dass österreichische Behörden schon im Spätherbst 2008 auf die Möglichkeit einer Verunreinigung hingewiesen hatten. Im Mai 2009 legte er eine Bilanz vor, wonach über 3000 Speichelproben erhoben worden waren, darunter von rund 600 "in der Vergangenheit einschlägig in Erscheinung getretenen Frauen". Die Verantwortlichen beteuern immer wieder, dass das Phantom, die "UwP" (Unbekannte weiblichen Person), wie es im Beamtenjargon hieß, zwar viele Kräfte gebunden habe, dass aber in andere Richtungen desgleichen intensiv gedacht worden sei. Die zur Aufarbeitung der Ermittlungen von SPD-Innenminister Reinhold Gall eingesetzte EG Umfeld verteilte in ihrem Abschlussbericht die Verantwortung vorsorglich auf mehrere Schultern: "Im Ergebnis ist zu konstatieren, dass die ermittelnde Polizei nicht frei in den strafrechtlichen Ermittlungen ist; strafrechtliche Ermittlungsstände und Ermittlungsergebnisse unterliegen demnach einer ständigen Wertung durch die ermittlungsleitende Staatsanwaltschaft als Anklagebehörde."

Denkmal für die ermordete Polizistin am Tatort in Heilbronn.
Denkmal für die ermordete Polizistin am Tatort in Heilbronn.

Von den Untersuchungsausschüssen in Berlin und Erfurt wurde herausgearbeitet, wie eng die Verbindungen der Bereitschaftspolizistin in ihre Heimat und damit – zumindest peripher – unweigerlich zur rechten Szene waren. Alex Mögelin, der dritte Einsatzleiter der Soko Parkplatz, gab den Landtagsabgeordneten Anfang Mai während der Vor-Ort-Begehung der Theresienwiese in Heilbronn allerdings einen Eindruck davon, dass dies im Land bis Ende 2011 eher kein Thema war: Die zweiköpfige Streifenwagenbesetzung, Kiesewetter und ihr später schwer verletzter Kollege Martin Arnold, sei in den Wochen und Monaten nach der Tat immer gemeinsam betrachtet worden. Ihr unterschiedlicher Hintergrund galt nicht als erheblich.

Mittlerweile trennt die Polizei zwischen Alt- und Neufall, also vor und nach dem Auffliegen des NSU. Jede Menge Spuren wurden noch einmal abgeklopft. Dennoch könnte sich im Laufe der nächsten Wochen als schwerer Fehler herausstellen, dass der Tod der Thüringerin nicht eigenständig durchleuchtet wurde. Und mögliche Nahtstellen zur rechten Szene in Baden-Württemberg dazu. 

Kiesewetters Onkel schöpft schon 2007 Verdacht

Zur Beerdigung am 2. Mai 2007 fahren 750 Polizisten aus Baden-Württemberg, danach bleiben die Kontakte spärlich. Viele der Bekannten in Oberweißbach, Kiesewetters Heimatort, werden überhaupt nicht gehört. Bei einigen, die inzwischen als Zeugen in den Untersuchungsausschüssen in Berlin und Erfurt aussagten, klopft das Bundeskriminalamt überhaupt erst Anfang 2012 an. Aktenvermerke liegen lange in den Schubladen, bevor sie ernsthaft aufgearbeitet werden. Etwa jener über einen Unbekannten, der regelmäßig Blumen aufs Grab der jungen Frau legt. Oder das Protokoll zu einem Gespräch nur zwei Tage nach der Beisetzung: Kiesewetters Onkel Mike W., auch er Polizist, unterhielt sich mit einem Kollegen bei einem Kaffee zum Dienstschluss im Aufenthaltsraum des Kriminaldauerdiensts über die Heilbronner Tat und eine Verbindung zu den "bundesweiten Türkenmorden". Und das viereinhalb Jahre, bevor die dem NSU zugeschrieben wurden. W. war dazu sogar vernommen worden: "Meiner Meinung nach besteht aufgrund der verwendeten Kaliber und der Pistolen, die ich aus den Medien kenne, ein Zusammenhang mit den bundesweiten Türkenmorden", steht im Protokoll zu lesen. Und weiter: "So viel ich weiß, soll ein Fahrradfahrer eine Rolle spielen, ich sage nicht, dass ein Zusammenhang besteht, ein Kollege hat mich nur angesprochen, dass ein Zusammenhang bestehen könnte." Später sagt er Widersprüchliches, erinnert sich nicht mehr genau. 

Der Hinweis wird nach dem Auffliegen des NSU wieder aufgegriffen. Mögelin, der Einsatzleiter der Soko Parkplatz in Heilbronn, bekommt ihn im November 2011 zu sehen. W.s ehemalige Lebensgefährtin Anja Wi. wird ebenfalls erst Ende 2011 zum Mord an der jungen Frau vernommen, die sie als Freundin betrachtete. Kiesewetter hielt regelmäßigen Kontakt zu Mike W., der zugleich ihr Patenonkel war, und zu dessen Freundin, ebenfalls bei der Polizei. Anja Wi. quittierte den Dienst, nachdem sie Informationen aus internen Datenbanken geholt hatte, darunter auch über Neonazis. Sie wurde suspendiert, zog vor Gericht, gewann, nahm dennoch den Hut, "um Ruhe zu haben". 

Im Abschlussbericht des Thüringer Ausschusses sind viele Details zusammengetragen, Anknüpfungspunkte an die rechte Szene, zu der Kiesewetter zahlreiche Beziehungen hatte. Über Anja etwa oder über eine Cousine, die mit einem Mitglied des Thüringer Heimatschutzes liiert war. Kiesewetter kannte Musiker rechter Bands, einen schon seit Kindertagen. Sie verkehrte in rechten Kneipen, in der Nähe ihres Elternhauses etabliert sich Ende 2005 ein Gasthof, eine Heimstatt für NPD-Mitglieder. Nur eine Woche ehe ihr Sarg zu den Klängen von Nenas "Wunder geschehen" in die Erde gelassen wird, ist sie daheim, um den Geburtstag ihrer Mutter mitzufeiern. Wilde Gerüchte ranken sich um diese Stippvisite: Musste sie sterben, weil sie an Informationen gekommen war, die dem – damals noch nicht bekannten – NSU gefährlich hätten werden können? Ausgerechnet BKA-Präsident Jörg Ziercke nährte die Spekulationen, als er Ende November 2011 die Möglichkeit einer Beziehungstat erwähnte und mutmaßte, dass sich die Wege des Opfers mit denen von Rechtsextremen in Oberweißbach gekreuzt haben könnten.

EG-Umfeld: Mundlos und Böhnhardt haben geschossen 

Schon bei der Beisetzung am 2. Mai 2007 sprach Landespolizeipräsident Hetger in seiner Trauerrede einen weiteren bis heute unaufgeklärten Punkt an: "Unglaublich tragisch" sei dieser Tod, weil Kiesewetter sich an dem Tag, "an dem sie ihr Leben verlor und der eigentlich ein Urlaubstag war, freiwillig zum Dienst meldete". Dieser Umstand stützt bis heute die These, sie sei eben doch ein Zufallsopfer geworden. "Der Tausch müsste schon sehr schnell sehr gezielt verraten worden sein, wenn Kiesewetter hätte getötet werden sollen", sagte der FDP-Obmann Ulrich Goll beim Vor-Ort-Termin in Heilbronn.

Acht Jahre sind eine lange Zeit. Viele Zeugen, die ab dem 22. Mai im Landtag gehört werden, dürften sich nicht mehr detailliert erinnern. Allerdings liegen den Abgeordneten umfangreiche Aussagen, Protokolle, Hunderte Aktenordner und die umfangreichen Abschlussberichte der Untersuchungsausschüsse im Bundestag und im Thüringer Landtag vor. Und nicht zuletzt die Theorie der Bundesanwaltschaft, die dieses Verbrechen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zur Last legt: Weil in dem am 4. November 2011 in Eisenach ausgebrannten Wohnmobil des NSU-Trios die Dienstwaffen von Kiesewetter und ihrem Kollegen und in ihrem Zwickauer Quartier die Heilbronner Tatwaffen gefunden wurden; weil einer Jogginghose, die laut DNA-Untersuchung Mundlos zugeschrieben wird, Blutspritzer der jungen Polizistin anhaften; oder wegen des Bekennervideos des NSU zu den Migrantenmorden, an dessen Ende unter anderem Bilder von der Spurensicherung am Tatort am Neckarufer, von der Gedenkfeier und eine Karte von Heilbronn eingeblendet sind. Die Mitglieder der EG Umfeld, von denen einige auch in den Landtag geladen werden, kommen nach ihrer Überprüfung der Kollegenarbeit ohnehin zu einem eindeutigen Schluss: "Auf die Polizeibeamtin Kiesewetter und ihren Streifenpartner haben Mundlos und Böhnhardt geschossen."


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