Auch Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des NSU-Aussschusses, wundert sich. Foto: Martin Storz

Auch Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des NSU-Aussschusses, wundert sich. Foto: Martin Storz

Ausgabe 212
Politik

"Geschwätz im Suff"

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 22.04.2015
Die "Neoschutzstaffel" ist offenbar das Hirngespinst junger Männer. Sie wollten prahlen in ihrem Freundeskreis, in dem Springerstiefel ebenso dazugehörten wie Hakenkreuze. Nur die Hitler-Verehrung, sagt einer der Zeugen im NSU-U-Ausschuss, sei ihm auf die Nerven gegangen.

"Nach wie vor gibt es in Baden-Württemberg keine konkreten Hinweise auf rechtsterroristische Gruppierungen und Strukturen", so steht es im Jahresbericht 2013 des Landesamts für Verfassungsschutz. Tatsächlich konnten jene Parlamentarier, die seit fast vier Monaten die Ermittlungen zum Nationalsozialistischen Untergrund im Land durchleuchten, keine Belege für eine angeblich besonders gefährliche und auch im Südwesten angesiedelte Organisation namens NSS finden. Der Aussteiger Florian Heilig hatte davon fabuliert. Seiner Familie gegenüber, Freunde kannten das Kürzel vom Hörensagen.

Am Montag hörte der Ausschuss drei Männer aus der rechten Szene im Unterland, darunter "Matze", der von der Polizei lange Zeit für ein Phantom gehalten wurde. Er will Anfang 2011 auf einer NPD-Demo in Dresden aufgefordert worden sein, die NSS mit zu begründen, er will einen Aufnahmeantrag unterschrieben haben, auf dem allerdings nur sein Name stand, ohne alle Kontaktdaten. Und er hat seinerseits Heilig mit einem selbst gebastelten Beitrittsformular geworben, weil er "was für Deutschland tun wollte". Schon in seiner Schulzeit, berichtet "Matze", habe er Schwierigkeiten mit Ausländern gehabt. Einen Mitläufer nennt er sich heute im Rückblick, an vieles will er sich nicht erinnern, dass er sich ein Hakenkreuz-Tattoo habe machen lassen, sei "eine Blödheit" gewesen. 

Die baden-württembergischen Verfassungsschützer hatten 2013 davor gewarnt, dass "auch im Bereich des Rechtsextremismus [...] grundsätzlich das Risiko besteht, dass radikalisierte Einzeltäter oder Kleinstgruppen die eigene Handlungsfähigkeit durch Gewalttaten unter Beweis stellen wollen". Den schmächtigen jungen Mann, der eher an einen 17- denn an einen 21-Jährigen erinnert, dürften sie damit eher nicht gemeint haben. Dennoch blicken die Abgeordneten und die vielen Zuhörer in Abgründe. Im Großraum Heilbronn, und sicher nicht nur dort, laufen in offensichtlich nicht geringer Zahl politisch völlig verwirrte Menschen herum, deren Gefahrenpotenzial niemand einschätzen kann, weil sie – wie die zuständigen Staatsschützer im Ausschuss erkennen ließen – nicht wirklich beobachtet und ernst genommen werden. 

Lauter Mitläufer – aber wer sagt, wo es langgeht?

"Matze", der Lagerlogistiker, der bis vor wenigen Wochen auf Facebook noch die NPD empfahl, war in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, als Florian Heiligs Vater seinen Sohn zitiert hatte mit dieser Einschätzung des Münchener NSU-Prozesses: "So lange Alexander, Nelly, Matze und Frantischek nicht auf der Anklagebank sitzen, ist die Verhandlung eine Farce." Jetzt sitzt "Matze" im Plenarsaal in Stuttgart, windet sich, sagt sicher nicht alles, was er weiß, und zimmert an der kruden Konstruktion, dass die NSS so gefährlich gewesen sei, weil Heilig Mitglied war. Der habe ihm immerhin erzählt, bereits vier Menschen ermordet zu haben. Geglaubt wiederum habe er das nicht, aber man wisse ja nie. "Haben Sie eine blühende Fantasie?", fragt der CDU-Abgeordnete Thomas Blenke und wundert sich, dass sich alle Geladenen als Mitläufer bezeichnen: "Wenn alle nur laufen, muss doch einer sagen, in welche Richtung."

Noch ein Mitläufer, André H., Vater von drei Kindern, ist ebenfalls auf Facebook unterwegs, als Mitglied der Gruppe "Der gluck glucks clan". Er kommt im schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck "Monster-Energy", später zieht er einen schwarzen "Hass, Scherz, Leid"-Sweater der Band "Krawallbrüder" über. Die ist nicht verboten, distanziert sich offiziell von rechtem Gedankengut, gilt aber dennoch als eine der Kultbands. Auch der Altenpflegehelfer will inzwischen ausgestiegen sein. Die Politik sei ihm heute "scheißegal", er spiele "als Vollzeitpapa mit meinen Kindern". 2011 hatte er noch ganz andere Interessen, einmal schoss er ein Foto mit Heilig und anderen vor einer Hakenkreuzfahne samt Hitlergruß. Aber er habe sogar Ausländer-Freunde gehabt, beteuert er. Was denn so anziehend gewesen sei an der Gruppe, will der ehemalige FDP-Justizminister Ulrich Goll wissen. "Der Wunsch, der Zwang, der Drang dazuzugehören", sagt der Zeuge, der deutlich eloquenter ist als "Matze". Draußen, bei einer Rauchpause, werden später einige Zuhörer, die regelmäßig im Ausschuss sind, mutmaßen, André H. könne auch ein V-Mann sein.

Vor allem vor der inzwischen zu trauriger Berühmtheit gelangten Heilbronner Stadthalle Harmonie haben sich die Rechten getroffen, mit Linken und anderen, wie alle berichten. "Natürlich haben wir gegen Ausländer gehetzt", berichtet einer der Zeugen. Er habe aber nicht zu denen gehört, "die sich nur mit Kernseife waschen und keinen Döner essen". André H. will sogar einen homosexuellen Freund gehabt haben und seinetwegen Ärger mit Heilig. Der Vater von "Matze", ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, berichtet dem Ausschuss von seinem Herzinfarkt und der wochenlangen Arbeitsunfähigkeit, als sein Sohn abrutschte. Inzwischen habe ihn aber seine Freundin zur Abkehr bewogen. "Wissen Sie, dass er auf Facebook bis vor Kurzem auf die NPD hinwies"?, will SPD-Obmann Nik Sakellariou wissen. "Ich bin mit meinem Sohn auf Facebook nicht befreundet", so der Mann in einem Ton, der nahelegt, dies gelte auch in der realen Welt. 

Hitlergruß und Hakenkreuz als Hobby

Mehr als 60 Seiten widmen die baden-württembergischen Verfassungsschützer in ihren Jahresberichten traditionell den rechtsradikalen Tendenzen im Land, gern grafisch braun abgesetzt, damit die Kapitel leichter zu finden sind. Rauf und runter werden Verästelungen und Entwicklungen dargestellt, wie Schüler und Schülerinnen auf dem Schulhof mit rechter Musik und der NPD in Kontakt kommen. Stabil werden rund tausend Straftaten gezählt. Über Jugendorganisation wird berichtet, über die Struktur der Parteien am äußersten rechten Rand und den Reiz, den sie auf bestimmte Milieus ausüben. Das alles Jahr für Jahr. Und doch scheint es, als hätte erst der Fall Heilig und der Auftritt seiner Freunde vor dem Ausschuss dem Thema Leben und damit die erschreckende Realität eingehaucht. Jürgen Filius, der Grünen-Obmann, ist entsetzt, wie über Hitlergruß und Hakenkreuz geredet wird, als gehe es um irgendein x-beliebiges Hobby.

Für CDU-Obmann Matthias Pröfrock ist die NSS das Ergebnis "postpubertären Geschwätzes im Suff". Sie ist aber noch mehr: das Ergebnis von Weghören, von Verharmlosen – siehe die Polizeibeamten, die einschlägige Sprüche und Posen vor allem dem Alkoholkonsum zuschrieben –, von fehlender Courage in der Schule oder am Arbeitsplatz, von falscher Akzentsetzung in der Bildungspolitik. In den baden-württembergischen Unterrichtsmaterialien für die Haupt- und die Werkrealschule in den Klassen fünf bis zehn kommt der Name Adolf Hitler kein einziges Mal vor. Und unter der Überschrift "Macht und Herrschaft" wird festgestellt: Die Schülerinnen und Schüler "erkennen das Unrecht und das Leid, das den Opfern des Nationalsozialismus zugefügt wurde". Eine ebenso gefährliche wie naive Fehleinschätzung, wie die Zeugen beweisen. 

Andrea Röpke, die Rechtsextremismus-Expertin, hatte in einer der ersten Sitzungen des Ausschusses erläutert, wie sich die Szene auch in Baden-Württemberg verankert hat, dass man sich "trifft, austauscht, aufputscht, zudröhnt". Und dass sich niemand der Illusion hingeben solle, das alles habe nichts zu tun mit dem NSU. Denn der habe sich über die Jahre nicht nach außen, aber nach innen sehr wohl bekannt nach dem Motto "Wir sind da, wir führen den Kampf für euch". 


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