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Mord am Vorabend

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Im sonst harmlosen Vorabendprogramm zeigt der SWR im Juni jeden Freitag das Kriminalmagazin "Spur des Verbrechens". Es geht um den NSU, um Doping, um das Oktoberfest-Attentat. Zur Recherche hat der Sender seinen Redakteuren viel Zeit spendiert. Das finden wir prima.

Eine kleine Rundschau, was in der Woche vom 15. bis 19. Juni um 18.15 Uhr im SWR Fernsehen zu sehen ist: Am Montag "Mensch Leute" über eine Bauernmalerin "zwischen Küche, Kunst und Kühen"; am Dienstag "Natürlich!", unter anderem über Bienen und Genmais; am Mittwoch "Made in Südwest", diesmal über Gardena in Ulm, den größten Gartengerätehersteller Europas; am Donnerstag "Leibspeise mal ANDERS" über Spargelgerichte aus Waghäusel in der Kurpfalz. Und schließlich am Freitag: "Spur des Verbrechens – das Kriminalmagazin aus dem Südwesten". Klingt zunächst nur ein wenig brisanter, aber die Ankündigung lässt aufhorchen: "Von Mord über Betrug bis zu politischem Terror und Korruption."

Mordfälle gibt es im Fernsehen zuhauf. Kaum ein Format spricht die Zuschauer so an wie der Krimi, der deshalb, sei er auch noch so miserabel gemacht, die besten Sendeplätze einnimmt. Aber sieht die Polizeiarbeit, sehen Verbrechen real tatsächlich so aus wie im "Tatort"? Diese Frage war der Anlass zu der 2013 ausgestrahlten zehnteiligen Serie "Kommissare Südwest", die für "Spur des Verbrechens" Pate stand.

Oktoberfest, Kiesewetter, Doping

Das neue Magazin zeigt zwar auch die reale Polizeiarbeit. Neben Themen wie Zivilcourage, Selbstverteidigung und Notwehr präsentiert es aber vor allem Kriminalfälle: historische Begebenheiten wie eine Kindstötung vor 165 Jahren in Marbach oder das Oktoberfest-Attentat 1980 in München, das im Zentrum der ersten Folge stand. Der Fall ist keineswegs abgeschlossen. Vielmehr nahm die Bundesanwaltschaft Ende 2014 die Ermittlungen wieder auf. Neues Interesse an dem 35 Jahre alten Fall – dem verheerendsten Terroranschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte – hat der 2009 erschienene Kriminalroman "Das München-Komplott" von Wolfgang Schorlau geweckt, der in der Sendung zu Wort kommt.

"Es ist immer spannend, Kriminalfälle zu behandeln", sagt Redakteur Eberhard Frohnmeyer, der auch für die Landesschau arbeitet. "Was uns hier vor allem interessiert hat, ist die Geschichte hinter der Geschichte." Ob es um das Oktoberfest-Attentat geht, den Mordfall Kiesewetter oder den Dopingskandal in Freiburg, der in der dritten Folge im Mittelpunkt steht: Zu den Hintergründen sei schon "schwer durchzudringen". Vor allem, wenn staatliche Stellen wie Polizei oder Verfassungsschutz mit im Spiel sind wie in München oder Heilbronn. "Da hat Wolfgang Schorlau das Nötige gesagt", meint Frohnmeyer mit Blick auf die beiden Interviews in der ersten und zweiten Sendung, denn Schorlau bearbeitet derzeit auch den Heilbronner Polizistinnenmord.

Wo schwer durchzudringen ist, ist viel Recherche nötig

Abgesehen von aktuellen Berichten in der "Landesschau" und einer Pilotsendung am 6. Januar - damals gab es noch nicht einmal den Untersuchungsausschuss - wurde das Thema NSU im SWR nie wirklich aufgearbeitet. Auf dem Umweg über den Vorabend gelangt es jetzt also ins Programm. Und ist gut recherchiert. Mit "viel mehr Rechercheaufwand" als bei anderen Sendungen üblich, betont Frohnmeyer.

Aufwendig ist auch die Umsetzung. Wo Originalaufnahmen fehlen, sind die Szenen nachgestellt worden, mit historischen Aufnahmen und Interviews versetzt. Eine dichte Folge sich zum Teil überlagernder Bilder, teils dokumentarisch, teils gestellt, korrespondiert mit der Komplexität des Sachverhalts. Tatsachen, irreführende Angaben, nicht beachtete Spuren, offenkundig falsche Theorien, Pannen, Verharmlosung – im Fall Kiesewetter scheint nur eines klar: dass es so, wie es die Ermittler darstellen, nicht gewesen sein kann.

Gerahmt werden die Fälle in "Spur des Verbrechens" von historischen Rückblicken in und Reportagen, beispielsweise über verschiedene Bereiche der Polizeiarbeit, über Zivilcourage-Training, über die Zulässigkeit von Notwehr oder etwa über den Polizeiarzt Eberhard Bürger, der die RAF-Gefangenen in Stammheim während ihres Hungerstreiks untersucht hat.

Fernsehsender schauen bekanntlich auf die Einschaltquote wie das Kaninchen auf die Schlange. Und die Quote war mit 10,7 Prozent bei der ersten Sendung garnicht so schlecht. Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen der SWR daraus zieht: ob er der gut aufgearbeiteten Recherche brisanter Themen weiterhin eine Chance einräumt.


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6 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 23.06.2015
    Antworten
    NPD-Wohllelbens Anwältin Schneiders sprach schon in den frühen Verhandlungstagen von „geheimdienstlichen Verwicklungen“ und insinuierte, der Verfassungsschutz werde verhindern, dass die wahren Hintergründe ans Licht kämen. In ihren Anträgen zitierte sie zum Teil längst widerlegte Zeitungsberichte.…
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