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SWR: Grammy-Verleihung – mir doch egal

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Für seine Opernaufnahme von Arnold Schönbergs "Moses und Aron" hätte das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (SO) am 8. Februar einen Grammy erhalten können. Doch der SWR hielt es nicht für nötig, jemanden zur Preisverleihung nach Los Angeles zu schicken.

In seltsamer Koinzidenz erschienen am 11. Dezember 2014 drei Nachrichten. Die erste: Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft gehört zum immateriellen Kulturerbe. Es ist nur einer von 27 Einträgen auf der Liste der deutschen Unesco-Kommission. Doch der ist sicher von größerem Gewicht als sächsische Knabenchöre, das Singen von Arbeiterliedern oder die Lindenkirchweih im bayrischen Limmersdorf. Das Interesse der Medien blieb ziemlich verhalten. Sie stürzten sich lieber auf das Reinheitsgebot der Bierbrauer oder die schwäbisch-alemannische Fasnacht. Weltkulturerbe sind die Orchester und Theater damit noch nicht. Zunächst soll die Genossenschaftsidee auf die Welterbe-Liste kommen.

Für den Deutschen Musikrat, der den Antrag zusammen mit der Orchestervereinigung und dem Bühnenverein eingereicht hat, bietet die Nominierung nicht nur Grund zum Feiern: Als "ein deutliches Signal an alle politischen Entscheidungsträger" wertet sie Christian Höppner, der Generalsekretär des Musikrats, "nach den jahrelangen, kürzungsbedingten Schrumpfungsprozessen in diesem Bereich." Um mehr als 20 Prozent ist die Zahl der Orchester in Deutschland seit 1992 zurückgegangen. 2300 Musikerstellen wurden weggespart. Und die Abwärtsspirale dreht sich weiter: Nächstes prominentes Beispiel ist das SO in Freiburg, das der SWR bis 2016 abschaffen will. Nicht irgendein Orchester: eines der renommiertesten in Deutschland, das Hausorchester der Donaueschinger Musiktage, des ältesten und bedeutendsten Neue-Musik-Festivals der Welt.

Die zweite Nachricht: Ebendieses Orchester war mit seiner Aufnahme der Oper "Moses und Aron" von Arnold Schönberg für einen Grammy nominiert, der am 8. Februar im Staples Center in Los Angeles zum 57 Mal verliehen wurde. Der Grammy gilt als die weltweit höchste Adelung für Musiker aller Genres. An die 80 Preise werden jedes Jahr von der National Academy of Recording Arts and Sciences in Los Angeles vergeben. Dabei sein ist alles: Die Nominierung zählt fast so viel wie der Award, der Gewinner wird erst in der Verleihungszeremonie bekanntgegeben. Die Übergabe der goldglänzenden Grammophonskulptur, nach der der Preis benannt ist, ist unverzichtbarer Teil des Medienrummels, mit dem sich die Akademie der weltweiten Aufmerksamkeit versichert. 

"Die internationale Anerkennung, die mit dieser Nominierung verbunden ist, freut mich außerordentlich für das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg", ließ SWR-Intendant Peter Boudgoust noch am selben Tag verlauten. "Die Nominierung würdigt aber auch den SWR als Ganzes und seinen Einsatz für klassische und insbesondere zeitgenössische Musik." Damit ließ es der SWR bewenden. Er unternahm nichts, um einen Vertreter des Orchesters oder des Senders nach Los Angeles zu entsenden. Und selbst als sich ein Orchestermitglied – Sylvain Cambreling, der Dirigent der Opernaufnahme, war verhindert – bereit erklärte zu fahren und der Verein der Freunde des Orchesters zusagte, die Reisekosten zu übernehmen, tat sich nichts. Der SWR beschied seinen Orchestermusikern: Wenn unbedingt einer nach L.A. fliegen wolle, sollten sie dies das nächste Mal bitte früher beantragen. Die preisverleihende Akademie ihrerseits erklärte sich jedoch nicht bereit, auf einen offiziellen Vertreter zu verzichten und etwa die Trophäe einem privat angereisten Orchestermitglied zu überreichen.

Die Barockoper "La descente d'Orphée aux enfers" von Marc-Antoine Charpentier machte in der Aufnahme des Boston Early Music Festival Chamber Ensemble schließlich das Rennen. Das 1980 von Musikern und Instrumentenbauern gegründete Ensemble ist auf dem Spezialgebiet der Alten Musik durchaus angesehen, gilt jedoch vor allem als Hausorchester des in zweijährlichem Rhythmus stattfindenden Festivals in Boston. Nicht zu vergleichen also mit dem weltweitem Renommee des Sinfonieorchesters Baden-Baden/Freiburg.

Die dritte Nachricht vom 11. Dezember: Derselbe Intendant, Peter Boudgoust, der das Orchester bis 2016 auflösen will – obwohl die Notwendigkeit sich immer weniger erschließt, da die deutschen Rundfunkanstalten nach neuesten Berechnungen durch die Haushaltsgebühr sogar 1,5 Milliarden Euro jährlich mehr einnehmen –, ebendieser Peter Boudgoust will 2016 Präsident des Kulturkanals Arte werden.

Ein Grammy ist es nicht, aber gleichfalls ehrenvoll: Am Dienstag den 17.2., vermeldete der SWR, dass das Orchester für die Einspielung des Orchestertriptychons "...auf..." von Mark Andre ausgezeichnet wurde. Der Preis der Deutschen Schallplattenkritik hat die Produktion in seine Bestenliste 1/2015 aufgenommen.


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7 Kommentare verfügbar

  • FernDerHeimat
    am 22.02.2015
    Antworten
    Wird sicherlich keine Konsequenzen nach sich ziehen.

    Profilierungsfreie Kultur gilt in Stuttgart nichts, die Finanzierung des SWR ist dank GEZ gesichert und wenn nicht mal ausgerechnet "falsch" über einen Politiker der "Staatspartei" berichtet wurde, dann geschieht auch von dieser Seite her…
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