Sinfonieorchester vor dem Aus. Foto: Klaus Polkowski

Sinfonieorchester vor dem Aus. Foto: Klaus Polkowski

Ausgabe 117
Überm Kesselrand

Seid ihr noch zu retten?

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 26.06.2013
Mehr als 28 000 Menschen haben die Petition der Orchesterretter unterzeichnet. Aber der SWR, der das Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg 2016 auflösen will, stellt sich taub – und mit ihm die Politik. Dabei zählt das Hausorchester der Donaueschinger Musiktage zu den besten der Welt. Und leistet im heimatlichen Freiburg wertvolle musikpädagogische Arbeit. Das verträgt sich schlecht mit den Zielen der grün-roten Landesregierung. Rettung scheint möglich.

Es rumort in Freiburg, und zwar nicht erst seit gestern. Seit SWR-Intendant Peter Boudgoust seit März 2012 scheibchenweise mit dem Plan herausrückte, aus seinen beiden Sinfonieorchestern in Freiburg und Stuttgart eines zu machen, lassen die Proteste nicht nach. Als der Cellist Jean-Guyhen Queyras in einem Jugendkonzert erstmals auf die Unterschriftenaktion der Orchesterretter hinwies, warnte er bereits, eine "Fusion" würde das Ende vieler Jugendprogramme bedeuten. Im Juni 2012 gaben 91 Musikstudenten des ganzen Landes in Karlsruhe ein Open-Air-Solidaritätskonzert. Wenig später brachten 1700 Zuhörer eines Konzerts in Freiburg dem Orchester ein Ständchen: Studierende hatten zu diesem Zweck Schillers Text zu Beethovens "Ode an die Freude" umgedichtet.

Bei der Eröffnung der Donaueschinger Musiktage im Herbst verknotete der Komponist Johannes Kreidler die Saiten einer Geige und eines Cellos und zertrümmerte sie auf der Bühne. Er wollte zeigen: Zwei Klangkörper lassen sich nicht zu einem verbinden. Der Deutsche Kulturrat setzte das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (SO), das auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik seit 1946 weltweit den Ton angibt, auf die Liste der bedrohten Kulturgüter. Die Zahl der berühmten Komponisten und Dirigenten – von Helmuth Rilling bis Helmut Lachenmann –, die den Kulturfrevel brandmarken und das Orchester in höchsten Tönen loben, ist viel zu lang, um sie hier alle aufzuzählen.

Seit sich der Rundfunkrat dann im Dezember wenig überraschend für den Standort Stuttgart entschied, herrscht in Freiburg höchste Alarmstufe. Mal versammeln sich die Anhänger des Orchesters vor, mal nach dem Konzert. Am 3. Juni dieses Jahres gab das Freiburger Barockorchester bei einem live übertragenen Konzert eine Zugabe: In Joseph Haydns Abschiedssymphonie verschwindet ein Musiker nach dem anderen von der Bühne, bis nur noch zwei Violinisten übrig sind. Wie Petra Müllejans, Mitbegründerin und Leiterin des Barockorchesters, erläuterte, schrieb Haydn die Symphonie "aus Protest gegen fürstliche Willkür und schlechte Behandlung von Musikern". Der SWR soll erwogen haben, fürderhin alle Live-Übertragungen aus Freiburg abzusagen, und verwies den Freundeskreis des Orchesters aus dem Funkhaus – nur weil dieser seiner satzungsgemäßen Aufgabe nachkam, das Orchester mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern.

Romeo und Julia. Foto: SWR/Wolfram Lamparter
Romeo und Julia. Foto: SWR/Wolfram Lamparter

Die lokale Presse, insbesondere die "Badische Zeitung", aber auch die "Rheinpfalz" aus Ludwigshafen und andere, verfolgt solche Geschehnisse mit großer Anteilnahme, ebenso wie die Musikzeitschriften. Der SWR selbst übt wesentlich mehr Zurückhaltung. Fahrgästen der Stuttgarter Stadtbahn blickt aus vielen Leuchtkästen Stéphane Denève entgegen, der fotogene Chefdirigent des Stuttgarter Rundfunksinfonieorchesters (RSO). Auf der Homepage des SWR kann man nachlesen, dass der frühere Chefdirigent des SO, Michael Gielen, einen Preis für sein Lebenswerk erhielt. Dass er die Fusion als "Barbarei" bezeichnet, nicht. Fast grotesk mutet es an, wie der SWR über die Verleihung des Ehrenpreises der deutschen Schallplattenkritik an das SO berichtet und dabei die harschen Worte der Juryvorsitzenden Eleonore Büning sorgsam ausspart.

Um 15 Prozent muss der SWR seinen Etat bis 2020 zurückfahren. Während aber Unterhaltung und Sport ausgenommen bleiben, soll der Kulturbereich um 25 Prozent schrumpfen: Wenn nun die beiden baden-württembergischen Orchester ihren Etat jeweils um ein Viertel reduzieren, bleiben theoretisch anderthalb Orchester übrig. So kann der SWR auf Entlassungen verzichten. Aber in der Realität gibt es dann nur noch ein Orchester – langfristig entfallen damit sogar 50 Prozent der Ausgaben. Intendant Boudgoust hat dafür eine Begründung: "Millionen Sportbegeisterte subventionieren also de facto mit ihrer Gebühr Kulturprogramme und auch Orchester, die vergleichsweise nur für eine Minderheit interessant sind." Eine Minderheit: Die Konzerte des SO sind zu 95 Prozent ausgelastet. Auch das Klischee, zeitgenössische Musik erreiche nur eine kleine Zuhörerschaft, trifft längst nicht mehr zu. Die Konzerte der Donaueschinger Musiktage sind regelmäßig früh ausgebucht. 10 000 Besucher sind im vergangenen Jahr zu dem viertägigen Festival gekommen. Allerdings bleibt das Publikum von Orchesterkonzerten immer begrenzt: auf die Zahl der Plätze im Saal.

Die Politik duckt sich weg

Ob Boudgousts Behauptung zutrifft, dass Sportfans die Orchester subventionieren, darf getrost bezweifelt werden. Schließlich erhält der Sender auch Sponsorengelder und Werbeeinnahmen. Eine kürzlich veröffentlichte Doktorarbeit einer NDR-Mitarbeiterin widerspricht jedenfalls den Darstellungen der Rundfunksender – und die Zahlen des SWR sind nicht öffentlich. Jedenfalls hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch einen Kulturauftrag, den er immer weniger erfüllt: "Ein Verfassungsauftrag und Grundlage für die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Systems", wie der frühere Innenminister Gerhart Baum moniert. Denn nur weil sie sich vom privaten Rundfunk unterscheiden, sind die Sender berechtigt, Rundfunkgebühren zu kassieren. Die neue Haushaltsabgabe bittet klassikbegeisterte Rundfunkhörer, die kein Fernsehgerät besitzen, sogar dreifach zur Kasse: Statt bisher 5,76 Euro zahlen sie nun wie alle anderen 17,98 Euro. Ob dies verfassungskonform ist, haben die Gerichte noch nicht entschieden. Boudgousts Aussage spricht jedenfalls für sich: Wie schon seit Jahrzehnten – das Stichwort heißt Einschaltquoten – setzt der Rundfunk auf Masse statt Klasse.

Die Politik duckt sich weg – jedenfalls bisher. Nur Freiburgs grüner Oberbürgermeister Dieter Salomon hat im vergangenen Jahr einmal einen Vorstoß unternommen: Eine finanzielle Beteiligung der Stadt sei denkbar. Nach einem Telefonat mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann soll er von weiteren Schritten Abstand genommen haben. Die Politiker pochen gern auf die Autonomie der Rundfunkanstalten. Aber unter den 74 Mitgliedern des Rundfunkrats, der den Beschlüssen des Senders mit großer Mehrheit zugestimmt hat, befinden sich unter anderem der Kulturstaatssekretär Jürgen Walter sowie insgesamt sechs Abgeordnete des baden-württembergischen Landtags, von der CDU, der SPD und den Grünen. Keiner von ihnen hat bisher zu erkennen gegeben, dass er mit einer Fusion nicht einverstanden wäre.

Dabei widerspricht die Auflösung des Freiburger Orchesters diametral den Zielen der grün-roten Landesregierung. "Wir verstehen Bildung ganzheitlich", heißt es im Koalitionsvertrag: "Wir wollen deshalb die kulturellen und sportlichen Angebote an den Schulen ausbauen. Dazu gehören die Kooperation der Schulen mit den vielfaltigen Kultureinrichtungen des Landes sowie die Verbesserung der musikalischen Breiten- und Spitzenförderung." Kulturelle Bildung erklärt die Regierung sogar zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit.

Tam-Tam-Kinder. Foto: SWR/Wolfram Lamparter
Tam-Tam-Kinder. Foto: SWR/Wolfram Lamparter

Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg erreicht mit verschiedenen Programmen Jahr für Jahr ungefähr ein Drittel aller Freiburger Schulkinder. Im Projekt "Tam-Tam – Kinder erleben Orchester" sitzen Grundschüler während der Proben neben ihrem Lieblingsinstrument, mitten im Orchester. In sogenannten Patenschaften besuchen Orchestermusiker Grundschulklassen. Neben regelmäßigen Jugendkonzerten gibt es zum Teil spektakuläre Programme mit Jugendlichen. Beim Projekt Romeo feat. Julia standen letztes Jahr acht Rapper und 120 Jugendliche als Tänzer auf der Bühne der alten Lokhalle des Freiburger Güterbahnhofs. In zwanzig Folgen hat der Fernsehkanal Kika die Entstehung des Stücks dokumentiert.

All diese Programme sind von der Anwesenheit der Musiker in Freiburg abhängig. Weder werden Schüler, die an einem Projekt wie Romeo feat. Julia teilnehmen, zu Proben nach Stuttgart fahren können, noch Orchestermusiker von Stuttgart nach Freiburg, um Grundschulklassen zu besuchen – zumal ein Großteil solcher Aktivitäten ehrenamtlich stattfindet. Es ist absolut unglaubwürdig, wenn Silke Krebs, die grüne Ministerin im Staatsministerium, unter Berufung auf Angaben des Senders ausführt: "Die Landesregierung geht davon aus, dass die bisherigen Aktivitäten der Orchester im Bereich der kulturellen Bildung durch die Fusion nicht beeinträchtigt werden." Selbst das Konzertpensum dürfte, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, kaum zu halten sein. 65 Konzerte hat das SO in der Saison 2011/12 gegeben, 55 das RSO Stuttgart. Vollkommen illusorisch zu glauben, ein künftiges Super-Orchester könnte bei gleichbleibender Qualität ein Pensum von 120 Konzerten im Jahr absolvieren – und dazu noch alle musikpädagogischen Aktivitäten.

Aber es gibt eine Lösung. Der Freiburger Jurist Friedrich Schoch schlägt ein Stiftungsmodell vor, wie es in Bamberg seit nunmehr zehn Jahren bestens funktioniert: mit einem begrenzten Stiftungsvermögen von 50 000 Euro und regelmäßigen Beiträgen, die sich freilich auf mehrere Schultern verteilen. Der SWR könnte federführend an Bord bleiben und zugleich seine Sparziele erreichen. Dafür müssten das Land, Freiburg, Baden-Baden, Mannheim und Ludwigshafen sowie Landkreise und Regionalverband regelmäßig moderate Beiträge zustiften – auch private Zuwendungen wären möglich. Die Frage ist, was sich Freiburg und der badische Landesteil eher leisten können: eine solche Ausgabe oder den Verlust eines Orchesters, das zu den angesehensten der Welt gehört. Und ob die Landesregierung tatsächlich gewillt ist, den Kulturvernichter zu spielen und einen "Leuchtturm" der Musik preiszugeben – und ein hervorragendes, umfassendes Angebot zur kulturellen Bildung.


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