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Der Staat als Zuhälter

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"Kein Orgasmus – Freier verklagt Prostituierte" lautete die Überschrift eines Artikels in der "Winnender Zeitung" letzte Woche. "Was so lustig und auch absurd klingt, hat einen heftigen politischen Hintergrund, und als Exprostituierte, politische Aktivistin und als Frau vergeht mir da das Lachen", kommentiert unsere Autorin – und verbindet ihren Gastbeitrag mit einem Aufruf.

Was war vorgefallen?

Der Mann hatte eine Prostituierte gebucht und sie hernach wegen Betrugs angezeigt. Vor Gericht schildert er, sie habe den Geschlechtsverkehr abrupt unterbrochen und sei gegangen. Sie sagt, er habe diverse Extras gebucht, und da er nicht draufzahlen wolle, habe sie ihm die Zeit verkürzt. Die Richterin glaubt dem Freier. Der Prozess wird eingestellt – gegen die Zahlung von 500 Euro, die die Prostituierte leisten muss.

So unglaublich das klingt, es ist kein Einzelfall. Immer mehr Freier versuchen, Frauen in der Prostitution zu verklagen. Sie fühlen sich damit so dermaßen im Recht, dass sie sogar dann vor den Kadi gehen, wenn sie selber Ordnungswidrigkeiten begangen haben. Wie der Freier aus oben genanntem Fall, der Oralverkehr ohne Kondom einforderte: das ist ein Verstoß gegen die Kondompflicht. Freier verklagen Prostituierte, weil ihnen die Art des Verkehrs nicht gefiel und sie zu früh gekommen sind. Ein 14-Jähriger, der sich als wesentlich älter ausgegeben hatte, rief kürzlich die Polizei, weil er für 20 Euro nicht "genug" bekommen habe. Das Traurige ist, dass Prostituierte noch froh sein können, wenn sie nur vor Gericht landen und wegen der von den Freiern empfundenen "Schlechtleistung" nicht auch noch verprügelt, ausgeraubt und getötet werden.

Woran liegt das?

Es liegt zum einen an der Prostitution selbst, die Sexualität als etwas definiert, das Männer fordern können und das Frauen liefern müssen. Es ist eine ekelhafte Verquickung patriarchaler Denkmuster mit der vollen Breitseite des Kapitalismus. Denn immer noch haben Männer mehr (ökonomische) Macht als Frauen, immer noch setzen sie diese ein, um sich sexuellen Zugang zu Frauen zu verschaffen, die freiwillig nicht mit ihnen ins Bett gehen würden.

Wirft man einen Blick in die Kommentarspalten zu dem Gerichtsfall, liest man von all den knallharten und eiskalten Vermutungen, ob die "sexuelle Dienstleistung" jetzt "korrekt erbracht" wurde oder nicht, bekommt man eine Ahnung davon, wessen Sexualität es ist, die hier befreit wird. Die des Mannes. Und zwar befreit von Empathie und Respekt und mit einem Blick auf Frauen, der sie nicht als Menschen sieht sondern als Sexablieferungsmaschinen.

Die Anspruchshaltung der Freier hat ihren Freund in der neoliberalen deutschen Prostitutionsgesetzgebung, die als "sexuelle Dienstleistung" definiert, was die meisten Frauen in der Prostitution als "Duldung sexuellen Missbrauchs" empfinden und was auch bei #metoo deutlich als Missbrauch definiert wird. Da kennt leider auch die politisch Linke allzu oft keine Analyse mehr. Da müssen einzelne Prostituierte, die medienwirksam beteuern, sie täten es doch freiwillig, ersetzen, was woanders im Kontext gesehen wird. Prostitution gilt in Deutschland als Ausdruck befreiter Sexualität, und nicht als ökonomisch erzwungener Sex.

Dass Sex zu kaufen in Deutschland legal ist, verändert natürlich die Denke von Freiern. Auch ich habe es so oft erleben müssen, dass Freier sich beschwerten, wenn ich mich deutlich vor etwas ekelte, oder wenn ich Schmerzen hatte und weinte. Es wurde trotzdem durchgezogen, denn "dafür habe ich bezahlt". Und natürlich will man, wenn man bezahlt hat, als Kunde auch so viel wie möglich rausschlagen. Das ist dann nicht anders als im Möbelhaus. In der Prostitution bedeutet das konkret, sich ständig dagegen wehren zu müssen, dass Dinge, die nicht ausgemacht wurden und die man nicht möchte, doch vollzogen werden. Es handelt sich um eine permanente Abwehr weiterer sexueller Übergriffe.

Das Prostitutionsgesetz von 2002 und das Prostitutionsschutzgesetz von 2017 schützen Prostituierte eigentlich davor, wegen Minder- oder Schlechtleistung oder überhaupt auf die Ablieferung der sexuellen Handlung verklagt zu werden. Noch. Denn Pro-Prostitutionsverbände, in denen BordellbetreiberInnen und Freier fröhlich mitmischen, kämpfen seit Jahren um die völlige Entkriminalisierung des Sexgewerbes, um die völlige Legalisierung und damit die Löschung sämtlicher Sonderbestimmungen.

Dann könnte es bald werden wie im Northern Territory Australiens, wo die Sex Industry Bill 2019 durchgesetzt wurde. Prostitution gilt jetzt dort knallhart als "Gewerbe wie jedes andere": Frauenrechtsverbände warnen davor, dass Freier klagen können, wenn sie mit der "Dienstleistung" nicht zufrieden sind. Jede Frau, die den bestellten Blowjob dann nicht tief genug abliefert, jede Frau, die Schmerzen beim Analsex zeigt, jede Frau, die den Ekel nicht verbergen kann, wenn ein Fremder ihr ins Gesicht ejakuliert, kann wegen Minder- oder Schlechtleistung verklagt werden. Geld zurück oder nacharbeiten – also nochmal Sex, und zwar gefälligst ganz so wie der Kunde es wünscht!

Das erinnert nicht zufällig an das deutsche Eherecht, das bis heute den Geschlechtsverkehr zu den ehelichen Pflichten zählt und bis in die 60er Jahre hinein die Ehefrauen zusätzlich dazu verpflichtete, diesen nicht nur teilnahmslos über sich ergehen zu lassen und auf keinen Fall einen eventuellen Widerwillen zu zeigen.

Noch ist es bei uns nicht wieder soweit, dass Sex einklagbar ist. Deutschland wird sich aber entscheiden müssen, welchen Weg es weiterverfolgt. Soll weiterhin das alte patriarchale "Recht" des Mannes auf Sex unter neoliberalem Deckmantel zum Ruf Deutschlands als "Bordell Europas" beitragen? Oder entscheiden wir uns für eine Ächtung von Sexkauf und für eine wirklich befreite Sexualität unter gleichgestellten Menschen?

Liebe Frau, die Du in Waiblingen dazu verdonnert worden bist, 500 Euro zu zahlen, bitte wende Dich doch an das von mir gegründete Netzwerk Ella, die unabhängige Interessenvertretung für Frauen aus der Prostitution. Wir zahlen Dir die 500 Euro! Dass Du die jetzt auch noch anschaffen musst und der Staat sich hier zum Zuhälter macht, finden wir nämlich menschenunwürdig. Schreib an: post@netzwerk-ella.de


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3 Kommentare verfügbar

  • IvB
    am 16.07.2020
    Antworten
    Ich finde den Beitrag von Frau Mau richtig und notwendig. Es wird Zeit, dass es solche Kost zu lesen gibt. Denn Bilder sind so erdrückend.

    Frauen sind Menschen, keine Dinge oder Sachen, nicht einmal Tiere. Selbst mit denen wird oft besser umgegangen.
    Wenn es ihn nicht einmal stört, wenn sie…
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