Straßenstrich in Stuttgart. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 118
Gesellschaft

Von Freiern und Ausbeutern

Von Susanne Stiefel
Datum: 03.07.2013
In den USA kommen Freier an den Sexpranger, in Schweden ist käuflicher Sex verboten. Und in Deutschland? Da soll das Gewerberecht helfen. Schwarz-Gelb hat jetzt ein Prostitutionsgesetz verabschiedet, das sich um Feuerlöscher an der Wand kümmert.

Statt Kondome zu verteilen, sprach Sabine Constabel immer öfter in Kameras. Statt sich um die Not der Sexarbeiterinnen im Stuttgarter Leonhardsviertel zu kümmern, stand sie in den vergangenen Wochen Journalisten Rede und Antwort. Von Spiegel-TV bis Rosa von Praunheim pilgerten sie ins Prositutiertencafé La Strada und wollten von der Sozialarbeiterin wissen: Stimmt es, dass das einst von Rot-Grün gemachte Gesetz Zwangsprostitution und Menschenhandel begünstigt hat?

Frau Constabel hat geredet, auch wenn sie sich lieber um "meine Frauen" kümmert und eigentlich eher kamerascheu ist. Sie weiß: Nur durch Öffentlichkeit besteht eine Chance, dass endlich ein gesetzlicher Rahmen geschaffen wird, der die Frauen nicht zum Freiwild werden lässt und der Polizei mehr Kontrollmöglichkeiten gibt. Und nun der neue Versuch der Merkel-Regierung. "Er kann das Elend nicht mindern", sagt Constabel. Und das klingt resigniert.

Derselben Meinung ist Herta Däubler-Gmelin. "Ich halte die jetzige gesetzliche Veränderung für keineswegs ausreichend", sagt sie auf Anfrage von Kontext, "sie wird den Frauen weder richtig helfen, noch ihnen Chancen einräumen." Sie war damals Justizministerin in der rot-grünen Koalition, aber nie eine Freundin der neuen Regelung. Darauf legt sie heute Wert. "Ich habe das rot-grüne Gesetz von 2002 nie gefördert oder mitgetragen – es wurde auch nicht von mir als Justizministerin eingebracht", sagt die SPD-Politikerin aus Dusslingen. Sie habe nichts dagegen unternehmen können, "da insbesondere unsere grünen Freunde, aber auch der Berichterstatter der SPD ihre guten Absichten irrtümlich für die Realität gehalten haben." Will sagen: gut gemeint, schlecht gemacht. Was nichts daran ändert, dass sie als damalige Justizministerin die Verantwortung für das Gesetz getragen hat.

In 40 Jahren keine glückliche Hure getroffen

Däubler-Gmelin nimmt für sich in Anspruch, die Wirklichkeit zu kennen. Seit mehr als 40 Jahren engagiert sich die Ex-Justizministerin bei der Hilfsorganisation Solwodi, die sich um Zwangsprostituierte kümmert. "In diesen Jahren habe ich noch nie glückliche oder wirklich selbstbestimmte Prostituierte getroffen", bilanziert die Sozialdemokratin.

Die Liberalisierung des Gesetzes unter Rot-Grün hatte das Ziel, Prostituierte nicht länger zu diskriminieren, sie vom Rand in die Mitte der Gesellschaft zu holen und aus dem Sexgeschäft eine normale, versicherungspflichtige Arbeit zu machen. Doch seitdem fehlt der Polizei jede Handhabe, gegen Zuhälter vorzugehen und in Bordellen und Laufhäusern zu kontrollieren. Neu ist jetzt nur die Änderung des Gewerberechts, das auf die Puffs angewandt wird. Ob Prostituierte damit vor Menschenhandel und Zwangsprostitution geschützt sind, darf füglich bezweifelt werden, weshalb SPD, Grüne und Linke das Gesetz als völlig unzureichend ablehnen. Großes Getöse, wenig Resultate.

Glückliche und selbstbestimmte Huren hat Sabine Constabel bisher nur getroffen, wenn sie in Talkshows gemeinsam mit Vorzeigeprostituierten auf dem Sofa saß. Sie weiß, dass es sie gibt, die Studentin, die ihr Studium finanziert, die eleganten, gesunden Frauen, die als Escort-Damen ihre Dienste anbieten. Doch das sind Einzelfälle. Constabel kennt vor allem die schäbigen, von Ratten heimgesuchten Quartiere im Leonhardsviertel. Sie kennt die alten Huren, die in solchen Löchern hausen müssen, und die jungen, die seit der EU-Öffnung aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn kommen, meist begleitet von Familienmitgliedern. Sie kennt das Café Mistral, wo die Zuhälter das Geld vertrinken und die Not der jungen Frauen ausnutzen, die kaum Deutsch sprechen und sich oft für 20 Euro an Freier verkaufen, oft ungeschützt. "Freier – was für ein blödes Wort", sagt Constabel mit dieser ruhigen Stimme, zu der sie trotz allen Elends fähig ist. Für sie sind das Ausbeuter, genauso wie die Vermieter von Laufhäusern und die Betreiber von Bordellen.

Warum soll es nicht diesen sogenannten Freiern an den Kragen gehen wie in Schweden? Dort ist Prostitution seit 1999 verboten. In Schweden werden nicht die Frauen bestraft, sondern die Männer, die zu Huren gehen. Dort hat sich inzwischen auch die öffentliche Meinung gewandelt. "Heute", berichtet die schwedische Journalistin und Autorin Kajsa Ekis Ekman, "ist es schlicht erbärmlich, zu einer Hure zu gehen. Du giltst als gesellschaftlicher Außenseiter, als einer, der es nicht schafft, eine Frau ohne Geld ins Bett zu kriegen. Du bist ein Loser."

In den USA kommen Freier an den Sexpranger

Die Freier kriminalisieren, nicht die Frauen: Diesem Vorgehen kann auch Ingrid Krumm viel abgewinnen. "Man muss gegen die Ausbeuter vorgehen", sagt die Gleichstellungsbeauftragte im Ostalbkreis, die wie Herta Däubler-Gmelin Mitglied bei Solwodi ist. Eine wirksame Abschreckung könnte ihrer Ansicht nach der Sexpranger sein. So ging in den USA eine New Yorker Staatsanwältin gegen Männer vor, die auf ein fingiertes Angebot der Polizei im Internet ("Ich bin erdverbunden und habe eine wilde Seite") angesprungen waren und sich mit der Wilden amüsieren wollten. Bis auf den Bundesstaat Nevada ist Prostitution den USA verboten. Und Frau Staatsanwältin veröffentlichte gnadenlos die Bilder der Männer im Alter von 17 bis 79 Jahren.

Doch lässt sich ein gesellschaftliches Problem überhaupt juristisch in den Griff bekommen? Auch Sabine Constabel weiß, wie schwierig das ist. Doch für sie ist klar: "Prostitution ist kein Job wie Arzthelferin und Sex keine Ware." Die Freier müssten mehr in die Verantwortung genommen werden, verlangt sie, man müsse den Straftatbestand der Ausbeutung von Prostituierten verschärfen, das Mindestalter auf 21 Jahre anheben, mehr Sozialarbeiterinnen einstellen und Mietobergrenzen für Bordelle einführen. Diese Forderungen hat Constabel auch im Rechtsausschuss des Bundestags vorgetragen, als sie gemeinsam mit ExpertInnen zum Gesetzentwurf gehört wurde. "Es hilft wenig, dass Bordelle im Gewerberecht als überwachungsbedürftig eingestuft werden", sagt Constabel, "es geht doch nicht um Feuerlöscher an der Wand, sondern um die Ausbeutung von Frauen."

Der Augsburger Kriminalkommissar Helmut Sporer, ebenfalls als Experte in die Runde geladen, springt ihr in seiner Kritik bei: "Menschenhandel ist kein Verwaltungsunrecht, das muss Sache der Polizei bleiben." Seine Forderungen lauten: Prostitution nur noch als selbstständige Tätigkeit zuzulassen, Anmeldepflicht für Huren, Genehmigungspflicht für Bordelle, obligatorische Gesundheitsuntersuchungen, eine höhere Altersgrenze für Prostituierte. Das alles wird im neuen Gesetz nicht geregelt. Genauso wenig wie ein Bleiberecht für Frauen, die wegen Menschenhandel aussagen. Welche Prostituierte sagt schon aus gegen ihre Peiniger, wenn sie danach Gefahr läuft, abgeschoben zu werden?

Sabine Constabel, da ist sie sich sicher, wird durch die neue Gesetzeslage wenig Veränderung in ihrer Arbeit spüren. Sie wird weiterhin an den Symptomen laborieren, wird Kondome verteilen, für junge Frauen eine Untersuchung beim Arzt organisieren oder eine Abtreibung. Sie wird Frauen unterstützen, die aussteigen wollen, gegen Zwangsprostitution kämpfen. Und sie wird hoffen, dass das zahnlose Gesetz vom Bundesrat abgelehnt wird.

 

"Menschenhandel im Sonderangebot" lautet der Titel einer Podiumsdiskussion zum Thema Menschenhandel und Prostitution in Stuttgart. Auf dem Podium sitzen Pater Shay Cullen von der Kinderschutzstiftung Preda aus den Philippinen, Sabine Constabel, Veronika Kienzle und Ingrid Krumm. Moderation: Susanne Stiefel von der Kontext:Wochenzeitung.

Am 9. Juli, um 19.30 Uhr im Bürgerzentrum Stuttgart-West, Bebelstr. 22, Hajek-Saal. Veranstaltet vom Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg.


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4 Kommentare verfügbar

  • Anna
    am 03.09.2013
    "Aber auch "Looser" haben ein Recht auf Sex. "

    Nein. *Niemand* hat ein Recht auf Sex.

    Sex haben darf man niemals gegen den Willen eines anderen.
    Vergewaltigung ist verboten.

    Stellen Sie sich vor, es gibt jemanden, mit dem niemand auf der Welt schlafen möchte, aus irgendeinem Grund. Darf der dann jemanden vergewaltigen, wegen seines Rechtes auf Sex? Nein. :-)

    Also: niemand hat ein Recht auf Sex. Man kann sich bemühen einen Sexualpartner zu finden, aber ein erzwingbares Recht gibt es nicht - und das ist gut so.
  • Hans
    am 07.07.2013
    Ihr schreibt in diesem Artikel, dass nur "Looser" auf bezahlten Sex angewiesen sind. Das mag stimmen. Aber auch "Looser" haben ein Recht auf Sex.
    Ferner schreibt Ihr, dass langjährige Aktivistinnen wie Herta Däubler-Gmälin in " 40 Jahren keine glückliche Hure getroffen" habe. Das ist möglich. Aber es gibt offensichtlich Frauen, die sich genau als dies freiwillig vermarkten. Ich habe ferner mal entdeckt, dass in biederen Hausfrauenzeitungen unzählige Kleinanzeigen von Bordellbesitzern sind, die dort ihre Zimmer anbieten. Also muss es wohl auch Frauen geben, die mit solchen Anzeigen aus welchen Gründen auch immer geworben werden können.

    Was ich damit sagen will: Es gibt sowohl von Seiten von Männer als von Frauen ein Bedürfnis nach bezahltem Sex. Punkt! Das sollte jenseits aller Moral legal bleiben.

    Gleichwohl ist es richtig, dass es in der Prostitution Menschenhandel, extreme Gewaltverhältnisse und übelste Ausbeutung gibt. Das ist absolut unerträglich und die Polizei sollte möglichst viele Mittel bekommen, um diese Verhältnisse zu bekämpfen. Die vorgeschlagenen Mittel (Mindestalter 21, Mietobergrenzen, Gesundheitsvorsorge, Prostitution als selbständige Arbeit ...) erscheinen mir sehr sinnvoll.

    Hier könnte aus meiner Sicht auch ein Hebel für gerechtfertigte Repression gegen Freier sein. Legale Prosituierte sollten einen anonymisierten Ausweis bekommen. Freier sollten verpflichtet werden, sich diesen Ausweis zeigen zu lassen. Wer nachweislich Sex mit einer Prostituierten ohne Ausweis hat, wird empfindlich gestraft und oder an den Pranger gestellt. Denn er riskiert grob fahrlässig, Nutznießer extremer Gewaltverhältnisse und Ausbeutung zu werden.
  • Dennis Müller
    am 05.07.2013
    Mir ist nicht ganz klar, worum es dem Artikel geht. Sollen SexworkerInnen geschützt werden oder soll aus bestimmten Moralvorstellungen heraus Prostitution bekämpft werden?

    Es geht nämlich nicht beides gleichzeitig. Eine Kriminalisierung der Kunden von SexworkerInnen macht diese arbeitslos oder drängt ihre Tätigkeit ins Dunkle ab.

    Wer SexworkerInnen schützen will, muss mehr tun als der Staat bisher macht. Die entsprechenden Berufsverbände der SexworkerInnen wüsste dazu einiges vorzuschlagen. Warum werden die nicht gefragt?
  • Margot Imm
    am 03.07.2013
    Als vor einigen Jahren im pietistischen Fellbach die Institution mit der gutgehenden Sex-Flatrate aufgeflogen ist, haben böse Zungen "in und um Fellbach herum" behauptet, daß die Kundschaft keineswegs mit Helikoptern eingeflogen wurde, sondern viele Kunden aus der näheren direkten Umgebung kamen. Man(n) kennt sich eben auch heute noch in den ländlichen Gegenden und wenn der Gesetzgeber fürs Wohlergehen der Bevölkerung sorgt, gehören natürlich auch Feuerlöscher oder Rauchmelder an Wand und Decke!

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