Ausgabe 52
Gesellschaft

Nur ein Stück Fleisch

Von Susanne Stiefel (Text) und Jo Röttgers (Fotos)
Datum: 28.03.2012
Stuttgarts sündige Meile ist nur 100 Meter lang. Dass sie zerfällt, weiß inzwischen jeder. Gerne wird darüber geschrieben. Doch meist ist der Blick auf das Leonhardsviertel sozialromantisch verklärt oder von einem angenehmen Schauder begleitet, wie so oft, wenn es um Prostitution geht. Dabei ist das Geschäft knallhart: Zuhälter und Hausbesitzer machen das Geschäft, und die Prostituierten kommen unter die Räder. Ein Blick hinter die Kulissen aus Sicht der Frauen.

Mit Sozialromantik hat der Job der Huren nichts zu tun. Das Geld machen die Pächter und Vermieter. Stuttgarts sündige Meile ist nur 100 Meter lang. Dass sie zerfällt, weiß inzwischen jeder. Gerne wird darüber geschrieben. Doch meist ist der Blick auf das Leonhardsviertel sozialromantisch verklärt oder von einem angenehmen Schauder begleitet, wie so oft, wenn es um Prostitution geht. Dabei ist das Geschäft knallhart: Zuhälter und Hausbesitzer machen das große Geld, und die Prostituierten kommen unter die Räder. Ein Blick hinter die Kulissen aus Sicht der Frauen.

Noemi will raus. Dabei wirkte das Stuttgarter Leonhardsviertel aus der Ferne so verlockend. Von Zahony aus, der kleinen ungarischen Grenzstadt, wo Noemi lebte, dort an der Grenze zur Ukraine, wo es keine Arbeit gibt, schien es wie das Paradies. Noemis Träume schienen einen Ort gefunden zu haben. Endlich Geld, um die Kinder in die Schule zu schicken, endlich Geld, um die Wohnung zu zahlen und die Arbeitslosigkeit des Mannes zu kompensieren.

Der Traum vom schnellen Geld wurde schon nach einem Jahr zum Albtraum. "Für die Männer hier bin ich nur ein Stück Fleisch mit Loch", sagt die 29-Jährige. Sie hat die Freier nur ertragen, indem sie die Augen geschlossen und bis zwanzig gezählt hat. Fünf Jahre als Hure zählen wie 100 Jahre Einsamkeit. Noemi will wieder einsteigen ins Leben.

Noemi ist eine von den osteuropäischen Prostituierten, über die alle reden. Sie seien krank, sie überschwemmten den Markt und würden die Preise kaputt machen, wettern die älteren Prostituierten. 80 Prozent der Huren in Deutschland sind inzwischen Ausländerinnen. Seit der EU-Grenzöffnung kommen viele der Frauen, die in Deutschland anschaffen, aus Ungarn, Tschechien, Rumänien oder Polen. Auch im Leonhardsviertel. Von Menschenhandel ist die Rede, von Zwangsprostitution. Solche Geschichten eignen sich gut für eine flotten "Tatort" am Sonntag. Das alltägliche Elend ist weniger fernsehtauglich.

Unter der Schminke schimmert ein blaues Auge

Sicher gibt es die klassische Zwangsprostitution. Wer durchs Leonhardsviertel geht, sieht sie draußen stehen, junge, krank aussehende Frauen, die in der Kälte zittern. Wie Ana, die aussieht wie 16, laut Pass aber 27 Jahre alt ist und die ihr blaues Auge nur notdürftig unter dicker Schminke verstecken kann. Oft sind sie mit dem ganzen Familienclan da, das Geld wird ihnen von ihren "Beschützern" am gleichen Tag abgenommen, an dem sie es verdient haben.

Aussteigerin Noemi: Die Arbeit als Hure macht Seele und Körper kaputt.Doch oft ist der Zwang, der die Frauen in die Prostitution treibt, weniger spektakulär. Noemi wollte ein besseres Leben für ihre Familie. Sie hat ihren Kindern schamvoll verschwiegen, wie sie das Geld für die Wohnung und für ihre Ausbildung verdient hat. Doch nach einem Jahr hat sich ihr Mann scheiden lassen. Ihre Kinder sieht sie nun nur noch alle zwei Monate, und schuld ist ausgerechnet ihr Lebenswandel. Der Aufbruch nach Stuttgart sollte die Armut überwinden. Insofern ist auch Noemi eine Zwangsprostituierte.

Solidarität ist Luxus im Rotlichtviertel

Für Jasna ist Noemi nur eine von "denen aus Osteuropa", die das Geschäft kaputt machen. Die beraubten die Freier, sie täten es ohne Kondome, und überhaupt: es gebe keine Ehre mehr. "Früher hat es keine unter 50 Euro gemacht", sagt die 58-jährige Prostituierte. "Heute kann einer schon für zehn Euro eine finden." In ihrem Arbeitsdress lehnt Jasna an der Bar in einem der Animierlokale, kurzer Rock, lange Haare, tiefes Dekolleté, tiefe Stimme. Eine Frau, die schon viel erlebt hat und sich durchzuboxen weiß. Es kostet viel Kraft, in einem Hurenleben den Kopf über Wasser zu halten. Solidarität ist ein Luxus. Vor allem, seit die Konkurrenz so groß ist.

Umso lieber erinnert sich Jasna an früher. Seit 40 Jahren ist sie im Geschäft, viele Worte macht sie nicht. Ihren wirklichen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, und überhaupt will sie in zwei Jahren in Rente gehen. "Das ist doch nichts mehr heute", sagt die Frau mit den üppigen Rundungen.

Wenn die Gegenwart unerträglich ist, wird die Vergangenheit zum Paradies. Früher, schwärmt Jasna, hatten die Feier noch Stil und haben auch mal mit den Mädchen getrunken. Früher, da waren die Zuhälter noch Männer, die nicht um Preise mit sich feilschen ließen. Früher, das ist für sie, als es noch drei Laufhäuser im Viertel gab statt zehn wie heute. Früher, das war, als es noch keine "Ausländerinnen" gab. Jasna kommt aus Serbien. Nostalgie verwischt den Blick auf die Wirklichkeit.

Richtig bleibt: das Leonhardsviertel hat sich verändert. Das weiß auch Sabine Constabel, die seit 20 Jahren mit Prostituierten arbeitet und die Verhältnisse im Quartier aus dem Effeff kennt. Doch die Nostalgietour ist mit ihr nicht zu machen. Die Sozialarbeiterin vom Gesundheitsamt weiß, dass Prostitution ein hartes Geschäft ist und es auch früher schon war. Dass es härter geworden ist, hat für sie klare Ursachen.

Da ist zum einen das Prostitutionsgesetz von 2001, von Rot-Grün verabschiedet, um die Frauen im Gewerbe zu stärken. Sie sollten ihren Lohn einfordern können, sie sollten nicht länger diskriminiert und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Doch profitiert haben nicht die Frauen, sondern die Zuhälter und die Hausbesitzer. Denn durch die Legalisierung der Prostitution ist es schwer geworden, die Bordelle und Absteigen, die seitdem jedes leer werdende Haus im Viertel besetzen, zu verbieten. Für Sabine Constabel gibt es nur eine Konsequenz: "Ich will in einer Gesellschaft leben, in der Prostitution verboten ist", sagt die engagierte Sozialarbeiterin.

Mit Romantik hat das Leben auf der Anschaffmeile wenig zu tun

Sozialarbeiterin Sabine Constabel: Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Prostitution verharmlost wird.Sabine Constabel weiß, dass ein Hurenleben mit Selbstbestimmung und Rotlicht-Romantik wenig zu tun hat. Sie bietet Frauen wie Noemi Hilfe beim Ausstieg, sie raucht mit Jasna in der Bar eine Zigarette und erkundigt sich nach der überstandenen Operation. Constabel ist Ansprechpartnerin bei gesundheitlichen und anderen Sorgen im Café La Strada. Die 52-Jährige hilft, oft unbürokratisch, beim Überleben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Und manchmal schafft sie es sogar, aus Rattenlöchern bewohnbare Zimmer zu machen.

Wie etwa bei Marianne. Die schmale Frau mit dem zarten Gesicht ist fast 70 Jahre alt und schafft immer noch an, um die Miete ihres heruntergekommenen kleinen Dachzimmers im Viertel bezahlen und überleben zu können. Geld vom Staat will sie nicht, das verbietet ihr Stolz. Knapp 300 Euro zahlt Marianne für ihre Bruchbude. Draußen im Flur stapelt sich der Müll. Es riecht nach kaltem Rauch und ausgelaufenen Bierbüchsen. In der Küche, auf deren Fußboden man den Dreck erst mit dem Picke abhacken müsste, liegt eine Ratte. Überall sind Ratten, sie leben in den Rohren des notdürftig sanierten Hauses, in dem grade mal das Dach neu gedeckt wurde, als es den Besitzer wechselte. Keiner hat die Löcher gestopft, aus denen die Ratten in jedes Zimmer krochen, Geld lässt sich auch so mit den Zimmern machen. Marianne ekelt sich vor den Tieren, die in ihrem neun Quadratmeter großen Dachzimmer zwischen den Kleidern und dem Essen herumhuschen.

Es ist nicht viel, was bleibt nach einem langen Prostituiertenleben.Sabine Constabel hat einen Sponsor gefunden, der die Renovierung des kleinen Zimmers bezahlt. Die gelben Wände sind inzwischen weiß gestrichen, auf dem rissigen Fußboden wurde Laminat verlegt, und die Löcher in der Wand sind mit Silikon ausgespritzt und verputzt. Jetzt bekommt Marianne noch einen Kleiderschrank. Manchmal möchte Sabine Constabel den jungen Frauen und den Edelprostituierten, die das schnelle Geld erhoffen, zeigen, wie das Leben aussieht, wenn eine Prostituierte in die Jahre gekommen ist. "Keine Frau kommt reich und ungebrochen aus dieser Zeit heraus", sagt Constabel, "keine."

Sabine Constabel strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Doch wer ihr mit Huren-Mythen und Sozialromantik kommt, kann auch eine andere Seite kennenlernen. Das bekamen der Grünen-Politiker Volker Beck und der Stuttgarter Bordellbesitzer Jürgen Rudloff vor laufender Kamera zu spüren. Sie saßen gemeinsam mit Sabine Constabel, Alice Schwarzer und einer deutschen Edelhure bei Maischberger auf den Sofas. Rudloff hat mit der Legalisierung der Prostitution auf den Fildern ein Bordell aufgemacht. 60 Arbeitsplätze habe er geschaffen, lobt er sich selbst, 55 000 Freier besuchen sein "Paradise" im Jahr, für 95 Euro am Tag kann sich eine Prostituierte einmieten. Ein Paradies für den Sexmanager, dessen Geschäft so gut läuft, dass er in Österreich weitere Bordelle aufmachen will, so munkelt man. Seine Kinder gehen derweil in den Waldorfkindergarten, und er gesteht: "Es würde mir das Herz zerreißen, wenn meine Tochter sich prostituieren würde."

Gewalt gehört zur Prostitution wie die Faust aufs Auge

Da ist es mit Sabine Constabels Gelassenheit vorbei. "Drei von vier Prostituierten können nur mit Alkohol oder anderen Drogen überleben", schleudert sie ihm entgegen. Und wem es das Herz bricht, wenn seine Tochter den Beruf wählt, mit dem er selbst viel Geld macht, der sei zumindest schizophren. "Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der Prostitution verharmlost wird", sagt sie aufgebracht. Übrigens: Noemi, die Aussteigerin aus Ungarn, wurde von Maischberger zwar angefragt, aber dann doch nicht eingeladen zur Talkrunde. Eine Leidensgeschichte schmälert eben den Glamourfaktor solcher Sendungen. Sex sells, aber bitte ohne Elend. Und ohne Gewalt.

Doch die gehört zum Rotlicht wie die Faust aufs Auge. Wer ein Laufhaus hat und die Zimmer zwischen 120 und 170 Euro pro Tag vermietet, kann bei 15 Zimmern auf drei Stockwerken schon mal auf eine knappe Million Mieteinnahmen im Jahr kommen. Wo so viel Geld verdient wird, wird gekämpft, um jedes Haus. Das bekommt auch Veronika Kienzle zu spüren. Die Stuttgarter Bezirksbürgermeisterin hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Leonhardsviertel wieder bewohnbar zu machen und die Prostitution zurückzudrängen. "Wir müssen eine Situation schaffen, in der sich Zuhälter nicht mehr wohlfühlen", sagt die grüne Kommunalpolitikerin. Ihr Ziel: Häuser zurückkaufen und die Zuständigkeiten der verschiedenen kommunalen Ämter bündeln, damit man gezielt gegen anwaltliche Verschleppungstaktik vorgehen kann.

Der Zwang, der Frauen zu Prostituierten macht, heißt meist Armut. Seit dem Prostitutionsgesetz hat die Kommune weniger Möglichkeiten, einzugreifen. Sie muss etwa nachweisen, dass eine gewerbliche Zimmervermietung im Klartext Prostitution bedeutet. Und selbst wenn sie recht bekommt, wie im Falle des Hauses Leonhardstraße Nummer 16, haben die Hausbesitzer und Unterpächter im Zweifel die besseren Anwälte, die einen Prozess ewig verschleppen. Manch einem der Männer, die mit Frauen gut verdienen, ist Kienzle, die seit acht Jahren für das Leonhardsviertel kämpft, so angenehm wie ein Loch im Kopf. Kürzlich hat sie einer im Rathaus besucht und süffisant festgestellt: "Sie sitzen mit dem Rücken zur Tür, wie unvorsichtig, Frau Kienzle."

Das Geld machen Pächter und Hausbesitzer

Kienzle weiß, dass sie sich mit der Rettung des Kiezes viel vorgenommen hat. Beharrlich besteht sie darauf, die Folgen einer verfehlten Immobilienpolitik der Stadt rückgängig zu machen. In fast allen diesen verkauften Häusern hat sich das Milieu eingenistet und damit das Gefüge von Gewerbe, Sozialwohnungen und Rotlicht durcheinandergebracht. Inzwischen kauft die Stadt Wohnungen zurück. Das Haus 49 etwa, in dem das Café Mistral zu Hause ist. Nun gibt es Gespräche über die vorzeitige Auflösung der Mietverträge, und die sind zäh. Die Pächter wollen ihre lukrative Geldquelle nicht so einfach aufgeben, nach dem Willen der Stadt soll das Bordell im oberen Stockwerk verschwinden. Veronika Kienzle könnte sich vorstellen, dass in diesem die Stiftung des benachbarten Schwäbischen Heimatbundes Platz finden könnte. Oder auch ein Übergangswohnheim für Aussteigerinnen.

Für Aussteigerinnen wie Noemi. Die braucht nun eine Wohnung, damit sie eine andere Arbeit finden kann. Noemi ist eine starke Frau. Als sie vor fünf Jahren in Stuttgart ankam, hat sie kein Wort Deutsch gesprochen, doch sie hat sich durchgebissen. Ganz allein. Das meiste Geld hat ihr Zimmer in der Absteige verschlungen, 120 Euro am Tag wollte der Vermieter. Noch einen Mann, der sie angeblich beschützen soll, wollte sie nicht zahlen. Zuhälter? "Die reden von Liebe und wollen nur mein Geld", sagt Noemi. Sie hat ihre Eigenständigkeit mit Einsamkeit in der Fremde bezahlt. Nun will sie aussteigen. "Die Arbeit als Hure macht Seele und Körper kaputt", sagt Noemi. Mit der Hilfe von Sabine Constabel hofft sie auf eine zweite Chance im Leben. Sie will das Leonhardsviertel endlich hinter sich lassen.


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4 Kommentare verfügbar

  • Wahrheit
    am 11.04.2012
    Es steht außer Frage, dass das Geschäft mit der Prostitution für die Prostituierten zum Großteil sehr schlimm ist. Jedoch finde ich die Berichterstattung vor allem in Hinblick auf die Hausbesitzer, welche angeblich den großen „Reibach“ machen als sehr klischeehaft und unwahr.
    Wenn man die Situation im Leonhardsviertel einmal realistisch und genau betrachtet, so wird man feststellen, dass die aktuelle Situation einzig und allein auf dem Fehlverhalten der Landeshauptstadt Stuttgart in den letzten Jahren beruht. In diesem Viertel gibt es einen qualifizierten Bebauungsplan, welcher zum einen aussagt, dass es aktuell lediglich 3 Bordelle geben dürfte. Tatsächlich gibt es jedoch aktuell 9 Bordelle, von denen nunmehr eines geschlossen wurde, nachdem die Landeshauptstadt Stuttgart dieses Haus erworben hat. Die anderen 5 illegalen Bordelle werden nach wie vor ohne Berechtigungsdasein vor den Augen der einzelnen Behörden betrieben.
    Wenn nunmehr von einzelnen Vertretern der Hilfsorganisationen oder der Politik davon gesprochen wird, dass die Hausbesitzer die großen Gewinner sind, dann sollte man sich jedoch Fragen, weshalb die Landeshauptstadt Stuttgart seit dem 1.1.2012 eine Vergnügungssteuer von 10 €/m² und Monat nicht nur von den legalen Bordellen, sondern auch von den legalen Bordellen verlangt? Auch ist die Frage zu stellen, weshalb man von den Frauen in den legalen und illegalen Bordellen pro Tag pauschal Euro 25,00 an steuerlichen Abgaben verlangt? Die aktuellen Tagesmieten in diesem Viertel liegen in einem Bordell bei rund € 100,00. Hiervon muss der Betreiber 19 % Umsatzsteuer abführen, Rücklagen für das Objekt bilden, Löhne für Angestellte bezahlen und Nebenkosten wie Wasser, Gas und Strom abführen. Somit bleibt pro Zimmer und Tag ein wesentlich geringerer Anteil an "Gewinn". Die Stadt und das Land kassieren jedoch pro Zimmer mindestens € 28,00 netto pro Tag, was mit Sicherheit nahezu der gleiche „Gewinn“ ist, wie der des eigentlichen Hausbesitzers.

    Auch sollte man nicht verkennen, dass die Landeshauptstadt Stuttgart bis heute gegen illegale Bordelle lediglich zivilrechtlich vorgeht, obwohl es mittlerweile mit Sicherheit ein öffentliches Interesse ist, diese illegalen Betriebe zu schließen. Weshalb wird jedoch bis heute lediglich zivilrechtlich gegen diese Häuser vorgegangen? Auch diese Antwort ist relativ leicht nachvollziehbar. Die Landeshauptstadt Stuttgart geht diesen Weg wohl deshalb, weil auf diesem Wege Vertragsstrafen gegen diese Häuser eingefordert werden können, die in einem hohen fünfstelligen Bereich liegen. Auch hier kassiert die Stadt kräftig an der aktuell schlimmen Situation der Prostituierten mit.

    Betrachtet man nunmehr zum Schluss noch den sogenannten Straßenstrich (wobei hier vom Elendsstrich zu sprechen ist) so ergibt sich ein noch viel gravierenderes Bild als in den Bordellen. Diesen Straßenstrich dürfte es laut Bebauungsplan überhaupt nicht geben, da sich das komplette Leonhardsviertel in einem so genannten Sperrgebiet befindet. Dieser Straßenstrich wird jedoch nicht unterbunden, wie es in anderen Städten relativ schnell der Fall ist, sondern für jeden offensichtlich in irgendeiner Art und Weise geduldet. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart spricht in diesen Fällen von geringen Ordnungswidrigkeiten, falls man einer Prostituierten das Anschaffen auf der Straße nachweisen kann. Somit wird diese Ordnungswidrigkeit umgehend eingestellt.
    Diese Situation nimmt die Landeshauptstadt Stuttgart seit Jahren hin und es ist beschämend, dass beispielsweise die Jakobsschule mittlerweile darüber nachdenken muss, ihre Fenster zur Katharinenstraße hin zu verdunkeln, um die Schüler vor dem Anblick des blühenden Straßenstrichs zu schützen. Auch hier ist öffentliches Interesse im Vordergrund und der Schutz von Kindern steht über allem.
    Aber auch in diesem Fall ist es so, dass man hier von einer "Doppelmoral" ausgehen muss, denn zum einen werden auch diese Damen aufgefordert die Euro 25,00 Pauschalsteuer pro Tag abzuführen und zum anderen werden auch diese Damen seit dem 1.1.2012 aufgefordert, für ihr Zimmer Euro 10,00/m² pro Monat an die Landeshauptstadt Stuttgart abzuführen. In den meisten Fällen bezahlen diese Prostituierten pro Zimmer und Monat rund Euro 350,00 an Miete, wobei die Zimmer im Schnitt zwischen 10 m² und 12 m² groß sind, was bedeutet, dass die Landeshauptstadt Stuttgart künftig pro Zimmer zwischen Euro 100,00 und Euro 120,00, somit rund ein Drittel des gesamten Zimmerpreises von diesen Prostituierten verlangt. Somit könnte die Landeshauptstadt Stuttgart pro Prostituierte auf der Straße pro Monat rund Euro 850,00 im gesamten berechnen. Wenn man diese Zahlen einmal in den Raum stellt, dann stellt sich erneut die Frage, wer hier tatsächlich der Gewinner ist und warum die Landeshauptstadt Stuttgart bis heute nichts gegen diese illegalen Geschäfte unternimmt, an denen sie doch nachweislich sehr gut verdient.

    Zusammenfassend möchte ich nochmals ausdrücklich festhalten, dass ich die aktuelle Situation der Prostituierten nicht beschönigen möchte, jedoch bin ich es leid immer wieder zu lesen, dass die Hausbesitzer die Gewinner in dieser ganzen Angelegenheit wären.

    Die legalen Bordellbetreiber versuchen seit Jahren mit den jeweiligen Behörden und auch mit dem Gesundheitsamt zusammenzuarbeiten, was leider auch immer wieder unter den Tisch gekehrt wird.
  • Jo.Meier
    am 02.04.2012
    Ich habe einige Jahre meines Lebens in der Prostitution verbracht und  frei und selbstbestimmt gearbeitet. Hätte es damals in meiner Nähe eine Gruppe der Hurenbewegung gegeben, ich wäre vielleicht dabei gewesen.
    Das ist mehr als zehn Jahre her. Vieles habe ich verarbeitet, ich hatte psychologische Hilfe, habe eine Ausbildung gemacht, jetzt einen guten Beruf und bin zufrieden.  Ich hatte sehr viel Glück.
    Doch diese Wunden, die die Prostitution in mir verursacht hat, heilen sehr sehr langsam. Man verletzt sich dabei so unglaublich tief und dauerhaft, dass mir die Worte fehlen, das zu beschreiben. 
    Damals habe ich das weggesteckt, habe mich hart gegen diesen Schmerz gemacht, habe ihn kaum wahrgenommen und wenn doch, mich mit dem Geld getröstet und es mir schön geredet.
    Als ich mich nicht mehr hart machen musste, habe ich erst angefangen zu spüren. Ich spüre es immer noch, obwohl es so lange her ist. Dieses Gefühl benutzt zu werden, dieses nur Fleisch sein. Das tut so unglaublich weh, nimmt einem so viel Leben, macht so viel tief in einem kaputt. Prostitution  ist so unglaublich grausam. Ich kann nachempfinden, wie es den Frauen in diesem Bericht geht und wie sie sich fühlen.
    Ich wünsche jeder Frau, dass sie einen anderen Weg findet, das Leben zu meistern. Übrigens würde keine meiner damaligen Kolleginnen diesen Job noch mal machen. Der Preis, den man als Hure für das Geld bezahlen muss, ist viel zu hoch.
    Wenn Freier von den Rechten der Prostituierten reden und deren Freiwilligkeit betonen, wird mir übel. Damals schon und heute immer noch. 

    Freier glauben zu machen,  dass man das freiwillig und gerne macht, gehört zum Geschäft. Das ist simpel, die hören so etwas gern. Eine Frau, die diese Show nicht drauf hat, verdient nichts und kann gleich aussteigen.
    Manchmal zieht auch die Mitleidstour, aber schlechter. Am Besten ist es, dem Freier zu sagen, dass man es geil findet, das hörten sie immer noch am liebsten. Wie blöd muss man denn sein, um so was zu glauben?

    In der Prostitution gibt es nur Verlierer: die Frauen zu allererst, aber ich glaube,  auch die Freier verlieren,  die sich mit und ohne Absicht zu Tätern machen.  Nicht zuletzt verliert auch die Gesellschaft, indem sie zulässt, dass Menschen sich Menschen zur sexuellen Benutzung kaufen können. Freiwilligkeit hin oder her.

    Übrigens hätte ich damals bestimmt auch freiwillig und selbstbestimmt gegen sehr viel Geld einer meiner Nieren verkauft - das war aber verboten und deshalb habe ich alle meine Organe noch. Prostitution war erlaubt - Pech für mich ...
  • nachdenklich
    am 01.04.2012
    So so, die Änderung oder Rücknahme des Prostitutionsgesetz soll also dazu herhalten, Fehler im Mietrecht oder anderen Regelungen (bin kein Jurist) zu kompensieren.

    Insgesamt erscheint mir der Artikel doch zu oberflächlich, als dass daraus die Forderung eines drastischen Rückschritts in der Rechtsordnung abgeleitet werden dürfte, wie dies Frau Constabel im Artikel unkommentiert nahelegen darf. Hat sich Frau Stiefel schon mal mit Frauen aus Huren- Selbstorganisationen unterhalten? Dass Verhältnisse im Leonhardsviertel (nicht nur) für dort arbeitende und wohnende Prostituierte nach Veränderung schreien, ist unbestritten. Aber soziale Verwahrlosung, verrottete Häuser, überzogene Mieten, unbegrenztes Profitstreben gibt es eben nicht nur dort, wo Prostitution stattfindet. Einen der anderen Gründe, welche die Situation im Viertel entgleisen lassen, nennt denn auch Frau Kienzle: verfehlte Immobilienpolitik. In diesem Zusammenhang würde es mich z.B. interessieren, welche Mieten die Stadt im Dreifarbenhaus kassiert.

    Ohne Zweifel gibt es in der Prostitution viel zu viel Gewalt, und Frau Constabel kann genau von diesen Fällen sicher ein zutreffendes Bild geben. Aber gibt es wirklich keine Prostitution ohne Gewalt, wie dies der Artikel darstellt? Hängt das Bild, das jemand sieht, nicht stark von der Perspektive ab, aus der man/frau auf die Landschaft blickt? Frau Constabel ist eben eine Anlaufstelle für (einige der vielen) „Problemfälle“, die ja in diesem Kontext überwiegend Frauen sind. Aber nicht zuletzt wegen des Prostitutionsgesetzes gibt es inzwischen eben auch Möglichkeiten einer selbstbestimmten Prostitution, ohne Zuhälter, ohne Siff, aber meist eben auch nicht frei von Ausbeutung durch überhöhte Mieten. Diese Frauen lernt Frau Constabel wohl meist nicht kennen.

    Ich kenne persönlich (aus der Freierperspektive) viele Frauen, die der Prostitution nachgehen. Warum? Nicht weil das Huren- Leben so schön oder romantisch wäre. Nein, sie wollen mehr Geld verdienen, als sie in ihren Berufen oder in ihrem Heimatland verdienen können, deshalb. Oder auch weil Sie, wie Marianne aus dem Artikel, zu stolz sind, Geld vom Staat anzunehmen. Es ist deren freie Entscheidung; aber vielleicht ist das auch falscher Stolz, der Staat finanziert so viele unsägliche Sachen, da wäre das Geld für Marianne ja geradezu ein Lichtblick.

    Manche arbeiten als Prostituierte, um ihren Kindern eine Ausbildung finanzieren zu können, die es denen erlauben wird, sich andere Arbeitsplätze suchen zu können. Manche verdienen sich auch am Wochenende Geld zum normalen Job dazu, um sich persönlich ein besseres Leben leisten zu können oer später nicht auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Ich muss an dieser Stelle daran erinnern, dass in Deutschland eine wachsende Zahl von Beschäftigten mit ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen vorlieb nehmen muss, so dass der Staat heute den Hungerlohn aufstockt (muss???, wer verdient daran?) und später mit Sozialhilfe den Lebensunterhalt sicher stellen muss! Miese soziale Verhältnisse, die Menschen in Tätigkeiten bringen, um die sie nicht zu beneiden sind, haben ihre Ursache eben nicht in der Existenz von Prostitution.

    Aktuell kenne ich beispielsweise eine junge rumänische Frau, die vorher für ihren „Freund“ in Ungarn angeschafft hat. Hier in Deutschland hat sie sich Hilfe geholt und bekommen: von der Polizei, von Betreibern eines Bordells, von einigen Ihrer Kunden. Sie ist jetzt „Frau“ über ihr verdientes Geld und finanziert sich so eine Weiterbildung. Sie möchte raus aus der Prostitution, sieht aber unter den jetzigen Bedingungen in Deutschland darin einen gangbaren Weg aus dem sozialen Elend; und diesen Weg sind vor ihr auch schon andere Frauen erfolgreich gegangen, nicht abhängig von Drogen und ungebrochen.

    Meine Erfahrungen sind auch nur Bilder aus (m)einer anderen Perspektive; aber die zeigt eben auch einen Teil der Realität. Das Prostitutionsgesetz in der vorhandenen Fassung muss geändert werden, sicher; aber bitte so, dass Menschen auch in der Prostitution möglichst selbstbestimmt und undiskriminiert arbeiten können. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, die durch ihre wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse Menschen in Arbeitsverhältnisse bringt, in denen sie nicht menschenwürdig leben können.
  • thomasbarth
    am 28.03.2012
    die Leo4tel Ilusion
    die gibt es 40 Jahre schon
    der Rommel schon das Lied anstimmt
    "für Stuttgart sich sowas nicht ziemt"

    Herr Schuster hat es ganz vergessen
    er war auf Ärger nicht versessen
    wies scheint gehört Prostitution
    in Stuttgart halt zum guten Ton

    es galt den Haushalt zu sanieren
    da hat man ohne zu genieren
    sich flugs vom Hausbesitz befreit
    im Nachhinein war des net gscheit

    VK,Bezirksvorsteherin
    Sie hat nun besseres im Sinn
    versucht- und das in allen Ehren
    Sittenverfall sich zu erwehren

    auch Sie -die Sittenwächterin
    kann im Erkennen nicht umhin
    dass wenn das Geld im Haushalt klingt
    Nullschuldenliedlein jeder singt


    Sie bringt es an die grosse Glocke
    das unrümliche Rumgezocke
    doch da Pekunia nicht stinkt
    wird auch Veronika gelinkt

    und die Moral von der Geschicht
    dies 4tel interessiert halt nicht

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