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Keiner Schuld bewusst

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Der NSU-Ausschuss steht vor einer Zäsur. Nach der Sommerpause muss er sich endgültig dem Hauptkomplex seiner Arbeit widmen: den Ermittlungen im Mordfall Michèle Kiesewetter. Die Beurteilung des Erinnerungsvermögens ihres schwer verletzten Kollegen Martin Arnold wird dabei von entscheidender Bedeutung sein.

Christoph Meyer-Manoras ist verantwortlich dafür, dass die Heilbronner Behörden jahrelang der Phantomspur verunreinigter Wattestäbchen nachjagten. Das wäre als Aufklärerpech zu verbuchen, würde der Erste Staatsanwalt bescheidener agieren bei seinem Auftritt vor dem Ausschuss, verzichten auf Bemerkungen wie "Dass Ufos auf der Theresienwiese landen, lässt sich aus philosophischer Sicht auch nicht verneinen". Geradezu paradox ist seine Herabsetzung von Zeugen – "Die schlechteste aller Quellen, weil nicht nur Lügner, sondern zugleich Fehler, Überlagerungen und Erinnerungslücken identifiziert werden müssen" –, will er selbst als Zeuge vor dem Ausschuss doch ernst genommen werden.

Was den Abgeordneten nicht immer leicht fällt. Als Replik auf die heftige Kritik daran, dass er Kiesewetters Yahoo-Account nicht habe auswerten lassen, führt der 52-jährige seine langjährige Erfahrung an, erläutert, dass die zuständigen Behörden in den USA einem derartigen Ansinnen ohnehin nicht stattgegeben hätten: "Es gibt kein Land, bei dem ich so ungern um Rechtshilfe ansuche. Wenn die von uns was wollen, erwarten sie, dass wir springen, und umgekehrt wird blockiert." Fehler und Versäumnisse sieht er keine, dafür sich selbst gänzlich ungerechtfertigten Vorwürfen in der Öffentlichkeit ausgesetzt. Einzelne Journalisten, wie Rainer Nübel oder Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust, nennt er beim Namen. Es gebe "keine begründeten Zweifel" an der offiziellen Version, nach der die Taten Mundlos und Böhnhardt zugeschrieben werden. Für ihn sei die "Indizienlage eindeutig", sagt Meyer-Manoras auf mehrfaches Nachfragen spitz: Die in dem ausgebrannten Wohnwagen in Eisenach gefundenen Waffen und Ausrüstungsgegenstände von Kiesewetter und Arnold, das Bekennervideo, in dem der Heilbronner Anschlag vorkommt, die Blutspritzer an der Jogginghose von Mundlos reichen ihm aus. Mehrere Abgeordnete schütteln den Kopf, einige Zuschauer murren.

Da war die Stimmung in dieser vorletzten Sitzung vor der Sommerpause eine ganz andere beim Erscheinen von Andrea Beetz. Die Psychotherapeutin und Universitätsdozentin hat eine Zusatzausbildung als forensische Hypnotherapeutin. Sie bekommt Anfragen aus ganz Deutschland, wenn Polizisten mit ihren traditionellen Techniken nicht weiterkommen. Schon Anfang der Achtziger, als auf den Fildern südlich von Stuttgart mehrere Frauen umgebracht wurden, bedienten sich die Ermittler dieser Methode. Beetz räumt ein, dass sie in der Fachwelt umstritten ist. Zugleich aber sind viele Erfolge umfangreich dokumentiert.

Martin Arnold, der monatelang im Koma gelegen hatte, wollte selbst hypnotisiert werden. In Absprache mit Familie und Ärzten war eine Legende entwickelt worden, mit der man den schwer hirnverletzten Beamten nach seinem Erwachen konfrontierte: Er habe einen Motoradunfall gehabt. Erst als sich sein Zustand stabilisiert hatte, wurde er befragt und hat dabei, wie der seinerzeit vernehmende Kollege im Ausschuss berichtet, "zusammenhängend und verständlich artikuliert", sich bruchstückhaft an Einzelheiten des Tattages, nicht aber an die Tat selbst erinnern zu können. Später berichtete er vom Einkauf beim Bäcker, und als er den Raum der "Soko Parkplatz" in Heilbronn besucht, fällt ihm die Schulung am Tattag ein, die tatsächlich im selben Raum stattgefunden hat.

Die Kollegen führen ihn auf eigenen Wunsch an den Tatort, er legt Blumen nieder. Sehr angespannt sei er gewesen, erzählt der Zeuge weiter, aber tatsächlich seien ihm neue Einzelheiten eingefallen: dass sie den Wagen – inzwischen nennt er nicht mehr einen VW-Bus, sondern einen BMW – rückwärts neben dem Trafohäuschen im Schatten eingeparkt hätten, dass sie gegessen und danach jeder eine Zigarette geraucht hätten, dass die Türen zu und die Fenster offen waren. "Nicht einmal hier hat man seine Ruhe", habe Kiesewetter noch gesagt und "Da will einer eine Auskunft". Dann habe er im Außenspiegel auf der Beifahrerseite "einen Mann gesehen, circa 20 Jahre alt". Arnolds Angaben seien, "nicht in allen Punkten objektiv nachvollziehbar", zweifelsohne habe er sich "am Tatort aber an Details erinnern können".

Immer wieder hat der rekonvaleszente Polizist in diesen Monaten Ideen entwickelt, um zu weiteren Erkenntnissen zu gelangen. Nach einem zweiten Besuch auf der Theresienwiese schlägt er ebenjene Vernehmung unter Hypnose vor. Im Juli 2008 kommt es dazu, Beetz berichtet den Abgeordneten,  wie sie Arnold in Trance versetzte, wie er anhand von Gerüchen erwähnte, eine Pizzaschnitte und Brezel gegessen zu haben. Und dann beschreibt er eine männliche Person – mit dunklen Jeans, Kurzarmhemd, schwarzen Schuhen und kurzen, dunklen Haaren. Und, erstmals, eine zweite, mit rot-weiß kariertem Hemd an der Beifahrerseite. Deren Gesicht habe er aber nicht sehen können. Die Vernehmungsbeamten werden diese Erinnerungen als "glaubhaft" einstufen, weitere Ansätze erkennen sie aber nicht. Für Beetz ist es ungewöhnlich, dass sich jemand nach einer derartig schweren Kopfverletzung detailliert erinnert. Es gebe Ärzte, die "total" gegen die Methode seien und andere, die selbst dazu greifen. Nach etwa 45 Minuten holte sie ihren Patienten zurück in die reale Welt.

Nach Arnolds Angaben wurde ein Phantombild erstellt. Es blieb genauso unter Verschluss wie die anderen 13, die erst Kontext im Juli 2013 öffentlich machte. Bis dahin hatten die Behörden den Eindruck erweckt, der Beamte könne sich an überhaupt nichts mehr erinnern. Thomas Moser und Hermann G. Abmayr zitierten dagegen aus den Akten: "'Er hatte klare und konkrete Erinnerungen an die Situation, die er sich immer wieder vor seinem inneren Auge abrief und beschrieb', hielten die Ermittler zur Erstellung des Phantombildes fest."

Christoph Meyer-Manoras hat das damals so wenig beeindruckt wie heute. Schon allein deshalb, weil die von ihm favorisierte Rekonstruktion des Tathergangs zu einem anderen Ergebnis gekommen war. "Die beiden Polizeibeamten saßen bei offenen Türen und Fenstern, ohne den Sicherheitsgurt angelegt zu haben, im Streifenwagen", heißt es in den Akten. Bei offenen Türen ist der Blickwickel auf die sich nähernden Männer aber ein anderer. "Martin Arnold bildet sich einen Täter ein, den es nicht gab", urteilt der Erste Staatsanwalt. Er selbst hätte diese Vernehmung unter Hypnose gar nicht zulassen sollen, aber "wir hatten nichts in der Hand, wir griffen nach jedem Strohhalm". Und ganz gewiss sei es richtig gewesen, sämtliche Phantombilder nicht zu veröffentlichen: "Ich beglückwünsche mich noch heute zu dieser Entscheidung."

Nicht nur zu dieser, ganz offensichtlich. Sondern auch zu jenen, die den Umgang mit Aussagen betrafen, die ebenfalls nicht zur offiziellen Tatversion passen. Der Ausschuss konnte sich in Heilbronn bei der Begehung der Theresienwiese selbst ein Bild davon machen, dass die Angaben der Zeugin W. aufgrund der örtlichen Gegebenheiten und der Entfernungen falsch sein müssen. Meyer-Manoras will dennoch glänzen – mit seinem Wissen um den 400-Meter-Weltrekord, gehalten von Michael Johnson. Der Eindruck, er habe Aussagen nicht wohlwollend betrachtet, "ist falsch", sagt er. Es klingt hochmütig. Ebenso mache nicht jeder Widerspruch Zeugen unglaubhaft. Im Falle der Aussagen, die ihm in der Öffentlichkeit immer wieder vorgehalten werden, gehe es aber um "ganz, ganz große Widersprüche". Nicht nur auf die Frage nach der Täterschaft, selbst auf die Frage der Vorgeschichte hat er eine Antwort: Mundlos und Böhnhardt hätten geplant, "Polizeibeamte bei sich bietender Gelegenheit zu töten", sie hätten sich "wahrscheinlich ein Szenario überlegt, und das war an diesem Tag an dieser Stelle für sie gegeben". Alle beschrieben Fluchtszenarien passen für ihn nicht ins Bild: "Die Polizeibeamten sind sehr gemütlich auf die Theresienwiese gefahren, sie drehen um, parken in aller Ruhe ein, packen ihr Vesper aus, rauchen; welcher Verbrecher fühlt sich dadurch in die Ecke gedrängt?" 

Nach der Sommerpause wird der Ausschuss unter anderem jenen Mediziner hören, der in seinem Gutachten zu dem Erinnerungsvermögen angesichts der schweren Hirnverletzungen die Fähigkeit ausschloss, Details des Tathergangs zu rekonstruieren. Und die Abgeordneten werden sich mit Arnolds Auftritt im Münchener NSU-Prozess befassen, wo er im Januar 2014 meinte, keine Angaben machen zu können. Da hatte er ein gut vierstündiges Gespräch mit Meyer-Manoras längst hinter sich. Der Richter: "An was erinnern Sie sich genau? Trafohäuschen?" Arnold: "Eigentlich hört es noch davor auf, es geht nur bis zum Schotterparkplatz, alles andere, wie wir geparkt haben und dass wir da geparkt haben, weiß ich nur noch aus den Tatortbildern." Ob er selbst geladen wird, ist noch nicht entschieden. Die grundsätzliche Zurückhaltung ist groß, "weil wir im Wissen entscheiden werden", sagt der Vorsitzende Wolfgang Drexler (SPD), "dass er zuallerst Opfer und nicht Zeuge ist".


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11 Kommentare verfügbar

  • Barolo
    am 05.08.2015
    Antworten
    @Schwabe
    danke, das sehe ich genauso wie Sie.
    Was an dem Fall Heilbronn so ins Auge sticht, ist dieser 100% Mismatch aller Spuren denen dort über 4 Jahre nachgegangen wurde zu den Uwes.
    Und das ist ja nicht die Meinung vom AK NSU Leaks, sondern die klare Aussage des Leiters der SOKO Parkplatz und…
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