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NSU: Maulkorb für Drexler

Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des ersten und des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag, soll seine massive schriftliche Kritik am ARD-Film zum Mord an Michèle Kiesewetter vorerst nicht wiederholen. Der frühere SPD-Fraktionschef und Landtagvizepräsident hatte die Produktion, die am Montag ausgestrahlt wurde und für die der SWR mitverantwortlich zeichnet, als "grob falsch, unsachlich und anstößig" bezeichnet. Jetzt liegt der Landtagsverwaltung ein mehrseitiges Schreiben eines Rechtsanwalts vor, in dem Drexler zur Unterlassung etlicher Aussagen aufgefordert wird.

Drexler hatte sich per Pressemitteilung nach der Trauerfeier zum zehnten Jahrestag des Terroranschlags geäußert. Auf dieser habe er Kollegen getroffen, die wie er selbst den Fernsehbeitrag "mit Bestürzung" verfolgt hätten. Ein Punkt von vielen: Es sei suggeriert worden, die Polizistin habe selbst Heroin konsumiert und sei davon abhängig gewesen. Das verstoße "nicht nur gegen das Gebot journalistischer Sachlichkeit", sondern sei gerade zum jetzigen Termin "unpassend und für die Angehörigen belastend, wie etwa die ebenfalls verwendeten Bilder der grausam Ermordeten im Badeanzug". Er halte "derartige gänzlich unbewiesene Anwürfe für grob anstößig". Für Heroinkonsum hätten sich in der "intensiven mehrjährigen Aufklärungsarbeit" keine Hinweise ergeben.

Als "ähnlich perfide" bezeichnet der frühere Landtagsvizepräsident und SPD-Fraktionsvorsitzende die Versuche, "trotz ausführlicher Widerlegung, unmittelbare Kontakte zu Rechtsextremen zu unterstellen". Zudem irritiere, "dass die Verfasser sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht hätten, die Protokolle oder wenigstens die Abschlussberichte der Untersuchungsausschüsse des Bundestags und des Landtags von Baden-Württemberg zur Kenntnis zu nehmen. Etwa wenn es um das Umfeld der beiden Opfer in ihrer Einheit gehe, auch würden die mittlerweile erfolgten teilgeständigen Einlassungen von Beate Zschäpe, die die Täterschaft von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auch an der Tat von Heilbronn einräumt, vollständig ignoriert, ebenso wie etwa das Bekennervideo des NSU und seine Entstehung bereits bis Ende 2007". Mündlich wiederholen mochte der Ausschussvorsitzende seine Kritik einen Tag vor den nächsten Zeugenvernehmungen nicht. Die Landtagsjuristen prüfen gegenwärtig das Schreiben des Anwalts. (27.4.2017)


Offene Wunde in Heilbronn

"Wir hoffen alle, dass vielleicht doch noch mehr Licht in die Vorgänge kommt." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am zehnten Jahrestags des Anschlags auf Polizisten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen Martin Arnold genutzt, zumindest indirekt eine Fortsetzung der Ermittlungsarbeit zu verlangen. Der Heilbronner OB Harry Mergel (SPD) wurde auf der Gedenkfeier deutlicher: "Warum Heilbronn? Wieso Michèle Kiesewetter? Und weshalb der 25. April 2007?" Solange diese Fragen "nicht ausreichend beantwortet werden können, gibt es auch hier in Heilbronn eine offene Wunde".

Angestoßen wurde die Diskussion um neue Ermittlungen auch durch die Bundesanwaltschaft. Sie geht der Entstehung eines Graffito mit dem Kürzel "NSU" nach, das auf einer Mauer am Tatort aufgesprüht war. Bisher lautet die offizielle Version, dass das NSU-Trio für den Anschlag verantwortlich ist. Immer wieder und aufgrund zahlreicher anderer Spuren sind die Zweifel an dieser Darstellung nicht ausgeräumt. Bisher waren an Tatorten weder Bekennerschreiben des NSU noch andere Hinweise gefunden worden. Entdeckt worden waren die drei Versalien in schwarzer Farbe vom Filmemacher Clemens Riha beim Sichten von SWR-Archivmaterial. (25.04.2017)


AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


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Bild 1: Ein Zeuge will wenige 100 Meter südlich des Tatorts zwei Männern und dieser Frau begegnet sein.

Bild 1: Ein Zeuge will wenige 100 Meter südlich des Tatorts zwei Männern und dieser Frau begegnet sein.

Bild 2: Dieser Mann soll sich im Neckar seine blutverschmierten Hände abgewaschen haben.

Bild 2: Dieser Mann soll sich im Neckar seine blutverschmierten Hände abgewaschen haben.

Bild 3: Eine Version eines Mannes, den eine Zeugin in der Nähe des Tatorts gesehen haben will. Seine linke Seite sei blutverschmiert gewesen.

Bild 3: Eine Version eines Mannes, den eine Zeugin in der Nähe des Tatorts gesehen haben will. Seine linke Seite sei blutverschmiert gewesen.

Bild 4: Zweite Versionen des blutverschmierten Mannes, den die Zeugin in der Nähe des Tatorts gesehen haben will.

Bild 4: Zweite Versionen des blutverschmierten Mannes, den die Zeugin in der Nähe des Tatorts gesehen haben will.

Bild 5: Dieser Mann fiel einem Zeugen einige 100 Meter südlich des Tatorts vor der Tat auf.

Bild 5: Dieser Mann fiel einem Zeugen einige 100 Meter südlich des Tatorts vor der Tat auf.

Bild 6: Der gleiche Zeuge will auch diesen Mann einige 100 Meter südlich des Tatorts vor der Tat gesehen haben.

Bild 6: Der gleiche Zeuge will auch diesen Mann einige 100 Meter südlich des Tatorts vor der Tat gesehen haben.

Bild 7: Diesen Mann will ein Zeuge vor der Tat in Nähe des Tatorts sitzen gesehen haben.

Bild 7: Diesen Mann will ein Zeuge vor der Tat in Nähe des Tatorts sitzen gesehen haben.

Bild 8: Dieser Mann soll zusammen mit drei weiteren Männern vor der Tat in der Nähe des Tatorts im Gras gelegen haben.

Bild 8: Dieser Mann soll zusammen mit drei weiteren Männern vor der Tat in der Nähe des Tatorts im Gras gelegen haben.

Bild 9: Dieser Mann soll kurz nach der Tat in ein Auto mit laufendem Motor gesprungen sein. Sein rechter Arm und sein T-Shirt seien mit Blut befleckt gewesen.

Bild 9: Dieser Mann soll kurz nach der Tat in ein Auto mit laufendem Motor gesprungen sein. Sein rechter Arm und sein T-Shirt seien mit Blut befleckt gewesen.

Bild 10: Etwa zur Tatzeit wollen zwei Zeugen einige 100 Meter südlich gesehen haben, wie dieser Mann über eine Wiese rennt.

Bild 10: Etwa zur Tatzeit wollen zwei Zeugen einige 100 Meter südlich gesehen haben, wie dieser Mann über eine Wiese rennt.

Bild 11: Gut eine Stunde vor der Tat will einer Zeugin dieser Mann am späteren Tatort aufgefallen sein.

Bild 11: Gut eine Stunde vor der Tat will einer Zeugin dieser Mann am späteren Tatort aufgefallen sein.

Bild 12: Mehrere Stunden nach dem Mord will eine Zeugin diesen Mann in der Heilbronner Stadtbahn gesehen haben. Sein T-Shirt sei blutverschmiert gewesen.

Bild 12: Mehrere Stunden nach dem Mord will eine Zeugin diesen Mann in der Heilbronner Stadtbahn gesehen haben. Sein T-Shirt sei blutverschmiert gewesen.

Bild 13: Etwa acht Sunden nach dem Mord soll dieser Mann einen Schausteller auf der Theresienwiese nach Einzelheiten der Tat gefragt haben.

Bild 13: Etwa acht Sunden nach dem Mord soll dieser Mann einen Schausteller auf der Theresienwiese nach Einzelheiten der Tat gefragt haben.

Bild 14: Dieses Phantombild eines mutmaßlichen Täters wurde nach den Angaben des Polizeibeamten Martin Arnold im November 2010 erstellt.

Bild 14: Dieses Phantombild eines mutmaßlichen Täters wurde nach den Angaben des Polizeibeamten Martin Arnold im November 2010 erstellt.

Ausgabe 120
Politik

Die vertuschten Phantome von Heilbronn

Von Thomas Moser und Hermann G. Abmayr
Datum: 17.07.2013
Die Polizei hat nach dem Mord an der jungen Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn im Jahr 2007 insgesamt 14 Phantombilder erstellen lassen. Die Ermittlungsbehörden haben diese Porträts möglicher Tatverdächtiger bis heute unter Verschluss gehalten. Kontext zeigt die Bilder, weil die Redaktion der Meinung ist, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat.

Die Phantombilder basieren auf Angaben von Augenzeugen und zeigen Menschen, die Zeugen, Helfer oder Attentäter gewesen sein könnten. Bisher konnte die Polizei keine der Personen identifizieren. Der Wert der Phantombilder wird von den Ermittlern unterschiedlich eingeschätzt. Niemand weiß, wie genau die Erinnerung der Zeugen war und wie exakt die Wiedergabe der Erinnerungen. Ähnlichkeiten einer Person mit einem Phantombild können zufällig sein. Weitergehende Aussagen dazu können nur Spezialisten treffen. Und für die Ermittlungen ist die Polizei zuständig. Kontext weist außerdem ausdrücklich auf die Unschuldsvermutung hin, die jeder Person zusteht, gegen die, von wem auch immer, ein Verdacht ausgesprochen wird.

Die Phantombilder sind zu unterschiedlichen Zeiten erstellt worden, 2007 kurz nach dem Mord auf der Heilbronner Theresienwiese wenige Meter vom Neckar entfernt, dann 2009 und zuletzt 2011.

Täterbild nach Erinnerung des schwerverletzten Polizisten
Schoss dieser Mann auf Arnold?

Ein Bild hat die Polizeibeamten besonders interessiert. Denn es wurde nach den Angaben von Martin Arnold erstellt, dem Kollegen von Michèle Kiesewetter, der an jenem 25. April 2007 ebenfalls erschossen werden sollte. Doch Arnold, der in einem parkenden Streifenwagen neben der 22-jährigen Polizistin auf dem Beifahrersitz saß, hatte Glück im Unglück. Die auf ihn abgeschossene Kugel drang oberhalb des rechten Ohrs in seinen Kopf ein und hinter dem Ohr wieder aus. Vermutlich hatte ihm eine Kopfbewegung nach rechts das Leben gerettet, denn Arnold hat den Täter im Rückspiegel kommen sehen. Das nach Arnolds Angaben erstellte Bild könnte also einen mutmaßlichen Täter zeigen.

Bis heute behaupten die Behörden, Martin Arnold könne sich an nichts mehr erinnern. In den Akten liest sich das anders: "Er hatte klare und konkrete Erinnerungen an die Situation, die er sich immer wieder vor seinem inneren Auge abrief und beschrieb", hielten die Ermittler zur Erstellung des Phantombildes mit Arnold fest. Die gegenteilige Erklärung war und ist in Wahrheit ein offizielles Täuschungsmanöver gegenüber der Öffentlichkeit. Angeblich, um den Beamten zu schützen. Das geht aus dem Übergabebericht der Staatsanwaltschaft Heilbronn an die Bundesanwaltschaft vom Januar 2012 hervor, nachdem die Karlsruher Behörde den Fall übernommen hatte. Darin heißt es: Der Presse sei immer wieder mitgeteilt worden, dass der Zeuge sich an nichts erinnern könne, weil "jedes Abweichen von der ursprünglichen Aussage, er könne sich an nichts erinnern, Spekulationen eröffnet hätte, die zu einer erheblichen und durch nichts zu rechtfertigenden Gefährdung des Lebens des Zeugen Martin Arnold hätten führen können."

Die Theresienwiese: Hinten links ist Michèle Kiesewetter 2007 ermordet worden. Foto: Martin Storz
Die Theresienwiese: Hinten links ist Michèle Kiesewetter 2007 ermordet worden. Foto: Martin Storz

Doch der zuständige Heilbronner Staatsanwalt Christoph Meyer-Manoras genehmigte die Veröffentlichung dieses Phantombilds nicht. Im NSU-Untersuchungsausschuss in Berlin wollte er sich zu den Gründen nicht äußern; er erklärte lediglich, die Veröffentlichung hätte die Persönlichkeitsrechte von Martin Arnold berührt. Auf die Kontext-Frage, wie das gemeint sei, verweigert die Staatsanwaltschaft Heilbronn bis heute jede Auskunft und verweist wie Landesinnenminister Reinhard Gall auf Generalbundesanwalt Harald Range in Karlsruhe. Doch auch dort gibt es keine Auskunft. Ranges Pressesprecher teilt mit: "Zu den Hintergründen der Entscheidungen anderer Behörden kann die Bundesanwaltschaft naturgemäß keine Stellung nehmen."

Staatsanwalt Christoph Meyer-Manoras hatte sich übrigens auch geweigert, bei Yahoo ein Rechtshilfegesuch einzulegen, um die E-Mails der ermordeten Polizistin Kiesewetter für die Ermittlungen sichern zu können. Erklärung: "Ich finde nicht, dass die privaten E-Mails von Frau Kiesewetter interessant gewesen wären." Ob sie inzwischen vollständig gelöscht oder in der Daten-"Cloud" noch erhalten sind, ist unter IT-Kennern umstritten.

Die Phantombilder, die nach dem Mord gefertigt wurden, zeigen ausschließlich Männer. Sie dürften bei der Fahndung schon deshalb eine untergeordnete Rolle gespielt haben, weil die Ermittler zwei Jahre lang die vermeintlich heiße DNA-Spur einer unbekannten Frau verfolgt hatten.

Phantombild Nr. 1
Phantombild Nr. 1

Im Februar 2009 übernahm das baden-württembergische Landeskriminalamt (LKA) dann den Fall. Kurz darauf erwies sich die DNA-Spur als Riesenpleite. Die Wattestäbchen zur Aufnahme von DNA-Spuren waren mit der DNA jener Frau kontaminiert, die sie bei der Herstellerfirma verpackt hatte.

Nun bekamen die Phantombilder wieder Bedeutung. Zumal sich nach der Veröffentlichung der Ermittlungspanne ein neuer Zeuge meldete. Er berichtete, dass er kurz nach der Tat wenige 100 Meter südlich des Tatorts zwei Männern und einer Frau begegnet sei. Einer der Männer habe sich im Neckar seine blutverschmierten Hände abgewaschen.

Hintergrund: Die Mörder könnten sich an ihren Opfern mit Blut beschmiert haben, als sie den beiden Polizisten nach dem Mordanschlag die Dienstwaffen entwendet hatten.

Phantombild Nr. 2
Phantombild Nr. 2

Auch die neuen Phantombilder (Phantombilder Nr 1 und 2), die auf den Angaben des neuen Zeugen fußten, wurden nicht veröffentlicht.

Dennoch haben die Ermittler weiterhin mit den Phantombildern gearbeitet. Noch im Mai 2011 ließen sie von einer Zeugin, die unmittelbar nach der Tat an der Heilbronner Theresienwiese einen blutverschmierten Mann in ein Auto einsteigen sah, ein zweites Mal ein Phantombild erstellen (Bild 3 und 4).

Alle Ermittler im Mordfall Kiesewetter schlossen nach Informationen von Kontext einen ausländerfeindlichen oder rechtsextremistischen Hintergrund aus. Dabei hätten die Namen der drei untergetauchten Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe auch in Baden-Württemberg bekannt sein müssen. Kontext hat jetzt erfahren, dass aber zumindest die mit dem Mord in Heilbronn befassten LKA-Beamten in Stuttgart nie über die – angebliche – Zielfahndung der Thüringer Kollegen nach den drei Jenaer Neonazis informiert worden waren, die angeblich 1998 ausgelöst worden war.

Phantombild Nr. 3
Phantombild Nr. 3

Im NSU-Untersuchungsausschuss gab es dazu widersprüchliche Aussagen. Während der damalige Thüringer LKA-Chef Egon Luthard erklärte, er habe die Zielfandung nach dem Trio schriftlich angewiesen, sprach ein maßgeblicher Thüringer Zielfahnder nur von einer "mündlichen" Anweisung. Das wäre eine weitere schlimme Panne bei der Behörde in Thüringen, denn üblicherweise werden alle Landeskriminalämter sowie das Bundeskriminalamt über Zielfahndungen in Kenntnis gesetzt.

In den Akten findet sich ein Zielfahndungsbeschluss dann erst für das Jahr 2000. Fraglich bleibt, warum die zuständigen LKA-Ermittler in Stuttgart auch von diesem Beschluss anscheinend nichts wussten.

Phantombild Nr. 4
Phantombild Nr. 4

Als die NSU-Mordserie dann nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt im November 2011 bekannt wurde, hätten die Phantombilder wertvolle Hinweise liefern können. Doch kein einziges zeigt Mundlos, Böhnhardt oder Zschäpe. Zu diesem Urteil kommt die Staatsanwaltschaft Heilbronn im erwähnten Übergabebericht an die Bundesanwaltschaft. Polizei und Justiz haben diesen Befund aber bisher nicht veröffentlicht.

Zweifel an der Täterschaft der beiden NSU-Männer

Wurden die Bilder nicht veröffentlicht, weil sie die Anklagekonstruktion im Münchner NSU-Prozess in Frage stellen könnten? Die Bundesanwaltschaft behauptet jedenfalls, Kiesewetter sei von Mundlos erschossen, Arnold von Böhnhardt lebensgefährlich verletzt worden. Weil die angeblichen Täter tot sind, sehe sie keine Veranlassung, die Phantombilder in den Prozess einzuführen.

Als Indizien für Täterschaft der beiden Männer gelten die beiden Heilbronner Tatwaffen, Pistolen der Marken Tokarev und Radom, die sich laut Ermittler im Schutt des teilweise abgebrannten Zwickauer Hauses fanden, in dem das NSU-Trio eine Wohnung gemietet hatte. Auch die Dienstwaffen des Polizistenpaars Kiesewetter und Arnold sollen bei Mundlos und Böhnhardt gefunden worden sein. Wo, ist allerdings unklar. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn nennt als Fundort einmal das Wohnmobil, in dem die Männern 2011 starben, an anderer Stelle die Wohnung in Zwickau.

Zweifel an der Täterschaft der beiden NSU-Männer sind dennoch angebracht. Denn Böhnhardt war Linkshänder, was Fragen zum Schusskanal aufwirft. In einem anderen Fall sah die Karlsruher Behörde den Besitz der Tatwaffe übrigens nicht als ausreichendes Indiz für die Täterschaft: dem der RAF-Frau und Verfassungsschutzinformantin Verena Becker beim Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback 1977.

Hier am Neckar soll sich ein Mann kurz nach dem Mord seine blutverschmierten Hände gewaschen haben. Foto: Martin Storz
Hier am Neckar soll sich ein Mann kurz nach dem Mord seine blutverschmierten Hände gewaschen haben. Foto: Martin Storz

Weitere Zweifel ergeben sich aus den Erkenntnissen der Sonderkomission Parkplatz beim LKA. Unter Berücksichtigung aller glaubwürdigen Zeugenaussagen, so Soko-Leiter Axel Mögelin vor dem NSU-Ausschuss in Berlin, könnten vier bis sechs Personen an der Tat beteiligt gewesen sein.

Und die könnten ebenfalls aus dem Umfeld des NSU stammen. Brisant ist deshalb ein Artikel, den das "Haller Tagblatt" kürzlich veröffentlich hat und in dem die Möglichkeit angedeutet wird, dass zwei auf den Phantombildern abgebildete Personen Ähnlichkeiten mit Leuten aus der rechtsextremistischen Szene im Landkreis Schwäbisch Hall haben könnten, dem Nachbarkreis von Heilbronn.

"Der Polizistenmord von Heilbronn ist ein Rätsel", gesteht Landesinnenminister Reinhold Gall auch sechs Jahre nach der Tat. Der Sozialdemokrat, der rund 20 Minuten vom Tatort wohnt, setzte deshalb Anfang des Jahres die Ermittlungsgruppe Umfeld ein. Sie soll "polizeiliche Strukturermittlungen zum möglichen Umfeld des NSU in Baden-Württemberg" durchführen, sich aber "nicht mit dem Komplex NSU befassen, da dieser in die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft fällt". Doch der Minister könne "bisher nicht absehen, wann und welche Ergebnisse zu erwarten sind", teilt sein Sprecher mit.

Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses

Viele Fragen werden auch im Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses in Berlin offen bleiben, der Anfang September der Öffentlichkeit vorgelegt und im Bundestag diskutiert werden soll.

Der Mordfall in Heilbronn könnte eine Schlüsselrolle im gesamten NSU-Komplex spielen, weil er sich von den neun anderen Morden fundamental unterscheidet, aber eben doch ein Zusammenhang besteht. Deshalb dürfen die Phantombilder nicht weiter der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Kontext veröffentlicht alle 14. Wir haben keine Auswahl vorgenommen. Die Beschreibungen der einzelnen Bilder basieren auf den Angaben der Polizei.


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