Ein Prosit dem Untergang: Revierler Jo, Basti, Jule. Mehr Einblick ins Revier 5 mit Klick aufs Bild.

Ein Prosit dem Untergang: Revierler Jo, Basti, Jule. Mehr Einblick ins Revier 5 mit Klick aufs Bild.

Ausgabe 438
Gesellschaft

Home is where 1 Heart is

Von Elena Wolf
Fotos: Jens Volle
Datum: 21.08.2019
Wo in Stuttgart sind eigentlich die Vermieter, die normal im Kopf sind? Hier kein Platz mehr für Band-Proberäume. Dort fliegen Menschen aus ihren vier Wänden und können nichts dagegen tun. So ergeht es auch der Wohngemeinschaft "Revier 5", die nach jahrelangem Kampf Ende des Jahres ihr Zuhause verlieren wird. Ein Stich in den Rücken der alternativen Stuttgarter Kulturlandschaft.

Ein heißer Spätnachmittag im August. Autoschlangen zuckeln in Stop-Motion durch den zähen Feierabendverkehr. Motorenlärm und miese Luft. Ein Mann mit Helm brüllt heiser "Seggl!" in das halb heruntergelassene Fenster eines neuen Volvos, nachdem der ihn schier in seinem Liegefahrrad touchiert hat. Tatort Stuttgarter Süden. 

Wer das "Revier 5" nur von seinen legendären Veranstaltungen kennt, läuft den kurzen Weg von der U-Bahn-Haltestelle Erwin-Schöttle-Platz meist im Dunkeln. Wenn alle Liegefahrradfahrer schlafen. Sieht die Fassade und Umrisse des historistischen Baus an der Böheimstraße, Ecke Karl-Kloß-Straße nur im sanft-orangenen Licht der nächtlichen Straßenbeleuchtung. Ist beeindruckt von der stattlichen Erscheinung des denkmalgeschützten Gebäudes. Wer das Revier von innen kennt, kennt nicht nur die Menschen, die in ihm wohnen, sondern auch die alternative Kulturszene Stuttgarts. Oder er kennt jemanden, der mal einen kannte, der mal eine Nacht in der geschlossenen Arrestzelle im Keller des Kulturdenkmals verbracht hat.

Bei Tageslicht sieht das Revier aus wie eine dicke Oma, die zwei Weltkriege gesehen hat: Porös, aber stolz. In den Mauern des ehemaligen Polizeireviers Nummer 5 stecken viele persönliche Geschichten. Nachdem das 1904 erbaute Gebäude in jungen Jahren als Pfarrhaus diente, nutzte es die Polizei. Danach zogen mit der Evangelischen Gesellschaft wieder Kirchenfreunde ein, die das alte Revier zum Frauen- und Mädchenwohnheim umfunktionierten. Vier Stockwerke. Zehn Zimmer. Gewölbekeller. Bröckelnde Fassade. Schimmelnde Bäder. Undichte Fenster. 390 Quadratmeter vollrenovierungsbedürftige Gesamtfläche. Das Objekt hat in über hundert Jahren viel mitgemacht.

Einmal ist sogar ein riesiger Steinbrocken aus dem lädierten äußeren Gemäuer gebrochen. Einfach so. Ein Glück, dass niemand erschlagen wurde. Der Bewohner des Zimmers dahinter hielt sich schon aufgrund seiner emotionalen Ausbrüche beim Videospielen für verantwortlich (was natürlich Quark ist). Auf einem Streifzug durch das Treppenhaus und die Zimmer muss man ebenfalls keine Superheldin sein, um festzustellen: Die dicke Oma ist hart runtergrockt.

Dank der WG atmet die alte Lady

Doch die Wohngemeinschaft des Revier 5 hat sich trotzdem in sie verknallt. Seit zehn Jahren kümmert sie sich in wechselnder Besetzung liebevoll um dieses Haus. Belebt die alte Dame mit Herzblut und viel Kreativität. Akzeptiert ihre Alterserscheinungen, hält sie fit und haucht ihr mit Lesungen, Konzerten, Partys, Vorträgen, Spenden-, Soli- und Politveranstaltungen einen subkulturellen Atem ein. Immer offen als Treffpunkt für verschiedene Gruppen wie Bands, die Regionalgruppe des Netzwerks für Demokratie, Courage e. V. oder eine Sambagruppe. Immer stark für ein solidarisches Miteinander. Immer bereit für Diskussionen und kritische Auseinandersetzungen. Bereit, 750 000 Euro zu stemmen, um das Haus endlich nicht nur zu mieten, sondern gemeinsam mit dem Mietshäusersyndikat zu kaufen.

2016 stand das Projekt in den Startlöchern. Kurz darauf kam die Ernüchterung: Der Eigentümer zog sein Verkaufsangebot aus steuerlichen Gründen vorläufig wieder zurück und vertröstete die WG auf 2019. Doch jetzt macht ihnen der Hausbesitzer nach einem jahrelangen Balztanz um die Trümmer-Oma einen endgültigen Strich durch die Rechnung. Ende des Jahres heißt es für die Revierler überraschend "Tschö". Ende Gelände.

"Wir haben davon geträumt, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, der nicht vom regulären Immobilienmarkt abhängig ist", erzählt Revierlerin Jule, während sie am großen Holztisch in der Wohnküche des Erdgeschosses sitzt und durchs Fenster auf die vielbefahrene Straße schaut. Es ist erstaunlich still hier drin. Als hätten sich die vielen Autos im Feierabendverkehr vor dem Haus in Liegefahrräder verwandelt. "Das liegt an den dicken Panzerglasscheiben", erzählt Jule weiter und grinst. "Die sind noch aus der Zeit, in der die Polizei hier drin war". Einmal hätten nachts besoffene Reviergegner aus dem rechten Milieu versucht, die Scheibe mit einem Stein einzuwerfen. Sie hat jedoch nicht einmal einen Kratzer davon getragen. Wie die anderen BewohnerInnen schüttelt Jule nur enttäuscht den Kopf, wenn sie über die aktuelle Situation ihrer Wohngemeinschaft spricht.

"Klar haben wir die Kündigung vom Stuttgarter Mieterverein checken lassen. Doch da hat sich rausgestellt, dass der Hauptmietvertrag zwischen dem Besitzer und dem Hausverwalter geschlossen wurde und wir nur einen Untermietvertrag haben", sagt Mitbewohner Jo, während er wie ein Tiger durch die Küche streunt und hastig einen Milchcafé im Glas ext, bevor er zur Abendschicht in ein Stuttgarter Café ausrückt. "Und da nur Hauptmieter gerichtlich gegen eine Kündigung vorgehen können, haben wir keine Chance, die anzufechten." Schöner Scheiß.

Generell sei die Kommunikation mit dem Hausbesitzer über den zwischengeschalteten Verwalter immer schwierig gewesen. Selbst wenn es um existenzielle Schäden wie einen drohenden Wasserrohrbruch im Haus gegangen sei. Einmal stand der Revierkeller sogar unter Wasser. Im Frühjahr dieses Jahres beauftragte der Besitzer des Gebäudes dann zwei GutacherInnen, um den Zustand der alten Lady zu prüfen. "Hier gibt es nicht viel schönzureden", war damals deren Aussage, erzählt Jule. Kurz darauf sei ein Architekt im Haus gestanden, der es wohl kaufen wollte – für eine Million Euro. "Aha, dachten wir, da sind sie also, die Konditionen, die uns der Hausbesitzer nach mehrmaligem Nachfragen dieses Jahr nie mitgeteilt hat", sagt Jule. "Wir sind einfach übergangen worden." Basti nickt. Auch er fliegt Ende des Jahres aus dem Revier und weiß noch nicht recht, wie es weitergehen soll.

Der Plan ist trotzdem: Zusammenbleiben und zusammenhalten. Am liebsten würde der Verein geschlossen in eine andere Immobilie ziehen. Aber das scheint in Anbetracht der Wohnraumsituation ein nur wenig aussichtsreiches Unternehmen. Dabei haben sie so viel zusammen erlebt und in das Wohnprojekt investiert. "Wir haben das Revier auch immer als politisches Projekt verstanden, das Chancen sucht, Wohnraum mit sozialverträglichen Mieten zu etablieren und Raum für kreative Projekte zu schaffen", erzählt Sarah. Während Jo durch die Türe nach draußen flitzt, kommt eine Revierlerin von der Arbeit und wirft ihre Tasche auf die Sitzbank am Holztisch.

Gegen jegliche Moral und ohne Rücksicht

So wie das Revier 5 ein Paradebeispiel für eine kreative, clevere Lösung gegen Wohnungsnotstand ist, scheint der Besitzer des Gebäudes ein Beispiel für das aktuelle Problem in Großstädten zu sein: Hausbesitzer und Vermieter, denen es nur darum geht, Objekte möglichst teuer zu vermieten oder zu verkaufen. Gegen jegliche Moral. Ohne Rücksicht, ohne das Bewusstsein für die eigene Rolle, die sie in einer Stadtgesellschaft spielen, in der Menschen irgendwann nur noch arbeiten, damit sie sich Wohnungen leisten können, die sie nur zum Schlafen nutzen, weil weder Raum noch Zeit oder Geld für Freizeitgestaltung und Leben übrig sind.

Der Rausschmiss der Revier-5-WG ist ein Stich in den Rücken von Menschen und Projekten, die sich gegen die Zombifizierung der Stadt einsetzen. "Wir sind traurig, dass wir uns von unserem Zuhause trennen müssen", sagt Sarah, die auf der Terrasse hinter dem Haus sitzt und Jule zuschaut, wie sie kleine Tomaten von einem Strauch pflückt. Kürzlich erst haben die Revierler die Terrasse zusammen fertig gebaut. Und sie wären auch bereit gewesen, in Zukunft weiter an der dicken Oma zu basteln und sie zu renovieren. Doch diese Gedanken müssen sie sich jetzt nicht mehr machen. 

Was mit dem Gebäude nach dem Auszug der Wohngemeinschaft passiert, wissen sie auch nicht. Ebensowenig was mit ihnen selbst nächstes Jahr passiert. Irgendwie mögen sie nicht so recht glauben, dass Schluss ist. Nach all den Jahren. "Irgendwie surreal", sagt Sarah und legt einen kleinen, messingfarbenen Kompass mit Kette auf den Holztisch.

"Den habe ich von meinem besten Freund geschenkt bekommen", sagt sie. Der wohne zwar nicht hier, sei aber Mitglied im Verein. Denn das Revier ist nicht nur Wohnort, sondern auch Treffpunkt. "Ein Zuhause halt", sagt Sarah und wiegt in ihrer Hand den kleinen Kompass, auf dem in schwungvollen Lettern steht: "Home is where 1 Heart is – vong REVIER her."


Angebote, Nachrichten aller Art und Liebesbriefe sind von der Wohngemeinschaft Revier 5 ausdrücklich erwünscht. Am besten  per Facebook  oder per Mail  an  wohnprojekt_stuttgart--nospam@gmx.de.

Wohnungsnot im ganzen Land

Wohnen ist mehr als ein Dach überm Kopf. Es ist ein Menschenrecht – oft nur auf dem Papier. MieterInnen werden ausgepresst. Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.

Zum Dossier


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

0 Kommentare verfügbar

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!