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Weitere Sammelabschiebung nach Afghanistan

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg ruft für Mittwoch zu Protesten gegen die mittlerweile sechste Sammelabschiebung nach Afghanistan auf. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auch Baden-Württemberg sich daran beteiligen," heißt es in einer Mitteilung. Die Proteste zeigten, "dass die von der Landes- und Bundesregierung vermutlich erwünschte Normalisierung dieser Abschiebungen nicht eingetreten ist", so Seán McGinley, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates. Schon jetzt sei die Resonanz auf den Aufruf so groß wie nie zuvor. Nach wie vor gebe es "eine große Anzahl von Menschen, die das Unrecht von Abschiebungen in eines der gefährlichsten Länder der Welt nicht klaglos hinnehmen wollen".

McGinley erinnerte daran, wie "katastrophal die Lage in Afghanistan unverändert ist". Erst kürzlich sei eine deutsche Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation im vermeintlich sicheren Kabul zusammen mit einem Wachmann getötet und ihre finnische Kollegin wurde entführt worden. Vergangene Woche habe ein Bombenanschlag in der Provinz Herat, die seitens der deutschen Behörden ebenfalls als sicher bezeichnet werde, zehn Menschen in den Tod gerissen: "Unter diesen Umständen sind Abschiebungen nach Afghanistan verantwortungslos und menschenverachtend."

Protestaktionen gibt es am 31.5 in Heilbronn (15 Uhr, Kiliansplatz), Wiesloch, (17 Uhr, Evangelischer Kirchplatz), Schwäbisch Hall (17 Uhr, Milchmarkt), Karlsruhe (17.30 Uhr Ludwigsplatz), Stuttgart (18 Uhr, Schlossplatz), Ravensburg (18 Uhr Marienplatz), Gammertingen (18.30 Uhr Stadtbrunnen, Sigmaringer Straße) und Tübingen (18.30 Uhr, Holzmarkt). (29.5.2017)


AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


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Lieblingsmotiv Märtyrer: Barbara Padron Hernandez in ihrem Atelier.

Lieblingsmotiv Märtyrer: Barbara Padron Hernandez in ihrem Atelier.

Ausgabe 251
Kultur

Die Geister, die ich nie rief

Von Elena Wolf
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 20.01.2016
Mit ihrer Band Submarien spielte sie in jedem namhaften Club in Stuttgart. Mit 20 Jahren stellte sie in der Kunsthalle Kornwestheim aus. Barbara Padron Hernandez brennt für ihre Kunst. Seit sie ihre Heimat Kuba verlassen hat, kämpft die Künstlerin mit dem Alltag in Deutschland – und mit den Geistern ihrer Vergangenheit.

"Klack, klack, klack" macht es bereits im Treppenhaus. Mit jedem Stockwerk wird das Geräusch lauter. Es kommt aus der Wohnung von Barbara Padron Hernandez hoch oben im fünften Stock des Altbaus, besser gesagt aus ihrer Schaffenshöhle. Die Tür steht offen, eine Stimme ruft: "Komm rein, ich muss das hier nur noch schnell fertig machen." Die 34-Jährige sitzt in Jogginghose und Tanktop auf dem Parkett ihres Ateliers und spannt eine Leinwand auf einen Holzrahmen, der fast so groß ist wie sie selbst. "Klack, klack, klack" macht der Tacker wieder stechend laut. Klack-zack ist man mittendrin in Hernandez' Welt, direkt und ohne Aufwärmphase.

Malen nach Qualen.
Malen nach Qualen.

Ringsherum stehen etwa 15 bis 20 Gemälde unterschiedlicher Größe. Fertige und unfertige. Kleine und große. Ihr größtes Bild ist 2,80 Meter hoch und 2,50 Meter breit. Es heißt "Verschwörung" und zeigt Adolf Hitler inmitten einer grotesken, surrealen Szene aus Tänzern, Kindern, Tieren und einer dreckig grinsenden Frau im schwarzen Cape. "Meistens male ich Menschen, mit denen ich zusammengewohnt habe", bemerkt Hernandez selbst überrascht, lacht und kämpft weiter mit dem Holzrahmen. Mit Hitler hat sie zwar nicht zusammengewohnt, die grinsende Frau auf dem imposanten Acrylgemälde hingegen ist ihre Exfreundin. Auf einem anderen Gemälde tanzen eine Frau und ein Mann mit verzerrten Gesichtern einen "Liebeskampf". Ein weiteres Bild zeigt das Porträt eines kleinen blond gelockten Mädchens. "Der Vater von der Kleinen war heroinabhängig", sagt Hernandez. Erst fotografiert sie das Model, dann wird es auf Leinwand in eine traumartige Szene eingefügt, die sie spontan assoziiert.

"Mich interessieren Menschen, die es nicht einfach haben. Märtyrer. Menschen im Lebens-Struggle", sagt die Künstlerin, die schneller denkt, als ihr Mund reden kann. Spanisch, Englisch, Deutsch – wenn sie redet, scheint eine Sprache nicht genügend Wörter zu besitzen, um sich auszudrücken. Ihre Hände sind dabei ständig in Bewegung, suchen einen festen Gegenstand, als müsse sie sich an ihm festhalten – oder einen Rhythmus auf ihm trommeln. Hernandez ist getrieben, wirkt müde und hat dennoch eine Energie, die einen schwindlig werden lässt. Neben dem Atelier liegt das Schlafzimmer, das eigentlich ein Musikzimmer ist, eines mit Bett, Klavier, Mikrofon, Gitarre und verschiedenen Effektgeräten. Alles griffbereit, falls Hernandez' im Schlaf eine Idee überfällt.

In der Küche wirbelt die junge Frau wild zwischen Kühlschrank und Herd hin und her, schnattert, wirft mit der einen Hand Gnocchi ins sprudelndes Salzwasser, während sie mit der anderen Hand nach einem Sahnebecher angelt und mit dem Knie eine Schublade zustößt. "Ich kann essen, so viel ich will, ich werde immer dünner – auch obenrum", sagt Hernandez, fasst sich mit beiden Händen an die Brüste und kichert. Der Stress sei schuld, dass sie so abgemagert sei, gut findet sie das nicht. Und tatsächlich: Hernandez ist erschöpft. Kann nicht mehr, sagt sie. Eigentlich. Dann lacht sie wieder herzlich über ihre schwarze Katze, die bettelnd am Tischbein sitzt, und maunzt zurück.

Das Kreuz mit der Kunst.
Das Kreuz mit der Kunst.

Auch auf der Bühne scheint sie zerrissen zwischen Agonie und Lebenslust. Mit ihrer Rockband Submarien spielte sie sich durch proppenvolle Clubs in Stuttgart, hatte zahlreiche Auftritte in England und Schweden und gewann 2006 den renommierten Deutschen Rockpreis des Deutschen Rock-&-Pop-Musikverbands. Der ganz große Durchbruch blieb jedoch aus, 2009 trennte sich die Band. Zahlreiche Band-Aufkleber mit Hernandez' skizziertem Gesicht erinnern heute noch in vielen Clubs an die Stuttgarter Vorzeige-Band. Aufzuhören kam für Hernandez jedoch nie in die Tüte. "Ich muss Musik machen, damit ich malen kann, und malen, damit ich Musik machen kann", sagt sie am Küchentisch ihrer Schaffenshöhle, als hätte sie es sich selbst nie so ausgesucht.

Wenn man heute auf ein Konzert ihrer aktuellen Postrock-Band Swim Bird Fly geht, versteht man, dass die zierliche Frau mit den schwarzen Endloshaaren nicht anders kann. Wenn sie auf der Bühne steht, ist der Raum mit purer Energie aufgeladen. Sie stampft, schreit, faucht und lacht, stülpt ihr Innersten nach außen und singt jeden Ton dennoch so perfekt intoniert, als ginge es um ihr Leben. Leidenschaft zwischen mindestens drei Oktaven. Im Publikum andächtiges Schweigen. Gänsehaut im Nacken. Offene Münder. Hernandez' dunkle Stimme hat eine Wahrhaftigkeit, die berührt. Selbst wenn man nicht direkt versteht, dass es in ihren englischen Texten um Pädophilie, Hilflosigkeit, Enttäuschung, Verrat, aber auch um Liebe geht, transportiert sie etwas, das sofort ins Herz trifft. In den Medien wird sie oft mit Björk oder Patti Smith verglichen. Ihre CD-Release-Show im Dezember vergangenen Jahres im Club Schocken in Stuttgart war rammelvoll, die Kohle für die Plattenproduktion sei jetzt schon wieder drin. Eigentlich läuft es gut. Eigentlich.

Hernandez sammelt Erinnerungen an der Kühlschranktür.
Hernandez sammelt Erinnerungen an der Kühlschranktür.

Mit 20 Jahren war Hernandez plötzlich da – wie aus dem Nichts. In Stuttgart. Sie sei "ein Naturtalent", das die damaligen Kunsthallen-Betreiber in Kornwestheim, Bernd Mack und Dagmar Jerichow, "zufällig in Stuttgart entdeckten", als sie noch einen Job als Kellnerin hatte. So hieß es in regionalen Zeitungen über ihre erste Ausstellung. Man wundert sich über Hernandez' Ausdruckskraft und ihre emotionale Darstellung, attestiert ihr eine ungewöhnliche Reife für ihr Alter. Es folgt ein Stipendium an der privaten Kunstschule "P.Art", danach studiert sie an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste. Dort eckt sie mit ihren Bilder an, bricht das Studium ab. "Ich hatte 2005 ein riesiges Acryl gemalt, auf dem Jesus zusammen mit lauter Mickymäusen war. Mein Professor meinte, dass ich so was nicht bringen könnte, wegen den Mohammed-Karikaturen", sagt Hernandez, und die Zornesfalten zwischen den Augenbrauen vertiefen sich. "Die haben alle Schiss anzuecken, niemand traut sich was in Stuttgart." Schon damals dominierten Körper – auch ihr eigener – ihre Bilder. Oft nackt, manchmal pornografisch, immer mit Tiefgang.

Ihre Bilder werden von Familien ebenso gekauft wie von Anwälten oder Cafébetreibern. Jüngst stellte sie auf der 20. "Kuboshow" in Herne aus, einer der wichtigsten Kunstmesse für junge, internationale Künstler in Deutschland. Doch weil das Geschäft mit der Kunst mal mehr, mal weniger gut läuft, arbeitet sie nebenbei als Sound-Designerin für eine Stuttgarter Videofirma. Oft hält sie die Zerrissenheit zwischen Alltagswahnsinn und dem künstlerischen Schaffensdrang kaum aus. Das mag in der Lebensrealität des Künstlers an sich liegen. Doch das ist es nicht allein.

Barbara Padron Hernandez war nicht plötzlich da. Bevor sie auf dem Stuttgarter Radar auftauchte, lebte sie fast zwanzig Jahre auf Kuba. Ihre Zeit dort war geprägt von Missbrauch, Prostitution, Armut und Gewalt. "Das ist normal auf Kuba", sagt Hernandez beim Essen in ihrer Küche, als würde sie den Plot eines Films widergeben. Doch das Erlebte sitzt tief unter der Haut. Mit zehn Jahren verkauft sie Bohnen, um die Familie zu unterstützen, singt für ihre Mutter, später für Touristen in Hotelbars, ein Immobilienmakler aus Miami will sie im legendären Nachtclub Tropicana in Havanna groß rausbringen, aus ihr die Jennifer Lopez Kubas machen. Ihr damaliger Freund bringt sie nach Stuttgart. Nach mehrmaliger Verlängerung ihres Visums darf sie wegen "Verdacht auf Antikommunismus" nicht mehr nach Kuba zurück. Nun ist die damals 19-Jährige gefangen zwischen den Welten. "Ich fühlte mich wie ein Baum in der Königstraße – in Beton gegossen", sagt Hernandez. Sie arbeitet als Kellnerin und beginnt, Porträts von Cafébesuchern zu zeichnen. So lernt sie auch Musiker kennen, versucht sich in R-'n'-B- und Blues-Projekten, bis sie auf Submarien stößt.

Barbara Padron Hernandez sitzt am Küchentisch ihrer Wohnung, schiebt sich eine Gabel Gnocchi in den Mund, während sie von diesem Leben zwischen den Welten erzählt. Die Katze maunzt, das Handy brummt alle paar Minuten. "Ständig wollen Leute bei mir vorbeikommen, die glauben wohl, ich chille die ganze Zeit." Hernandez tippt genervt auf ihrem Handy herum. Kurz vor Mitternacht kommt eine Freundin vorbei. Nein zu sagen ist nicht Hernandez' Stärke.

Stillleben mit Terpentin: Rauchen verboten!
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