Christoph Schlingensief auf seiner letzten Berlinale. Foto: Sibbie/Wikimedia, CC BY 3.0

Christoph Schlingensief auf seiner letzten Berlinale. Foto: Sibbie/Wikimedia, CC BY 3.0

Ausgabe 332
Kultur

Liebesbrief in den Himmel

Von Elena Wolf
Datum: 09.08.2017
Jetzt ist Christoph Schlingensief bald sieben Jahre tot. Die Welt ist seitdem um ein ganzes Stück irrer geworden. In Zeiten von AfD, Pegida, Trump und Co. fehlt ein effektiver Störenfried wie nie zuvor. Denn der Berliner Aktionskünstler terrorisierte die Deutsche Volksseele und zwang sie so, sich mit ihren Dämonen auseinander zu setzen.

Lieber Christoph,

in zwei Wochen sind es sieben Jahre, dass Dich der scheiß Krebs besiegt hat. Als am 21. August 2010 die Nachricht durch die Medien gereicht wurde, war ich das erste und bislang letzte Mal wirklich traurig über den Tod eines Künstlers. Heute sind in den Sozialen Medien ja irgendwie plötzlich alle Motörhead-Fans, wenn Lemmy stirbt. Und David Bowie war für viele nach seinem Tod der Größte, obwohl ich noch nie einen Link zu ihm oder einem seiner Songs in der Timeline der Bestürzten entdeckt habe. Okay, bei Michael Jackson fand ich's schon krass, aber hey: "No matter if you're black or white" – wir müssen alle mal ins Gras beißen.

Oft wusste ich bis zum Tod der in den vergangenen Jahren gestorbenen MusikerInnen und KünstlerInnen gar nicht, warum die eigentlich so geil waren. Seit das Internet nicht mehr schläft, weiß irgendwer auf der Welt immer schon bevor die Sonne wieder aufgeht, dass schon wieder irgendwo ein super wichtiger "Ausnahmekünstler" gestorben ist. Hashtag "SoSad". Hashtag "RIP". Es gehört zum guten Twitter-Ton, bei jeder Todesnachricht seine Krokodilstränen über die Tasten zu pressen. Mich juckt das alles nicht länger als bis zum nächsten Katzenvideo. Mit Dir war das anders.

Schlingensief mit Udo "Hitler" Kier bei der Autorin zu Hause.
Schlingensief mit Udo "Hitler" Kier bei der Autorin zu Hause.

Ich bin heute noch traurig, dass es Dich nicht mehr gibt. Verrückt. Fast so, als wäre jemand gestorben, mit dem ich lange befreundet gewesen wäre. Ein Bandkollege oder so. Jemand, mit dem mich eine Leidenschaft verbindet. Oder die stille Übereinkunft auf die Sicht der Dinge in der Welt. Dinge, die schieflaufen. Dinge, die Gefühle von Wut und Ohnmacht auslösen. Über soziale Ungerechtigkeit. Ausgrenzung. Rechte Politik, die einfach nicht tot zu kriegen ist. Und Angst. Deutsche Angst vor allem. Vor Ausländern. Vor Schwulen. Vor der Wiedervereinigung. Vor allem irgendwie. Mein Gott, da muss ich immer an Dich denken. Du würdest Augen machen, wie die Leute hier durchdrehen im Moment. Besonders, seit der aktuellen "Flüchtlingskrise". Schon zur Ära Kohl oder in Jörg Haiders Österreich hast du gesehen, dass mächtig was schiefläuft und die Wunden einer Gesellschaft offengelegt, die vor Ausländerfeindlichkeit und Angst trieft. Du hast mit deiner Kunst die Dämonen der Demokratie sichtbar gemacht.

Ich hab' mich auch in Deinem Humor wiedergefunden und genau gewusst, dass deinem Gaga-Terror eine kathartische Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn Menschheit innewohnt. "Sie Künstler!", hat Dich mal eine alte Frau bei Deiner "Ausländer raus"-Performance angeschrien. Vor Entsetzen. Nicht darüber, dass Du im Jahr 2000 AsylbewerberInnen in einen Container vor der Wiener Oper gepackt hast, die die Österreicher, wie bei Big Brother, per Telefon-TED zur Abschiebung rauswählen sollten. Vielmehr hast Du es mit deiner Kunstaktion geschafft, tief verwurzelte Ängste freizulegen, die sich in hysterischen Wutausbrüche entladen. Eklat als Reinigung und wichtiger Schritt der Selbstreflexion und der Frage: Was macht das mit mir und warum eigentlich? Ich sah in Dir immer einen Anarcho-Therapeuten, der Deutsche und Österreicher zwang, sich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Die freiliegenden Zahnhälse der Republik gefunden

Wenn ich Deine Aktionen, Performances und Filme gesehen habe, bekam ich Gänsehaut, weil du Ausrufezeichen in eine Gesellschaft geschossen hast, in der unter der Oberfläche nach 1945 längst nicht alles bene war. Du wusstest das und hattest keine Lust, das Maul zu halten, wie alle anderen, denen man im Fernsehen zusehen musste, weil es noch kein Streaming gab. Mit Dir war in der Glotze echt noch was los. Du hast Tacheles geredet. Wie bei "3 nach 9" von Radio Bremen im Wahljahr 2009. "Wählt nicht diese FDP. Lasst die Finger von diesem Schrott", hast du da insistiert. Die hätten uns den Irrsinn mit der freien Marktwirtschaft eingebrockt. Ich kannte damals keinen vergleichbaren Künstler, der solche Dinger brachte.

Du hast die freiliegenden Zahnhälse einer verkorksten Republik gefunden und eine Tonne Eiswürfel dagegengehalten. Und dann haben sie geschäumt, die Deutschen. Wenn ich daran denke, wie du wie ein Bekloppter "Tötet Möllemann" geschrien hast und von Deiner eigenen Kunst-Performance halb geteert und gefedert von der Polizei abgeführt wurdest, muss ich immer noch lachen. Die FDP war dein Lieblingsfeind. Deine Kritikform herrlich bescheuert und gleichzeitig clever. Ein Philosoph im Narrenkostüm. "Mit dem, was da passiert, is' 'ne Selbstschädigung inbegriffen. Und Selbstzweifel auch. Und die Selbstdemontage sowieso. Und das is'n hochpeinlicher Akt. Und dem setz' ich mich gerne aus. "So überleb' ich", hast du in Wien im Juni 2000 mal gesagt. Das hat mich schwer beeindruckt.

Schade auch, dass es nicht geklappt hat, Helmut Kohls Feriendomizil am Wolfgangsee zu fluten, in dem Hunderte Menschen zusammen mit Dir ins Wasser gesprungen sind. Du hattest ausgerechnet, wie viele Arbeitslose ins Wasser springen müssten, damit die Umkleidekabine an Kohls Villa überschwemmt werden würde. Schon klar, dass dieses Projekt scheitern musste. Genauso wie Deine im Bundestagswahlkampf 1998 gegründete Partei "Chance 2000", in deren Rahmen diverse Kunstaktionen stattgefunden haben, um ein politisches System anzuprangern, das nur selbstverschuldete Verlierer kennt. "Scheitern als Chance" war das Mantra deiner Partei. Der Zerrspiegel einer unmenschlichen Sozialpolitik. Als deren Bundesvorsitzender hattest du ein ganz klares Wahlversprechen: "Ich werde alle bitterlich enttäuschen." Und das hast du geschafft.

Denn ich bin enttäuscht. Enttäuscht, dass niemand mehr da ist, der dieses durchgeknallte Rodeo, das sich Politik nennt, so gut in den Medien reiten konnte wie du. Gerade jetzt. In Zeiten, in denen man sich zurückwünscht, in ein Jahrzehnt, in dem die FDP der Feind war – aus aktueller politischer Sicht fast lächerlich. Blau ist das neue Gelb. Ich hätte so gerne gesehen, was für Aktionen, Theaterstücke oder Performances du vor der anstehenden Bundestagswahl gestartet hättest. Wie du Frauke Petry und ihre Truppe aufgemischt hättest. Was Dir zu Trump, Pegida, TTIP, Nafris, Gutmenschen, Nazikeulen und den anderen Triggerthemen eingefallen wäre. Wie Du dem Plasberg bei Hart aber Fair an die Gurgel gesprungen wärst. Oder Alice Weidel bei Markus Lanz vorgeführt hättest. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Doch die Zeiten des Eklats sind vorüber. Souverän ganz bei sich bleiben ist das neue Cool. Egal, wie haarsträubend die Zustände sind.

Als Du gestorben bist, haben deine Angehörigen ein Online-Kondolenzbuch eingerichtet, in das ich damals neben Tausenden anderen auch einen Eintrag geschrieben habe. Das habe ich seitdem nie wieder bei jemandem gemacht. Er ist heute noch wahrer als damals.

Ich hoffe, du zerlegst den Himmel jeden Tag aufs Neue und terrorisierst die Langweiler dort oben mit "Tötet Gott"-Schildern bei wahnwitzigen Wolken-Interventionen oder so. Du gehörst hier runter. Hashtag "SoBad".

Dein treuer Fan,
Elena

Der Eintrag im Kondolenzbuch.

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