Ein toter Vogel und kein Windrad. Foto: Pixabay

Ausgabe 332
Gesellschaft

Asbest und Vogeltod

Von Anna Hunger (Interview)
Datum: 09.08.2017
Windräder töten Vögel. Da sind sich Freunde von Atomstrom, unverspargelter Aussicht und oft genug auch Umweltverbände einig. Dem Geschäftsführer des BUND Freiburg Axel Mayer gefällt diese Allianz nicht. Für das Vogelsterben gebe es auch andere Gründe, sagt er, und wünscht sich eine objektive Diskussion über Windkraft.

Herr Mayer, Sie haben kürzlich gesagt, dass Windräder nicht die Hauptschuldigen sind am Vogelsterben. Ausgerechnet der BUND, der doch sonst eher über den Tod von Rotmilanen durch Windräder schimpft.

Das stimmt ja so nicht. Wir lehnen aus Artenschutzgründen einzelne Standorte von Windrädern ab, das ist wahr. Wenn dort seltene Vogelarten gefährdet sind, dann wenden wir uns gegen den Bau von einem Windrad. Aber wir sind ja grundsätzlich Windkraft-freundlich und ich wollte einfach mal ein differenziertes Bild zeichnen. Wenn wir den Vogelschlag an Glas oder Hauswänden mitbeachten, würden wir echte Fortschritte im Vogelschutz erzielen.

Kam das gut an in Ihrem Kollegenkreis?

Es gab überwiegend positives Echo im Sinne von: Warum sind wir da nicht früher drauf gekommen?

Ja, warum nicht?

Weil wir Umweltverbände oft aus dem Bauch raus argumentieren. Ich bin manchmal beruflich auf das Auto angewiesen. Und am Rand der Autobahn liegen so viele tote Greifvögel, da dachte ich irgendwann, warum greift das eigentlich nicht mal einer auf. Immer nur die Windräder stehen in der öffentlichen Kritik. Ich habe versucht, das Thema zu versachlichen, weil es immer mehr Lobby-Gruppen gibt, die das Vogelsterben an Windrädern für sich nutzen.

Welche Lobby-Gruppen meinen Sie genau?

Früher haben große Konzerne mit offenem Visier gekämpft, heute schicken sie Bürgerinitiativen vor. Wir erleben bei der Windkraft, dass die teilweise von der Braunkohle- oder Erdöl-Lobby kommen. Das Thema Windkraft kommt jedenfalls immer interessengeleitet in den Medien vor. Schauen Sie, wenn ich im Schwarzwald wandern bin, höre ich vor allem sehr viel Motorenlärm von Autos und Motorrädern. Aber in den Medien wird über Infraschall durch Windräder diskutiert. Da stimmt doch was nicht.

Ja, das ist wohl wahr.

Windkraft ist da auch nicht das einzige Thema bei dem manipuliert wird. Vor zwei Jahren haben wir vom BUND viel zum Insektensterben gemacht. Insektenkundler sind ein sehr scheues Volk. Die laufen über Wiesen und sammeln ihre Käfer, wir von den Umweltschutzverbänden sind dann die Lautsprecher. Ich habe richtiggehend drauf gewartet, dass irgendwann die Gegenkampagne kommt. Und zack, ein paar Wochen vor der Wahl soll es plötzlich kein Insektensterben mehr geben. Insektensterben sei eine Wahlkampfstrategie der Grünen, sagt man dann.

Sagt wer?

Die Industrie! Und die Medien schreiben das. Die Industrie kramt dann beim Bienensterben die Varroamilbe raus. Diese Milbe ist auch mitverantwortlich, das stimmt, aber eben nicht das Hauptproblem. Das Hauptproblem sind Agrargifte. Und das Hauptproblem beim Vogelsterben ist eben nicht das Windrad, sondern genauso Glasscheiben, Stromleitungen, Gebäude, Züge, der Verlust an Lebensraum und vor allem das Insektensterben. In manche Teilen Deutschlands sind 80 Prozent der Nahrungsgrundlage von Vögeln bereits einfach weggestorben.

Das klingt nicht gut.

Nein. Ich vergleiche das immer mit Asbest. Früher hat man das Problem mit Asbest runtergespielt, wie man heute das Vogelsterben durch Windräder hochspielt und den Klimawandel leugnet. Wieviele Opfer hat es gekostet, bis Asbest verboten wurde? Und wieviele Opfer wird der Klimawandel kosten, bis es einer merkt? Die Debatte, die wir über Windkraft führen, ist nicht objektiv. Wir müssen sie versachlichen. Und das versuche ich.


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5 Kommentare verfügbar

  • Hermann Dirr
    am 15.08.2017
    Zitat:"Und am Rand der Autobahn liegen so viele tote Greifvögel, da dachte ich irgendwann, warum greift das eigentlich nicht mal einer auf."

    Das ist tragisch, nur wir haben 45 Millionen Kraftfahrzeuge in Deutschland und ich glauge die meisten zurückgelegten Kilometer fährt man um etwas zu erledigen, will sagen: machen irgendwo einen Sinn. Das es dabei zu Opfern kommt und wir das tollerieren, sieht man an 3800 Verkehrsopfer pro Jahr.

    Zitat: " Immer nur die Windräder stehen in der öffentlichen Kritik. Ich habe versucht, das Thema zu versachlichen, weil es immer mehr Lobby-Gruppen gibt, die das Vogelsterben an Windrädern für sich nutzen."

    Welche Lobby-Gruppen meinen Sie genau?

    "Früher haben große Konzerne mit offenem Visier gekämpft, heute schicken sie Bürgerinitiativen vor. Wir erleben bei der Windkraft, dass die teilweise von der Braunkohle- oder Erdöl-Lobby kommen. "

    Nennen Sie mal einige BIs die von der Braunkohle- oder Erdöl-Lobby Geld bekommen. Diese Unterstellung ist unglaublich. Ich kämpfe nun seit 5 Jahren gegen den Windwahn und habe Kontakt zu vielen BIs, aber solch eine dreiste Lüge ist mir noch nicht untergekommen.

    Aber mal ein paar Zahlen um den Unsinn Windkraft und PV deutlich zu machen. Wir haben inzwischen über 100 Gigawatt installierte PV und Windkraftleistung am Netz. Trotzdem ist noch kein einziges konventionelles Kraftwerk ersetzt worden. Das Gegenteil ist sogar der Fall. Die Kraftwerksleistung bei Kohle ist im Zeitraum von 2010-2016 um 6,32 Gigawatt ausgebaut worden. Was für einen Sinn machen da völlig unnötige Schlagopfer an Windkraftanlagen.
    Auch die Ausführung, Zitat: "Wenn dort seltene Vogelarten gefährdet sind, dann wenden wir uns gegen den Bau von einem Windrad." ist von einer Unverfrorenheit sondersgleichen. Wo war der BUND als Windkradftanlagen fast deutschlandweit in ausgewiesene Vogelschutzgebiete geplant und gebaut wurden?

    Aber der BUND ist Teil der Windkraft.Lobby und so ist auch nichts anderes zu erwarten, wie diese Aussagen von Herrn Mayer.
  • Herr Blinki
    am 11.08.2017
    "Asbest", dazu ein allg. Hinweis für Wohnungssuchende, soll es im Südwesten ja geben: in einer Anzeige stand neulich was von verlegten "Flex- Platten". Klingt lässig. Ist aber lecker Asbest drin und im Kleber drunter auch. Bei Beschädigungen wird es kritisch. Dann kommt man auf Ideen.....womöglich bastelt man dann giftgrüne Textkästen, die in heller Schrift beschickt werden sollen. Andere machen das doch nicht!
  • Bruno Neidhart
    am 10.08.2017
    Besonders Peter Bertold, Ornithologe und Verhaltensforscher, ehemaliger Leiter der Vogelwarte Radolfzell (Zweigstelle des Max-Planck-Instituts in Seewiesen) spricht und schreibt vom Insektensterben, das massgeblich - etwa neben dem Klimawandel - mit verantwortlich sein soll für den massiven Rückgang von heimischen Vogel-Populationen und -Arten. Zu den Windrädern (im Rahmen eines ökologischen Umbaus der Energiegewinnung erstellt!) vertritt er die Ansicht, dass eine geschickte Platzierung die Risiken für Vögel stark reduziert. Viele Ornithologen würden Windräder entsprechend dulden. Die Darstellung, Windräder würden "töten", erscheint, so meine ich, oft (ebenso wichtigen!) landschaftsästhetischen Erwägungen vorgeschaltet. Oder persönlichen Betroffenheiten. Letztere Argumente müssen selbstverständlich genau so sensibel bearbeitet werden, wie die Risiken für Vögel. Vermischen sollte man die unterschiedlichen Aspekte jedoch nicht.
  • Peter Cuenot
    am 09.08.2017
    im letzten Satz müsste es heißen: sondern hat das Vogelsterben zu tun mit........
  • Peter Cuenot
    am 09.08.2017
    Die Ausführungen im Text zu Vogel- und Insektensterben sind leider wahrnehmbar richtig. Im südlichen Schwarzwald und - zumindest - Teilen der Wutachschlucht ist der Vogelbestand vor allem in den letzten zwei bis drei Jahren massiv zurückgegangen. Allerdings gibt es hier, mit wenigen Ausnahmen wie z.B. 2 Windkraftanlagen in Bonndorf, kaum Windräder. Nimmt man hinzu, dass Städte und Gemeinden entlang der Wutach, wo die Vogelbestände vielleicht nicht um 80% sondern "nur" um 50% zurückgegangen sind, rücksichtslos Kahlschläge an Baumbeständen und Sträuchern durchführen, teilweise aus Gründen, die mit dem Trassenverlauf der Gräben für den Breitbandbau zu tun haben, und teilweise so, dass sich das zuständige Regierungspräsidium im Nachhinein für den Kahlschlag entschuldigt, dann muss es einem um die restlichen Vogel- und Insektenbestände Angst und Bange sein, wenn man an die kommenden 2 - 4 Jahre denkt. Im Großen und Ganzen hat also die Thematik der Windräder mit dem Vogelsterben eher wenig zu tun, sondern mit dem Niedergang der entsprechenden Nahrungskette, aus den im Artikel angeführten Gründen.

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