KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere einen bis drei Punkte oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Stephan Dalley aus Ludwigsburg heilt mit seinen Händen. Foto: Stanislav Krupar

Stephan Dalley aus Ludwigsburg heilt mit seinen Händen. Foto: Stanislav Krupar

Ausgabe 332
Medien

Vom Handauflegen und Geistheilen

Von Andreas Geiger und Annette Maria Rieger
Datum: 09.08.2017
Die Putzfrau im Schwimmbad Bietigheim-Bissingen war die erste, die Stephan Dalley geheilt hat. Damals war er Bademeister. Heute lebt er als Berufsheiler in Ludwigsburg. Ein Spinner? Das Buch "Die Gabe zu heilen" will darauf keine Antwort geben. Stattdessen portraitiert es mit viel Herz und Nähe zwölf Menschen, die Warzen wegbeten, Rheuma heilen oder Geister austreiben.

Mit 27 Jahren ist Stephan Dalley vom Himmel gefallen mit dem Gleitschirm. Sein Knie war zertrümmert und auch nach zwei Operationen sah es nicht so aus, als könne der Student des Bauingenieurwesens in absehbarer Zeit wieder das machen, was er am liebsten tat: sich draußen frei bewegen. Er stellte sich auf eine langwierige Rekonvaleszenz ein. Doch just als er seine Krankmeldung abgab, ging alles ganz schnell. Da begegnete er dem ersten Heiler in seinem Leben – und auch "dem ersten spirituellen Menschen, der mich verstanden hat".

Aus Stephan Dalley, Jahrgang 1965, ist dann kein Bauingenieur, sondern selbst ein hauptberuflicher Heiler geworden. So steht es auf seiner Visitenkarte und dazu gibt es auch eine Praxisadresse nicht weit vom Ludwigsburger Bahnhof entfernt. Hier ist er vier Tage die Woche von 9 bis 17 Uhr mit den Krankheits- und Lebensgeschichten seiner Patienten beschäftigt. Die Haare trägt er lang, zur Jeans ein T-Shirt, und wenn er lacht – was er sehr oft tut – dann tut er das laut und herzhaft.

Stephan Dalley schwätzt schwäbisch und wenn er so erzählt, dann ist alles ganz unkompliziert. Christus ist schon immer sein Freund gewesen und inzwischen vertraut er genauso auf Buddha und fernöstliche Philosophien. In seiner Freizeit geht er am liebsten Klettern in den Felsengärten am Neckar, und vergangenen Sommer ist er zu Fuß bis nach Venedig gewandert. Auch in seiner Praxis hat er es immer wieder mit Sportlern zu tun. Insbesondere bei Profifußballern hat es sich herumgesprochen, dass es hier Heilung und Stärkung geben könnte – auch mental. Und wenn nötig auch per Fernheilung via Smartphone.

Zu ihm kann montags jeder in die offene Sprechstunde kommen, Einzeltermine gibt es nach telefonischer Vereinbarung. Das Interesse ist groß und das gilt genauso für seine Vorträge übers Jenseits, seine monatlichen Gruppenheilungen in der Besigheimer Stadthalle und die zweitägigen Chakra-Seminare in Bietigheim-Bissingen.

Stephan Dalley kann mit Menschen und hat ihnen auch was zu erzählen. Ihm geht es nicht nur ums Heilen. Er bringt es auf die Formel: "Ich heile, damit die Menschen mir zuhören. Mein Auftrag ist es eigentlich, die Menschen aufzuwecken. Du bist nicht nur Körper, du bist göttlich-geistiges Wesen." Die unbekannten Größen in dieser Formel versucht er anhand seiner persönlichen Geschichte näher zu definieren. Und die beginnt in Bad Cannstatt bei Stuttgart. Dort ist Stephan Dalley 1965 als der mittlere von drei Brüdern zur Welt gekommen. Der Vater arbeitete als Maler, die Mutter war erst daheim, später bei der Sparkasse. Als Stephan Dalley vier Jahre alt war, verunglückte sein Vater bei einem Verkehrsunfall. Und doch war der Vater für ihn mit dem Tod nicht völlig verschwunden. Stephan Dalley sagt, er habe ihn immer noch gesehen, "so richtig wahrgenommen in Gestaltform". Er erzählt: "Ich konnte auch mit ihm reden. Für mich war das ganz normal. Aber für die anderen halt net." Und eben deshalb, weil das für alle anderen so "unnormal" war, habe er dann auch keinem mehr davon erzählt. Mit sieben Jahren – "da wird der Verstand stark" – sei das verschwunden. 

Der Pfarrer sagte, Dalley habe nicht alle Tassen im Schrank

Schon immer eng verbunden fühlte sich Stephan Dalley mit Jesus Christus. Und das von klein auf, obwohl in der Familie Religiosität nicht gelebt wurde. Seine ganze Kindheit über habe er eigentlich hauptsächlich mit Christus gesprochen – seinem besten Freund. In der Schule sei er keine sonderliche Leuchte, wohl aber ein Sonderling gewesen. Am liebsten war er draußen unterwegs, im Wald, bei Ski- und Klettertouren in den Bergen. Dort, in der Natur fühlte er eine besonders starke Verbindung zur "Geistigen Welt", wie er es nennt. Von dieser "Geistigen Welt" habe er mit 16 Jahren die Aufforderung erhalten, er solle Menschen heilen. Damals habe er das abgelehnt und der "Geistigen Welt" gesagt: "Das mach ich net, lasst mich, ich will mei Ruh'." Zumal er immer wieder erlebte, wie viel Skepsis und Ablehnung ihm begegnete, wenn er mit anderen über dergleichen sprach. Der Pfarrer etwa habe ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, er solle die Toten ruhen lassen und hätte ja nicht alle Tassen im Schrank, wenn er glaube, er könne mit seinem verstorbenen Vater reden. Stephan Dalley hat dann selbst die Bibel in die Hand genommen und für sich alleine darin gelesen: "Ich wollte keinen, der mir interpretiert, was ich zu denken hab'. Ich hatte ja selbst den Draht 'nach oben' und konnte dort direkt fragen."

Jesus ist für ihn bis heute ein Gesprächspartner, der sich ihm jederzeit zeige. Dafür brauche es weder eine Kirche noch ein Heiligenbild. "Ich mache die Augen zu und habe das Bild. Er zeigt sich, wie er will – nicht, wie ich will. Das ist nichts Statisches." Und, so fügt Stephan Dalley an und lacht dann schallend: "Ich hab Jesus Christus nie leidend erlebt. Mit dem hat man so viel Spaß, der hat so viel Humor und sagt immer: 'Lass das Leiden! Das hab ich einen Tag lang gemacht und bin dann doch nicht gestorben am Kreuz.'"

Stephan Dalley hat Zimmermann gelernt, eine Kaufmannslehre gemacht und schließlich ein Studium des Bauingenieurwesens angefangen. Dann kam der Gleitschirm-Absturz. Das Krankenhaus. Seine Heilung, völlig unverhofft. Ohne dass er sich auf die Suche danach gemacht hätte. Sein Trümmerbruch im Knie war bereits zweimal operiert. Der Professor im Krankenhaus hatte zum künstlichen Kniegelenk geraten, doch das wollte Stephan Dalley nicht. Er arbeitete damals neben seinem Studium als Bademeister in Bietigheim-Bissingen. Als er sich bei seinem Chef krankmeldete, da fragte der, wie lange er an dieser Verletzung herumlaborieren wolle. So lange, bis es wieder geht, hatte Stephan geantwortet. Der Bäderleiter hatte eine andere Idee. Er ging mit ihm in ein Hinterzimmer des Schwimmbades. Dort hatte er sein Universalpendel. Er legte Stephan die Hände auf den Kopf und betete. Zweimal die Woche trafen sie sich fortan hier. Schon nach zwei Wochen spürte Stephan, dass er sein Knie wieder bewegen konnte. Weitere sechs Wochen später war er schon wieder zum Klettern in Spanien. Und hätte dann ganz gerne noch ein bisschen mehr von dem Bäderleiter darüber erfahren, was der da eigentlich mit den Händen gemacht und gebetet habe. Doch der ließ ihn abblitzen: "Dir erkläre ich nichts. Du hast selbst Verbindungen und kannst das selbst klarmachen." Und Stephan verstand: Das, was er hier erlebt hatte, war das, was ihm die "Geistige Welt" schon Jahre zuvor angetragen hatte. Und jetzt, elf Jahre später, war er bereit dafür. Jetzt konnte es losgehen.

»Ich heile, damit die Menschen mir zuhören. Mein Auftrag ist es eigentlich, die Menschen aufzuwecken. Du bist nicht nur Körper, du bist göttlich-geistiges Wesen.

In den darauffolgenden Nächten, wenn er völlig zur Ruhe kam, ging es tatsächlich los. Da war wieder sein Vater, sprach mit ihm und hatte Besonderes mit ihm vor. Stefan erzählt, als sei das so üblich wie gemeinsames Angeln: "Mein Vater hat mich in die Stufen des Sterbens eingeführt." Alle Stufen wollte Stephan Dalley dann allerdings doch nicht gehen: "Für mich war da Ende, wo ich aus meinem Körper hätte herausgehen sollen. Da habe ich abgebrochen und bin dann eingeschlafen." Doch dann, Tage später, habe er im Schlaf das Empfinden gehabt, alles in seinem Körper werde hell und leuchte. Er öffnete die Augen und sah das ganze Zimmer in gleißendes Licht getaucht. Dieses Licht, so beschreibt er es, sei die absolute Liebe gewesen, "unconditional love". Genau so, wie andere ein Nahtoderlebnis schildern: Die pure Glückseligkeit rundum. Stephan Dalley sagt: "Das ist vielfach intensiver und liebevoller als alles, was du von hier kennst." Seither, so sagt Stephan Dalley, sei er innerlich ganz ruhig. Bei sich. Und damit eben auch der Heiler geworden, als der er seit Jahren in Vollzeit arbeitet.

Seine erste Klientin war die italienische Putzfrau im Schwimmbad, der er die Hände auf den schmerzenden Ellenbogen legte und dazu betete. Für sie war das so heilsam und überzeugend, dass sie gleich ihre ganze Verwandtschaft zu ihm brachte. Schnell sprach sich herum, dass der Bade- meister in Bietigheim-Bissingen eine ganz besondere Gabe hat. Dass dieser sportliche Typ mit der offenen Art nicht nur am Beckenrand klare Ansagen macht und aufpasst, dass keiner untergeht. Sondern dass der mit seinen Händen und einem Gebet mal eben nebenbei auch körperliche Geschichten wieder einrenkt. Und überhaupt ein Kuriosum ist, das man schwer erklären, sondern einfach selbst erleben muss.

So gingen drei Jahre ins Land, in denen Stephan Dalley einfach mal machte, was er als Auftrag der "Geistigen Welt" verstanden hatte. Rückblickend meint er: "In der Anfangszeit schiebt einem die 'Geistige Welt' wohl Bonusbehandlungen zu, da hat alles geklappt." In dieser Zeit habe er sich innerlich aufgeräumt. Und immer noch zog es ihn bei jeder Gelegenheit hinaus, in die Natur, unter freien Himmel. Irgendwann stand er bei solch einer Tour vor einer Tausendjährigen Eiche, lehnte sich an den dicken Baumstamm, und da war ihm, als bekomme er sein Reifezeugnis. "Da hat mir die 'Geistige Welt' gesagt: 'Jetzt kannst du das leben. Jetzt bist du ein starker Baum.'" Eben nicht mehr das zarte Pflänzchen, das er mit 16 Jahren gewesen sei. 

Stark wie ein ausgewachsener Baum musste er seither immer wieder sein: "Ich stand oft im Sturm". Die Scheidung von der Mutter seiner Tochter erschütterte ihn stark. Jetzt, so sagt er, ficht ihn nichts mehr an. Skepsis und Misstrauen gegenüber dem, was er als etablierter Heiler tut und sagt, lasse er einfach so stehen. Für ihn gelten die Worte Jesu: "Der hat nicht gesagt: Krieche zu Kreuze, du räudiger Sünder, du blickst es doch auf keinem Auge! Er hat gesagt: Werdet vollkommen wie ich und ihr werdet Dinge tun wie ich und noch größere." Und das, so sagt Stephan Dalley, wird für viele Menschen wieder offensichtlich werden. Er glaubt fest an die Rückkehr Jesu.

Die universelle Botschaft ist für Stephan Dalley klar: Komm heraus aus der Opferrolle! Sei Herr deiner Gedanken! Damit bezieht er sich nicht nur auf Jesus. In seiner Praxis steht der auch, als Statue, wie man sie in Kapellen und auf dem Flohmarkt findet. Gleich daneben hängt ein indianischer Traumfänger, und Buddha gehört genauso zu seiner Sammlung, die anmutet wie ein Best-of religiöser Requisiten. In seiner Weltanschauung hat das alles seinen Platz, da kommen alle und alles zusammen, die dem "Prinzip der Liebe" folgen.

Stephan Dalley ist viel gereist, war auf der ganzen Welt unterwegs. Er hat an vielen Orten geheilt und ist mit Basler Missionsfrauen bis in ein chinesisches Hochsicherheitsgefängnis vorgedrungen. So heimisch wie nirgendwo sonst fühlt er sich im Zusammensein mit tibetischen Mönchen. Das liegt seiner Ansicht nach daran, dass er selbst in einem früheren Leben tibetischer Mönch gewesen sei. Auch Schamane, so habe er bei einer seiner 16 Rückführungen in vorherige Leben erfahren, sei er schon gewesen. Das Schamanen-Wissen trage er noch immer in sich. Und mit dem führe er auch in seinem jetzigen Leben Verstorbene "nach Hause, wenn die hier durchs Haus geistern". Allerdings: Exorzist sei er nicht. Stephan Dalley sagt: "Ich treibe keine Geister aus, sondern zeige ihnen ganz in Liebe, wo sie hingehören."

"Ganz in Liebe", das ist für ihn bei allem der zentrale Fixpunkt. Unter den Vorzeichen habe er früher viele Rückführungen mit Klienten gemacht. Dazu fehle jetzt die Zeit. Jeden Montag ist die Praxis übervoll, für Einzeltermine gibt es mehrmonatige Wartezeiten. Die Räumlichkeiten im EG des unscheinbaren Hauses mit Büroatmosphäre teilt sich Stephan Dalley mit einer Masseurin und seinem Heiler- Kollegen Mesut Sagdic. Montags ist offene Sprechstunde von 14 bis 18 Uhr. Dann trägt er die Liege aus dem Behandlungszimmer und stellt stattdessen sechs Sessel zum Sitzkreis hinein. Es ist jeden Montag dasselbe: Das Wartezimmer füllt sich, Stephan Dalley bittet die ersten sechs Menschen herein, fragt der Reihe nach die Beschwerden ab und arbeitet sich zügig durch die Runde: "Montags geht's immer um Heilung – und zwar zackig."

Das läuft dann so ab: "Die meisten erzählen mir kurz ihre Krankheitsgeschichte und nach zwei, drei Fragen sehe ich, was in der Seele los ist. Dann bitte ich, dass die Seele wieder ins Gleichgewicht kommt, Traumata verschwinden und die Energie wieder fließen kann." In jeder Runde kommen ganz verschiedene Geschichten zur Sprache. Da ist ein zwölfjähriges Mädchen, das nachts ins Bett macht. Eine Studentin, die unter Haarausfall leidet, seit ihr Freund sie verlassen hat. Ein Mann mit Prostatabeschwerden und eine Frau, deren Schultern schmerzen. Ihr streicht Stephan mit seinen Händen in etwa fünf Zentimetern Abstand über die Schulter, befragt sie zu ihrem zwiespältigen Verhältnis zu den Schmerzmitteln, die sie wegen der ausgekugelten Schulter eingenommen hatte. Nur Minuten, nachdem Stephan Dalley über die Schulter gestrichen hatte, spürte die Frau keine Schmerzen mehr.

Früher hat sich Stephan Dalley bis zu einer Stunde Zeit für die einzelne Geschichte genommen. Heute reichen ihm wenige Minuten. Da hat er dann schon in den Heiler-Modus umgeschaltet, wie er es nennt. Das bedeute: "Wenn ich die Augen schließe, kann ich in den Körper schauen und auch das Energiefeld sehen. Wenn ich die Hand auflege und bete, kann ich sehen, wie plötzlich Licht beispielsweise in die Leber strömt." Am Anfang sei ihm noch nicht so ganz klar gewesen, wie lange so eine Handauflegung zu dauern hat. "Da habe ich immer noch 'von oben' das Signal gebraucht: 'Fertig'." Mittlerweile fühle er selbst, was im Körper los sei. Ein Beispiel: "Wenn Entzündungen im Körper sind, dann spüre ich die Schmerzen in der Hand. Die verschwinden bei mir, wenn sie beim Patienten verschwinden." Das, was er macht, ist für ihn an sich nichts Spezielles. "Die Energie gebe nicht ich. Das machen 'die oben'. Weil ich die liebe und die mich, deshalb machen sie es für mich." Er fühle mit der Hand die Störstellen im Körper. Manchmal sei es so, als schlafe ein Organ nur, wie in Schockstarre. Als laufe es nur auf halber Energie. Und wenn er dann bete, dass sich der Schock löse, sei es, als wache es wieder auf.

Dallay arbeitet auf Spendenbasis – jeder gibt, was er will

Ein solcher Fall ist für ihn Frau B., 70 Jahre alt, Großmutter und jetzt zum wiederholten Male bei ihm, wie so viele Krebspatienten. Frau B. hatte einen Tumor am Ischiasnerv und war deshalb in Chemotherapie. Zeitgleich wandte sie sich an Stephan Dalley. Und der fand heraus, dass ihr ein Jahr zuvor bei einem Autounfall ein Laster ins Auto gefahren war und sie ein Trauma erlitten hatte. Dieses Schockerlebnis, so meint er, habe den Tumor ausgelöst. Selbst miterlebt habe er: "Diesen Schockzustand haben wir aufgelöst und dann kam die große Überraschung: Der Tumor war ganz schnell weg." Seit den Bestrahlungen in der Klinik hat Frau B. noch ein Augenleiden, wegen dem sie auch schon im Krankenhaus war. Für Stephan Dalley liegt es auf der Hand: "Jetzt geht es darum, das Immunsystem wieder aufzubauen, damit die Schmerzen komplett verschwinden." Und dazu gehöre für ihn auch: "Man muss vielleicht ein bisschen anders in die Welt gucken. Mehr auf das Gefühl hören, was einem gut tut." Zur Behandlung legt sich Frau B. auf die Liege. Stephan Dalley streicht mit seinen Händen über ihren Körper und macht vor allem am Auge kreisende Bewegungen. Er selbst blinzelt mit den Augen – so könne er das Energiefeld besser sehen. Ja, jetzt laufe es besser. Die Energie sei da. "Jetzt müssen wir nur noch klarmachen, dass die auch den Nervenbahnen zugute kommt."

Am Anfang seiner Heiler-Zeit, so erzählt es Stephan Dalley, habe er durchweg offen agiert im Sinne von: permanente Wahrnehmung der Energiefelder von jedem, der zu ihm kommt. Teilweise sei ihm das sehr auf den Magen geschlagen, wenn da jemand plötzlich hereinkam und sich ihm mit ganzer Wucht in der Aura zeigte, was alles im Argen liegt. Nein, sagt Stephan Dalley, er wolle nicht immer alles wissen – und habe sich deshalb auf das An- und Ausschalten seiner Heiler-Funktion verlegt. 

Stephan Dalley arbeitet auf Spendenbasis. So bleibt es jedem selbst überlassen, wie viel er gibt. Der eine gibt mehr, der andere weniger, und unterm Strich, so Stephan Dalley, kann er davon gerade so leben. Und keiner muss sich aus finanziellen Gründen von seiner Heilung ausgeschlossen fühlen. Folglich kommen montags zur Gruppensitzung Hartz-IV-Empfänger und Rentner, die knapp bei Kasse sind. Oder Menschen, die sich erst mal anschauen wollen, auf was sie sich bei ihm mit einer Einzelsitzung einlassen würden. Und solche, bei denen es ganz schnell gehen muss. Da sieht man dann auch bekanntere Gesichter wie das eines großen Immobilienmaklers, der aber nie öffentlich bekennen würde, dass er sich auf einen Heiler wie Stephan Dalley einlässt. 

Ein besonderes Klientel sind die verletzten Fußballer, die sich die Ludwigsburger Adresse weitergeben. Dalleys ehemaliger Klient und jetziger Heiler-Kollege Mesut Sagdic hat in der Zweiten Bundesliga gespielt und kam über eine Knieverletzung zu Stephan Dalley. Mittlerweile kooperieren die beiden und Mesut Sagdic wirbt offensiv auf seiner Website damit, als Heiler und Mentaltrainer angeschlagene Profisportler "über den Platz hinaus" und "kerngesund" zum Erfolg zu führen. In schwierigen Fällen bezieht er Stephan Dalley mit ein. Für die Fußballer ist der Körper ihr wichtigstes Kapital. Sie wissen aber auch, wie wichtig mentale Gesundheit ist. Dass Fitness mit dem Kopf zu tun hat, Tore im Kopf geschossen werden. Und sie ho en, dass Heiler wie Mesut Sagdic oder Stephan Dalley noch anders helfen und stabilisieren können als der Mannschaftsarzt.

»Wir sind zu Egomanen erzogen. Jeder muss um seine Kohle, sein Häusle, seine Altersvorsorge kämpfen. Normalerweise gibt es nichts zu kämpfen, wenn wir alle friedlich leben und uns nicht so aufstacheln lassen würden.

Die Methode von Stephan Dalley braucht nur die Hände und seinen Geist, keinerlei Kräuter oder andere Mittel. Er selbst nennt das "intuitives Geist-Heilen". Wobei ihm klar ist: "Nicht jeder kann zum Heiler. Für manche passt das einfach nicht ins Weltbild. Das ist auch okay. Für die gibt es ja die Medizin." Oder anders formuliert: "Wenn du Vertrauen in die Schulmedizin hast – geh hin. Das funktioniert!" 

Wie das, was er mache, funktioniere, könne er nicht jedem haarklein erzählen. Allein schon aus Zeitgründen. Für alle, die es interessiert, hat er deshalb seine "Chakra-Filmchen" im Internet bei YouTube hochgeladen – und bietet Seminare an. Da spricht er dann stundenlang, geht auf Fragen ein, erklärt seine Sicht des Dies- und Jenseits. Als Predigt will er das nicht verstanden wissen – "ich habe keinen missionarischen Drang". Er habe wohl überlegt, seine Gabe in die Kirche einzubringen: "Aber die wollten nicht." Vielleicht, so überlegt er laut, wäre er bei der Katholischen Kirche auf mehr Interesse gestoßen. Denn die Evangelischen, an die er sich gewandt hatte, hätten "einfach keinen Hang zum Mystischen".

Stephan Dalley sagt, er heile nicht nur um des Heilens willen. Er heilt,damit es hinterfragt wird. Was macht der da? Zu wem betet der? Was oder wem glaube ich selbst? Das sind für ihn die Fragen, die einen näher zu sich selbst bringen. Und darum gehe es doch bei allem: "Wenn ich weiß, wer ich bin, ist alles gut." Das ist für ihn die wichtigste Erkenntnis. Ihm geht es nicht um die Krankheit, sondern den Menschen. Dem will er Anstöße geben. Und damit gehe einher: "Jeder, der aufwacht, will, dass es allen gut geht. Der macht auch nur noch sinnvolle Sachen. Und dann geht es allen gut."

Das Heilen helfe sehr, die Menschen zu öffnen. Schließlich erleben sie körperlich, dass mehr möglich ist als das, was sie sich vorstellen konnten. Gerade wieder habe er erlebt, so erzählt Stephan Dalley, wie ein Patient nach sechs Monaten komplett vom Krebs befreit war. Bei Krebs, so sagt er, könne er die Hälfte der Patienten heilen, die andere Hälfte stirbt. Doch was ist schon der Tod? Für Stephan Dalley, und da wird er vehement, ist der Tod kein Problem. Den Tod gibt es nicht. Der Tod ist eine Illusion. Für ihn ist klar: "Du bewohnst den Körper, bist aber nicht der Körper. Jeder ist ein göttlich-geistiges Wesen und identisch mit dem Ursprung. Jeder ist Schöpfergott und erschafft durch seine Gedanken Realität." Und auf dieser Basis, so Stephan Dalley, können wir den Himmel auf Erden erschaffen, "wenn wir volle Verantwortung für unser Tun übernehmen – im Prinzip der Liebe". Was dagegen spricht, das ist für Stephan Dalley hauptsächlich: "Wir sind zu Egomanen erzogen. Jeder muss um seine Kohle, sein Häusle, seine Altersvorsorge kämpfen. Normalerweise gibt es nichts zu kämpfen, wenn wir alle friedlich leben und uns nicht so aufstacheln lassen würden." Und wenn wir alle wirklich Frieden wollten, so stellt er die Gegenfrage: "Warum schaffen wir dann nicht einfach alle Waffen und Munition ab?" Doch da werde es politisch. Und Politik ist ihm so was Schmutziges, da will er definitiv Abstand halten. Da hält er sich entschieden fern und raus.

»Nicht jeder kann zum Heiler. Für manche passt das einfach nicht ins Weltbild. Das ist auch okay. Für die gibt es ja die Medizin.

Für das Leiden in der Welt gibt es seiner Ansicht nach unabdingbare Gründe. Er erklärt das so: "Gott ist Einheit. Hier unten auf der Erde haben wir in allem eine Dualität – also Plus und Minus, Licht und Schatten. Die göttliche Einheit ist die universelle, bedingungslose Liebe. Wir 'hier unten' leben aber nach dem Prinzip der Leistungsliebe." Das gelte es zu überwinden und dabei zu erkennen: "Das ewige Selbst kennt keine Dualität. Du als reiner Geist kannst nicht leiden."

Ganz bei sich bleiben. Das ist es, was er vermitteln will. Akzeptieren, "dass der Film eh läuft". Krieg, Katastrophen, Aufruhr – das alles passiere, sei aber nicht wirklich Grund zur Sorge, "denn das bist ja nicht du!" In seiner Anfangszeit als Heiler, als er sich immer mehr auf die "Geistige Welt" eingelassen habe, da hatte er Visionen. Sah Kriegsszenarien, brennende Wolkenkratzer – und das habe er auch alles auf- geschrieben. Permanent seien diese Visionen wie durch ihn hindurch gegangen, eine Woche lang. Nach zwei, drei Tagen sei das so unerträglich geworden, dass er sich mit Bier und Schnaps in der Kneipe selbst "außer Gefecht" setzte. Doch anderntags, wieder nüchtern, gingen die Visionen weiter. Bis eine Woche um war. Und diese Visionen, die hätten sich im Laufe der Jahre allesamt bewahrheitet. Bis auf die letzten, noch ausstehenden. Für Stephan Dalley sind das alles Fakten, Gegebenheiten, mit denen es umzugehen gelte, ohne sich davon bestimmen und bezwingen zu lassen. Immer gehe es nur darum, wie man selbst darauf reagiert: "Nur das kannst du beeinflussen." Im Persönlichen bedeutet das für ihn: Auch er wird seine Tochter nicht vor Unheil bewahren können. Aber er kann ihr eine gelassene Einstellung vorleben. Seine Haltung sei: "Wenn du darauf vertraust, dass jeder das Leben lebt, das er sich ausgesucht hat, dann kannst du entspannen." Sein. Nicht denken. Der Kopf sei nicht wichtig – "Gewissheiten gibt nur das Herz".

Ob Stephan Dalley an Wahrsager glaubt? Er sagt ganz entschieden: Nein! Nicht, solange sie die Vergangenheit nicht erkennen können und damit Belege liefern, dass sie wirklich etwas sehen und wissen. Immer wieder habe er Menschen in der Praxis sitzen, denen ein Wahrsager beispielsweise von einer Operation abgeraten habe. "Ich hasse diese Wahrsager! Wer mir sowas erzählt, dem sage ich ganz klar: Vergiss es! Du gehst zur OP, wie es der Arzt gesagt hat! Und dann kommst du wieder hierher und wir machen weiter." An der Stelle regt er sich richtig auf: "Ich muss ständig diese Dumpfbacken neutralisieren!"

Er selbst mache keine Heilversprechen. Er sagt, er stoße die Selbstheilungskräfte und Gedanken an, die helfen. Mehr nicht. Freue sich, wenn jemand 'aufwache'. Für ihn gelte: Das Prinzip der Liebe in jeder Hinsicht zu leben, angefangen bei der Ernährung bis hin zu der Art und Weise, wie man sein Geld verdient. Und eben auch, wie man mit sich selbst und seiner Krankheit umgeht. Als Heiler ist Stephan Dalley der Überzeugung: "Es gibt keine Krankheiten, die man nicht heilen kann. Es gibt nur Menschen, die man nicht heilen kann." Und wie er da wieder lacht, ist es, als wolle er damit beweisen: Es geht doch: Lieben – nicht leiden!

 

 

Info:

Andreas Geiger hat für seinen Film "Die Gabe zu heilen" Menschen besucht, die sich selbst als Heiler verstehen. Jeder und jede von ihnen sollte für sich sprechen. Für das Buch zum Film hat Annette Rieger die Heilerinnen und Heiler portraitiert, unvoreingenommen und "mit einer Haltung, bei der die Neugierde alle Skepsis überwiegt."

Annette Maria Rieger: "Die Gabe zu heilen. Von wegen Wunder."  Herausgegeben von Andreas Geiger, mit Fotos von Stanislav Krupar ist im Klöpfer & Meyer Verlag erschienen und kostet  gebunden 24 Euro und als Ebook 18,99 Euro. Die Autorin wird am Dienstagabend, 12. September, im Stuttgarter Hospitalhof zu Gast sein, im Gespräch mit der Ethnologin Ulrike Bohnet.


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