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NSU: Maulkorb für Drexler

Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des ersten und des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag, soll seine massive schriftliche Kritik am ARD-Film zum Mord an Michèle Kiesewetter vorerst nicht wiederholen. Der frühere SPD-Fraktionschef und Landtagvizepräsident hatte die Produktion, die am Montag ausgestrahlt wurde und für die der SWR mitverantwortlich zeichnet, als "grob falsch, unsachlich und anstößig" bezeichnet. Jetzt liegt der Landtagsverwaltung ein mehrseitiges Schreiben eines Rechtsanwalts vor, in dem Drexler zur Unterlassung etlicher Aussagen aufgefordert wird.

Drexler hatte sich per Pressemitteilung nach der Trauerfeier zum zehnten Jahrestag des Terroranschlags geäußert. Auf dieser habe er Kollegen getroffen, die wie er selbst den Fernsehbeitrag "mit Bestürzung" verfolgt hätten. Ein Punkt von vielen: Es sei suggeriert worden, die Polizistin habe selbst Heroin konsumiert und sei davon abhängig gewesen. Das verstoße "nicht nur gegen das Gebot journalistischer Sachlichkeit", sondern sei gerade zum jetzigen Termin "unpassend und für die Angehörigen belastend, wie etwa die ebenfalls verwendeten Bilder der grausam Ermordeten im Badeanzug". Er halte "derartige gänzlich unbewiesene Anwürfe für grob anstößig". Für Heroinkonsum hätten sich in der "intensiven mehrjährigen Aufklärungsarbeit" keine Hinweise ergeben.

Als "ähnlich perfide" bezeichnet der frühere Landtagsvizepräsident und SPD-Fraktionsvorsitzende die Versuche, "trotz ausführlicher Widerlegung, unmittelbare Kontakte zu Rechtsextremen zu unterstellen". Zudem irritiere, "dass die Verfasser sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht hätten, die Protokolle oder wenigstens die Abschlussberichte der Untersuchungsausschüsse des Bundestags und des Landtags von Baden-Württemberg zur Kenntnis zu nehmen. Etwa wenn es um das Umfeld der beiden Opfer in ihrer Einheit gehe, auch würden die mittlerweile erfolgten teilgeständigen Einlassungen von Beate Zschäpe, die die Täterschaft von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auch an der Tat von Heilbronn einräumt, vollständig ignoriert, ebenso wie etwa das Bekennervideo des NSU und seine Entstehung bereits bis Ende 2007". Mündlich wiederholen mochte der Ausschussvorsitzende seine Kritik einen Tag vor den nächsten Zeugenvernehmungen nicht. Die Landtagsjuristen prüfen gegenwärtig das Schreiben des Anwalts. (27.4.2017)


Offene Wunde in Heilbronn

"Wir hoffen alle, dass vielleicht doch noch mehr Licht in die Vorgänge kommt." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am zehnten Jahrestags des Anschlags auf Polizisten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen Martin Arnold genutzt, zumindest indirekt eine Fortsetzung der Ermittlungsarbeit zu verlangen. Der Heilbronner OB Harry Mergel (SPD) wurde auf der Gedenkfeier deutlicher: "Warum Heilbronn? Wieso Michèle Kiesewetter? Und weshalb der 25. April 2007?" Solange diese Fragen "nicht ausreichend beantwortet werden können, gibt es auch hier in Heilbronn eine offene Wunde".

Angestoßen wurde die Diskussion um neue Ermittlungen auch durch die Bundesanwaltschaft. Sie geht der Entstehung eines Graffito mit dem Kürzel "NSU" nach, das auf einer Mauer am Tatort aufgesprüht war. Bisher lautet die offizielle Version, dass das NSU-Trio für den Anschlag verantwortlich ist. Immer wieder und aufgrund zahlreicher anderer Spuren sind die Zweifel an dieser Darstellung nicht ausgeräumt. Bisher waren an Tatorten weder Bekennerschreiben des NSU noch andere Hinweise gefunden worden. Entdeckt worden waren die drei Versalien in schwarzer Farbe vom Filmemacher Clemens Riha beim Sichten von SWR-Archivmaterial. (25.04.2017)


AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

Mehr zum Thema: "Das ganze Klavier bespielen", "Rebellen im Weinberghäusle"


Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


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Deutsche Ärzte verschreiben massenhaft Medikamente, deren Nutzen in keinem Verhältnis zu den Nebenwirkungen steht. Foto: C. Nöhren/Pixelio

Deutsche Ärzte verschreiben massenhaft Medikamente, deren Nutzen in keinem Verhältnis zu den Nebenwirkungen steht. Foto: C. Nöhren/Pixelio

Ausgabe 212
Gesellschaft

Die grenzenlose Gier der Pharmakonzerne

Von Gastautor Peter Schwoerer
Datum: 22.04.2015
5,8 Millionen Menschen haben die Schorlau-Verfilmung "Dengler – Die letzte Flucht" im ZDF gesehen: Medikamente werden schon lange nicht mehr nur verschrieben und verkauft, weil sie heilen. Vielmehr bringen sie den Pharmakonzernen eine Menge Geld. In der Realität sieht das nicht anders aus, sagt unser Experte.

Wolfgang Schorlau schilderte 2011 in seinem Roman "Die letzte Flucht" den mafiösen Einfluss der pharmazeutischen Industrie auf Wissenschaft, Ärzte, Gesundheitsmanagement und Politik. Seine alarmierende Schlussfolgerung: In Deutschland werden durch Einflussnahme pharmazeutischer Konzerne Patienten unter Vorspiegelung falscher Heilungschancen mit nutzlosen und dabei gesundheitsgefährdenden Medikamenten behandelt. Diese Botschaft wurde durch Veröffentlichungen, wie zum Beispiel Peter C. Götzsches "Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität" und Markus Grills "Die Krebs-Mafia", "Spiegel" 15/2012, offensichtlich rechtssicher belegt.

Diese publikumswirksamen Artikel beschrieben in einer auch für Politiker verständlichen Form Missstände, die eine schnelle gesetzgeberische Reaktion erforderten. Theoretisch hätten wir uns also am vergangenen Montag (20. April 2015) vor den Fernseher setzen und die Verfilmung des Romans gelassen als "Schnee von gestern" abtun können. Im Glauben, dass die Politiker, die für unsere Gesundheit verantwortlich sind, die Rahmenbedingungen der Forschung und der pharmazeutischen Industrie so geändert haben, dass die Pharmaindustrie zwar immer noch adäquate Gewinne erzielt, diese aber nur mit legalen und ethisch einwandfreien Mitteln. So ist es leider nicht.

Kein Nutzen, aber maximaler Gewinn

Erstens: Immer noch werden Patienten mit Medikamenten behandelt, deren gesicherter Nutzen für die Kranken in einem Missverhältnis zu ihren Nebenwirkungen stehen. Auch 2014 wurden Patienten mit Dickdarmtumoren oder Mammakarzinomen nicht nur mit modernen, hochwirksamen Medikamenten behandelt, sondern auch mit Medikamenten, die den Patienten keinen Nutzen, der Industrie aber einen maximalen Gewinn sichern. Dies geschieht, obwohl inzwischen bewiesen ist, dass bei bestimmten Untergruppen dieser Krebserkrankungen die so angewandten Medikamente keine heilende Wirkung, aber erhebliche Nebenwirkungen haben.

Die Regale sind immer gut gefüllt. Fotos: Joachim E. Röttgers
Die Regale sind immer gut gefüllt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Zweitens: Im Jahre 2014 waren die Gewinne der pharmazeutischen Industrie mit steigender Tendenz an der Spitze aller Industriezweige. Sie wurden nur durch die sehr hohen Kosten für Marketing und Verwaltung (zwischen 25 und 35 Prozent der Umsätze) geschmälert. Wenig Auswirkung auf die Gewinne haben aber die Kosten für Forschung, die bei vielen Betrieben allenfalls bei 20 Prozent des Umsatzes liegen (siehe dazu diesen Link) und keinesfalls die enormen Kosten neuer Medikamente begründen können.

Diese Gewinne wären vielleicht noch gerechtfertigt, wenn sie ausschließlich auf Verschreibungen beruhten, die einerseits Heilung oder Linderung von Krankheiten erreichen und andererseits eine für die Sozialversicherungen verträgliche Kosten-Nutzen-Relation nachweisen können. So ist es aber nicht.

Nach wie vor werden die Zulassung und die Vermarktung von Medikamenten durch unethische Marketingmethoden beeinflusst. So wurden Ärzte auch im Jahre 2014 in Form von Anwendungsbeobachtungsstudien für die Verschreibung von Medikamenten bezahlt. Das sind eigentlich legale Studien an Patienten, mit dem Ziel, auch nach Marktzulassung Kenntnisse über Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln zu erhalten. Sie werden aber in einer Weise durchgeführt, ausgewertet und veröffentlicht beziehungsweise nicht veröffentlicht, dass inzwischen von Wissenschaftlern, Juristen und Ärzten der Verdacht des Arzneimittelmarketings durch Korruption diskutiert wird.

Diese Studien sind zwar im Verhältnis zu früheren Jahren geringfügig rückläufig, und es sind auch nur noch zehn Prozent der deutschen Ärzte bereit, dabei mitzumachen. Gemeldet werden noch 430 neue Studien im Jahr 2014. Die Auswirkungen dieser Studien bleiben aber weiterhin für Patienten und die gesetzliche Krankenversicherung gravierend. Sie werden vermutlich bevorzugt durch hochspezialisierte Zentren und Ärzte durchgeführt, die einen zwingenden Einfluss auf die Verordnungsgewohnheiten aller anderen behandelnden Ärzte haben. So wird ein nachbehandelnder Arzt sich in der Regel auf die Expertise einer hochspezialisierten Einrichtung wie einer Universitätsklinik verlassen und die angeordnete Arzneimitteltherapie durchführen.

Die "Kickbacks" an die Ärzte laufen unter Geschäftsgeheimnis

Erstaunlich ist allerdings, dass sogenannte Kickbacks (Rückzahlungen) auch im Jahre 2015 nicht nur im Rahmen von Anwendungsbeobachtungen gewährt werden, sondern dass auch andere völlig legale Zahlungen der pharmazeutischen Industrie an Ärzte und Kliniken möglich sind. Verträge nach § 130 c SGB V erlauben es Pharmakonzernen und Krankenkassen, Verträge zu schließen, die in Abhängigkeit von der Menge der verordneten Medikamente oder der Zahl der Patienten sowohl Rückzahlungen der Industrie an die Krankenkassen als auch Zahlungen an die behandelnden Ärzte erlauben. Wie hoch diese Kickbacks sind, kann nicht beziffert werden. Sie werden unter Verweis auf "zu wahrende Geschäftsgeheimnisse" unter Verschluss gehalten.

Drittens: Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch im Jahr 2015 die Regularien der Zulassung von Medikamenten zur Behandlung. Die überwiegend von der Pharmaindustrie finanzierte Europäische Zulassungsbehörde für Medikamente (EMA) in London orientiert sich nicht sonderlich am nachgewiesenen Nutzen für den kranken Patienten oder an der Kosten-Nutzen-Relation für die Gesellschaft. Eher spielen geringe Kosten und schnelle Ergebnisse eine entscheidende Rolle. Studien mit wenigen Patienten, kurzen Nachbeobachtungszeiten, Auswahl eines für die Zulassung idealen Patientenkollektivs (wie etwa bevorzugt junge, möglichst gesunde Versuchspersonen) führen zu einer schnellen Zulassung. Auch die naheliegende Frage nach einer beweisbaren Verlängerung des Lebens wird oft durch sogenannte weiche Endpunkte der Studien umgangen. "Weich" heißt zum Beispiel die Zeit bis zum Fortschreiten einer Erkrankung.

Eine Mitarbeiterin sortiert Medikamente bei einem Großhändler.
Eine Mitarbeiterin sortiert Medikamente bei einem Großhändler.

Immerhin findet in Deutschland durch den Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte seit 2012 eine Nutzenbewertung innovativer Medikamente statt. Geplant war vom Gesetzgeber freilich mehr: eine Bewertung aller Medikamente hinsichtlich ihrer Kosten-Nutzen-Verhältnisse. Das Vorhaben wurde im Rahmen einer undurchsichtigen Entscheidungsfindung wieder zurückgezogen. Das heißt: Wenn neue Medikamente einen beträchtlichen Zusatznutzen nachweisen können, bleibt die Preisgestaltung weitgehend der Fantasie der Pharmaindustrie überlassen. So kamen in den Jahren 2014 und 2015 Medikamente zur erfolgreichen Behandlung der Hepatitis C auf den Markt, die, sollten sie allen betroffenen Patienten zugute kommen, schlicht die Hälfte des deutschen Arzneimitteletats für ambulante Behandlung in Anspruch nehmen würden. In Zahlen: Bei vermutlich 300 000 Infizierten und Behandlungskosten von rund 60 000 Euro pro Patient kämen wir auf 18 Milliarden Euro.

Viertens: Last, but not least muss der Einfluss der pharmazeutischen Industrie auf die Forschung in Deutschland beleuchtet werden. Auch 2015 können forschende Ärzte an Kliniken oder Instituten ohne Unterstützung der pharmazeutischen Industrie nicht arbeiten. Ihre finanzielle Ausstattung durch die Politik ist völlig unzureichend. Dies führt jenseits aller Anwendungsbeobachtungen zu einer fatalen Abhängigkeit der Wissenschaft von der pharmazeutischen Industrie. Es ist paradox: Die Sozialversicherungssysteme beziehungsweise Steuern der Industrieländer finanzieren zwar die Pharmaindustrie, haben aber keinen relevanten Einfluss auf Inhalt, Ziel und Bewertung der Forschung.

Unbestritten ist, dass die Gewinne der internationalen Pharmaindustrie die Finanzgrundlagen der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland gefährden. Richtig ist auf der anderen Seite aber auch, dass deren Verluste im Jahr 2015 nicht nur den Pharmakonzernen anzulasten sind. Sie beruhen auch auf Missständen in anderen Sektoren des Gesundheitswesens, und insbesondere sind sie krassen politischen Fehlentscheidungen der Vergangenheit geschuldet.

Die Pharmaindustrie hat nur ein Ziel: Profit

Grundsätzlich gilt: Die pharmazeutische Industrie kann nur in einem deregulierten und auf Wettbewerb ausgerichteten Gesundheitswesen in der oben geschilderten Form agieren. Die in den Neunzigerjahren gefallene Entscheidung der deutschen Politik, das Gesundheitswesen unter der Vorstellung höherer Produktivität und Qualität wettbewerblich zu organisieren, hat fatale Folgen. Der Patient ist nun mal kein Kunde, er hat keine Möglichkeit, auf indizierte und qualifizierte Behandlung seiner Krankheit zu verzichten, es kann ihm auch nicht zugemutet werden, auf billigere "Produkte" zurückzugreifen. Diese Problematik im Wettbewerb um unverzichtbare Güter des täglichen Lebens zeigt sich auch in anderen Märkten wie zum Beispiel dem "liberalisierten" Strommarkt.

Was genau er da schluckt, weiß kaum ein Patient.
Was genau er da schluckt, weiß kaum ein Patient.

Im Wettbewerb hat die Pharmaindustrie, wie alle anderen Unternehmen auch, nur ein Ziel: Profit. Dass diese Gewinne aufgrund teilweise unethischer und unseriöser Forschung- und Marketingmethoden in sozial unverträglicher Höhe anfallen (siehe dazu diesen Link), muss durch eine qualifizierte Gesetzgebung und durch entsprechend wirksame Kontrollen der dafür zuständigen Behörden unterbunden werden. Dass Universitäten von Drittmitteln der Pharmaindustrie abhängig werden, weil sie staatlich unterfinanziert sind, kann nur durch eine direkte Forschungsfinanzierung verhindert werden. Und dies tunlichst auf der Basis einer klaren bundesweiten Gesetzgebung.

Professor Peter Sawicki, der ehemalige Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen der Bundesrepublik, fasst die Situation wie folgt zusammen: (Der Pharmakritiker) "Götzsche beschreibt und bestätigt, dass das Gewinnstreben der Pharmaunternehmen unsere Gesundheit gefährdet, dass die dafür zuständigen Behörden insuffizient arbeiten und die Parlamente keine wirksamen Gesetze zum diesbezüglichen Schutz der Bevölkerung erlassen".

Politiker und Lobbyisten mauscheln

Und tatsächlich, nach Einschätzung der Antikorruptionsorganisation Transparency International (TI) gibt es noch zu viel Spielraum für Mauscheleien zwischen Politikern und Lobbyisten in ganz Europa, aber insbesondere leider auch in Deutschland. Bei einer Untersuchung konnten laut TI bei nur sieben Staaten der EU gezielte Regelungen identifiziert werden, die die Einflussnahme von Interessenverbänden auf Entscheidungsprozesse fair regeln sollen. Deutschland zählte nicht dazu.

Der seinem Alter entsprechend an mehreren Krankheiten leidende Autor dieses Artikels ist dem Autor Schorlau dankbar für seine dramatische Darstellung eines von der Politik sträflich begünstigten Missstands im deutschen Gesundheitswesen. Er wird aber angesichts seiner eigenen Erfahrungen mit und im deutschen Gesundheitswesen und angesichts der Kenntnis der objektiven Fakten auch nach der Lektüre des Krimis seinen behandelnden Ärzte und Krankenhäusern weiter vertrauen. Weit kritischer beobachtet er aber die Gesetzgebung und ist gespannt, ob es der Pharmalobby gelingen wird, die wenigen vernünftigen Steuerungsansätze in der derzeitigen Gesetzgebung (Gesetzliche-Krankenversicherung-Versorgungsstärkungsgesetz, Entwurf vom 25. 2. 2015) unter intensiver Nutzung ihrer politischen Verbindungen zu verwässern.

 

Peter Schwoerer (74) war 20 Jahre Allgemeinarzt in Neustadt (Schwarzwald) und danach in führenden Funktionen der Ärzteschaft und des Medizinischen Dienstes der gesetzlichen Krankenversicherungen tätig. Als unabhängiger Gutachter ist er immer noch aktiv.


Passend zum Thema eine aktuelle Pressemitteilung der Techniker Krankenkasse Baden-Württemberg.


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