Das Warten auf Spenderorgane ist ein Lotteriespiel. Die Patienten warten im Schnitt fünf Jahre auf eine neue Niere.

Ausgabe 200
Gesellschaft

Niere oder Tod

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 28.01.2015
Mehr als 8000 Menschen warten in Deutschland auf eine Niere. Der schwer kranke Journalist Willi Germund (60) wollte nicht warten. Er hat sich eine gekauft. Von einem jungen Afrikaner und sich das Organ in Mexiko transplantieren lassen. Sein am Wochenende erscheinendes Buch "Niere gegen Geld" ist schockierend.

Willi bei Markus Lanz, neben Jürgen von der Lippe und Til Schweiger. Wie ist er da bloß reingeraten, mit seinen Hochwasserhosen, den viel zu kurzen Socken und der blauen Brille? Willi mag solche Bühnen eigentlich nicht, er ist eher Sand in der Seife. Aber so ist es halt, wenn man ein Buch geschrieben hat, das ein mächtiger Aufreger werden kann, und der Verlag findet, dass lautstark die Reklametrommel gerührt werden muss. Das Buch heißt "Niere gegen Geld" und verdeutlicht im Untertitel, worum es geht: "Wie ich mir auf dem internationalen Markt ein Organ kaufte."

Willi Germund, der Kriegs-und-Krisen-Reporter, ist mein Freund. Ich kenne ihn seit fast 30 Jahren. Er ist kein pflegeleichter Typ.

Der Talkmeister Lanz sagt, was man im ZDF sagen muss. Dass das doch ein moralisch-ethisches Problem sei, so etwas auf dem Schwarzmarkt zu tun, statt sich auf die Warteliste setzen zu lassen. Der Klinikdirektor der Berliner Charité, Johann Pratschke, spricht von einem "knallharten kriminellen Geschäft" und verweist auf das deutsche Transplantationsgesetz, das Organhandel mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Die Organspende sei ein "heroischer Akt", fährt der Mediziner fort, "der durch den Organhandel pervertiert wird". Anschließend stellen die beiden Showgrößen von der Lippe und Schweiger ihr neues Buch beziehungsweise ihren neuen Film vor.

Der Reporter kann nicht sein ohne Schreiben

Germund bleibt ganz cool. Ja, er habe eine gekauft, sagt er und begründet warum. Er erzählt, wie ihm beschieden worden ist, dass seine Nieren in zwei Jahren ihre Funktion aufgeben. Danach habe er drei Optionen gehabt: das "Lotteriespiel" auf der Warteliste, die fortwährende Dialyse und den Schwarzmarkt. Er habe sich für Letzteres entschieden, weil er leben und arbeiten wolle. Mit, im Durchschnitt, fünf Jahre warten, mit drei Mal pro Woche Blutwäsche könne er das nicht. Das wäre das Ende für ihn, dessen Leben die Arbeit ist. Er kann nicht sein ohne Schreiben.

Als journalistischer Jungspund ist er 1980, gerade mal 26 Jahre alt, in Managua gelandet. Ein Jahr nach dem Sturz des Diktators Somoza war der Kriegsdienstverweigerer mit dem Rucksack aus Köln angekommen, ein Nobody, aber voller Sympathie für die linken Sandinisten. In Nicaragua war Revolution, und Willi fand tatsächlich Zeitungen, die sich für seine Geschichten interessierten. Unter anderem die "Stuttgarter Zeitung", deren damaliger Auslandschef Joachim Worthmann ihm tapfer die Stange hielt, obwohl er in Germund einen "Sandalisto" vermutete, der ihm den Sozialismus ins Blatt drücken wollte.

Das war wahrscheinlich so falsch nicht, aber der Umgang mit den abgebrühten Kollegen von CNN, BBC und einer adligen FAZ-Reporterin, die sich im Interconti von Managua das Haar mit Mineralwasser benetzte, hat Willi kühler gemacht. Wer ihn dort besuchte, konnte ihn schon mit der Havanna erleben, den Großreporter mimend, die teuren Jeeps des Präsidenten Ortega verspottend, was vor allem aus der deutschen Provinz angereiste Kolleginnen vergrätzte. Für sie war und blieb er das "Ekel von Managua".

Das stimmt natürlich nicht. Höchstens zur Hälfte. Willi konnte auch zum Hummer für einen Dollar einladen und Freunden beim Straßenbau helfen. In Italien haben wir zusammen Wege befestigt, wobei sein Lieblingsplatz die Schubkarre war, in der er Victoryzeichen machen konnte. Also sprechen wir lieber von einer déformation professionelle, die unausweichlich ist in diesem Job. Man würde doch verrückt, verehrte man Daniel Ortega heute noch so wie in seinen Anfangszeiten. Des Präsidenten Revolution ist heute der Panamakanal, den er durch Nicaragua sprengen will.

Ob Südafrika, Ruanda oder Afghanistan – immer an der Front

Da heißt es Abschied nehmen, weiter ziehen, nach Südafrika, wo Nelson Mandela aus der Haft entlassen wurde, das Ende der Apartheid und der Anfang einer Demokratie anstanden. Willi war von 1990 an dabei, erlebte die blutigen Kämpfe am Kap der Guten Hoffnung, aber auch den Völkermord in Ruanda, und bewachte den Tennisplatz des ARD-Korrespondenten in Johannesburg. 1996 wechselte er nach Neu-Delhi, von wo aus er zu seinen Einsätzen nach Afghanistan, Pakistan und in den Irak flog. Als Frontberichterstatter, als der er sich immer verstanden hat. Er musste dort sein, wo es passierte, nicht am Fernseher oder Computer, dem er glauben konnte oder auch nicht.

Seit 2001 sitzt der Rastlose in Bangkok. Klar, dass er einer der ersten war, der über den verheerenden Tsunami 2004 berichtete. Mitten aus den verwüsteten Küstenlandstrichen. Wie er diese Bilder aus dem Kopf kriegt? Darüber hat er nie gesprochen. Genau so wenig darüber, dass er schon als 19-Jähriger gegen Lymphknotenkrebs behandelt wurde, die Milz entfernt bekam und danach beschloss, das Leben als Abenteuer zu begreifen. Noch schweigsamer wurde er in den letzten Jahren, als die Nieren zu sterben anfingen. Als Freiberufler in dem harten Mediengeschäft krank sein – das hätte ihn, bei der Sparwut der Verlage, killen können.

Um so erstaunlicher ist sein Buch. Gut, mutig war der Kerl schon immer, wenn es um seine Geschichten über andere ging. Aber die eigene Geschichte so offen und ehrlich zu erzählen, das hat eine neue Qualität. Die weltweiten Recherchen nach einer Niere, in China, den USA, in Indien, Pakistan, Vietnam, Thailand – das könnte man als Handwerk bezeichnen, das der erfahrene Reporter draufhat. Wir lernen, dass zwischen 60 000 und 100 000 Nieren jenseits der offiziellen Kanäle verpflanzt werden, etwa so viele wie auf dem legalen Weg. Zu Preisen bis zu 250 000 Euro. Aber: So nah dran kann das nur einer schildern, der selbst nach einem Strohhalm sucht.

Raymond verspricht ihm eine richtig gute Niere

Er findet ihn in Afrika, in einem 28-Jährigen, den er Raymond nennt. Vermittelt über einen Agenten, wird der Ort der Transplantation festgelegt. Mexiko, ein Krankenhaus nahe an der Grenze zu den USA. Kosten rund 30 000 Euro, ein Gutteil davon erhält der Spender. Willi, dünn geworden, zwischen Kopfschmerzen und Erschöpfung schwankend, legt schon mal den Friedhof fest, auf dem er, für den Fall des Scheiterns, bestattet werden will.

Mit Raymond, der ihm eine richtig gute Niere verspricht, sitzt er nach den Voruntersuchungen am Hotelpool. Fröhlich erzählt ihm der junge Schwarze, dass er mit dem Geld ein kleines Unternehmen aufbauen will. Die Operation verläuft erfolgreich. Raymond soll es gut gehen, berichtet Willi bei Lanz, nur das Geschäft laufe noch nicht. Er hat mit ihm telefoniert. 

Zuletzt haben wir uns im deutschen Süden getroffen. Es ist ein heißer Sommertag, hier zwischen Wald und Wiesen, am Rande eines Naturschutzgebiets. Willi hat jetzt drei Nieren, zwei kümmern vor sich hin. Er ist, den Umständen entsprechend, ordentlich beieinander. Er spottet wieder, fragt mich wieder, wie in der gemeinsamen Zeit bei der Fußballweltmeisterschaft 1986 in Mexiko: "Schreibst du immer noch wie ein Palästinenser – jede Minute ein Anschlag?"

Der Freund spricht von dem Buch und den Bedenken, die er hat. In seinem langen Berufsleben hat er selbst viele Geschichten über Organhandel geschrieben – und ihn gegeißelt. Er weiß, was ihm künftig alles vorgeworfen werden wird. Moralisch ist der Nierenkauf verwerflich. Juristisch gegen das Gesetz. Politisch desaströs, weil Nachahmer ermuntert und legale Spender noch weniger werden können. Gesellschaftlich brutal, weil wieder mal der Egoismus siegt, Reich über Arm, Geld über Gesundheit entscheidet. 

Alles richtig – und alles relativ, wenn es um das eigene Leben geht. Er bewundere jeden Menschen, sagt Willi, der sich über Jahre die Hoffnung bewahre. Dazu habe er nicht die Kraft gehabt. Je näher es ans Sterben gegangen sei, desto mehr habe sich die Moral entfernt.

 

Das Buch "Niere gegen Geld" ist ab Samstag, 31. Januar, im Buchhandel erhältlich. Es erscheint im Rowohlt Taschenbuch Verlag zum Preis von 9,99 Euro und unter der Fragestellung: "Wie weit würden Sie gehen, um Ihr Leben zu retten?" Am Donnerstag, 29. Januar, veröffentlicht das Magazin "Stern" ein Exklusiv-Interview mit Willi Germund. Laut Verlagsangaben werden "Stuttgarter Zeitung", "Berliner Zeitung" und "Badische Zeitung" mit Vorabdrucken aufwarten. Für sie arbeitet der 60-Jährige regelmäßig.


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22 Kommentare verfügbar

  • Sebastian Pampuch
    am 15.03.2015
    Interessant am Artikel ist, dass er mit Sandinistas, Südafrika usw. die Kämpfe in den ehemaligen Kolonien des Westens thematisiert und Germund als zumindest anfänglichen westlichen Sympathisanten dieser widerständischen Bewegungen beschreibt. Das daraus resultierende Dilemma in Germunds späterem Verhalten verfolgt Freudenreich dann aber nicht weiter: die notwendigerweise widersprüchliche Rechtfertigungslogik eines trotz gesundheitlicher Disposition relativ privilegierten Weißen, der alte Ideale längst aufgegeben hat und sich das Nord/Südgefälle als Profiteur zunutze macht. Sein Buch hätte er frei ins Netz stellen und eine englische Version hinzufügen können, damit auch Menschen wie "Raymond " die Chance zur Lektüre hätten.
  • Sebastian Pampuch
    am 15.03.2015
    Interessant am Artikel ist, dass er mit Sandinistas, Südafrika usw. die Kämpfe in den ehemaligen Kolonien des Westens thematisiert und Germund als zumindest anfänglichen westlichen Sympathisanten dieser widerständischen Bewegungen beschreibt. Das daraus resultierende Dilemma in Germunds späterem Verhalten verfolgt Freudenreich dann aber nicht weiter: die notwendigerweise widersprüchliche Rechtfertigungslogik eines trotz gesundheitlicher Disposition relativ privilegierten Weißen, der alte Ideale längst aufgegeben hat und sich das Nord/Südgefälle als Profiteur zunutze macht. Sein Buch hätte er frei ins Netz stellen und eine englische Version hinzufügen können, damit auch Menschen wie "Raymond " die Chance zur Lektüre hätten.
  • Gabriele Fritz
    am 10.02.2015
    Liebe Redaktion, lieber Herr Freudenreich
    mit Interesse und viel Emotionen habe ich Ihren Artikel über den Nierenkauf Ihres Kollegen und Freundes Willi Germund gelesen.
    Ich schreibe, da ich selber nierenkrank bin und mir - ich habe eine von meinem Vater geerbte Nierenerkrankung - ungefähr ausrechnen kann, wann es bei mir soweit ist mit dem endgültigen Nierenversagen. Ich kann die Ängste und Nöte von Herrn Germund sehr gut verstehen.
    Ich engagiere mich seit mehreren Jahren in zwei Selbsthilfevereinen und kenne daher mittlerweile eine Menge Menschen, die lernen müssen, mit den Folgen von Nierenerkrankungen umzugehen. Ich habe lange geglaubt, dass das Leben vorbei ist, wenn man an der Dialyse ist - aber das stimmt nicht. Ich kenne positive, lebensbejahende Menschen, die mit der Dialyse leben und auch berufstätig sind - zugegeben, wäre das Berufsleben Ihres Kollegen so wie bisher wohl nicht machbar. Es gibt aber auch noch die Möglichkeit der Bauchfelldialyse, die mehr Freiheit bedeutet, als dreimal die Woche an der Maschine zu hängen.
    Ich selbst habe auch Angst vor der Dialyse und möchte sehr gerne eine "neue" Niere haben. Die vor allem in den letzten Jahren bekannt gewordenen Manipulationen bei der Organspende hier in Deutschland sind ja auch ein Symptom dafür, dass ein gefragtes Gut nicht in ausreichender Stückzahl zur Verfügung steht. Das liegt u.a. an unserem Transplantationsgesetz, das immer noch das explizite Ja zur Organspende fordert und nicht, wie z. B. in Spanien und Österreich die Widerspruchslösung gilt. Dort ist jeder automatisch Organspender, der nicht ausdrücklich widerspricht, was zu viel mehr Spenden als bei uns führt und damit zu geringerer Wartezeit. Ein Ausweg, der zur Zeit in Deutschland ca. 1/3 der Nierenspenden ausmacht, ist die Lebendspende eines nahen Verwandten oder Freundes. Durch das Transplantationsgesetz ist hier vorgeschrieben, dass der Spender sich vor einer Ethikkommission erklären muss, ob die Organspende altruistisch erfolgt und kein Geld im Spiel ist. Ich kenne etliche Paare oder sonst eng verbundene Personen, wo das gut geklappt hat. Ich kenne sogar ein Paar, dass sich trotz Nierenspende des einen Partners später getrennt hat. Dass es ihrem Freund gut geht in Zukunft mit der neuen Niere, ist zu wünschen. Wo erfolgt eigentlich die Nachsorge und die Einstellung mit Immunsuppressiva? In Deutschland würde er es schwer haben mit der gekauften Niere. Bei uns wird auch der Nierenspender jährlich untersucht, hat Anspruch auf medizinische Nachsorge und Rehamaßahmen, das alles wird von der Krankenkasse des Organempfängers bezahlt. Ich bezweifle, dass im Fall von Raymond in Afrika eine adäquate medizinische Nachsorge erfolgt - aber dafür hat er ja 7.000 Euro erhalten - das muss reichen und beruhigt das Gewissen Ihres Freundes. Das ist ja auch schon viel, wenn man andere Berichte über Organhandel liest, wo die Spender, vorzugsweise für die reiche, amerikanische weiße Oberschicht, kurz nach der OP aus dem Krankenhaus geworfen werden wie ein Stück Dreck (z. B. "Fürs Leben gezeichnet", Südwind Magazin, Juli 2014, Nr. 7-8, S. 35-44 - Originalbericht: Nancy Scheper-Hughes: Organ Trafficing, New Internationalist, Ausgabe 472, Mai 2014).
    Es ist ein Elend und ich sehe wieder einmal ohnmächtig: wer Geld hat, kann sich alles kaufen - neue Nieren, Lebern, Herzen und...die anderen? Müssen sich eben damit arrangieren und ihr Leben neu strukturieren. Die Spender? Bieten eine Ware an und bekommen mal mehr, mal weniger dafür. Wird Ihr Freund sich um Raymonds Gesundheit je noch einmal Gedanken machen?
    Es wäre schön, wenn sich Herr Germund auch dafür einsetzen würde, dass es in Deutschland/ Europa wieder zu mehr Organspenden kommt und der Gesetzgeber in Deutschland die Widerspruchslösung einführt.
  • Gabriele Fritz
    am 10.02.2015
    Liebe Redaktion, lieber Herr Freudenreich
    mit Interesse und viel Emotionen habe ich Ihren Artikel über den Nierenkauf Ihres Kollegen und Freundes Willi Germund gelesen.
    Ich schreibe, da ich selber nierenkrank bin und mir - ich habe eine von meinem Vater geerbte Nierenerkrankung - ungefähr ausrechnen kann, wann es bei mir soweit ist mit dem endgültigen Nierenversagen. Ich kann die Ängste und Nöte von Herrn Germund sehr gut verstehen.
    Ich engagiere mich seit mehreren Jahren in zwei Selbsthilfevereinen und kenne daher mittlerweile eine Menge Menschen, die lernen müssen, mit den Folgen von Nierenerkrankungen umzugehen. Ich habe lange geglaubt, dass das Leben vorbei ist, wenn man an der Dialyse ist - aber das stimmt nicht. Ich kenne positive, lebensbejahende Menschen, die mit der Dialyse leben und auch berufstätig sind - zugegeben, wäre das Berufsleben Ihres Kollegen so wie bisher wohl nicht machbar. Es gibt aber auch noch die Möglichkeit der Bauchfelldialyse, die mehr Freiheit bedeutet, als dreimal die Woche an der Maschine zu hängen.
    Ich selbst habe auch Angst vor der Dialyse und möchte sehr gerne eine "neue" Niere haben. Die vor allem in den letzten Jahren bekannt gewordenen Manipulationen bei der Organspende hier in Deutschland sind ja auch ein Symptom dafür, dass ein gefragtes Gut nicht in ausreichender Stückzahl zur Verfügung steht. Das liegt u.a. an unserem Transplantationsgesetz, das immer noch das explizite Ja zur Organspende fordert und nicht, wie z. B. in Spanien und Österreich die Widerspruchslösung gilt. Dort ist jeder automatisch Organspender, der nicht ausdrücklich widerspricht, was zu viel mehr Spenden als bei uns führt und damit zu geringerer Wartezeit. Ein Ausweg, der zur Zeit in Deutschland ca. 1/3 der Nierenspenden ausmacht, ist die Lebendspende eines nahen Verwandten oder Freundes. Durch das Transplantationsgesetz ist hier vorgeschrieben, dass der Spender sich vor einer Ethikkommission erklären muss, ob die Organspende altruistisch erfolgt und kein Geld im Spiel ist. Ich kenne etliche Paare oder sonst eng verbundene Personen, wo das gut geklappt hat. Ich kenne sogar ein Paar, dass sich trotz Nierenspende des einen Partners später getrennt hat. Dass es ihrem Freund gut geht in Zukunft mit der neuen Niere, ist zu wünschen. Wo erfolgt eigentlich die Nachsorge und die Einstellung mit Immunsuppressiva? In Deutschland würde er es schwer haben mit der gekauften Niere. Bei uns wird auch der Nierenspender jährlich untersucht, hat Anspruch auf medizinische Nachsorge und Rehamaßahmen, das alles wird von der Krankenkasse des Organempfängers bezahlt. Ich bezweifle, dass im Fall von Raymond in Afrika eine adäquate medizinische Nachsorge erfolgt - aber dafür hat er ja 7.000 Euro erhalten - das muss reichen und beruhigt das Gewissen Ihres Freundes. Das ist ja auch schon viel, wenn man andere Berichte über Organhandel liest, wo die Spender, vorzugsweise für die reiche, amerikanische weiße Oberschicht, kurz nach der OP aus dem Krankenhaus geworfen werden wie ein Stück Dreck (z. B. "Fürs Leben gezeichnet", Südwind Magazin, Juli 2014, Nr. 7-8, S. 35-44 - Originalbericht: Nancy Scheper-Hughes: Organ Trafficing, New Internationalist, Ausgabe 472, Mai 2014).
    Es ist ein Elend und ich sehe wieder einmal ohnmächtig: wer Geld hat, kann sich alles kaufen - neue Nieren, Lebern, Herzen und...die anderen? Müssen sich eben damit arrangieren und ihr Leben neu strukturieren. Die Spender? Bieten eine Ware an und bekommen mal mehr, mal weniger dafür. Wird Ihr Freund sich um Raymonds Gesundheit je noch einmal Gedanken machen?
    Es wäre schön, wenn sich Herr Germund auch dafür einsetzen würde, dass es in Deutschland/ Europa wieder zu mehr Organspenden kommt und der Gesetzgeber in Deutschland die Widerspruchslösung einführt.
  • Uwe Mannke
    am 31.01.2015
    Entweder man stellt die Organtransplantation insgesamt in Frage oder man verabschiedet sich komplett von den allgemeinen Menschenrechten. Die Hirntoddiagnostik ist hoch komplex und umstritten. Sie ist aber Vorraussetzung für das gesamte internationale Transplantationssystem. Und natürlich fliesst viel Geld und es wird ein großes Geschäft gemacht.
  • Uwe Mannke
    am 31.01.2015
    Entweder man stellt die Organtransplantation insgesamt in Frage oder man verabschiedet sich komplett von den allgemeinen Menschenrechten. Die Hirntoddiagnostik ist hoch komplex und umstritten. Sie ist aber Vorraussetzung für das gesamte internationale Transplantationssystem. Und natürlich fliesst viel Geld und es wird ein großes Geschäft gemacht.
  • UJ
    am 31.01.2015
    Herr Germund hat sowohl moralisch als auch juristisch falsch gehandelt, als er sich eine Niere kaufte. Er hat jedoch richtig gehandelt, indem er dies publik machte und in seinem Buch einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion stellt.

    Wer glaubt denn im Ernst, dass Personen wie Bill Gates oder ein Mitglied der Familie Quandt jahrelang brav auf ein Spenderorgan warten würden?
    Und wie würden Sie als Chefarzt entscheiden, wenn Sie die Möglichkeit hätten, durch die Annahme einer Millionenspende die Behandlungsmöglichkeiten Ihrer Klinik auszubauen; und alles was Sie dafür tun müssten, wäre, einen Namen in der Warteliste ganz nach oben zu setzen?

    Die Reichen und Mächtigen werden gesundheitlich immer besser versorgt sein als der Durchschnittsbürger, das gilt es sich bewusst zu machen. In gesundheitspolitischen Diskussionsrunden wird dieser Aspekt jedoch immer ausgeklammert. Es ist Herr Gemunds Verdienst, dass er diese Verlogenheit nicht mitmacht.
  • UJ
    am 31.01.2015
    Herr Germund hat sowohl moralisch als auch juristisch falsch gehandelt, als er sich eine Niere kaufte. Er hat jedoch richtig gehandelt, indem er dies publik machte und in seinem Buch einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion stellt.

    Wer glaubt denn im Ernst, dass Personen wie Bill Gates oder ein Mitglied der Familie Quandt jahrelang brav auf ein Spenderorgan warten würden?
    Und wie würden Sie als Chefarzt entscheiden, wenn Sie die Möglichkeit hätten, durch die Annahme einer Millionenspende die Behandlungsmöglichkeiten Ihrer Klinik auszubauen; und alles was Sie dafür tun müssten, wäre, einen Namen in der Warteliste ganz nach oben zu setzen?

    Die Reichen und Mächtigen werden gesundheitlich immer besser versorgt sein als der Durchschnittsbürger, das gilt es sich bewusst zu machen. In gesundheitspolitischen Diskussionsrunden wird dieser Aspekt jedoch immer ausgeklammert. Es ist Herr Gemunds Verdienst, dass er diese Verlogenheit nicht mitmacht.
  • Elli Emann
    am 31.01.2015
    Vielen Dank an Herbert Mayer für Ihren Kommentar.

    Ich finde den Gedanken unerträglich, dass Menschen (letztendlich doch lebenswichtige) Organe spenden, um mit dem Erlös überhaupt überleben zu können. Und mehr oder minder reiche Leute nutzen das schamlos aus.

    Eine schwere Krankheit ist wie eine neue Person, die in ein Leben eintritt. Sich damit auseinander zu setzen kann eine Lebensaufgabe sein. Die ich keinem gönne, keine Frage.

    Willi Germund bedient mit seinem Buch wohl eher seine eigene Eitelkeit und versucht, sein (durchaus verständliches) Handeln zu rechtfertigen. Eine Rechtfertigung oder gar Absolution kann es dafür aus ethischen Gründen in meinen Augen nicht geben. Damit muss jeder selber fertig werden.
  • Elli Emann
    am 31.01.2015
    Vielen Dank an Herbert Mayer für Ihren Kommentar.

    Ich finde den Gedanken unerträglich, dass Menschen (letztendlich doch lebenswichtige) Organe spenden, um mit dem Erlös überhaupt überleben zu können. Und mehr oder minder reiche Leute nutzen das schamlos aus.

    Eine schwere Krankheit ist wie eine neue Person, die in ein Leben eintritt. Sich damit auseinander zu setzen kann eine Lebensaufgabe sein. Die ich keinem gönne, keine Frage.

    Willi Germund bedient mit seinem Buch wohl eher seine eigene Eitelkeit und versucht, sein (durchaus verständliches) Handeln zu rechtfertigen. Eine Rechtfertigung oder gar Absolution kann es dafür aus ethischen Gründen in meinen Augen nicht geben. Damit muss jeder selber fertig werden.
  • herbert mayer
    am 30.01.2015
    Lieber Joseph, dein Artikel über Germunds Buch ist mehr als eine herbe Enttäuschung, da er getragen ist von einer Unmenge Nichtwissen. Unisono mit Markus Lanz hast Du Dich vor einen Werbekarren spannen lassen. Schade.

    Ich bin selbst seit über 10 Jahren nierentransplantiert und habe bis zu meiner Rente jetzt gearbeitet.

    Bei Nierenversagen gibt es grundsätzlich 2 Möglichkeiten zum Überleben: Dialyse und Transplantation. Beide können (müssen nicht) die Lebensqualität und die Arbeitsfähigkeit über viele Jahre in eingeschränktem erträglichem Maße erhalten (der am längsten dialysierende Mensch in D hängt seit über 35 Jahren an der Dialyse, hat immer gearbeitet, der am längsten mir bekannt transplantierte Mensch ist seit 32 Jahren transplantiert und hat teilgenommen an 1000 km langer Werbefahrradfahrt für die Organspende) .

    Dein Freund hatte ein Luxusproblem, er hat sich nicht mit seiner Krankheit auseinander gesetzt sondern er wollte alles "normal" haben. Das geht nicht und deshalb jammert er auf beschämende Weise auf hohem Niveau. Das ist unerträglich. Er greift dann zu einer illegalen Aktion, die ein massiver Schlag gegen alle Kranken auf der Warteliste ist, frei nach dem Motto: Geld regiert die Welt und gewußt wie.

    Solche aufreißenden und aufreizenden Geschichten sind das Letzte, was die Kranken derzeit gebrauchen können. Das tut auch weh, denn viele der Kranken sind halt nun mal ins Hartz IV abgerutscht.
    Und nebenbei. Es gibt keine Transplantationsskandale, sondern es gibt Manipulationen bei der Zuteilung der Organe. Das ist ein feiner, aber sehr wichtiger Unterschied. Trotz allem weithin solidarische Grüße herbert mayer
  • herbert mayer
    am 30.01.2015
    Lieber Joseph, dein Artikel über Germunds Buch ist mehr als eine herbe Enttäuschung, da er getragen ist von einer Unmenge Nichtwissen. Unisono mit Markus Lanz hast Du Dich vor einen Werbekarren spannen lassen. Schade.

    Ich bin selbst seit über 10 Jahren nierentransplantiert und habe bis zu meiner Rente jetzt gearbeitet.

    Bei Nierenversagen gibt es grundsätzlich 2 Möglichkeiten zum Überleben: Dialyse und Transplantation. Beide können (müssen nicht) die Lebensqualität und die Arbeitsfähigkeit über viele Jahre in eingeschränktem erträglichem Maße erhalten (der am längsten dialysierende Mensch in D hängt seit über 35 Jahren an der Dialyse, hat immer gearbeitet, der am längsten mir bekannt transplantierte Mensch ist seit 32 Jahren transplantiert und hat teilgenommen an 1000 km langer Werbefahrradfahrt für die Organspende) .

    Dein Freund hatte ein Luxusproblem, er hat sich nicht mit seiner Krankheit auseinander gesetzt sondern er wollte alles "normal" haben. Das geht nicht und deshalb jammert er auf beschämende Weise auf hohem Niveau. Das ist unerträglich. Er greift dann zu einer illegalen Aktion, die ein massiver Schlag gegen alle Kranken auf der Warteliste ist, frei nach dem Motto: Geld regiert die Welt und gewußt wie.

    Solche aufreißenden und aufreizenden Geschichten sind das Letzte, was die Kranken derzeit gebrauchen können. Das tut auch weh, denn viele der Kranken sind halt nun mal ins Hartz IV abgerutscht.
    Und nebenbei. Es gibt keine Transplantationsskandale, sondern es gibt Manipulationen bei der Zuteilung der Organe. Das ist ein feiner, aber sehr wichtiger Unterschied. Trotz allem weithin solidarische Grüße herbert mayer
  • Andreas
    am 29.01.2015
    http://www.stern.de/gesundheit/wie-ein-mann-die-niere-eines-afrikaners-kaufte-2169245.html
  • Andreas
    am 29.01.2015
    http://www.stern.de/gesundheit/wie-ein-mann-die-niere-eines-afrikaners-kaufte-2169245.html
  • By-the-way
    am 28.01.2015
    Organspende

    Alles schön und gut, aber WER erhält mein gespendetes Organ oder umgekehrt, von WEM erhalte ich ein Organ?

    Wenn ich nur daran denke, zum Beispiel, einem Herrn Mappus
    (oder alternativ: einem Herrn Schuster, einem Herrn Schmiedel, einem Herrn Kretschmann...) durch meine Organspende das Leben verlängert zu haben...
    - ich würde ewig im Grabe rotieren!

    Umgekehrt gilt das natürlich auch:
    wenn ich erfahren würde, mein Leben wäre durch ein von Herrn Mappus gespendetes Organ verlängert worden, bliebe mir eigentlich nur eines:
    SPRINGEN!

    Obwohl,
    man könnte es natürlich auch so sehen:
    wenigstens war er zumindest EINMAL zu etwas nütze...

    Was ich damit sagen will:
    als potentieller Organspender bestimme ICH, welche Mitmenschengruppe ein Organ von mir erhalten darf und welche nicht.
    Weil: es ist MEIN Organ!

    In meinem Fall würde ich zum Beispiel die gesamte Politkaste, Bank- und Großkonzernvorstände und weitere, von einer Spende ausschließen.

    Aber die kaufen sich die benötigten Organe sowieso, wie im Artikel beschrieben.
    Geld dafür haben die genug!

    Solange es keine Möglichkeit gibt, meinen Willen zu bekunden, der dann rechtlich verbindlich ist, gibt´s eben keinen Organspenderausweis von mir.
  • By-the-way
    am 28.01.2015
    Organspende

    Alles schön und gut, aber WER erhält mein gespendetes Organ oder umgekehrt, von WEM erhalte ich ein Organ?

    Wenn ich nur daran denke, zum Beispiel, einem Herrn Mappus
    (oder alternativ: einem Herrn Schuster, einem Herrn Schmiedel, einem Herrn Kretschmann...) durch meine Organspende das Leben verlängert zu haben...
    - ich würde ewig im Grabe rotieren!

    Umgekehrt gilt das natürlich auch:
    wenn ich erfahren würde, mein Leben wäre durch ein von Herrn Mappus gespendetes Organ verlängert worden, bliebe mir eigentlich nur eines:
    SPRINGEN!

    Obwohl,
    man könnte es natürlich auch so sehen:
    wenigstens war er zumindest EINMAL zu etwas nütze...

    Was ich damit sagen will:
    als potentieller Organspender bestimme ICH, welche Mitmenschengruppe ein Organ von mir erhalten darf und welche nicht.
    Weil: es ist MEIN Organ!

    In meinem Fall würde ich zum Beispiel die gesamte Politkaste, Bank- und Großkonzernvorstände und weitere, von einer Spende ausschließen.

    Aber die kaufen sich die benötigten Organe sowieso, wie im Artikel beschrieben.
    Geld dafür haben die genug!

    Solange es keine Möglichkeit gibt, meinen Willen zu bekunden, der dann rechtlich verbindlich ist, gibt´s eben keinen Organspenderausweis von mir.
  • tillupp
    am 28.01.2015
    Solange die Transpantationsskandale nicht aufgearbeitet sind empfehle ich niemandem sich diesen Institutionen zur Verfügung zu stellen. Im übrigen beweisen ja gerade die Informationen aus Göttingen, dass Transplantationen mitunter weder die Lebensqualität verbessern noch das Leben selbst verlängern. Einige Leber-Patienten starben früher. Man braucht nebenwirkungsreiche (nierenschädigende) Medikamente um die Abstoßung des Organs zu verhindern. Ein unterdrücktes Immunsystem ist auch anfällig für Infektionen und Tumore. Wenn die Niere dann versagt, braucht man beides, Medikamente gegen die Abstoßung und Dialyse. Dialysen sind heutzutage so gut, dass man mehrere Jahrzehnte damit überleben kann, da braucht man keine Spenderniere. Man kann sogar in den Urlaub fahren, selbst Camping ist möglich. Von den Transplantationen profitieren primär die Krankenkassen und die Transplantationszentren. Für den Patienten ist es eine Lotterie, man kann Glück haben, aber diejenigen die schneller sterben, schreiben halt keine Bücher mehr. Organhandel ist höchst unmoralisch und unentschuldbar, da die Spender oft erhebliche Nebenwirkungen haben, über die sie nicht vorher aufgeklärt wurden.
  • tillupp
    am 28.01.2015
    Solange die Transpantationsskandale nicht aufgearbeitet sind empfehle ich niemandem sich diesen Institutionen zur Verfügung zu stellen. Im übrigen beweisen ja gerade die Informationen aus Göttingen, dass Transplantationen mitunter weder die Lebensqualität verbessern noch das Leben selbst verlängern. Einige Leber-Patienten starben früher. Man braucht nebenwirkungsreiche (nierenschädigende) Medikamente um die Abstoßung des Organs zu verhindern. Ein unterdrücktes Immunsystem ist auch anfällig für Infektionen und Tumore. Wenn die Niere dann versagt, braucht man beides, Medikamente gegen die Abstoßung und Dialyse. Dialysen sind heutzutage so gut, dass man mehrere Jahrzehnte damit überleben kann, da braucht man keine Spenderniere. Man kann sogar in den Urlaub fahren, selbst Camping ist möglich. Von den Transplantationen profitieren primär die Krankenkassen und die Transplantationszentren. Für den Patienten ist es eine Lotterie, man kann Glück haben, aber diejenigen die schneller sterben, schreiben halt keine Bücher mehr. Organhandel ist höchst unmoralisch und unentschuldbar, da die Spender oft erhebliche Nebenwirkungen haben, über die sie nicht vorher aufgeklärt wurden.
  • Dr. Dierk+Helmken
    am 28.01.2015
    Die Rechtslage bei der Organspende ist in Deutschland bekanntlich höchst unbefriedigend. Die Spendenbereitschaft ist wegen einiger Transplantationsskandale und wegen Problemen mit der Hirntodbestimmung weiter zurückgegangen.
    Ich habe als Kompromisslösung zwischen Widerspruchs- und Zustimmungslösung schon vor Jahren der damaligen Bundesjustizministerin, Leutheusser-Schnarrenberger, vorgeschlagen, das Reziprozitätsprinzip in der Weise einzuführen, dass nur derjenige Priorität auf der Warteliste beanspruchen kann, der als noch Gesunder selbst eine Erklärung abgegeben hat, wonach er im Todesfall seine Organe spende. Leider ist dieser Gedanke bisher in der öffentlichen Diskussion nicht aufgegriffen worden, obwohl er so nahe liegt. (In Spanien sind übrigens 85 % bereit, nach ihrem Tod ihre Organe zu spenden - ein überwiegend katholisches Land!)
    Wenn wir am gegenwärtigen System nichts ändern, bedeutet das wieder einmal, dass sich nur die Reichen ihre Gesundheit zurückkaufen können, während die Armen auf der Warteliste versauern mit einer Wartezeit von durchschnittlich 5 Jahren bei dreimaliger Blutwäsche pro Woche. Fresenius Medical Care, der große Dialysebetreiber, reibt sich die Hände.
    Dass die Kriminalisierung des Organhandels von uns unter Strafe gestellt wird, schreckt kaum jemanden ab, der den Tod oder die Leidenszeit auf der Warteliste vor Augen hat.
    Jeder von uns möge sich fragen, ob er in der gleichen Situation, in der sich Willi Germund befand, anders gehandelt hätte und wievielen seiner Mitbürger er in diesem Fall ein Rechtstreues Verhalten zutrauen würde, vorausgesetzt sie könnten sich den Organkauf leisten.
    Stoßen wir auch hier auf das Phänomen der Diskriminierung des armen Teils der Bevölkerung, wo der Arme zu rechtstreuem Verhalten gezwungen ist, während dem Reichen strafbares Verhalten als Alternative zur Verfügung steht - nicht zuletzt wegen eines massiven Vollzugsdefizits der Strafverfolgungsorgane?
    Wir sollten Druck auf den Gesetzgeber ausüben, die Widerspruchslösung, mit der beispielsweise Spanien zu einem Überangebot an Organen kommt, doch noch bei uns einzuführen. Das Buch von Willi Germund kann weiteren Schub in diese Richtung geben.
  • Dr. Dierk+Helmken
    am 28.01.2015
    Die Rechtslage bei der Organspende ist in Deutschland bekanntlich höchst unbefriedigend. Die Spendenbereitschaft ist wegen einiger Transplantationsskandale und wegen Problemen mit der Hirntodbestimmung weiter zurückgegangen.
    Ich habe als Kompromisslösung zwischen Widerspruchs- und Zustimmungslösung schon vor Jahren der damaligen Bundesjustizministerin, Leutheusser-Schnarrenberger, vorgeschlagen, das Reziprozitätsprinzip in der Weise einzuführen, dass nur derjenige Priorität auf der Warteliste beanspruchen kann, der als noch Gesunder selbst eine Erklärung abgegeben hat, wonach er im Todesfall seine Organe spende. Leider ist dieser Gedanke bisher in der öffentlichen Diskussion nicht aufgegriffen worden, obwohl er so nahe liegt. (In Spanien sind übrigens 85 % bereit, nach ihrem Tod ihre Organe zu spenden - ein überwiegend katholisches Land!)
    Wenn wir am gegenwärtigen System nichts ändern, bedeutet das wieder einmal, dass sich nur die Reichen ihre Gesundheit zurückkaufen können, während die Armen auf der Warteliste versauern mit einer Wartezeit von durchschnittlich 5 Jahren bei dreimaliger Blutwäsche pro Woche. Fresenius Medical Care, der große Dialysebetreiber, reibt sich die Hände.
    Dass die Kriminalisierung des Organhandels von uns unter Strafe gestellt wird, schreckt kaum jemanden ab, der den Tod oder die Leidenszeit auf der Warteliste vor Augen hat.
    Jeder von uns möge sich fragen, ob er in der gleichen Situation, in der sich Willi Germund befand, anders gehandelt hätte und wievielen seiner Mitbürger er in diesem Fall ein Rechtstreues Verhalten zutrauen würde, vorausgesetzt sie könnten sich den Organkauf leisten.
    Stoßen wir auch hier auf das Phänomen der Diskriminierung des armen Teils der Bevölkerung, wo der Arme zu rechtstreuem Verhalten gezwungen ist, während dem Reichen strafbares Verhalten als Alternative zur Verfügung steht - nicht zuletzt wegen eines massiven Vollzugsdefizits der Strafverfolgungsorgane?
    Wir sollten Druck auf den Gesetzgeber ausüben, die Widerspruchslösung, mit der beispielsweise Spanien zu einem Überangebot an Organen kommt, doch noch bei uns einzuführen. Das Buch von Willi Germund kann weiteren Schub in diese Richtung geben.
  • georg bahmann
    am 28.01.2015
    ich bin seit sechs jahren dialyse-patient (übrigens auch journalist) und damit einer von vielen. es ist richtig, dass eine große zahl davon vergeblich auf eine niere wartet und deshalb einige von ihnen auf einen ausweg ausweichen, der zumindest ethisch zweifelhaft ist. aber das muss jeder für sich entscheiden. ich hätte aber im vorliegenden fall meinen mund gehalten. erstens gibt es tausende von dialyse-patienten, die einer geregelten arbeit (allerdings nicht als auslandskorrespondent) nachgehen, was durch die nachtdialyse auch möglich ist. den eindruck zu erwecken, das leben sei mit der dialyse nur schwer oder gar nicht zu ertragen, muss bei nierenkranken ängste hervorrufen. die falschmeldung, man könne mit einem katheter nicht duschen, ist auch nicht sehr hilfreich für neue dialyse-patienten. zweitens wird das buch mit sicherheit einen transplantations-tourismus auslösen, wobei wenig berücksichtigt wird, dass bei älteren menschen die nierenfunktion nachlässt. nierenspender, die wegen insuffizienz der verbliebenen niere an die dialyse müssen, gibt es heute schon. ich kann mich des eindrucks nicht erwehen, dass herr germund mehr eine pr-kampagne für sein buch betreibt als aufklärung.
  • georg bahmann
    am 28.01.2015
    ich bin seit sechs jahren dialyse-patient (übrigens auch journalist) und damit einer von vielen. es ist richtig, dass eine große zahl davon vergeblich auf eine niere wartet und deshalb einige von ihnen auf einen ausweg ausweichen, der zumindest ethisch zweifelhaft ist. aber das muss jeder für sich entscheiden. ich hätte aber im vorliegenden fall meinen mund gehalten. erstens gibt es tausende von dialyse-patienten, die einer geregelten arbeit (allerdings nicht als auslandskorrespondent) nachgehen, was durch die nachtdialyse auch möglich ist. den eindruck zu erwecken, das leben sei mit der dialyse nur schwer oder gar nicht zu ertragen, muss bei nierenkranken ängste hervorrufen. die falschmeldung, man könne mit einem katheter nicht duschen, ist auch nicht sehr hilfreich für neue dialyse-patienten. zweitens wird das buch mit sicherheit einen transplantations-tourismus auslösen, wobei wenig berücksichtigt wird, dass bei älteren menschen die nierenfunktion nachlässt. nierenspender, die wegen insuffizienz der verbliebenen niere an die dialyse müssen, gibt es heute schon. ich kann mich des eindrucks nicht erwehen, dass herr germund mehr eine pr-kampagne für sein buch betreibt als aufklärung.

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