Heißt, wie sie aussieht: Große Hufeisennase. Foto: Hans Schneider (Geyersberg), CC BY 3.0

Ausgabe 298
Politik

Kleine Maus, großer Streit

Von Jürgen Lessat
Datum: 14.12.2016
Großer Spagat beim Nabu. Während der Bundesverband der Naturschützer auf die klimafreundliche Bahn abfährt, klagt der baden-württembergische Landesverband gegen die Wiederbelebung einer Nebenbahn. Denn in alten Tunnels der neuen Hermann-Hesse-Bahn überwintern Fledermäuse.

Geht es um nachhaltige Mobilität, dann ist klar, auf was Umwelt- und Naturschützer setzen. "Die Bahn gehört zu den umweltfreundlichsten Verkehrsträgern überhaupt", betont der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Für Klimaschutz sei es sinnvoll, möglichst viel Verkehr von Straßen auf Schienen zu verlagern, betont der Verband, der 1899 in Stuttgart gegründet wurde und heute mit 600 000 Mitgliedern zu den größten seiner Art in Europa zählt.

Der Nabu lässt kein gutes Haar an Bundesregierung und Bahnvorstand. Beide hätten die Deutsche Bahn durch kapitale Fehlentscheidungen aufs Abstellgleis dirigiert. Züge, Schienen und Weichen seien auf Verschleiß gefahren, Bahnhöfe in ländlichen Regionen dichtgemacht und zahlreiche Verbindungen gestrichen worden, um den Staatskonzern fit für einen Börsengang zu machen. Stattdessen habe der Konzern massiv im Ausland und in Großprojekte wie Stuttgart 21 investiert. Nach dem Pariser Weltklimagipfel müssten die Weichen umgestellt werden. "Neben der Energiewende benötigen wir eine Verkehrswende", schreibt Nabu-Präsident Olaf Tschimpke im Verbandsorgan "Naturschutz heute".

Massensterben im Tunneldunkel

Knapp sechs Stunden Bahnfahrt südlich der Bundeshauptstadt scheinen die Worte des Präsidenten nicht mehr zu gelten. Verbissen bekämpft der hiesige Landesverband ein Schienenprojekt. Gemeint ist nicht der milliardenschwere Tiefbahnhof Stuttgart 21, gegen den der Nabu bereits klagt. Vor Gericht wollen die Naturschützer auch die Wiederinbetriebnahme der Württembergischen Schwarzwaldbahn verhindern. (Der Schriftwechsel der Streitparteien lässt sich hier und hier nachlesen. )

Auf der vor 33 Jahren stillgelegten Nebenbahn, die einst von der Kreisstadt Calw bis nach Stuttgart führte, sollen im Dezember 2018 die Signale wieder auf grün springen. Unter dem Namen Hermann-Hesse-Bahn sollen moderne Triebwagen im Halbstundentakt zwischen Nordschwarzwald und Renningen pendeln, wo Fahrgäste auf S-Bahnen in die Landeshauptstadt oder in Richtung Daimlerstadt Sindelfingen umsteigen können. Für den stellvertretenden Nabu-Landesvorsitzenden Hans-Peter Kleemann eine Horrorvorstellung.

Denn in zwei Tunnels der aufgelassenen Strecke, dem Hirsauer Tunnel bei Calw sowie dem Forsttunnel bei Althengstett, überwintern Fledermäuse. Darunter vom Aussterben bedrohte Arten wie Graues Langohr, Große Hufeisennase und Mopsfledermaus sowie die stark gefährdete Bechsteinfledermaus. Die Hermann-Hesse-Bahn befördere die Tiere in den Tod, befürchtet Kleemann. Kollisionen mit Zügen, Verlust von Felsspalten und Fugen, Lärm, Hitze, Luftwirbel und Abgase würden zum Massensterben im Dunkeln führen.

Mitte des Jahres reichte der Nabu deshalb Klage gegen das Bahnprojekt beim Mannheimer Verwaltungsgerichtshof ein. Genauer gesagt, gegen einen kleineren, bereits planfestgestellten Neubauabschnitt bei Ostelsheim. Klagen gegen das Gesamtprojekt geht nicht, da die knapp 30 Kilometer lange Trasse noch immer dem Eisenbahnverkehr reserviert ist. Sollte der Nabu erfolgreich sein, wäre das Gesamtprojekt gleichwohl gescheitert.

Im Landratsamt Calw, wo die Planungsabteilung der Hermann-Hesse-Bahn sitzt, sucht man schon länger nach Wegen, wie sich die Bewohner der Bahntunnels vergrämen lassen, wie Zoologen das Umsiedeln aus angestammten Revieren nennen. "Uns ist klar, dass man die Tiere nicht einfach einfangen und woanders hinbringen kann", betont Projektleiter Michael Stierle. Man verfolge das Ziel, neue attraktive Winterquartiere zu schaffen. "Wir haben bereits zugeschüttete Tunnels, Bunker und Eiskeller in der Umgebung geöffnet und befliegbar gemacht", erzählt er. Ein Fledermausexperte soll nun begutachten, ob die potenziellen Ersatzquartiere tauglich sind. Gleichzeitig laufen Untersuchungen, wie sich die derzeitigen Quartiere unattraktiv machen lassen. Als probate Mittel gelten Licht, Ultraschall oder die komplette Abschottung der Tunnel im Sommer, während die Tiere ausschwärmen und potenzielle Winterquartiere erkunden. Ein weiteres Gutachten soll im nächsten Frühjahr mehr Details nennen.

Hoher Luftraum beim Balzverhalten

Für den Nabu-Vertreter Kleemann sind die Umsiedlungsversuche schon jetzt zum Scheitern verurteilt. "Fledermäuse sind sehr standorttreu", betont er. Zudem lebten in den beiden Tunnels insgesamt 13 verschiedene Fledermausarten, die unterschiedliche Ansprüche an Winterquartiere stellen. "Einige brauchen beim Balzverhalten einen hohen Luftraum", schildert er eine Bedingung. Adäquate Standorte seien in Tunnelnähe aber nicht vorhanden.

Geteilter Meinung sind die Naturschützer und das Calwer Landratsamt auch bei der Populationsgröße. Nach Tunnelbegehungen mit Fachleuten kursierten extrem unterschiedliche Zahlen. Zählungen im Winterquartier vor Ort sind schwierig, da viele der Tiere verborgen in Spalten überwintern. Hochrechnungen nach Netzfängen gelten ebenfalls als ungenau. Vor zwei Jahren schätzte ein Gutachter mit dieser Methode die Gesamtpopulation in beiden Tunnels auf 7000 Tiere. Vergangenes Jahr versuchte es das Landratsamt mit High-Tech: Vorbei an Lichtschranken, Mikrofonen und Kameras flatterten diesmal nur 1000 Fledermäuse in die Tunnels.

Ein Ergebnis, das Kläger Kleemann wegen angeblicher methodischer Schwächen der Zählung bezweifelt. Der Nabu beauftragte selbst einen Gutachter, und der zählte rund 6 700 Tiere. Ungeachtet der Abweichungen stuft dieser Gutachter den Hirsauer Tunnel als "bundesweit bis international bedeutsames Winterquartier" für bedrohte Fledermäuse ein, den Forsttunnel ordnet er in die Kategorie "überregional bedeutsam". Beide Tunnel gehörten zu den wichtigsten Quartieren des Landes, beide seien durch den Bahnbetrieb gefährdet.

Um den Fledermäusen ihr Winterquartier zu erhalten, plädiert der Fledermausfreund für spurgeführte Elektrobusse auf der Bahntrasse. Sie könnten mit gedrosseltem Tempo die Tunnels passieren, was die Tiere kaum stören würde. Anders als bei Zügen, die lange Brems- und Beschleunigungswege haben, würde die Langsamfahrt der Busse kaum zu längeren Reisezeiten führen. "Ernsthaft geprüft wurden unsere Vorschläge nie", sagt Kleemann.

Planer Stierle verweist auf Erfahrungen, die bei der Revitalisierung von stillgelegten Bahnstrecken gemacht wurden. Beispielhaft hätten Schönbuchbahn (ab Böblingen) und Ammertalbahn (zwischen Tübingen und Herrenberg) deutlich mehr Fahrgäste gewonnen als die parallel verlaufenden Buslinien. "Ist die bessere Bahnanbindung erst da, wird sie auch genutzt", sagt er. Auch für die Hermann-Hesse-Bahn sind die Prognosen gut. Rund 2800 Fahrgäste pro Tag werden erwartet, 1100 davon sollen die Bahn kreisüberschreitend nutzen. Jährlich soll die Bahn so 1150 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid einsparen. Ab 2020 sollen nur noch emissionsfreie Züge mit Brennstoffzellenantrieb fahren. "Wir sind auf dem richtigen Weg, auch wenn man an die Feinstaubbelastung in Stuttgart denkt", betont Stierle.

Mopsfledermäuse zwingen Sauschwänzle-Bahn zur Winterpause

Trotzdem eskalierte der Streit, als der Landkreis Gehölz und Bäume entlang der Trasse entfernen ließ. Per Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe versuchte der Nabu Ende November, Fäll- und Rodungsarbeiten zu stoppen. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen, die Arbeiten ruhen derzeit. "Wir haben die Pflicht, etwas zu tun", rechtfertigt Kleemann mit Hinweis auf die Satzung die Versuche, das Bahnprojekt juristisch auszubremsen. Der Artenschutz hat darin oberste Priorität.

Wie der Streit endet, ist offen. So muss etwa die in Blumberg im Südschwarzwald beheimatete Sauschwänzlebahn jährlich von November bis April Winterpause machen. In den sechs Tunnels der Bahn hatten sich im Winter zuletzt mehr als 200 Mopsfledermäuse eingenistet. Für die vom Aussterben bedrohte Tierart ist es eines der größten Winterquartiere Deutschlands. Anders als die Hermann-Hesse-Bahn fährt das Sauschwänzle jedoch nur als Touristenattraktion. Nach Angaben der Betreiber befördert sie jährlich bis zu 120 000 Passagiere. Ende 2013 hatten die Behörden den Betrieb der Bahn im Winter erstmals gestoppt und dieses Verbot seither immer wieder verlängert.

Wann der Mannheimer Verwaltungsgerichtshof in Sachen Hermann-Hesse-Bahn entscheidet, ist noch unklar.


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1 Kommentar verfügbar

  • Angela Scheffold
    am 24.12.2016
    Obwohl man mit umweltfreundlicheren Maßnahmen auch Kompromisse eingehen muss, wie bei Windkraftanlagen und Milanvorkommen, so bin ich doch bei diesem noch großen Bestand für den Schutz der Fledermäuse.
    Ob es wirklich keine akzeptable Alternative für die Bahn gibt?
    Meist gibt es doch eine Lösung, sofern der Wille da ist.

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Ausgabe 428 / Knallharte Regeln! / Peter Grohmann / vor 9 Stunden 51 Minuten
Lieber Jörg Taus, danke.













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