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Rebellion im Remstal

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In Stetten hängt der Dorfsegen schief. Schuld ist ein Aussichtssteg für die interkommunale Gartenschau 2019: der Skywalk aus dem renommierten Ingenieurbüro Schlaich, Bergermann und Partner. "Hinterwäldler", grummeln die Befürworter. "Naturzerstörer", kontern die Gegner.

Der Architekt Peter Cheret ist "etwas angesäuert". Ursprünglich hatte ihn Thomas Deißler, der Baubürgermeister der Nachbargemeinde Weinstadt, mit einem Konzept für sechs Aussichtspunkte beauftragt, die alle schon existieren, aber für die interkommunale Gartenschau 2019 neu aufpoliert werden sollen. Kernen-Stetten zog mit drei Aussichtspunkten nach. Der Architekt sollte Vorentwürfe entwickeln, um Fördermittel an Land zu ziehen. "Wir haben uns das sehr genau überlegt", sagt Cheret und meint damit den Spagat zwischen dem Wunsch der Gemeinden, Ausrufezeichen in die Landschaft zu setzen, und möglichst kleinen Eingriffen in die Natur.

Die Gemeinderäte votierten in beiden Fällen mehrheitlich für die Pläne. Im Fall Aussichtssteg "Sieben Linden" sollte zugleich Jörg Schlaich geehrt werden, geboren 1934 in Stetten als Sohn des Diakonieleiters Ludwig Schlaich. Und wer wäre für diese Aufgabe besser geeignet als das Büro des inzwischen im Ruhestand lebenden Ingenieurs, das soeben zwei neue Fußgängerstege realisiert? Der eine führt über die verbreiterte A 8 zwischen Stuttgarter Kreuz und Leonberg, über den anderen am ehemaligen Flugplatz in Böblingen werden demnächst Fußgänger über den Neuen See spazieren können.

Der Entwurf, der nun die Gemüter erhitzt, ist aus einem internen Wettbewerb an allen Standorten des Büros hervorgegangen, das außer in Stuttgart, Berlin und New York auch in São Paulo, Schanghai und Paris tätig ist. Übrigens kostenlos für Kernen-Stetten, für Schlaich Bergermann Partner Ehrensache. Aus der Mitte der Baumgruppe heraus soll sich der 18 Meter lange Steg über die Wipfel erheben, um herrliche Ausblicke zu eröffnen, ein Steg in den Himmel eben.

Es habe "sehr aufwendige Voruntersuchungen" gegeben, betont Cheret: "Was ist schützenswert – aus meiner Sicht ziemlich seriös gemacht." Wie Projektleiter Andreas Keil im SWR-Interview erklärt, soll der Steg vorgefertigt und mit dem Autokran von der Seite her in den Hügel eingeschoben werden: "Von daher haben wir so ziemlich alles getan, dass wir da auch mit dem entsprechenden Respekt vor der Natur vorgehen."

Nicht der gerade Weg führt zum Ziel 

Damit hätte es gut sein können. Doch wie die Rems – die unterhalb von Aalen eigentlich immer nur westwärts fließt – vor Rommelshausen plötzlich nach Norden abbiegt, so führt auch hier der gerade Weg nicht zum Ziel. Rommelshausen ist der andere Teil der Gemeinde, die in der Gemeindereform 1975 aus der Zusammenlegung mit Stetten hervorging und sich seit 1977 Kernen nennt. Als wolle sie mit Stuttgart nichts zu tun haben, mündet die Rems erst zehn Kilometer nördlich bei Remseck in den Neckar.

"Der Steg war von Anfang an umstritten", sagt Ebbe Kögel, Mitglied des Bürgerprojekts AnStifter, Weinerlebnisführer und Bademeister, der einmal Maschinenschlosser gelernt und an der London School of Economics studiert hat. Er wohnt gleich unterhalb der Y-Burg, des Stettener Wahrzeichens, und sitzt seit zwei Jahren für das Parteifreie Bündnis im Gemeinderat. Er grüßt jeden, dem er auf dem Weg durch den Ort und die Weinberge begegnet, und ist jederzeit in der Lage, zur Historie des Orts einen kleinen Vortrag zu extemporieren: etwa zum Schloss seit der Zeit, als Stetten unter den Thumb von Neuburg ein von Württemberg unabhängiger Reichsflecken war. Bis im 19. Jahrhundert die Diakonie einzog, Stettens wichtigster Arbeitgeber.

Auch die Aussichtspunkte haben viel mit der Landesgeschichte zu tun. Widerstand gegen die Gartenschau-Pläne regte sich zunächst in Beutelsbach, wo am Kappelberg – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Berg in Fellbach – 1968 bei einer Flurbereinigung Überreste des ältesten Stammsitzes der Württemberger zum Vorschein kamen. Genau hier begann auch vor 500 Jahren der Bauernkriegs-Aufstand des "Armen Konrad". 

Auf den Grundmauern der Burgruine hatte Architekt Cheret als Blickpunkt ein nicht begehbares Holzgerüst vorgesehen. Die Beutelsbacher rebellierten: 320 000 Euro für einen Turm, den man nicht einmal besteigen konnte! Die einen wollten eine Rekonstruktion des Stammsitzes der Württemberger, von dem niemand weiß, wie er aussah. Die anderen einen Turm aus Glas. Eine Initiative sammelte 1000 Unterschriften. Oberbürgermeister Jürgen Oswald will nun einerseits die Bürger beteiligten, hat aber auch Cheret gebeten, einen Plan B zu entwickeln.

Der Beutelsbacher Holzturm hängt mit den Stettener "Sieben Linden" zusammen. Denn der Skywalk hätte nur den Sinn, eine Sichtverbindung zur Burgruine herzustellen. Die muss jedoch hervorgehoben werden, damit sie auf die Entfernung überhaupt wahrnehmbar ist. Um den Blick über das Remstal schweifen zu lassen, braucht es keine Aussichtsplattform. Außerhalb der baumbestandenen Hügelkuppe versperrt ohnehin nichts die Sicht. Und selbst mitten aus der Baumgruppe heraus fällt der Blick ungehindert auf das gegenübergelegene Buoch.

Der Bürgermeister will Stetten in Szene setzen 

Nun läuft auch in Kernen-Stetten ein Bürgerbegehren. In kürzester Zeit hat der federführende BUND-Ortsverband 1700 Unterschriften gesammelt – 900 wären nötig gewesen. Wenn der Gemeinderat, wie sich inzwischen abzeichnet, einem Bürgerentscheid zustimmt, reichen 20 Prozent der Wahlberechtigten aus, um den Skywalk zu Fall zu bringen: Das sind ungefähr 2200 Stimmen. Vorausgesetzt, die Befürworter, die ebenfalls fleißig die Werbetrommel rühren, sammeln nicht noch mehr Stimmen ein: womöglich in Rommelshausen.

Cheret findet "nicht in Ordnung", dass sich Kögel mit seiner Niederlage im Gemeinderat nicht abfinde und nun außerhalb mobilisiere. Kögel selbst wie auch der BUND haben freilich das Anliegen eher aufgegriffen, "weil wir den Eindruck hatten, dass aus der Ortsbevölkerung viel Widerstand kam", wie Andrea Hochstädter von der BUND-Ortsgruppe Kernen erklärt. Die "Sieben Linden" sind ein Naturdenkmal, eines von 17 von Kernen, davon 14 im Ortsteil Stetten. Wie vielfach in den württembergischen Weinanbaugebieten wurde die Hügelkuppe von der Kultivierung ausgespart. Hier findet sich eine reiche Flora und Fauna, wie sie die Monokultur der flurbereinigten Rebhänge vermissen lässt.

Aber der Steg bedroht weder Schachtelhalm noch Schachbrettfalter: Das könnte kein seriöses Gutachten behaupten. Es geht eher um verschiedene Auffassungen davon, was Kernen-Stetten gut tut. Bürgermeister und Gemeinderatsmehrheit wollen den Ort in Szene setzen. Durch den Skywalk, so Peter Cheret, werde er "aufgewertet und erlebbar".

"Eine Gartenschau, die dem Thema Ökologie und Nachhaltigkeit gewidmet ist und die Menschen an die Natur heranführen will, sollte nicht in ein Naturdenkmal eingreifen", hält Andrea Hochstädter dagegen. Sie will nicht, dass zur Gartenschau Heerscharen von Tagestouristen anrücken, nur um einmal über die Bäume zu gucken. Sie will die Menschen "sensibilisieren für die Natur": für Schmetterlinge und Wiesenblumen sowie Streuobstwiesen und geologische Aufschlüsse an der Rückseite des Hügels. 

Wer sich auf die kleinen Schönheiten am Wegrand einlässt, findet hier mehr als genug. Und das bereits unten am Fuß des Hügels, direkt neben der Y-Burg. Hier hat Kögel mit dem Verein Allmende seit 2005 die letzten Terassenweinberge des Remstals wieder instandgesetzt. Er gibt Kurse im Setzen von Trockenmauern, einer jahrhundertealten Kulturtechnik. Hier baut der Winzer Jochen Beurer seit 2009 verloren geglaubte mittelalterliche Rebsorten an: Affenthaler und Fütterer, Roter Urban und Heunisch und wie sie alle heißen. 

Ein Ort, wo man zur Ruhe kommen kann 

Und es sieht in der Tat ganz anders aus als sonst in den Weinbergen: Feuerlilien, Wildblumen und Küchenkräuter wuchern über die Trockenmauern, aus deren Fugen hier und da eine Hauswurz hervorwächst. Sogar ein Feigenkaktus hat es fertig gebracht, in der sonnigen Südlage zu überwintern. In einer Wegbiegung steht ein Weinbergpfirsich: ein Idyll, meilenweit entfernt von den maschinell bearbeiteten Rebflächen, die weit und breit das Bild der Landschaft bestimmen.

Kögel und Hochstädter betonen, sie hätten nichts gegen den Steg, nur gegen den Standort. "Was wir brauchen, sind Orte, wo wir zur Ruhe kommen", meint Hochstädter. Kögel hat vorgeschlagen, stattdessen die Y-Burg, auch sie einer der Aussichtspunkte, durch ein Aussichtsdach vor Regenwasser zu schützen. Ein CDU-Gemeinderat hat ihn daraufhin einen Seckel geheißen: Er trägt es mit Stolz, seiner Popularität tut es keinen Abbruch.

Tatsächlich stößt manchen Stettenern vor allem das Vorgehen des Bürgermeisters und der Gemeinderäte sauer auf. Die Bürgerschaft erst informieren, wenn der Gemeinderat schon weiß, was er will: Das kommt nicht gut an. Oder wenn Oberbürgermeister Stefan Altenberger – der bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen war – ankündigt, er habe sechs Unternehmer gefunden, die für den überwiegenden Teil der Kosten aufkommen wollten, deren Namen dann aber partout nicht nennen will. 

In einem Punkt sind sich die Kontrahenten scheinbar einig: "Ich glaube an dieser Stelle funktioniert unsere Demokratie nicht mehr so, wie sie funktionieren sollte", meint Cheret. "Es ist jetzt eine Grundsatzfrage", findet auch Kögel: "Wie funktioniert Demokratie? Der Gemeinderat hat das in seiner Mehrheit einfach unterschätzt, dass da in der Bürgerschaft sehr viel Unmut da gewesen ist." Was zählt mehr: Sachkompetenz, Bürgerwille oder die politischen Gremien? Auch darum geht es in Stetten.


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40 Kommentare verfügbar

  • Paul
    am 04.09.2016
    Antworten
    Ich finde es sehr wohltuend, dass die Gegner des Stegs -insbesondere der BUND- so ruhig und an den Fakten orientiert agiert. Der Bürgerentscheid gegen eine Entscheidung des Gemeinderates ist doch ein mehr als legitimes und vor allem "das" demokratische Mittel.

    Hier einmal eine Zusammenfassung…
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