Arg gerupft: Baum vor der Baustelle im Dorotheenquartier. Für mehr Bäume aufs Bild klicken.

Schöne Alleen wie hier in Hohenheim sind in Stuttgart nicht einfach zu finden.

Im Mittleren Schlossgarten wurde die ursprünglich vierreihige Allee allerdings 2012 dem Projekt Stuttgart 21 geopfert.

Im Schlossgarten wurde schon 2001 gerodet: Beim Orkan Lothar hatte in Degerloch ein Baum einen Autofahrer erschlagen. Eine Versicherung drohte den Behörden. Die begannen prompt mit dem Holzfällen an Straßenrändern. Foto: Heißenbüttel

An vielen Straßen wie hier an der Rotebühlstraße wurden im Lauf der Zeit prächtige Altbäume gefällt und durch Neupflanzungen ersetzt – um dem Verkehr Platz zu machen.

Im Stuttgarter Westen sind nur noch wenige Alleen übrig. Hier die Johannesstraße, wo immer im Juli das alternative Straßenfest Westallee stattfindet.

Kein Dreck – jedenfalls nicht in Form von Herbstlaub: Der Marienplatz ist seit 2003 nur noch eine kahle Fläche.

"Baumpflege beinhaltet: Herstellen der Verkehrssicherheit […], Entfernung von trockenen Ästen, Kronenentlastung durch Kroneneinkürzung, Kronensicherung mit Hohltauen, Fällung nicht mehr erhaltenswerter Bäume" (Homepage der Stadt Stuttgart).

Bei Baumstandortsanierungen unterscheidet die Stadt zwischen großer Sanierung (Vergrößerung durch umfangreiche Umgestaltung) und Teilsanierung (Entsiegelung der Flächen durch wasserdurchlässige Beläge, meist Sickerpflastersteine).

"Die Bäume bieten im Sommer einen schattigen kühlen Platz und verschönern das Straßenbild." Baumpflege im Dorotheenquartier.

Die Solitude-Allee, 1768 angelegt als Verbindung zwischen Schloss Solitude und Ludwigsburg, heißt auf Stuttgarter Gemarkung treffend Solitudestraße. Immerhin 136 Bäume hat der Verein "Pflanzt einen Baum in Stuttgart e.V." in den 1990ern nachgepflanzt.

In Gaisburg stifteten die Technischen Werke (TWS) 1987 acht Kaiserlinden und der Architekt P. Klein 1995 eine Pappel. Nach mehr als 500 Baumpflanzungen schloss sich der Verein 2002 mit dem Verschönerungsverein zusammen.

Nur Alleen seien imstande, Fürstengröße zu versinnbildlichen, schrieb 1825 Ludwig von Sckell, Schöpfer des Englischen Gartens in München. Im Bild: Vierreihige Allee vor dem Daimler-Hauptsitz in Untertürkheim.

Ausgabe 290
Schaubühne

Stuttgart, deine Bäume

Von Dietrich Heißenbüttel
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 19.10.2016
In der Landeshauptstadt sind Bäume ein heikles Thema. Sie machen Dreck, hieß es früher, und sie stehen manche Plänen im Weg. Zum Tag der Alleen haben wir uns einmal angesehen, wie Stuttgart mit seinem Baumbestand umgeht.

Seit 2008 gibt es den Tag der Alleen: Ein Fotowettbewerb kürt die schönste Allee Deutschlands. Initiatoren waren der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Alleenschutzgemeinschaft, die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Alleenstraße, bei der auch der ADAC mitmacht. In den 1960er-Jahren hatte der Automobilclub noch eine Kampagne gegen Alleen geführt: In Straßenbäumen sah er damals nur eine tödliche Gefahr.

Diese Haltung begann sich auch in den fünf neuen Ländern zu verbreiten, als die Ex-DDR-Bürger ihre Ersparnisse in schnelle West-Autos steckten. Die schönen Alleen, die sich im Osten der wiedervereinigten Republik vielfach noch erhalten hatten, waren bedroht. 1993 wurde das erste Teilstück der Deutschen Alleenstraße eingeweiht: 246 Kilometer lang, von Sellin auf Rügen bis zum brandenburgischen Rheinsberg. Inzwischen reicht die 2900 Kilometer lange Ferienstraße bis zum Bodensee. Bei Wittenberg verzweigt sie sich in zwei Arme nach Dresden und Dortmund, die in Koblenz wieder zusammentreffen. In Baden-Württemberg führt die Alleenstraße von Karlsruhe aus südwärts zum Daimler-Werk Gaggenau, anschließend das Nagoldtal hinauf bis nach Freudenstadt, dann von Horb neckarabwärts bis Reutlingen und von dort aus weiter nach Süden. Um Stuttgart macht sie einen großen Bogen.

In Stuttgart sind Bäume ein heikles Thema. Nicht erst seit 2012 das Stuttgart-21-Baugelände im Schlossgarten gerodet wurde. Früher hieß es einmal: Bäume machen Dreck. Gemeint war, in der Stadt der Kehrwoche, das Herbstlaub. Sieht man auf der Homepage der Stadt Stuttgart nach, scheint heute eigentlich alles in Ordnung. "Die über 100 000 Stuttgarter Bäume auf öffentlichen Grundstücken", heißt es da, "sorgen zusammen mit den vielen Tausend Bäumen in privaten Bereichen für eine hervorragende Lebensqualität im Ballungsraum Stuttgart." Und weiter: "Die Bäume bieten im Sommer einen schattigen kühlen Platz und verschönern das Straßenbild. Oft ist ein besonders schöner und großer Baum ein Wahrzeichen für eine Straße, der auch die Wiedererkennung erleichtert. Mit ihrer Blattmasse produzieren die Bäume Sauerstoff und binden den Feinstaub."

Sollte sich einer auf die Website verirren, der Stuttgart nicht kennt, er müsste denken, prachtvolle Bäume stünden in Stuttgart an allen Straßen und Plätzen. Davon ist die Realität dann doch ein Stück weit entfernt.


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3 Kommentare verfügbar

  • Karle Häberle
    am 27.10.2016
    "... und das bei einem grünen OB!" . Der Begriff "grün" in politischem Zusammenhang ist längst kein Markenzeichen mehr, auf das man sich verlassen kann. Alle sind sie zu denselben Lügnern geworden.
  • hathor
    am 27.10.2016
    Auf unser Schreiben an den grünen OB bezüglich der massenweise Abholzung der alten Eichen rund um Degerloch und im Rambsbachtal seit letzten Winter kam nichteinmal eine Antwort. Jeder kann sehen, in Stuttgart ist der Wald ein reiner Wirtschaftsfaktor: alle 40 m eine Schneise, dort natürlich Bodenverdichtung weil nur noch mit schwerstem Gerät geackert wird, so dass die Stuttgarter Wälder parkähnlich aussehen, aber längst keine Wälder (Rückzugs- und Erholungsorte für Menschen und Tiere) mehr sind. Und dies bei einem grünen OB!
  • Fritz
    am 19.10.2016
    Die einzigen "Bäume", die Stuttgarts Politik derzeit ausdrücklich - und zum Schaden bzw. auf Kosten der Bevölkerung - fördert sind auf dem Foto gut erkennbar.

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