Am 30. September vor sechs Jahren wurde der Stuttgarter Schlossgarten brutal geräumt. In der Folge demonstrierten mehrere Male Zehntausende gegen S 21 und Polizeigewalt gegen Demonstranten. Zur Fotostrecke aufs Bild klicken. Foto: Ulli Ayadi

Ein Blick zurück in die Vergangenheit: der Stuttgarter Hauptbahnhof vor dem Beginn der S-21-Bauarbeiten. Foto: Rose Hajdu

Ein noch unberührter Schlossgarten. Foto: Manfred Grohe

Kehrwochenerfinder Graf Eberhard im Barte wurde von S 21 hinweggefegt, die Statue versetzt. Foto: Angelika Emmerling

UmweltaktivistInnen und S-21-GegnerInnen verzieren vom geplanten Kahlschlag bedrohte Bäume. Foto: Joachim E. Röttgers

Friedlicher Protest am 30. September. Foto: Luca Siermann

Schülerdemo macht Pause auf Polizei-LKW. Foto: Joachim E. Röttgers

Stadt-Trauma Wasserwerfer. Foto: Joachim E. Röttgers

Foto: Guntram Gerst

Trotz massiver Polizeigewalt bleibt der Wille zum Widerstand bei vielen DemonstrantInnen und AktivistInnen ungebrochen. Foto: Die Arge Lola

Noch in der selben Nacht werden die ersten 25 Bäume gefällt. Foto: Chris Grodotzki

Nur kleine Bäume schafft die Verpflanzungsmaschine. Foto: Chris Grodotzki

Entschlossene BesetzerInnen errichten im Schlossgarten eine Zeltstadt. Bis zur Räumung durch die Polizei vergeht mehr als ein Jahr. Foto: Joachim E. Röttgers

Entschlossene BesetzerInnen errichten im Schlossgarten eine Zeltstadt. Bis zur Räumung durch die Polizei vergeht mehr als ein Jahr. Foto: Joachim E. Röttgers

Noch heute demonstrieren regelmäßig Tausende gegen das Bahnprojekt. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 287
Schaubühne

So soll es nicht seyn

Von unserer Redaktion
Fotos: Gegenlicht 21
Datum: 28.09.2016
Diesen Freitag jährt sich zum sechsten Mal der Stuttgarter Schwarze Donnerstag. Am 30. September 2010 ging die Polizei im Schlossgarten massiv gegen Anti-Stuttgart-21-Demonstranten vor. In derselben Nacht wurden die ersten Bäume gefällt. Ein weiterer Beschnitt des geschichtsreichen Parks.

Es war einmal alles anders, besser sowieso und Friedrich Wilhelm Karl von Württemberg gerade ein Jahr König, als er am 9. Januar 1807 den Bau der "Oberen Königlichen Anlagen" dekretierte. Hofbaumeister Thouret hatte einen Entwurf erarbeitet, jetzt sollte er ihn umsetzen: Wiesen als Rondelle, eindrucksvolle Kastanienalleen, verwunschene Ecken zum Verweilen, Promenaden und Bänke, ein See oder eine Voliere. Dem König ging's nicht schnell genug, weswegen er die Beschäftigung von Gefangenen als Zwangsarbeiter anordnete. Schon im Oktober 1808 wurde bekanntgemacht, "daß S. Maj. der König dem Publikum die Befugnis gnädigst eingeräumt haben, die Anlagen hinter dem K. Schloss zu Promenaden sowohl zu Fuß als im Wagen und zu Pferd zu benutzen". Und zugleich befahl Friedrich: "Überall muß Ordnung herrschen."

Zwar herrschte Ordnung, dank Militärwache und Parkwächtern. Aber um den ordentlichen Garten herum veränderte sich Stuttgart zunächst langsam, dann schneller und später rasant. Deshalb ist die Geschichte der Anlagen auch die Geschichte ihrer immer neuen Verkleinerung. Mal musste eine Straße aus- und mal eine neu gebaut werden. Schon im 19. Jahrhundert beklagten Besucher den Verkehrslärm. Ab 1908 tat der Bau des von der heutigen Bolzstraße an seinen jetzigen Ort verlegten Hauptbahnhofs ein Übriges. "Ihren vorläufigen Abschluss und Höhepunkt fand diese Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Umgestaltung der beiden Gartenteile im Jahre 1961", heißt es in einem historischen Abriss. Der Wiederaufbau wurde "vielfach zu Gunsten des Straßenbaus (aus)genutzt, viele zerstörte Gebäude wurden nun vollständig abgerissen, um für die Straßenverbreiterungen Platz zu schaffen".

Die Stuttgarter und Stuttgarterinnen liebten ihren Schlossgarten, wie er inzwischen hieß, als Erholungspark. Da eine Bocciabahn, dort ein Freiluftschach, Skattische, die berühmte Milchbar, welche später in einen Biergarten verwandelt wurde, Wiesen, mal lange und mal kürzere Schatten, bei Regen ein Geheimtipp. Das Motto: Natur in der Stadt, grünes Leben und grüne Lunge, lange vor Gründung der Grünen. Kühne Vergleiche mit dem New Yorker Central Park wurden gezogen. Der Verkehrslärm wurde auch in Stuttgart immer lauter, aber die Illusion der unendlichen Oase – wie sie den Planern der Bundesgartenschau 1961 vorschwebte – noch immer aufrechterhalten. Selbst im Sommer 2010, als der Nordflügel fiel und der Bauzaun den anschwellenden Widerstand gegen Stuttgart 21 in seiner Vielfalt und Kreativität dokumentierte (eineinhalb Jahre später wanderte er als Sonderausstellung ins Haus der Geschichte).

Trotz Demos und Baumbesetzungen, trotz Protestcamp und wilder Zeltlager war immer noch Raum für Besinnlichkeit geblieben, für klassische Konzerte – wider den Tiefbahnhof, versteht sich – für Ausflüge auf Inlinern mit Kind und Kegel, für jene Muße, die nach Thouret empfinden sollte, wer durch seine Anlagen lustwandelte. Dann wurde der Zauber für immer zerstört und der Stadt eine klaffende Wunde geschlagen, an der sie Jahre und Jahrzehnte leiden muss. Kurz nach Mitternacht fielen am 1. Oktober 2010 die ersten von 238 Bäumen im Schlossgarten. Der erbitterte Widerstand konnte nichts ausrichten gegen Polizeigewalt und Wasserwerfer. Im Sommer 1893 hatte König Wilhelm erlaubt, dass Motorwagen in der Geschwindigkeit eines mittelschnellen Pferdetrabs durch die Anlagen fahren durften. Die Bürgerschaft protestierte – aus Angst, ihr Garten würde daran für immer leiden. Was Pferdekutschen, Autos und zwei Weltkriege nicht schafften, erledigten vor sechs Jahren andere. So konsequent, dass nicht wenige seither den Talkessel an dieser Stelle meiden, weil ihnen der Anblick schwer zu schaffen macht. So sollte der sicher nie seyn.

 

Gegenlicht 21war ein Netzwerk Stuttgarter Fotografinnen und Fotografen, die sich mit ihren Bildern gegen Stuttgart 21 engagieren.


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4 Kommentare verfügbar

  • Peter Müller
    am 03.10.2016
    Die Gedenkdemo zum "Schwarzen Donnerstag" am 30.09.2016 um 17 Uhr wurde von einem starken und überflüssigen Polizeiaufgebot begleitet. Alle diese Polizisten hatten ein unverschämtes breites Grinsen im Gesicht. Das zeigt, dass sie aus den Geschehnissen von 2010 und dem Urteil des Verwaltungsgerichts vom Dezember 2015 nichts gelernt haben.
    Den Höhepunkt der Unverschämtheit leistete sich Einsatzleiter Weinstock vom Revier Wolframstraße, der grinsend erklärte, er habe keinen Grund an diesem Tag traurig zu sein. Darüber habe ich mich unter anderem schriftlich bei Polizeipräsident Lutz beschwert.
  • by-the-way
    am 29.09.2016
    6. Jahrestag des BW-Regierungs-Terrorismus....

    Und die Mappus- Gönner - Rech - Stumpf - Bande befindet sich immer noch auf freiem Fuß, anstatt, wie es in einem echten demokratischen Rechtsstaat selbstverständlich sein müßte:
    hinter Gittern!

    Wegen Bruches verfassungsrechtlich garantierter Grundrechte, Anstiftung zu schwerer Körperverletzunng, unterlassener Hilfeleistung und und und ....

    Ein Staatsstreich-gleicher Akt!

    Stattdessen genießen die oben genannten kriminellen Subjekte ihre üppigen Versorgungspöstchen oder Pensionen.

    Der Schwarze Donnerstag ist ein Beweis dafür, dass wir nicht in einem demokratischen Rechtsstaat leben!
  • Horst Ruch
    am 28.09.2016
    .....und dieser Befehlshaber zur Parkzerstörung am 30. 09.2010 schämt sich nicht einmal. Im Gegenteil, er strebt einen neuen (wichtigen)Posten in der Politik an....
  • PeterPan
    am 28.09.2016
    Danke für diesen schönen Artikel ... ein kleines Denkmal für "den Park", unseren Park, den Schlossgarten. Insbesondere den "Mittleren Schlossgarten" hat eine Geschichtslose Bande ausradiert. Mit Methoden, die nur Menschen mit einem Persönlichkeitsproblem brauchen.

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