KONTEXT Extra:
Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


So schnell kann's gehen: Grün-schwarzer Knatsch

Es war schon in trockenen Tüchern, dass die Landesregierung eine Sprungrevision gegen das zweite Stuttgarter Feinstaub-Urteil anstrengt. Fast. Die CDU-Fraktion hatte diesen Weg zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Dienstag einstimmig als Kompromiss eröffnet und tags darauf bestätigt. Und die Grünen, von denen viele in Fraktion und Partei zur Annahme des Richterspruchs vom Juli 2017 samt Fahrverboten neigte, wären auch einverstanden gewesen. Trotzdem platzten am Freitag die Verhandlungen der Koalittionsspitzen im Staatsministerium – völlig unerwartet. Denn: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sollte längst im Flieger nach Berlin sitzen, als sich die Verhandlungsgruppen in Stuttgart, mal gemeinsam und mal getrennt, immer noch die Köpfe heiß debattierten.

Ein Knackpunkt klingt besonders absurd. Winfried Hermanns Verkehrsministerium hat ein Maßnahmenbündel zur Luftreinhaltung in Stuttgart erarbeitet, wonach das Land Geld aus dem mit einer Milliarde Euro für diesen Zweck gefüllten Topf des Bundes abrufen und eventuell auch selber Mittel in die Hand nehmen will, etwa um ÖPNV-Preise deutlich abzusenken. Die CDU-Fraktion formulierte am Dienstag ausdrücklich, es solle "jetzt schnell ein Bündel an verbindlichen, rechtlich zulässigen Maßnahmen als Alternative zu Fahrverboten beschlossen werden". Hier sei "in erster Linie das Ministerium für Verkehr gefordert, entsprechende Vorschläge zu unterbreiten". Das Ministerium hat unterbreitet. Nun aber will die CDU plötzlich ein Gegengeschäft machen und diesen Maßnahmen nur dann zustimmen, wenn die Grünen ihrerseits damit einverstanden sind, dass gegen das Urteil berufen wird. Bis kommenden Mittwoch um 23.59 Uhr bleibt Zeit, einen Kompromiss zu finden. Andernfalls, die KlägerInnen würden jubeln, ist das Urteil angenommen. (29.09.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Der SWR bekommt Gegenwind. Fotos und Montage: Joachim E. Röttgers

Der SWR bekommt Gegenwind. Fotos und Montage: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 280
Medien

Böse Böen aus Südwest

Von Jürgen Lessat
Datum: 10.08.2016
"Report Mainz" will die Wahrheit dahinter zeigen und die Verantwortlichen beim Namen nennen. So lautet der Anspruch des Magazins, mit dem sich der Südwestrundfunk (SWR) gerne schmückt. Was sich der Sender mit seinem "Kampf um die Windräder" geleistet hat, erhöht eher das Glaubwürdigkeitsproblem des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

"Glaubwürdigkeit ist eine grundlegende Basis für das Funktionieren einer Gesellschaft. Für uns, und für die Medien generell, ist Glaubwürdigkeit das unverzichtbare Grundkapital, das sich auf nachhaltiges Vertrauen stützt", sprach Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), im vergangenen Januar bei der Übernahme des ARD-Vorsitzes. Doch das kostbare Vertrauen gefährdet ausgerechnet eine Vorzeigeredaktion des Senderverbunds: "Report Mainz" mit dem Film "Der Kampf um die Windräder". Nach Ausstrahlung der Reportage (1. August um 21.45 Uhr im Ersten) brach ein Proteststurm los. 

"Ich frage mich, mit welcher Motivation ein solches Lehrstück perfider Demagogie, das allen Grundsätzen journalistischer Aufrichtigkeit Hohn spricht, produziert und zur "prime time" im Ersten platziert wird", empörte sich etwa Rüdiger Haude. "Der Bericht strotzt nur so von Mutmaßungen, verfälschten Tatsachen und – was am Schlimmsten ist – eine grundlegende neutrale Darstellung der Sachverhalte fehlt – eine journalistische Fehlleistung erster Güte!", monierte Karl-Heinz Winkler. Nur, dass diese und andere Kritiker weder als Pegidisten noch Populisten durchgehen: Haude ist Sprecher der Solarenergie-Fördervereins Deutschlands, Winkler ehemaliger Landesvorsitzender des Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) im Saarland.

Was für derart heftige Reaktionen sorgte, sollte laut SWR ein "Schlaglicht auf die Auswüchse der Boomindustrie" Windenergie werfen. Folgt man der Anstalt, dann wagten sich die "Report Mainz"-Autoren Achim Reinhardt und Claudia Butter an eines der "emotionalsten Streitthemen unserer Zeit": Windkraft sei "politisch forciert, finanziell hochsubventioniert, getragen von weitreichenden ökonomischen und ökologischen Erwartungen – und zugleich mit großen Ängsten besetzt", heißt es auf der Magazin-Homepage. Wer die knapp halbstündige Reportage anschaut, kann, zusammengefasst, zu erschreckenden Erkenntnissen gelangen. Etwa dass es in Norddeutschland bereits so viele Windmühlen gibt, die wegen Stromschwemme meist stillstehen, und dennoch Menschen Schlaf und Gesundheit rauben. Oder dass im Süden der Republik immer Flaute herrscht, die Windparks Millionenverluste bescheren, für die Steuerzahler und Stromkunden aufkommen. Und dass Alleinerziehende bald die explodierenden Stromrechnungen nicht mehr bezahlen können.

Quintessenz der Enthüllungen: "Wenige Profiteure treiben hierzulande den Windenergieausbau rücksichtslos auf Kosten von Natur und Menschen voran". Allen voran der Bundesverband Windenergie mit einem "brutalen Lobbyismus". Scheinbar erschütternd auch die Aufdeckung von Reinhardt und Butter, wonach der BUND, der wichtigste Beschützer von Fledermaus und Rotmilan, längst mit der Windkraftindustrie gemeinsame Sache macht.

Nun haben fachkundige Menschen nicht schlecht gestaunt. "Die Macher des ARD-Thrillers haben es geschafft, in 30 Minuten 'exklusiver Reportage' aufzudecken, was die Menschen in Deutschland wirklich bedroht", kommentiert Susanne Götze vom Online-Portal "klimaretter.info" mit beißender Ironie. "Es sind nicht der Supergau eines Atomkraftwerks, nicht die Folgen von Erdgas- oder Erdöl-Fracking oder gar großflächige Zerstörung von Landschaften durch den Braunkohletagebau, sondern - zitter, grusel - es ist die Windkraft!"

Die Windkraft hat einen Lobbyverband – was für ein investigativer Coup

Die Journalistin beschreibt die "exklusiven Enthüllungen" der beiden Mainzer, die für eine frühere Recherche zu einem anderen Thema bereits für den Grimme-Preis nominiert wurden, als Binsenweisheit: "Dass es sich bei dem Bundesverband Windenergie um einen richtigen wirtschaftlichen Lobbyverband handelt, ist wirklich eine Überraschung - ja geradezu ein investigativer Coup!" Wen das ernsthaft erschrecke, der dürfte bei der Verquickung von konventionellen Energielobbys und der Bundespolitik erst recht ein Trauma davontragen, warnt sie. Tatsächlich sind die Energiekonzerne personell eng mit den Regierenden verflochten. Etwa durch Hildegard Müller, die lange Jahre Staatsministerin unter Kanzlerin Angela Merkel war, später zum Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft wechselte und heute bei RWE arbeitet. In der SWR-Reportage ist das kein Thema.

Andere Kritiker im Netz widerlegen die Behauptungen, die Reinhardt und Butter gegen die Windenergie und ihre Protagonisten anführen, betont sachlich. Sendeminute für Sendeminute analysiert Tilman Weber vom Online-Magazin "Erneuerbare Energien" den Beitrag und entdeckt ein Dutzend Halb- und Unwahrheiten. Etwa bei Minute 20, als der Zuschauer erfährt, dass die Windenergie an Land dieses Jahr angeblich acht Milliarden Euro Subventionen kassiert. Tatsächlich wurde Onshore-Strom, laut Netzbetreiber, mit rund fünf Milliarden Euro nach dem Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) oder über Marktprämien vergütet.

Screenshot Facebook
Screenshot Facebook

Nur die halbe Wahrheit sagen die Autoren auch, wenn sie, wie viele andere Medien ebenfalls, von "Subventionen" im Kontext mit erneuerbaren Energien reden. "Der Staat zahlt keinen Cent, er legt lediglich die Mindest-Vergütungspreise für EEG-Ökostrom fest", betont das Internationale Forum Regenerative Energien. Das sagt auch das Bundeswirtschaftsministerium. Staat und Steuerzahler seien "in den Geldfluss nicht involviert", versichert die dortige Pressestelle auf Kontext-Anfrage. Der Verdacht subtiler Meinungsmanipulation fällt damit auf "Report Mainz" zurück: Subventionen suggerieren eben, dass sich Windräder nur "auf Kosten der Steuerzahler" drehen.

Einen veritablen Bock schießen Reinhardt und Butter mit ihrer Behauptung, geheime Unterlagen zu besitzen, die das Diktat der Windbranche bei der aktuellen EEG-Novelle beweisen. Aus den Papieren lasse sich ablesen, wie die Windlobby den jährlichen Ausbaudeckel für Windkraft von 2500 auf 2800 Megawatt gelupft hat, behaupten sie. Bei den angeblichen Geheimpapieren handelt es sich zum einen um Referentenentwürfe, die auf den Internet-Seiten des Bundeswirtschaftsministeriums einzusehen sind. Zum anderen erhöhte sich die Zielvorgabe im Laufe des Gesetzgebungsverfahren, weil von Netto- auf Bruttozubau umgestellt wurde, um den Ersatz von Altturbinen ("Repowering") zu berücksichtigen. Mit dem Ergebnis, dass an Neustandorten künftig weniger als 2500 Megawatt, der bisherigen Zielwert des EEG 2014, zugebaut werden darf.

Als Kronzeuge tritt ein Atomkraft-Lobbyist auf

Auch die Auswahl der Interviewpartner, die im Film die Windbranche angreifen, schlägt im Netz hohe Wellen. "Als Realsatire muss man werten, dass mit Michael Fuchs (CDU) ausgerechnet ein bekannter und bekennender Atomkraft-Befürworter als Kronzeuge gegen "Windkraft-Lobbyismus" auftreten darf", heißt es im Forum der Bürgerinitiative Leinburg

Der Unionsvize und wirtschaftspolitische Sprecher seiner Partei gilt als einer umtriebigsten Netzwerker im Bundestag, der auch nicht davor zurückschreckt, Kritiker mit Unterlassungserklärungen einzuschüchtern. Etwa als abgeordnetenwatch.de Anfang 2013 bekannt machte, dass Fuchs seit 2008 für die umstrittene Londoner Spionagefirma Hakluyt & Company (H & C) tätig ist und dies nicht korrekt im Bundestagshandbuch ausgewiesen war. Für 13 Vorträge erhielt er mindestens 57 000 Euro. Seither verdiente sich der CDU-Abgeordnete bei H & C mit elf weiteren Reden ein lukratives Zubrot. Die jüngste in diesem Jahr zum Thema: "Erneuerbare Energie – Lösung für die Zukunft?"

"Wir decken für unsere Zuschauer Missstände und Fehlentwicklungen auf – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wir zeigen die Wahrheit dahinter und nennen die Verantwortlichen beim Namen", so definiert "Report Mainz" sein Selbstverständnis. "Wir sind unvoreingenommen, unabhängig und unberechenbar. Uns ist wichtig, sorgfältig zu berichten und einen langen Atem zu haben", verspricht die Redaktion weiter.

Exklusiv und hoch umstritten: Die "Report Mainz"-Sendung zur Windkraft. Screenshot ARD
Exklusiv und hoch umstritten: Die "Report Mainz"-Sendung zur Windkraft. Screenshot ARD

Kontext liegt eine "Einschätzung" des BUND zum Film vor, die an der Seriosität des Beitrags weitere Zweifel nährt. "Wir wurden im Vorfeld von den Journalisten um schriftliche Beantwortung einer Reihe von Fragen gebeten. Dem sind wir nachgekommen. Außerdem wurden insgesamt zwei Interviews mit einer Drehzeit von über zwei Stunden aufgenommen, davon eine Stunde mit Hubert Weiger (BUND-Bundesvorsitzender, die Red.) und eine Stunde mit Holger Schindler (BUND-Landesvorsitzender Rheinland-Pfalz, die Red.)", schildert darin Yvonne Weber, Pressechefin der BUND-Bundesgeschäftsstelle.

"Report Mainz": Allen Sorgfaltspflichten nachgekommen

Von den langen Interviews blieben im Beitrag nur "ca. 30 Sekunden übrig": "Es wurde nur das gesendet, was ins Konzept der Sendung passte. Alle anderen Aussagen wurden weggelassen", konstatiert Weber. Vorenthalten wurde den Zuschauern, dass Weiger Windräder als notwendig ansieht, um dem Klimawandel als eine der Hauptbedrohungen der biologischen Vielfalt etwas entgegenzusetzen. Unter den Schneidetisch fiel auch, wie Weiger betont, dass der BUND einen möglichst naturnahen Ausbau der Windkraft unter strengen Auflagen und genauer Prüfung fordert. Umso ausführlicher durften ehemalige, im Streit ausgeschiedene BUND-Mitglieder wie der Dirigent Enoch zu Guttenberg gegen den Verband wettern. "Was gesendet wurde, waren in erster Linie persönliche Meinungen, Vorwürfe und Unterstellungen. Fakten und Belege fehlen", so Weber.

Ähnliches sagt Helmut Kandra von den Stadtwerken Erlangen, deren Windparks im Film als Beispiele für millionenschwere Verlustbringer gezeigt werden. "Wir haben aktuelle Betriebsergebnisse übermittelt, doch die haben nicht interessiert", sagt der Pressesprecher gegenüber Kontext. Die Jahresabschlüsse 2015 fielen offenbar zu gut aus. Lieber fokussierten sich die Autoren auf veraltete Bilanzen, in denen Abschreibungen, Kapitalkosten und ein schwaches Windjahr die Rotoren tief ins Minus drückten. Dabei ist geplant, dass die Windparks erst nach acht oder neun Betriebsjahren die Gewinnschwelle erreichen. "In der Gesamtlaufzeit von zwanzig Jahren sind die Windräder profitabel, für uns und die Umwelt", betont Kandra.

Brigitta Weber, Redaktionsleiterin von "Report Mainz" und stellvertretende Chefredakteurin Fernsehen des SWR, weist die Vorwürfe entschieden zurück. "Die Autoren des Beitrags haben monatelang recherchiert und sind allen journalistischen Sorgfaltspflichten nachgekommen. So haben wir auch alle Betroffenen sorgsam konfrontiert und die Aussagen im Kern wiedergegeben", beharrt Weber gegenüber Kontext. Im Übrigen habe die Redaktion viele positive Rückmeldungen auf den Beitrag erhalten, betont sie. Das stimmt. So schrieb etwa "Bild-Online", mit Hinweis auf den Film, in großen Buchstaben vom "Milliarden-Irrsinn mit der Windenergie".


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!