Der Tabu-Klassiker: Sex. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 304
Gesellschaft

Wortakrobatik

Von Elena Wolf
Datum: 25.01.2017
Die Welt ist um ein wundersames Wort reicher. Um die "alternativen Fakten" von Donald Trump. Es reiht sich ein in die Liste von politischen Kampfbegriffen, mit denen die Gehirne vernebelt und die Realität verleugnet werden sollen.

Schwer kann es ein Gedanke in unser Bewusstsein schaffen, der in der Sprache keinen Ausdruck findet. Wenn ein bestimmtes Verhalten oder Denken also vermieden werden soll, liegt es nahe, dass man nicht darüber spricht, dem Gedanken seinen Ausdruck entzieht und somit ein Tabu kreiert. Denn spricht man aus, was nicht sein darf, wird das Unerwünschte real.

Um dies zu vermeiden, werden neue, stellvertretende Beschreibungen erfunden, die von Satire oftmals nicht zu unterscheiden sind. Das gilt für religiöse Tabus genauso wie für gesellschaftliche und politische. Jüngst sprach Kellyanne Conway, die Beraterin des neuen US-Präsidenten Donald Trump, von "alternativen Fakten" statt einer Lüge, als bekannt wurde, dass ein anderer Trump-Sprecher nachweislich gelogen hatte, was die Besucherzahlen bei Trumps Amtseinführung betraf. "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" – davon könnte auch Conway schon gehört haben. Doch wie der liebe Gott zu Euphemismen steht, ist leider nicht überliefert.

Rechtsphilosophisch sind "alternative Fakten" totaler Schwachsinn: Ein Faktum wird nicht wahr oder falsch, weil es sich jemand so wünscht. Trotzdem liegen Euphemismen voll im Trend, weil eine präzise Sprache gefährlich ist. Die deutsche Linguistin Elisabeth Wehling landete mit ihrem Buch "Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht" im vergangenen Jahr einen Volltreffer, weil sie präzise aufzeigt, wie Wortschöpfungen dazu dienen, unsere Sicht auf Tatsachen zu manipulieren.

Euphemismen manipulieren unser Denken

Begriffe wie "armutsgefährdet", "sozial schwach" und "Geringverdiener" sind solche Worte. Sie wurden erfunden, um vordergründig gegen die Stigmatisierung "arm" zu wirken. Doch die Vermeidungswörter verschlimmern die Lage der Bezeichneten, sie suggerieren Eigenverantwortung und wälzen politische Zuständigkeiten auf das Individuum ab. Menschen, die nicht aus eigener Kraft Geld zum Leben erwirtschaften können, gelten oft als "bildungsfern", sind schwach, verdienen Geringes – nichts Anderes suggerieren diese Armuts-Euphemismen, die ein selbstverantwortetes Schicksal vorgaukeln. Würde man das Kind beim Namen nennen und "arm" sagen, müsste man auch über "reich" nachdenken, über ungerechte Verteilung, über Vermögens- oder Einkommenssteuer. Doch viel bequemer ist es, von Gewinnern und Verlieren zu sprechen, die in der "freien Marktwirtschaft" die Schmiede ihres eigenen Glückes sind.

Euphemismen und Tabus sind in unserer Gesellschaft eng miteinander verbunden. Ursprünglich stammt das Wort "Tabu" aus der polynesischen Tonga-Sprache und gelangte im 18. Jahrhundert über den legendären Seefahrer James Cook nach Europa. Cook stellte auf Tonga fest, dass die Bewohner manches nicht essen oder berühren wollten, weil sie "tapu" waren – verboten im Sinne von "heilig" oder "unberührbar". Von tabuisierten Dingen geht so auch eine Gefahr aus, die göttliches Unheil über diejenigen bringt, die das Tabu brechen. Sigmund Freud nannte das Tabu viele Jahre später den ältesten ungeschriebenen Kodex der Menschen. Als Instrumente der sozialen Kontrolle sichert es in Form von Verhaltensweisen und Sprache die vorherrschenden Gesellschaftsmechanismen - insofern sich alle daran halten.

Neben religiös inspirierten Tabus wie den zehn Geboten, sind die klassischen Tabuthemen unserer Tage schnell ausgemacht: Sex und Tod. Dazwischen alles, was mit Körperlichkeit, Krankheit und Alter zu tun hat. Aus dem Angriffskrieg wird die "Vorwärtsverteidigung". Aus der systematischen Tötung von Millionen Juden wird die "Endlösung". Mädchen reden noch als Frauen von "dem da unten" und haben "ihre Tage". Hat jemand eine besonders schlimme Krankheit, wie Krebs, mutiert sie umgangssprachlich zu "der Krankheit". Opas Schlaganfall wird von Oma im Schwäbischen fast liebevoll als "Schlägle" bezeichnet. Alles Worte, deren eigentliche Bedeutung bekannt ist - doch das Bezeichnete ist unangenehm. So "entschläft" jeden Tag in unzähligen Zeitungen irgendwo in Deutschland eine Oma "sanft". Dabei ist sie faktisch gestorben. Bevor sie "entschlief", ging sie vielleicht früher "unter anderen Umständen" in die Kirche, um sich vom "Leibhaftigen" loszusagen, dessen Name genauso tabu ist, wie der von Lord Voldemort aus der englischen Fantasy-Buchreiche "Harry Potter".

Was nicht sein soll, wird einfach umbenannt

Auch Geld ist ein Tabuthema, ganz gleich, ob man pervers viel davon besitzt oder nichts. Protzt jemand öffentlich mit seinem Reichtum, empfinden das die meisten als unangebracht oder unverschämt. Krebst jemand gerade so am Existenzminimum, bemerken das oft nicht einmal gute Freunde, weil sich die Betroffenen schämen, darüber zu reden und den Schein nach außen wahren. Die, die im wahren Wortsinne auf der Straße liegen, weil sie nichts mehr haben, sie könnten doch in ein Heim für Wohnungslose gehen, statt in Einkaufspassagen zu liegen. Auch die Stadt Stuttgart will sie aus dem öffentlichen Blickfeld räumen und ist dabei, Bänke in der Königstraße abzureißen. Nichts sehen, nicht drüber reden, und nichts hören. Armut soll unsichtbar, soll tabu werden.

Bis heute ist es auch ein Tabu mit KollegInnen übers Gehalt zu sprechen. Teilt der Chef am Monatsende die Gehaltsabrechnungen aus, kommt niemand auf die Idee, den Brief im Büro zu öffnen. Falls doch, passiert es mit paranoider Umsicht vor unerwünschten Blicken und dem Wissen eines Tabubruchs. Denn über Geld spricht man nicht. Noch ein Beispiel, wie sich ein Tabu wunderbar eignet als Machtinstrument. Wer es clever zu nutzen weiß, kann es für sich arbeiten lassen, um hegemoniale Herrschaft und Deutungshoheit zu sichern.

Die ernsthafte Diskussion um Geld und dessen Antipoden Armut und Reichtum wird systematisch vermieden, indem Tabus aufrechterhalten werden. Nur weil der Sozialhilfeempfänger heute "Kunde" bei der Arbeitsagentur ist, hat sich nichts am sozialen Status eines Bittstellers geändert, der eine Grundversorgung beantragen muss. Niemand, der in seinem Leben jemals "hartzen" musste, wird bestreiten, dass die Abläufe im "Kundencenter" dem "Kunden" das Gefühl vermitteln, versagt zu haben. Hätte man sich genügend angestrengt im Leben, wäre einem Hartz IV nicht passiert - so die Logik. Arbeitsministerin Andrea Nahles sagte noch im September 2016: "Wer heute von Hartz IV lebt, hat deutlich bessere Teilhabechancen als vor einigen Jahrzehnten mit der alten Sozialhilfe."

Die Krone der pervertierten Euphemismen gebührt jedoch einem anderen kreativen Unwort, das im Zuge der SPD-Rentenreform erfunden wurde: "armutsfest". Nicht nur, dass es auf sprachlicher Ebene ironischer Weise so viel bedeutet wie "eng mit der Armut vertraut" statt der gewollten Intention "Armut verhindernd". Es ist vor allem ein unfreiwilliges Eingeständnis politischen Versagens - sprachlich wie menschlich.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

6 Kommentare verfügbar

  • Zaininger
    am 27.01.2017
    Man ziehe von der umstrittenen faktischen oder postfaktischen Summe X diejenigen ab, die aus reiner Neugierde oder einfach wegen der Inszenierung jede derartige Veranstaltung vor Ort oder auch worldwide in den Medien beobachten. Die Fans dieses Rüpels in office sind viele aber keine echte Mehrheit - das lässt hoffen.
  • Rolf Steiner
    am 26.01.2017
    @qolgheri, 26.01.2017 11:47 "Inhaltlich haben die Kritiker Trump nichts entgegenzusetzen," - Frage: Wo haben Sie denn diese Fake-News gelesen, gewiss nicht in der New York Times? Und so schaffen Sie mit ihrer Ansage einen weiteren Grund, manchen Leute die scheindemokratische Larve vom Gesicht zu entfernen, wie es auch die DemonstrantInnen in den USA und weltweit machen.

    Die Rede dieses Donald Dump war gespickt mit Angriffen gegen die US-Demokrate, gegen ein humanistisches Weltbild und vor allem gepaart mit einem riesigen Haufen Dummheit. Wer diesem politischen Springinsfeld und zweimaligem Pleitier die Code-Wörter für Atombomben-Angriffe überlässt, muss von allen guten Geistern verlassen sein. Ich hoffe, dass das nicht ganz so wie Trump ungebildete US-Militär diesem Rumpelstilzchen auf die Finger klopft. In eigenem Interesse und aus echtem Patriotismus!

    Trump holte Multimillionäre wie den Banker Steve Mnuchin oder den Fast-Food-Unternehmer Andy Puzder ins Kabinett, die durch bewusste Ausbeutung der kleinen Leute reich geworden sind. Der neue Außenminister Rex Tillerson bleibt immer auch mitverantwortlich für die Erderwärmung. Seine Ölfirma Exxon Mobil hat mit MIllionen jene Pseudowissenschaft finanziert, um längst fällige strenge Auflagen zu vermeiden.

    Die Solidarität mit allen, die diesen Trump als üblen Scharlatan entzaubern und seine Agenda stoppen wollen, wächst von Tag zu Tag.
  • Bolgheri
    am 26.01.2017
    Dank CNN wissen die Menschen, dass die Inauguration von Trump trotz kaltem Winterwetter an einem Werktag sehr gut besucht war. Das ZDF Heute Journal und weitere Massenmedien haben dagegen ihre ganz eigenen "Fakten" präsentiert, die Bilder von CNN zeigen ein gänzlich anderes Bild von der Realität. Das kann jede und jeder weltweit innerhalb von Sekunden überprüfen. Wenn man seine Scheuklappen ablegen möchte.

    Sprich, das ZDF und weitere internationale Medien haben ihre eigenen Fakten benutzt und dies dem Zuschauer unterbreitet, die Beraterin von Trump hat dann als Antwort auf die Fake Bilder von ZDF und Co. ihre eigenen Fakten angesprochen und dies als alternative Fakten definiert (im Endeffekt war das ein Augenzwinkern gegenüber denjenigen die diese falschen Bilder veröffentlicht hatten). Sie hat völlig recht wenn man den Kontext betrachtet:

    ZDF und Co bringen eigene Fakten und nehmen es mit der Wahrheit mal wieder nicht so genau, CNN und Trumps Beraterin haben andere, sozusagen alternative Fakten zu den "Fakten" vom ZDF. Ist eigentlich ganz einfach zu verstehen. Wenn man sich die Mühe machen würde.

    Mein Fazit: Ob da jetzt mehr oder weniger Zuschauer als beim Vorgänger waren ist doch völlig belanglose Erbsenzählerei. Die Diskussion darüber lenkt doch nur davon ab, dass Trump gleich loslegt mit seiner neuen Politik und seine Wahlversprechen einhält.

    Inhaltlich haben die Kritiker Trump nichts entgegenzusetzen, deshalb hängen sie sich an unwichtigen Sachen auf, wie viele Menschen bei der Inauguration waren.
  • Barolo
    am 25.01.2017
    Nette Zusammenfassung von Tabus. Aber warum machen wir da alle mit? Und warum lassen wir uns dazu noch die normalen Wörter wie Putzfrau und andere von den PC Irren ausreden und meinen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen?

    Zu den Zuschauern bei der Inauguration gibt es eine klasse zusammenfassung verschiedener Sichtweisen und wie immer etwas zum Thema Korrelation und Kausalität :-)
    http://www.danisch.de/blog/2017/01/24/fake-news-warum-man-2009-nicht-mit-2017-vergleichen-kann/
  • Manfred
    am 25.01.2017
    Tja, da sind sie, die alternativen Fakten. Man nehme 2009!

    Wieso nicht 2013? Da gab es auch eine Inauguration.

    Aber ist eh egal, es zeigt doch nur, dass diese machtgeilen Narzissten eine eigene Realität haben.

    Der Artikel btw ist sehr gut.
  • Achim Kurz
    am 25.01.2017
    Wer verleugnet die Realität? Pressesprecher Sean Spicer sagte am Samstag: "Trump attracted the largest audience to ever witness an inauguration, both in person and around the globe".
    Was ist an dem Satz falsch? Around the globe bedeutet weltweit. Im Jahr 2009 waren online Medien wie Twitter, Faceboock, You Tube, kaum verbreitet. Alleine CNN gibt an, dass fast 17 Mio ihren Livestream gesehen haben.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!