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Solidarität!

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Überall auf der Welt haben Frauen gegen den neuen US-Präsidenten demonstriert. In allen US-Bundesstaaten, in Kanada, Neuseeland, Costa Rica, Finnland, Frankreich, Griechenland, Berlin, München und, jawohl, auch in Heidelberg. Am vergangenen Samstag, dem Tag nach der Amtseinsetzung von Donald Trump, sitzt eine Amerikanerin aus Stuttgart im Zug zum Women's March in Heidelberg. Nein, sagt sie, sie konnte sich die Amtseinsetzung von Donald Trump nicht im Fernsehen anschauen. "Impossible", sagt sie und greift sich an den Hals, als bekäme sie keine Luft. Zu gruselig, zu aufwühlend. Seit der Wahl sei sie: fassungslos.

Große Teile der Welt waren an diesem Mittwochmorgen vor zwei Monaten fassungslos und verstört, was nun für eine Zeit folgen wird. Eine Handvoll Frauen hat diese Hilflosigkeit umgewidmet in Kraft. "Die Ladys", sagt unser Wetterer Peter Grohmann treffend, "haben es uns mal wieder richtig gezeigt!" Innerhalb von ein paar Wochen stellten sie eine immense Protestbewegung auf die Beine. Es war die Idee von Gerechtigkeit, die sich da um den Globus verbreitete. Angefacht von Donald Trumps dämlichen, sexistischen Wahlkampf-Sprüchen, genährt von unterdrückenden Strukturen, von Rechtspopulismus, Rassismus, von ungleicher Chancenverteilung.

Es ist eine beispielhafte Aktion. Die Protestfrauen sangen den Bürgerrechts-Song "We shall overcome" – wir werden es überwinden, irgendwann werden wir Hand in Hand gehen. Der Song passt gut in die Zeit. Denn vom Überwinden, vom Hand in Hand-Gehen entfernen wir uns – egal ob in den USA, in Deutschland, in Europa oder der Türkei – immer weiter. Die Fronten werden härter, die Menschen brutaler. Schuld daran ist auch die immer größer werdende Kluft zwischen Reichen und Armen, deren Hintergründen wir seit Jahresbeginn eine ganze Artikelserie widmen.

"Es hat sich etwas verändert in der Bundesrepublik", schreibt die Journalistin Carolin Emcke in ihrem neuen Buch. "Es wird offen und hemmungslos gehasst." Und weiter: "Hätte mich vor einigen Jahre jemand gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass jemals wieder so gesprochen würde in dieser Gesellschaft? Ich hätte es für ausgeschlossen gehalten. Dass der öffentliche Diskurs jemals wieder so verrohen könnte, dass so entgrenzt gegen Menschen gehetzt werden könnte, das war für mich unvorstellbar."

Ein Journalist postete kürzlich auf Facebook, wie zerrissen er sei über die Frage der Berichterstattung über die AfD – sollte man, sollte man nicht? Und wenn ja: wie? Eine Frage, die unsere Autorin in dieser Ausgabe versucht zu klären. Unter den Facebook-Post jedenfalls schrieb einer: "Wir sollten auf die Straße gehen." Wie die rund 1000 Demonstranten am Samstag in Koblenz, die sich laut gegen den Schulterschluss der Europäischen Rechten stellten. Wie die Flüchtlingshelfer aus Bayern, die im vergangenen Jahr gegen das Flüchtlingsbashing ihrer Landesregierung streikten. Die Demonstranten, die zu tausenden auf dem Stuttgarter Schlossplatz standen, um einen PEGIDA-Aufmarsch zu verhindern. Es gibt viele tolle Aktionen. Dass es auch groß und gemeinsam geht, dass auch globale Aktion funktionieren kann, haben die Amerikanerinnen in ihren pinken Mützen in Heidelberg bewiesen. Das macht Mut.

Die Aktivistinnen des Women's March rufen übrigens schon zum nächsten Streich auf: zehn Aktionen für die ersten 100 Tage von Donald Trump im Amt. Damit das gerade entfachte Feuer weiterbrennt.


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23 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 02.03.2017
    Antworten
    Solidarität! – Solidarność, die aus der Streikbewegung 1980 in Polen entstand (unter der Führung von Lech Wałęsa gegründet)

    Diese Dokumentation "Ablauf der Tarifauseinandersetzungen im Baugewerbe 1978" bildet auf 355 Seiten Originaldokumente, Zeitungsartikel, Banner, Flyer und das Geschehen in…
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