"11 400 leer stehende Wohnungen sind ein Skandal", sagt Rolf Gassmann, der Vorsitzende des Mietervereins Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 192
Gesellschaft

Der grünbürgerliche Block

Von Josef-Otto Freudenreich (Interview)
Datum: 03.12.2014
Der Mieterverein Stuttgart vertritt 30 000 Mitglieder. Der Vorsitzende ist Rolf Gaßmann (63) – seit fast 30 Jahren. Überraschen kann ihn eigentlich nichts mehr, außer den Grünen, die reden wie der Haus- und Grundbesitzerverein.

Herr Gaßmann, in Stuttgart stehen 3600 Familien in der Notfallkartei, und zugleich stehen Tausende von Wohnungen leer. Das tut richtig weh.

Um es genau zu sagen: Es sind 11 400. Und das ist ein Skandal, gegen den wir als Mieterverein mit aller Kraft ankämpfen. Man muss sich vor Augen halten, dass viele Wohnungen mit erheblichen steuerlichen Subventionen gebaut wurden. Das heißt, dass die Allgemeinheit einen Anspruch auf bezahlbaren Wohnraum hat, vor allem dann, wenn wir, wie in Stuttgart, eine Wohnungsnot haben. Eigentum verpflichtet – so steht es im Grundgesetz.

Ausweislich eines internen Gemeinderatsprotokolls erkennt Oberbürgermeister Kuhn "keinen besonders hohen Wohnungsleerstand".

Das ist falsch. Man muss nur rechnen können. Auf 300 000 Wohnungen kommen in Stuttgart 11 400 Leerstände. Das sind fast vier Prozent, und damit ist es doppelt so viel, wie fluktuationsbedingt als normal angesehen wird. Stellen Sie sich vor, die Stadt würde nur die Hälfte der Leerstände abstellen, hätte sie ihr Ziel, in vier Jahren 6000 Wohnungen zu bauen, allein dadurch nahezu erreicht. Von den unbezahlbaren Mietpreisen in Neubauten wie Milaneo und Gerber will ich gar nicht reden. Hier bezahlen Sie als Mieter Quadratmeterpreisen zwischen 15 und 18 Euro kalt.

Fritz Kuhn sagt, er könne Leerstände nicht mit Strafen belegen, weil dafür die gesetzliche Grundlage fehle.

Das ist Quatsch. Das dazu nötige Gesetz, das den Städten ein Zweckentfremdungsverbot ermöglicht, gilt seit 1. Januar diesen Jahres. Beschlossen von der Mehrheit von Grünen und Sozialdemokraten im baden-württembergischen Landtag. Die Stadt behauptet jetzt, sie müsse darauf warten, bis die Landesregierung festgestellt habe, dass in Stuttgart ein eklatanter Wohnraummangel herrsche. Hier wird die Öffentlichkeit schlicht belogen. Das muss ich so hart sagen. Im Gesetz steht, dass die Kommune ermächtigt wird, exakt dies festzuhalten, weil das niemand besser kann als die Stadt selbst. Der Freibürger Oberbürgermeister Dieter Salomon, auch er ein Grüner, hat das längst umgesetzt. In Tübingen will es Boris Palmer einführen.

Aber sein Kollege Kuhn hat sich doch den bezahlbaren Wohnraum ganz oben auf die Fahne geschrieben. Zumindest im Wahlkampf.

Ich habe den Eindruck, dass der Oberbürgermeister zwar vorgibt, Wohnungspolitik als Chefsache zu betreiben, sich aber nicht wirklich in die Niederungen dieses Themas begeben will. In der Praxis wird Wohnungspolitik von seinem Finanzbürgermeister Michael Föll gemacht, und der hat im Jahr 2001 dafür gesorgt, dass das Zweckentfremdungsverbot in Stuttgart abgeschafft worden ist. Gegen den Widerstand des damaligen Wohnungsamtsleiters Manfred Gann im Übrigen. Zu dieser Zeit war Föll Vorsitzender der CDU-Fraktion und wie so viele ihrer Mitglieder Lobbyist bei Haus & Grund. Daran hat sich nichts geändert.

Dass der Haus- und Grundbesitzerverein Ihre jüngste Plakatkampagne ("Skandal: 11 400 Wohnungen wollen bewohnt werden") geißelt, dürfte Sie nicht überrascht haben. Mit der "Hetzkampagne" diffamierten Sie Hausbesitzer, schimpft sein Geschäftsführer Ulrich Wecker.

Das kenne ich von den Kämpfern für das Eigentum. Überrascht haben mich die Grünen im Stadtrat, die uns eine "unsägliche Kampagne" vorwerfen, mit der "Individuen an einen Pranger" gestellt würden. Was haben wir gemacht? Plakate an Litfaßsäulen geklebt, auf denen sieben Wohngebäude mit Fotos und Adressen zu sehen sind, als Symbole für den skandalösen Leerstand. Wir haben keine Eigentümer genannt, obwohl wir sie kennen. Unsäglich ist nicht derjenige, der auf den Leerstandsskandal hinweist, sondern unsäglich sind jene, die dafür verantwortlich sind beziehungsweise nichts dagegen unternehmen wollen.

Für Insider erkennbar ist die Tübinger Straße 65. Eigentümer ist Dinkelacker. Wissen Sie, warum die Bierbrauer das Haus leer stehen lassen? 

Es ist nicht unsere Aufgabe, hier nachzufragen. Das muss die Stadt tun. Generell sind die Gründe immer die gleichen: Entweder, man lässt ein Haus verfallen, um schneller die Abrissgenehmigung zu bekommen, oder man will es in eine höherwertige Immobilie verwandeln, wenn der letzte Mieter draußen ist. Und dann gibt es noch den sogenannten Wohlstandsleerstand, für den Eigentümer verantwortlich sind, die es einfach nicht nötig haben, zu vermieten oder zu verkaufen.

Gibt es eigentlich viele Hausbesitzer unter den Grünen?

Ich weiß nicht, wie viele es sind. Ich weiß nur, dass mir Silvia Fischer von der Stadtratsfraktion gesagt hat, sie lasse sich in ihrem Eigentum nicht einschränken. Nun nehme ich nicht an, dass sie in ihrem Haus einen Leerstand hat, sondern gehe davon aus, dass das der neue Begriff von Freiheit bei den Grünen ist. Unsere Aktion erscheint ihnen offenbar als Teufelswerkzeug eines Überwachungsstaats.

Eher als Angriff auf die Freiheit der Besitzenden.

Es hat mich schon verwundert, dass die Stuttgarter Grünen die Diktion des Haus- und Grundbesitzervereins übernehmen. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie nach Wählern schielen, die sich dort heimisch fühlen. Sie wollen die Eigentümerlobby nicht verprellen. Das könnte allerdings schiefgehen, weil ein Großteil ihrer Wähler Mieter sind, unter dem Mangel leiden und davon profitieren würden, wenn mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen würde. 

"Gegen Wohnungsleerstand hilft nur reden!", sagen die Ratsgrünen.

Das ist vollkommener Unsinn. Da hilft kein reden, da hilft nur handeln. Wenn Fritz Kuhn Tempo 40 an Steigungsstrecken verhängt, wird bei Verstößen auch nicht geredet. Dann wird bezahlt. Als das Zweckentfremdungsverbot in Stuttgart noch galt, also bis 2001, waren 500 Wohnungen pro Jahr mehr auf dem Markt.

Kuhn hätte gerne mit Ihnen, plus Haus & Grund, einen Aufruf gegen den Wohnungsleerstand gemacht, in dem Eigentümer ermuntert werden, mehr Wohnungen zu vermieten. Sie haben abgelehnt.

Wer ein Haus zehn Jahre lang leer stehen lässt, ist nicht allein durch Appelle zum Vermieten zu bewegen. Da braucht es auch die Androhung von Bußgeldern. Ich habe Fritz Kuhn klar gesagt: Wenn das alles ist, machen wir nicht mit. Natürlich kann er diesen Appell zusammen mit den Grundsteuerbescheiden im Januar verschicken, aber er wird erfolglos sein. 

Ihre Partei, die SPD, will den freundlichen Appell zur Freiwilligkeit auch unterstützen.

Nichts dagegen. Unter den Hausbesitzern haben wir oft ältere oder sehr alte Menschen, die mit der Vermietung überfordert sind, sich vor angeblichen Mietnomaden fürchten, die es faktisch kaum gibt. Dann soll die Stadt doch konkrete Hilfsangebote machen, Mietgarantien übernehmen und Wohnungssuchende vermitteln, die auf unseren langen Wartelisten stehen. Aber das ändert nichts daran, dass es ohne Zwang nicht geht. Und hier wackelt die SPD nicht. Sie hat als erste Fraktion schon vor einem Jahr und jetzt erneut, zusammen mit Linken und SÖS, beantragt, das Zweckentfremdungsverbot in Stuttgart einzuführen. Das Verbot ist bislang am bürgerlichen Lager von CDU, Freien Wählern, FDP und den Grünen gescheitert.


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19 Kommentare verfügbar

  • Fred Heine
    am 12.12.2014
    EmmPeh, 11.12.2014 00:59
    Zu: Fred Heine, 08.12.2014 17:06

    Zitat: "O jeh, ein neoliberaler Markt-Prediger aus der Steinzeit. In diesen beiden Punkten stecken so viele falsche Behauptungen und Kurzschlüsse, dass man sich auf das Hase-und-Igel-Spiel einließe, wollte man diese innerhalb derselben "Logik" widerlegen."

    Liebe/r EmmPeh, Sie brauchen ja nur ein einziges (!) Argument widerlegen, das reicht doch schon ... Stattdessen übergießen Sie einen mit einem Wortschwall, der nichts enthält als Plattitüden und Worthülsen. Versuchen Sie damit abzulenken? Fast könnte man es meinen.
  • EmmPeh
    am 11.12.2014
    Zu: Fred Heine, 08.12.2014 17:06

    "[...]

    1. Wie kann es sein, dass Wohnen anscheinend immer teurer, gleichzeitig der Wohnraum der Menschen immer größer wird? Das ist ein Trend, der sich auch in den letzten Jahren fortgesetzt hat!

    2. Auch und besonders nach massiven Privatisierungen STEIGT der Wohnraum je Einwohner. Das bedeutet doch: Privatisierungen führen zu großen Wohnungen, Wohnraumbewirtschaftung bedeuten kleine, teure Wohnungen.

    [...]: ein Hoch auf die Marktwirtschaft! Weg mit öffentlicher Wohnraumbewirtschaftung – wie sie auch immer daherkommen mag!"

    O jeh, ein neoliberaler Markt-Prediger aus der Steinzeit. In diesen beiden Punkten stecken so viele falsche Behauptungen und Kurzschlüsse, dass man sich auf das Hase-und-Igel-Spiel einließe, wollte man diese innerhalb derselben "Logik" widerlegen.

    Heine ist in seine Vorstellung von Marktwirtschaft total verliebt. Er meint damit aber lediglich die real existierende Form kapitalistischer Planwirtschaft, wie sie u.a. große, börsennotierte Immobiliengesellschaften mit ihren juristisch vorgeschriebenen Quartalsberichten und den darin enthaltenen Gewinnerwartungen pflegen (allein schon, dass die Abrechnung jetzt auch noch im Quartal und nicht gemäß eines verblichenen, real-existierenden Fünfjahresplans erfolgt, müsste F. Heine abgrundtief erschauern lassen in seinem neoliberalen Mark).

    Das hält ihn aber nicht davon ab, den gegenwärtigen Kapitalismus als Vertreter der Freien Marktwirtschaft zu verkaufen (sic!). Mal abgesehen davon, dass es ökonomischer Unsinn ist, einen Markt sich selbst zu überlassen (das hat ja wohl die Geschichte des Kapitalismus eindrucksvoll gezeigt, in jeglicher Hinsicht, ob Luxemburg-Leaks oder Lehmann-Brothers, um zwei nicht ganz uralte Beispiele zu nennen: eins dereguliert den Staat; das andere dereguliert der Staat), ist ja die Essenz der "Chicago Boys", der Reagonomics und der Thatcheristen, dass in einem (neo)liberalen Markt zwar Reiche immer reicher werden, aber "der Rest" nicht ärmer, sondern eben genau davon profitiert (wenngleich wie die Schaben unterm Küchentisch von größeren Brocken; aber die Würde der Schabe scheint unantasbar).

    Inzwischen pfeifen es sogar die 180-Kg-Spatzen wie die OECD von den Dächern, dass das so nicht geht: Die Neoliberalen machen jetzt auch noch die kapitalistische Ökonomie in Ganze zur Sau. Das jüngste Papier der Organisation stellt fest, dass soziale Ungleichheit ein Wachstumshemmnis ersten Ranges sei. Darin wird festgestellt (Achtung: Statistik), dass ein Reicher in Deutschland vor 30 Jahren durchschnittlich 5 mal so viel verdiente (ausgeschlossen ist aber bei dieser Statistik z.B. Zins-Erwerb aus Vermögen und Eigentum wie z.B. Wohnungen, Aktien und Grundbesitz!) wie ein Armer. Heute verdient ein Armer (wenn er denn Arbeit hat) sieben mal weniger als ein Reicher.

    F. Heine hat bestimmt aber auch eine tolle Erklärung dafür, warum "wir in Deutschland" heute weniger Arbeitslose denn je haben, allerdings Millionen von Leuten, die malochen - und trotzdem nicht von ihrem Lohn leben können.

    Nebenbei: Ist es ziemlich peinlich, die Ergebnisse eines regierungsnahen und mithin nicht unabhängigen Insituts heranzuziehen, welches dafür geschaffen wurde, die Effekte von Politik so zu bewerten, wie die Politik und deren Auftraggeber das vom Institut erwarten. Selbst dergestalte Ämter sind, wie man wissen kann, davor inzwischen nicht gefeit: So wie Zitronenfalter Zitronen falten, schützt der Verfassungsschutz die Verfassung.

    Ach, diese neoliberalen Spinner mit ihren VW-Voodoo. Ständig verwechseln sie BWL mit Volkswirtschaftslehre. Das wird aber wohl noch eine Weile so gehen. Gemeingefährliche Idiotie ist es gleichwohl.
  • Fred Heine
    am 09.12.2014
    kerkedes, 08.12.2014 17:51

    Trolle sind solche, die keine Argumente bringen. Und das sind wohl ganz offensichtlich Sie.
  • kerkedes
    am 08.12.2014
    Der Fred Heine klingt TROLLig. Es lohnt sich nicht, darauf zu antworten.
  • kerkedes
    am 08.12.2014
    @ KaBreisinger

    Ihr Verweis auf die Herkunft von Statistiken ist wirklich gut. Ich frage mich schon lange, wie die Berechnung des durchschnittlichem Brutto-Jahreseinkommen (z.Z. 31.000 Euro) zustande kommt, die als Bezugsgröße zur durchschnittlichen monatlichen Rentenhöhe von ca. 1100 Euro abzüglich Krankenkasse und Steuern dient.
  • Fred Heine
    am 08.12.2014
    Stephan Becker, 07.12.2014 14:13

    Herr Becker, Sie beschreiben doch den offensichtlichen Widerspruch, den ich meine: alle klagen über steigende Mieten, gleichzeitig werden die Wohnungen immer GRÖSSER. 1950 hatten wir 14 qm pro Person, heute reden wir von 45 qm pro Person.

    1. Wie kann es sein, dass Wohnen anscheinend immer teurer, gleichzeitig der Wohnraum der Menschen immer größer wird? Das ist ein Trend, der sich auch in den letzten Jahren fortgesetzt hat!

    2. Auch und besonders nach massiven Privatisierungen STEIGT der Wohnraum je Einwohner. Das bedeutet doch: Privatisierungen führen zu großen Wohnungen, Wohnraumbewirtschaftung bedeuten kleine, teure Wohnungen.

    Sie können mir gerne eine Antwort darauf geben. So lange ich die nicht habe, sage ich: ein Hoch auf die Marktwirtschaft! Weg mit öffentlicher Wohnraumbewirtschaftung – wie sie auch immer daherkommen mag!
  • KaBreisinger
    am 07.12.2014
    @Fred Heine, 07.12.2014 17:36

    Short-Story: Als es im Vorfeld der BT-Wahl 2009 um die Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken ging, habe ich mich mal mit einer Statistikerin unterhalten, welche nicht in einem "Institut", sondern in einer echten, dem Gegenstand entsprechenden Regierungs-Behörde werkelte. Auf meine Frage - das war lange vor Fukushima, aber auch lange nach Tschernobyl - ob denn nicht klar sei, dass Atomkraft keine ernsthafte Alternative ist, antwortete sie unumwunden, dass bei den Statistiken, welche Grundlage von Regierungshandeln werden, das Ergebnis ohnehin von vornherein feststehe: Die zu liefernden Daten werden danach "gefiltert" - also schnöde gefälscht.

    Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, eine Erfindung des Bundesinnenministeriums von 1973, ist eines jener Institute, die der Politik scheinbar objektive, "wissenschaftliche" Entscheidungsgrundlagen liefern. Das Institut, dessen Statistik Sie zitieren, ist de facto Teil der amtierenden Bundesregierung. Es untersteht BM Thomas de Maizière von der CDU.

    Sie haben aber den Rest meiner Fragen nicht beantwortet: Was heißt: "Da sage ich: ein Hoch auf die Marktwirtschaft! Weg mit dem Wohnungssozialismus, der uns in teure Miniwohnungen zwingen will!" Erklären Sie das.
  • Fred Heine
    am 07.12.2014
    KaBreisinger, 06.12.2014 00:14

    Also, mit dem schämen sind wohl eher Sie dran.

    Sie möchten Quellen?

    Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB):
    "Pro-Kopf-Wohnfläche erreicht mit 45m² neuen Höchstwert
    In Deutschland hält der Trend zu größeren Wohnflächen pro Kopf an. Standen im Jahr 1998 jedem Einwohner noch durchschnittlich 39m² zur Verfügung, so ist die Pro-Kopf-Wohnfläche mittlerweile auf 45m² angewachsen. Diese Zahlen
    hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) auf Grundlage des Mikrozensus veröffentlicht."

    Wikipedia:
    "Die Hauptursachen hierfür sind: der Anstieg der Wohnfläche pro Person von ca. 14m² (1950) auf mittlerweile ca. 42m² (2004)"

    Jetzt können Sie mir gerne sachlich antworten.
  • Stephan Becker
    am 07.12.2014
    @Fred Heine
    "Ich verstehe ja eines nicht: wenn die Mieten und die Wohnungsnot so exorbitant sind, wieso steigt die Zahl der Quadratmeter pro Person seit Jahren ständig und so exorbitant? "

    Wie war die Subventionierung der Baustoffherstellung (Zement etc.) früher und heute? Wie hat sich die Bautechnik (Gerüste, Baumaschinen, Berechnung mit Hilfe des Computers ohne Schieblehre und Zeichenbrett) in 50 Jahren verbessert? etc.
    Auch die Seitenzahlen der Bauverordnungen haben sich seitdem exorbitant vermehrt. Viele Juristen kommen so in Lohn und Brot und müssen sich nicht nur um die Durchsetzung von hirnrissigen Großprojekten kümmern.

    In Freiburg konnte ein grüner OB im Jahr 2006 nur durch massiven Widerstand der Bevölkerung, u.a. durch ein erfolgreiches Bürgerbegehren, daran gehindert werden, städtische Wohnungen an einen Finanzinvestor zu verkaufen.

    Dazu ein Zitat aus einem Artikel in der "Jungen Welt"

    "30.11.2006
    Nächste Runde in Freiburg
    Von Gerhard Hanloser
    Nach dem erfolgreichen Bürgerbegehren gegen die Privatisierung des kommunalen Wohnungsbaus in Freiburg, geht der Kampf gegen den Sozialabbau in eine neue Runde.

    In der vergangenen Woche wurde der Bürgerschaft mitgeteilt, daß nach den neuesten Steuerschätzungen der Haushalt 2006 ohne Fehlbetrag abschließen könne und sogar teilweise eine Rückzahlung der Fehlbeträge aus 2004 und 2005 möglich sei. Damit stellt sich plötzlich die Behauptung, ein genehmigungsfähiger Haushalt könne ausschließlich mit dem Verkauf der Stadtbau und der dadurch sich ergebenden Verringerung der Zinslast erreicht werden, als wilde These heraus."
  • KaBreisinger
    am 06.12.2014
    Mhmm... @Fred Heine:

    Sie verstehen "eines nicht" (Fred Heine, 04.12.2014 11:08), ohne im Weiteren Ihre statistischen Quellen belegen zu können, geschweige denn zu verifizieren. Und exkulpieren einen Post weiter dann die neoliberale Wohnraumprivatisierung lauthals, indem Sie sozialen Wohnungsbau per se diffamieren ("[...]Da sage ich: ein Hoch auf die Marktwirtschaft! Weg mit dem Wohnungssozialismus[...]").

    Kann es sein, dass ich Sie insofern richtig verstehe, als dass Sie selbst ein direkter oder indirekter Nutznießer der prekären Wohnungssituation (z.B. als Vermieter oder als dessen Sprachrohr bezahlt) in Stuttgart (oder anderswo; beliebig) sind, resp., Sie am Elend wohnungssuchender "Minderleister" sich eine zweite goldene Nase verdienen? Dass Sie rabulistisch nicht belegte Zahlenwerke bemühen. Dass Sie hierbei bewusst mehr als ein halbes Jahrhundert sozio-kultureller Entwicklungen ignorieren? Kann es sein, dass Sie überhaupt nicht ein Jota Ahnung haben von den Schicksalen, von denen Sie hier munter drauf los plappern? Dass diese Biografien Ihnen im Grunde egal sind? - Vom von Ihnen zitierten "Sozialismus" haben Sie als neoliberaler Schreihals und konservativer Kreationist offensichtlich ein wenig zu lange schmarotzt; was eine nicht invalide Erkenntnis fürderhin wäre...

    Möglicherweise sind Sie aber auch nur ein irregeleiteter Nachplapperer, welcher doch ach-so-gerne zum oberen Ende der systemischen & gleichwohl unappetitlichen Nahrungskette vorstoßen möchte.

    Wie auch immer: Ekelhaft & unmenschlich scheint Ihre Attitüde. Schämen dafür müssten Sie sich aber schon selbst - falls Sie das noch können.
  • kerkedes
    am 04.12.2014
    Sie wissen ja gar nicht, wie recht Sie haben, Herr Fred Heine.
  • Fred Heine
    am 04.12.2014
    @kerkedes, 04.12.2014 13:54

    Verstehe ich Sie richtig: in den 1960er-Jahren gab es viele Wohnungen mit gedeckelten Mieten. Deshalb lebte der Durchschnittsdeutsche auf im Schnitt 10 Quadratmetern. Seit die privaten Wohnungsgesellschaften Wohnungen zur Profitmaximierung nutzen, hat sich der Pro-Kopf-Anteil auf 40 Quadratmeter erhöht.

    Da sage ich: ein Hoch auf die Marktwirtschaft! Weg mit dem Wohnungssozialismus, der uns in teure Miniwohnungen zwingen will!
  • Wie jetzt, kerkedes?
    am 04.12.2014
    "Die Wohnfläche pro qm war in den 60er Jahren sicherlich viel kleiner als heute."

    1 qm war schon immer 1 qm, daran hat sich also gar nichts geändert.
  • kerkedes
    am 04.12.2014
    @ Fred Heine

    Die Wohnfläche pro qm war in den 60er Jahren sicherlich viel kleiner als heute. Auf der anderen Seite gab es damals aber auch viel mehr Wohnungen, die in der Mietsteigerung gedeckelt waren, also nicht der Preisbildung über die Vergleichsmiete - Mietspiegel unterlagen (Werkswohnungen, öffentlich geförderte Wohnungen).
    Diese werden seit den 90er Jahren vorwiegend an Großgesellschaften (Deutsche Annington, Patrizia, Gagfah etc.) verkauft, die natürlich entsprechend Rendite für ihre Aktionäre reinholen müssen und ihre Möglichkeiten ausreizen. Bei 20% innnerhalb von 3 Jahren ergibt sich eine Verdoppelung der Kalt-Miete in etwa 10 Jahren, abgesehen von den Tricksereien bei den Nebenkosten. Bei Neuvermietung einer Wohnung entfällt zudem die Bindung an den Mietspiegel.
    Bei Hartz IV ist ein Einzelhaushalt auf 45 qm beschränkt, für jede weitere Person kommen 15 qm dazu. Die 45 qm-Begrenzung gilt schon seit den 70er Jahren für eine Sozialwohnung.
    Da die Gesellschaft immer stärker einen Bevölkerungsanteil mit relativ geringem Einkommen bzw. Renten abspaltet, werden sich die 60er Jahre wohl wieder einstellen, wobei die Daimler-Ingenieure wahrscheinlich weniger betroffen sein werden.
  • Kontext-Redaktion (Freudenreich)
    am 04.12.2014
    Die Zahl 11 400, auf die sich der Mieterverein bezieht, basiert auf der Gebäude- und Wohnungszählung des Statistischen Landesamt Baden-Württemberg von 2011. Dort sind exakt 11 408 leer stehende Wohnungen genannt. Je nachdem, wie hoch man die "permanente Fluktuationsreserve" ansetzt, kommt man auf einen Leerstand zwischen zwei und vier Prozent bei rund 300 000 Wohnungen in Stuttgart.
  • Fred Heine
    am 04.12.2014
    Ich verstehe ja eines nicht: wenn die Mieten und die Wohnungsnot so exorbitant sind, wieso steigt die Zahl der Quadratmeter pro Person seit Jahren ständig und so exorbitant? In den 1960er-Jahren wohnte man im Schnitt auf 10 Quadratmeter pro Person, heute sind es im Schnitt fast 40.

    Das trifft sich mit meiner Vermutung, dass das Wohnen an sich im Verhältnis zum Einkommen damals viel teurer war. Der Vater eines Schulfreundes arbeitete als Ingenieur bei Daimler. Die sechsköpfige Familie wohnte auf ca. 60 Quadratmetern – mehr war damals finanziell nicht drin. Wohl gemerkt, der Vater war Ingenieur bei Daimler, hat also damals schon überdurchschnittlich gut verdient. Selbst bei Hartz IV stünde der Familie heute eine Wohnung mit rund 150 qm zu.
  • kerkedes
    am 04.12.2014
    Also dass der Mieterverein Plakate gegen Leerstände klebt, ist wirklich löblich.
    Nach den Aktivitäten und dem Mitwirken der SPD zu den Massenverkäufen von Wohnungan aus dem ehemals sozialen Wohnungsbau an die Immobilienwirtschaft mit den damit einher gehenden exorbitanten Preissteigerungen fragt der Interviewer lieber nicht. Und was ist mit der Senkung der höchst zulässigen Mieterhöhung von 20 auf 15 %? Ist die SPD und der Mieterverein dahingehend in der Landesregierung aktiv geworden? Ich lasse mich gern belehren, aber gehört habe ich davon nichts. Übrigens war Bayern das erste Bundesland, das dies umgesetzt hat.
    Also gemessen an der Wohnungspolitik der SPD und ihren Funktionären ist die Aktion von Gassmann ein Tun als ob, der Mieterverein ein Wahlverein der SPD.
    Dass sich Gassmann hier als hervorragender Mieterschützer profilieren darf, erinnert an die heiß geliebte StZ. Ist Frau O. nicht mehr dort?
  • Schwabe
    am 03.12.2014
    Herr Rolf Gassmann war mir vor diesem Artikel nicht bekannt. Nach dem Lesen des Interwiews bin ich jedoch spontan geneigt meinen Hut vor Herrn Gassmann zu ziehen!
    Seine harte Haltung/die Ablehnung gegenüber Kuhn, gemeinsam mit dem Lobbyistenverein Haus&Grund einen (Alibi)Aufruf an Grundstückseigentumer zu starten der diese FREIWILLIG auffordert etwas gegen den (oft dekadenten) Wohnungsleerstand zu tun, zeugt von großem Sachverstand sowie Mut und nötigt mir großen Respekt ab! Gleiches gilt für die gute, mutige und konsequente Plakataktion (ich hab noch keins gesehen - hängen die noch in Stuttgart?).
    Herr Gassmann kommt für mich, nicht zuletzt wegen seiner Aktivitäten, authentisch rüber.

    Das einzigste was mich irritiert, sollte ich mit meiner Meinung/Einschätzung über Herrn Gassmann richtig liegen ist, dass er immer noch Mietglied der SPD ist, einer Partei deren Mächtige Funktionäre durch und durch bürgerlich sind und diesbezüglich den CDU-Funktionären in nichts nachstehen!

    @h.sichler
    Sie stellen Herrn Gassmann als jemanden dar, der 30 Jahre Zeit hatte und (sinngemäß) zugunsten von Mietern im Endeffekt nichts wirklich (System) entscheidendes bewegt/verbessert hat. Das mag ja (je nach Blickwinkel oder Maßstab den man anlegt) durchaus so sein, liegt m.E. aber insbesondere in der Natur der Sache, sprich an dem übermächtigen Gegner (Kapital, Immobilienwirtschaft, bürgerliche Politik) und der Lethargie der Bevölkerung begründet. Oder sind Sie hier anderer Meinung?
  • h. sichler
    am 03.12.2014
    Schon blöd, dass nach dem verkommenen CDU-Schuster nun ausgerechnet der Berlin-geschulte stille Populist und CSU-Mann mit Grünem Parteibuch, Fritz Kuhn, die Stadt schleift, dass es quietscht. Da könnte sich wahrschinlich selbst der engagierte Verräter Oswald Metzger eine dicke Scheibe abschneiden vom veganen Hunde-Kuchen. Kuhn ist die Fortsetzung von Schuster mit anderen Mitteln - wobei Schuster als Vertreter des Schwäbischen ancien regime zuletzt noch in jedes Fettnäpfchen treten musste, während Kuhn sich als Retter vor dem INSM-Monster Turner präsentieren durfte. -So wohl treibt man den Teufel mit dem Beelzebub aus.

    Paragraph 14, Absatz 2 GG zu bemühen ("Eigentum verpflichtet") ist honorig, aber - vorsichtig ausgedrückt - auch ein bisschen nostalgisch - als würde man die CDU auf das Ahlener Programm festnageln (oder die SPD an ihre Zeit vor dem Gothaer Programm von 1875).

    Dass ein so offensichtlich engagierter Mieter-Lobbyist wie Rolf Gassmann seine ehrliche SPD-Hartholz-Birne schon seit 30 Jahren hinhält gegen Mietwucher und ähnliches Ungemach, erklärt um so eindrücklicher, warum sich nichts Wesentliches ändert diesbezüglich: Wenn man in Betracht zieht, dass es ein amtierender sozialdemokratischer Minister, also ein Parteikollege, nein -Genosse war, welcher "Patrizia" anno 2012 in Stuttgart zum exorbitanten Wuchern einlud, und man wiederum weiter so ein bisschen okkult herumrechnet, versteht man auch, warum so eine SPD-Hartholzbirne wie Gassman als Anwalt der Mieter gepusht wird: Zahlt sich aus.

    Das läuft prinzipiell in etwa so, wie Stuttgart 21 lief.

    Ach was, ein despektierliches Gerede meinerseits: Der Gassman macht das schon gut. Besser macht es doch niemand - weil niemand sonst es macht. Oder?

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