Künstlerin Justyna Koeke in ihrem Atelier. Foto: Martin Storz

Ausgabe 319
Kultur

Glitzervaginas gegen Prostitution

Von Elena Wolf
Datum: 10.05.2017
Wäre Prostitution ein Tiefbahnhofprojekt, würden Tausende Menschen dagegen auf die Straße gehen. Dass das nicht passiert, findet die Ludwigsburger Künstlerin Justyna Koeke skandalös. Deshalb hat sie eine Spendenaktion für Aussteigerinnen initiiert, mit der schrillen Performance "Galateas" als Auftakt.

Deutschland ist schon ein verrücktes Land. Wie sonst lässt es sich beschreiben, dass Menschen bis aufs Blut gegen einen Tiefbahnhof ausrücken – aber kaum Gefühle entwickeln, wenn Tausende Frauen täglich körperlich und seelisch malträtiert werden. Auch in der Dauerprotest-Hochburg Stuttgart juckt die meisten kaum, dass hier jeden Tag mehr als 1400 Frauen ihre Körper verkaufen müssen. Die Plakatkampagne "Stoppt Zwangs- und Armutsprostitution", die im April 2016 kurzzeitig für rote Köpfe sorgte, änderte nichts an der Tatsache, dass unzählige Männer in Stuttgart täglich kein Problem darin sehen, Frauen für 30 Euro ohne Kondom nach Belieben zu penetrieren. Wie kann es sein, dass das Thema Prostitution und das Elend, das mit ihm verbunden ist, nicht auf mehr Wutbürgertum stößt?

Diese Frage stellte sich auch die Ludwigsburger Bildhauerin und Performancekünstlerin Justyna Koeke – und zündet kommenden Freitag im Schauspiel Nord die Eskalations-Stufe gegen ein kollektives Bewusstsein, das Prostitution als Gesellschaftsphänomen akzeptiert. Mit ihrer Performance "Galateas" knüpft die 40-Jährige da an, wo sie am Frauentag vergangenen Jahres mit "Prinzessinnen und Heilige" in der Stadtbibliothek Stuttgart aufgehört hat. Damals schickte die Feministin 15 Seniorenheim-Bewohnerinnen in märchenhaften Kinderkostümen über einen Catwalk, um eine Brücke zwischen Mädchenträumen, Schönheitswahn und dem Dasein im Lebensalter zu schlagen. Für "Galateas" schickt sie jetzt etwa 15 Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart als lebende Skulpturen auf die Bretter, musikalisch begleitet von Live-Operngesang und einer singenden Säge.

Ziel: 10 400 Euro sammeln

Die Kunstaktion ist der Startschuss für eine großangelegte Spenden-Kampagne verschiedener Stuttgarter Kulturschaffender und sozialer Einrichtungen, wie dem Stuttgarter Caritasverband, dem Café "La Strada", der Erotik-Boutique "Frau Blum" und dem Verein "Sisters". So unterschiedlich diese Welten sind, so einig sind sie sich über ihr gemeinsames Ziel: sich für den Ausstieg von Frauen aus der Prostitution einzusetzen und dafür 10 400 Euro zu sammeln. Mit dem Betrag soll mindestens vier Frauen der Ausstieg ermöglicht werden. Auf der Crowdfunding-Seite können ab kommenden Freitag symbolisch Hilfsaktionen ausgewählt werden, die Koeke in Zusammenarbeit mit Charlotte Brunner vom Frauen-Café "La Strada" im Leonhardsviertel erarbeitet hat. "2 Tage Ausruhendürfen" können etwa schon mit 30 Euro gefördert werden, mit 430 Euro schenkt man einer Aussteigerin "1 Monat zur Neuorientierung".

Dass beim Ernst des Themas trotzdem gelacht werden darf und soll, wird bei einem Besuch in Koekes Atelier in der alten Ludwigsburger Eberhard-Ludwig-Kaserne klar. Hier sitzt die gebürtige Krakauerin in ihrem Element: einem Berg aus schrillen Stoffen, Styroporkügelchen und den textilen Kunstobjekten, die kommenden Freitag zum Einsatz kommen werden. In der einen Ecke liegt eine überdimensionale Vagina aus pinkem Leopardenfell, daneben diverse blanke Hinterteile und bestrumpfte Beine. Am anderen Ende des kreativen Chaos steht ein handgenähter Frauentorso samt Korsage – natürlich unten ohne – und ein riesiges, undefinierbares, fleischfarbenes Objekt in Netzstrümpfen. Über den ganzen Boden wild verteilt: Spermien aus silbernem Spandex-Material. Inmitten des Schweinkrams sitzt Golden Retriever "Attila". Der ist zur Abwechslung aus Fleisch und Blut und weiß genau, dass die Arbeiten von Frauchen tabu für Knabbereien sind. Was um Himmels Willen hat diese Frau mit "Galateas" vor?

"Es ist total schockierend, dass es so eine große Akzeptanz für Prostitution in einem so aufgeklärten und reichen Land wie Deutschland gibt", erzählt die Künstlerin, während sie sich Styroporkügelchen mit einer Wasser-Sprühflasche vom Pulli entfernt. Die meisten Menschen in Gesellschaft und Politik hätten es einfach wie eine Naturkonstante akzeptiert, dass Männer Frauenkörper kaufen. Koeke will das nicht. "Man schlägt auch keine Kinder mehr, und die Sklaverei wurde auch abgeschafft", argumentiert sie. "Von diesen Dingen dachte man früher auch, dass sie ganz normal seien."

Inspiriert vom antiken Pygmalion-Mythos

Mit ihrem Kunstprojekt greift Koeke einen Mythos aus Ovids "Metamorphosen" auf. Der römische Dichter beschreibt dort im zehnten Buch einen Bildhauer namens Pygmalion, der die Schnauze voll hat von den irdischen Weibern. Aus Frust erschafft er eine Statue aus schneeweißem Elfenbein und "gab ihr eine Gestalt, wie keine Frau auf Erden sie haben kann". Pygmalion verknallt sich natürlich in die Elfenbeinfrau und fleht zur Liebesgöttin Venus, dass sie ihm ein Mädchen schenke, das so sei wie sein Kunstwerk. Simsalabim: Als er heimkommt und die Statue mal wieder begrapscht und küsst, wird sie lebendig und ist ihrem Schöpfer vollends verfallen ("sie ist errötet!"). Im weiteren Verlauf der Kunstgeschichte wird sie "Galatea" genannt.

"Dieser Mythos passt perfekt", stellt die Feministin fest. Denn in ihrer Performance ist die Entpersonalisierung von Prostituierten ein zentrales Thema. Bei ihren monatelangen Recherchen auf Vorträgen und im Gespräch mit einer Ex-Prostituierten aus Stuttgart, mit der sie für ihre Arbeit eng in Kontakt stand, wurde vor allem eines klar: In der Prostitution werden Frauen und ihre Körper zu Objekten. Viele Prostituierte würden sich "bei der Arbeit" mental aus ihrem Körper ausklinken, um die Situation zu ertragen, nicht selten sogar eine zweite Persönlichkeit erschaffen, die es ihnen erlaube, sich psychisch von dem abzugrenzen, was physisch mit ihrem Äußeren, ihrer Elfenbein-Hülle, vor sich geht. Dann werden sie wie die Statue des Pygmalion. Genau dieses Moment ist Dreh- und Angelpunkt von Koekes "Galateas".

Wenn man sich im Atelier der quirligen Styropor-Queen umschaut, kann man sich das Lachen schwer verkneifen bei der Vorstellung, dass diese anthropomorphen Textilobjekte so lebendig wie Pygmalions Elfenbein-Sexpuppe werden sollen. Darf man überhaupt lachen, bei einem so ernsten Thema und bei "ernsthafter" Kunst? "Klar", meint die Künstlerin, die sich seit Jahren auch immer wieder in skurrill-sexualisierten Performances an der Katholischen Kirche abarbeitet – und schnell zur Skandal-Nudel avancierte. Zuletzt sorgte sie mit dem Wandkalender "Stuttgart under Construction" für Furore. Ein, so Koeke, neofeministisches Fotoprojekt, in dem sie mit anderen Mitstreiterinnen aus dem Kunstakademie-Umfeld nackt auf "Stuttgarts schönsten Baustellen" posierte und sich satirisch mit der Baustellen-Stadt Stuttgart auseinandersetzte.

"Ich will raus aus der Kunst-Soße und nicht nur Kunst für Kunst machen", erzählt die FKK-erprobte Performerin, die mit ihrer Haltung schon oft angeeckt ist. Die Kombination aus dem schweren Thema Prostitution und ihrer irrwitzig-kitschigen Kunst ist vielen nicht geheuer. Da hilft es wenig, dass sie Dozentin an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und der Freien Kunstakademie Nürtingen ist und ihre tragbaren Skulpturen schon auf internationalen Festivals gezeigt hat.

Schwierige Ortssuche wegen des Themas

Obwohl ihr Projekt unter anderem vom Kulturamt der Stadt Stuttgart, der pbb Stiftung für Kunst und Wissenschaft und der Caritas unterstützt wird, hatten Koeke und ihr Team große Probleme, einen geeigneten Aufführungsort zu finden. "Ursprünglich wollten wir an einen Ort, der beim Thema Prostitution eine große Rolle spielt, politisch, kulturell und gesellschaftlich". Doch weder der baden-württembergische Landtag noch das Rathaus Stuttgart oder die Schwabengarage konnten oder wollten sie ins Haus lassen. "Es ist eben ein unangenehmes Thema".

Umso genialer, dass Koeke die Gabe besitzt, ihrer oberflächlich naiv anmutenden Kunst eine Tiefe zu verleihen, die Münder offenstehen lässt. Denn sie unterhält in erster Linie und schafft in zweiter trotzdem das, was sich viele KünstlerInnen zwar immer gerne in ihre Pressemappen schreiben lassen, aber selten erreichen: Menschen "zum Nachdenken anzuregen". Eine unschlagbare Kombination aus Hirn und Herz.

Als würden sich die Pupillen der ZuschauerInnen nicht schon bei Koekes Arbeit durch Reizüberflutung weiten, hat sie sich für ihre Performance weitere großartige Freaks aus der Kunstszene ist Boot geholt. Anders kann man etwa Teresa Grebtschenko nicht beschreiben, eine studierte Schlagzeug- und Figurentheaterspielerin, die in einem pinken Kostüm mit vier Beinen auf einer Massage-Pritsche liegt, mit ihren Händen und Füßen auf eine Bassdrum einschlägt, dabei Trompete spielt und danach Glitzerfolie aus ihrem Dekolleté wirft. Die Freiburger Dozentin für Neue Musik wird nach "Galateas" eine Musik-Performance abfeuern, die niemand vergessen wird. Schön, dass es noch Verrückte gibt, die Verrücktes wieder zurechtrücken.

 

Die Performance "Galateas" ist der Startschuss der Spendenaktion für den Ausstieg aus der Prostitution und findet am kommenden Freitag, den 12. Mai, um 20.30 Uhr im Schauspiel Nord statt. Der Eintritt ist frei, Spenden erwünscht. Mehr Infos finden Sie hier.


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4 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 15.05.2017
    Wenn sich eine Frau/Mann prostituieren wollen um schnell Geld zu verdienen ist das ihre persönliche Freiheit.
    Wenn sie durch ökonomische Verhältnisse und/oder Konsumdenken sich dazu genötigt sehen ist das neo"liberale" , eher neofeudale , Wirtschaftssystem und seine Kreationisten in Wirtschaft und Politik vor allen anderen verantwortlich. Siehe das Interview von Abmayer mit dem Jenaer Soziologieprofesser.
    Das sich dann sogenannte "links- und rechtspopulistische" Parteien in Europa bilden , die mit dem neofeudalen "Pulse of Europe" nichts zu tun haben wollen ist logisches Ergebnis dieser "Politik" , mit Parteien und Politikern als Marionetten des Neofeudalismus.
    Leider werden auch diese neuen Parteien , egal welcher Ideologie , vom neofeudalen
    Mainstream unterwandert.
    Ebenso wie die Grünen und Sozis (Nahles) systemimmanent wurden bzw. die "Fundis" und die Piraten medial hingerichtet wurden. Auch bei der Linken ist dieser Vorgang zu beobachten.
    Die Abwendung von Europa wird nicht durch linke/rechte "Nationalismen" befördert ,
    sondern durch Zukunftsangst und Wut der größer werdenden Gruppe der Prekären.
    Dies unaufhaltsam wie auch "progressive" Vertreter des Neofeudalismus richtig vorraussehen (z.B. der Hochbegabte Gerald Hörhahn/der "Investment-Punk" ).
    Wer hier nicht ansetzt , komischerweise nützem dem Überwachungsstaat Deutschland
    (Professor Thomas Fischer , Vorsitzender des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshof ,
    Ilja Trojanow uvm.) seine Kapazitäten nichts gegen die organisierte Kriminalität/Zwangsprostitution) . In dieser Ausgabe ist ja auch ein Artikel zur organisierten Kriminalität im Ländle .
    In diesem Sinne ist es eine nette Wachrüttelaktion ,mehr aber auch nicht , da der Fisch bekanntlich vom Kopf her stinkt.
    "Oben bleiben" hat damit nichts zu tun , völlig undifferenziert.
  • Peter L.
    am 15.05.2017
    Durchaus nachvollziehbar, diese Sichtweise auf Prostitution. Es muss aber in Frage gestellt werden, wie weit diese Sichtweise auf alle Prostituierten verallgemeinert werden kann. Und vor allem: wie sieht die andere Seite aus? Welche Prostituierte steht am Straßenrand und denkt "hoffentlich will mich heute keiner"? Welcher Prostituierten wäre wirklich damit gedient, wenn die Männer zu Hause bleiben würden?
  • Brigitte Busch
    am 13.05.2017
    Die Äußerungen sowohl von Elena Wolf als auch die "Kunst" von Justyna Koeke empfinde ich als völlig daneben bis unverschämt. Warum sollen die S21-Gegner auch noch auf die Straße gehen gegen die grauenvolle Prostitution. Garantiert sind 99% dieser Demonstranten gegen Prostitution. Ich persönlich habe schon oft schriftlich dagegen protestiert u.a. zusammen mit Alice Schwarzer für ein Verbot des bezahlten Vergewaltigens plädiert. Warum organisieren Elena Wolf und Justyna Koeke nicht eine Demonstration, vielleicht jeden Dienstag? Es wäre schon lange angebracht, wenn sich Politik und Justiz mit einem Prostitutionsverbot verdient gemacht hätten.
    Die "Kunst" von Justyna Koeke empfinde ich als primitiv pornographisch und sie kann die Männerwelt und Prostituiertenkunden nur erfreuen und anregen, ebenso mit den in meinen Augen dämlichen Nacktkalendern, die sich diese Männer aufs Klo hängen.
    Der Vorwurf, die S21-Gegner würden sich nicht um die Prostitution kümmern, ist jedenfalls eine Frechheit. Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?


    Mit besten Grüßen und Oben bleiben!
    Brigitte Busch
    
    • Zara G.
      am 15.05.2017
      Ich denke, dass es um Provokation geht, die hier absolut gerechtfertigt ist. Warum demonstrieren Menschen nicht, wenn es um Menschenwürde geht, sondern gehen auf die Straße, wenn es um ein total nebensächliches Thema wie z.B. einen Bahnhof geht, ein im Vergleich Luxusproblemchen. Ich weiß es nicht....

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