In einer Welt, in der Frauen immer noch ausgebeutet werden, klingt "selbstbestimmte Prostitution" wie ein Witz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 240
Debatte

Die unheimliche Hure

Von Elena Wolf
Datum: 04.11.2015
Das neue Prostitutionsgesetz, das im kommenden Jahr in Kraft treten soll, befeuert einmal mehr grundsätzliche Debatten. Sexarbeiterinnen reklamieren das Recht auf freie Berufswahl. Doch in einer patriarchalen Gesellschaft, so unsere Autorin, kann es keine selbstbestimmte Prostitution geben.

Nutte oder Hure ist gegenwärtig eines der härtesten Schimpfworte gegen eine Frau. Sogar über eine zweite Generation hinweg, nämlich einen Sohn, wirkt die Beleidigung in Form von Hurensohn und trifft damit zwei auf einen Streich. Komischer Einstieg für eine Geschichte über Prostitution? Nicht, wenn man weiß, wie sich in Sprache gesellschaftliche Normen, Moralvorstellungen und Machtverhältnisse niederschlagen. Da diese sich bekanntlich verändern, verändert sich auch der Gebrauch von Schimpfworten. Klickt man sich auf You-Tube jedoch durch zahlreiche Clips von Vertretern des deutsch- wie englischsprachigen Rap, wird klar, die Hure spielt immer noch ganz weit oben mit, wenn es um übles Vokabular geht und verweist die Frau sprachlich auf ihren Platz - unter dem Mann. 

Im Mittelalter bezeichnete huor neben Ehebruch auch den außerehelichen Beischlaf, während die huoreslust auch allgemein für Geilheit stand, die nicht an die Ehe gebunden war. Das Interessante daran ist, dass Geilheit in der heiligen Ehe gar nicht denkbar war. Geschlechtsverkehr mit dem Ehepartner sollte der Fortpflanzung dienen, galt als rein und stand einem niederen Sexualtrieb ohne ehevertragliche Reproduktion diametral gegenüber. Diese kirchlich geprägte Moralvorstellung wurde von katholischen Männern gemacht. Sie waren es, die Sexualität ins Korsett der Ehe zwangen. Doch der Mensch ist nun mal geil. Was also tun, wenn die Heilige zu Hause der Geilheit kein Ventil verschaffen darf? Und schon sind wir beim Thema: Prostitution.

Sexarbeiterin - nicht mehr als ein sprachlicher Trick

Wahrscheinlich ist sie nicht alleine auf bigotte Moralvorstellungen zurückzuführen. Doch die lange Tradition der Unvereinbarkeit von so genannten niederen Trieben mit der Institution Ehe ist ein interessanter Aspekt in der Analyse des Unbehagens, das dem Thema Prostitution wie ein Kaugummi an der Schuhsohle klebt. Da hilft es auch nicht, dass Huren heute Sexarbeiterinnen genannt werden und kluge Menschen versuchen, Sex in ein Tauschverhältnis von Kapital und Ware zu transportieren. Wäre die Sexarbeiterin in der gesellschaftlichen Wahrnehmung eine Dienstleisterin wie die Frau, die in der Lieblingskneipe den Gin Tonic serviert, bekämen Eltern keine Schnappatmung mehr bei der Vorstellung, dass die Tochter Sex serviert. Außerdem hat wohl noch niemand gehört, dass ein Mann eine Frau mit "Du Restaurantfachfrau!" beschimpft hätte - ist doch auch ein normaler Beruf. Hier stimmt irgendetwas nicht.

Das Unbehagen, das der Prostitution anhaftet, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sie eine Moralvorstellung auf den Kopf stellt, die die bürgerlich-patriarchale Vorstellung von Liebe, Heirat und Monogamie unterwandert. Sie wird zu einem unheimlichen Ort der bloßen Sexualität, die keinen Platz in der bürgerlichen Dreifaltigkeit hat und damit zwangsläufig zu einem moralischen Unort mutiert. Das Fatale an dieser Konstellation ist nun, dass dieser Unort von Männern erschaffen und doppelmoralisch stabilisiert wurde. Durch das männliche Privileg, Moralvorstellungen, wie die einer bürgerlich-patriarchalen Gesellschaft zu definieren, die Frau zu domestizieren und damit die Spaltung von Frauen in Huren und Heilige (Ehefrauen) zu vollziehen, hatten Männer ein Machtinstrument in der Hand: Sie konnten einerseits empört gegen Prostitution und Prostituierte vorgehen, sich andererseits aber nach Belieben an den öffentlichen Mädchen bedienen, ohne selbst ins Kreuzfeuer zu geraten. Denn die houreslust oder Geilheit ist, wie wir oben gesehen haben, nicht einmal sprachlich mit einer ehrbaren Frau vereinbar, der Besuch bei einer Hure damit das Problem der (eigenen) Frau. Ein Teufelskreis. 

Von Gleichberechtigung immer noch weit entfernt

Was soll dieser Exkurs über Rap, Bürgerlichkeit und mittelalterliche Ehebetten? Er sollte - um im Bild zu bleiben - das Vorspiel sein, um das Phänomen der Prostitution von einer Seite zu beleuchten, die in der aktuell wieder aufkochenden Debatte um Prostitutionsgesetze & Co. kaum Beachtung findet: Hegemonie. Als unsichtbares Herrschaftsinstrument wirkt Hegemonie in unseren Köpfen und erzeugt Vorstellungen von Moral, Normen, Erwünschtem und Unerwünschtem. Ort der Entstehung von Hegemonie sind dabei gesellschaftliche Institutionen wie Kirchen, Schulen, Familien oder Medien. Sie programmieren die Hirnrinden und vermitteln so, was richtig oder falsch ist. Hier lernen wir auch, dass es zwar durchaus legitim ist, jeden nur erdenklichen Mist in der Werbung mit Sex zu verkaufen, während der wirkliche Verkauf von Sex an einem von Gewalt und Kriminalität dominierten Unort stattfindet. Doch Frauen, die sich auf dem kulturellen Fleischmarkt wiederum nicht sexy verkaufen, müssen mit sozialen Konsequenzen rechnen. Das Dilemma des Mittelalters scheint auch 2015 nicht gelöst.

Während man sich heute zurecht Gedanken darüber macht, wie Gewalt, Menschenhandel und anderen Aspekten der Prostitution beizukommen ist, wird vergessen, dass vielmehr an der Idee der Gleichberechtigung von Männern und Frauen gearbeitet werden müsste. Denn davon ist die Gesellschaft immer noch weit entfernt. In einer Welt, in der Frauen immer noch ausgebeutet, objektiviert, gefoltert, zwangsverheiratet, mies bezahlt, systematisch vergewaltigt werden und Hure ein Schimpfwort ist, klingt die Mär von der selbstbestimmten Prostituierten, die nur ein paar neue Gesetze braucht, wie ein schlechter Witz. Die selbstbestimmte Hure mag es zwar bei Sandra Maischberger auf dem Sofa geben, sie ist jedoch nicht repräsentativ für das Gros der Prostituierten. Diese selbstbestimmte Hure ist eine BILD-Leser-Wichsfantasie, mit der Prostituierte natürlich mehr Geld verdienen, als wenn sie unter Tränen offerieren würden, wie beschissen es ist, von mehreren wildfremden Männern täglich gefickt zu werden.

Klar haben ProstitutionsbefürworterInnen recht, wenn sie sich auf die Selbstbestimmung der Frau berufen. Jede Frau sollte frei entscheiden dürfen, wie sie ihr Geld verdienen möchte - und wenn das bedeutet, sich für Sex bezahlen zu lassen, why not. Jetzt kommt aber der Denkfehler, der übrigens nicht nur in dieser Debatte gemacht wird: Das Argument von der selbstbestimmten Hure, die nur einen Job macht, ist nicht denkbar in einer Welt, die voll von Sexismus und patriarchalen Strukturen ist. Gleichberechtigungsdebatten gibt es heute noch zurecht und nicht etwa, weil irgendwelche Gender-Studies-Lesben keine Typen abkriegen. Wäre das Patriarchat in den späten sechziger Jahren zerschlagen worden (was um Himmels Willen nicht heißt, dass das Matriarchat hätte eingeführt werden müssen), müsste man heute nicht mehr dagegen ankämpfen.

Und Vater Staat kassiert mit ab

Muss man aber doch. Denn was erst vor rund 50 Jahren ins Bewusstsein rückte, kann in Anbetracht von ein paar Jahrtausenden Zivilisation nicht flächendeckend in Mark und Bein übergegangen sein. Nur weil Hitler seit 1945 tot ist und alle (hoffentlich) gelernt haben, was er - und die, die von nix gewusst haben - Schlimmes mit den Juden, Schwulen und anderen Menschen angestellt haben, gibt es heute trotzdem beängstigend viele Idioten, wegen denen eine antifaschistische Erziehung auf ewig unerlässlich ist, damit - wie Adorno stets predigte - "Auschwitz nicht noch einmal sei".

Man muss sich vergegenwärtigen, dass der absolute Großteil der Prostituierten weltweit dem horizontalen Gewerbe nicht etwa aus freien Stücken nachgeht, sondern weil sie sonst schlichtweg nichts zu essen hätten. Statt sich scheinheilig Gedanken darüber zu machen, wie man es der Sexarbeiterin möglichst komfortabel machen kann, sollte eine Gesellschaft dafür sorgen, dass Frauen nicht auf den Strich gehen müssen. Dass Prostituierte jetzt Sexarbeiterinnen heißen ist ein sprachlicher Trick, um uns glauben zu machen, dass Prostitution und Selbstbestimmung auf Knopfdruck zusammen denkbar sind.

Naheliegender ist jedoch, dass man ein patriarchales Produkt damit in den Stand der steuerpflichtigen Arbeit erhebt, so tut, als könnte Prostitution von heute auf morgen ehrliche Arbeit sein, obwohl das Unbehagen und die patriarchalen Denkmuster nicht aus der Welt sind. Ist ja auch angenehmer, kräftig abzukassieren, statt strukturelle Herrschaftsverhältnisse offenzulegen. Bei rund 15 Milliarden Euro Rotlicht-Umsatz im Jahr klingelt nämlich auch die Kasse von Vater Staat - dem damit umsatzstärksten Zuhälter überhaupt. Die gute Absicht, die Rechte von Prostituierten durch diverse neue Gesetzesentwürfe zu stärken, kann sich schnell ins Gegenteil verkehren. Etwa, wenn man sieht, dass Anmeldepflichten zwar vordergründig dem Schutz der Frauen dienen sollen, in der Praxis jedoch helfen, die Ressource Frau effizienter zu nutzen, zu verwalten und abzukassieren.

Erst in einer Welt, in der die Debatte um die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen nicht mehr geführt werden muss, ist ein gesellschaftliches Level erreicht, auf dem der Kauf von Sex neu - und vielleicht sogar selbstbestimmt - verhandelt werden kann. Doch solange Werbung, Sprache, Film und Fernsehen noch Zeugen von Machtstrukturen sind, die die Frau als Objekt verorten, ist Prostitution nicht mit Gleichberechtigung vereinbar, sondern bestärkt das Patriarchat - letztlich auch zu Ungunsten der Männer. Das prominenteste frauenfeindliche Argument für Prostitution behauptet übrigens, dass sie notwendig sei, um dem von Natur aus triebhafteren Mann Abhilfe zu schaffen und eventuelle Sexualstraftaten zu verhindern. Mit diesem Argument macht man Frauen im Umkehrschluss für Sexualdelikte mitverantwortlich - denn gäbe es keine Prostituieren, würden mehr Menschen Opfer von Sexualstraftätern werden. Wer so argumentiert, lebt lieber in einer Welt, die sich nicht fragt, ob die Vorstellungen von (männlicher) Sexualität aufarbeitungswürdig sind, und hält damit patriarchale Denkmuster am Leben, die das Leid von Frauen als Kollateralschaden in Kauf nimmt.

Dass Frauen selbst nach Jahrtausenden immer noch im sogenannten ältesten Gewerbe der Welt arbeiten müssen, ist damit nur der Beweis, dass wir noch lange nicht dort sind, wo sich viele Frauen wie die Welt-Journalistin Ronja von Rönne, und solche, die es noch schlechter wissen, längst sehen: in der Gleichberechtigung. Bullshit. Wäre dem so, wäre die absolute Mehrheit der Prostituierten weltweit nicht weiblich. Und solange Hure eines der übelsten Schimpfwörter gegen Frauen ist, ist die selbstbestimmte Hure nicht gesellschaftsfähig.


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15 Kommentare verfügbar

  • Helge
    am 14.11.2015
    Danke für den Artikel. Klartext.
  • Jaheira
    am 10.11.2015
    Ich denke, dass Sexarbeit schon besonders ist - aber viel weniger, als das im Artikel dargestellt wird.

    Es werden Probleme genannt, die mit diesem Berufsfeld verbunden sind, wie Sklaverei, Zwang durch Geldmangel, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und physische und psychische Misshandlung. Das stimmt bestimmt alles, bloß dass keiner der Missstände exklusiv die Sexarbeit betrifft. Sklavenartige Arbeitsverhältnisse gibt es in der Landwirtschaft, in Schlachthöfen, auf Baustellen, in der Gastronomie und in der Pflege. Menschen werden ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland verbracht, in Knebelverträge gezwungen, bedroht, um ihren Lohn betrogen, ausgebeutet, unzureichend vor Arbeitsunfällen geschützt.

    Ausbeutung, Mobbing, Unzufriedenheit und Angst vor Armut betreffen ganz viele Menschen. Und wieviel gesellschaftliche Anerkennung genießen Menschen, die nach der Arbeit zum Sozialamt müssen und später im Alter sowiso?

    Ich glaube außerdem, dass Sexarbeit bei der Sexualisierung und Objektivierung von Frauen nur eine geringe Rolle spielt: sie stellt die Ausnahme dar: ab 18, exotisch, im Rotlichtbezirk verortet. Entscheident finde ich, wie Frauen alltäglich dargestellt werden, in der Werbung, in Filmen und in Spielen. Diese Frauen sind die Vorlage für unsere Vorstellungen von Weiblichkeit - im Kopf von Männern und von Frauen.
  • Rano64
    am 10.11.2015
    Oh, wie "nett"! Da wird einem sofort unterstellt, dass man selber die Dienste von Prostituierten in Anspruch nimmt. Die Damen werden mir natürlich kein Wort glauben, aber ich ganz persönlich finde die Vorstellung einfach nur abstoßend, mit einer Frau Sex gegen Geld zu haben. Trotzdem schreibe ich nicht anderen Leuten vor, was sie zu tun oder zu lassen haben und ich urteile auch nicht über sie. Und ich bleibe dabei, dass das schwedische Modell alles nur noch viel schlimmer macht und kein bisschen gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution hilft.
  • Marianne Mainstream
    am 08.11.2015
    Laut der Autorin gibt es offenbar auch keine selbstbestimmten "Gender-Studies-Lesben", denn die haben ja alle nur "keinen Typen" abgekriegt.
  • Birgit Kübler, Sexualberaterin
    am 08.11.2015
    Vielen herzlichen Dank für diesen wohltuend klugen Beitrag, Elena Wolf!
    Hier noch ein paar Worte zur sexuellen Kultur. Die Wissenschaft ist dabei, die „naturgegebene“ höhere Triebhaftigkeit des Mannes als Mythos zu entlarven, wie jüngst im Themenabend bei 3sat zu erfahren war. So sind Frauen und Männer beispielsweise fast pari, wenn es um Untreue in Beziehungen geht. Frauen haben genauso viel Lust wie Männer! Der einzige Unterschied ist, dass Frauen und Männer unterschiedliche Erregungskurven haben, d.h. ihre Geschlechtsteile sind meistens nicht gleich schnell prall durchblutet, was unterschiedliche Wünsche und Lüste hervorbringt.
    Wenn nun Männer daran gewöhnt sind (die Macht der Gewohnheiten!), zu Prostituierten zu gehen oder sich bei Pornos schnelle Befriedigung zu verschaffen, sind sie – mit Verlaub – für das erotische Begehren einer Frau uninteressant, weil sie keine Freude an Ejakulationskontrolle haben.
    Wenn also die Männer zu Prostituierten gehen „müssen“, weil ihre Frauen „kalt“ sind, „müssten/könnten/sollten“ im Umkehrschluss ihre Frauen sich bessere Liebhaber suchen, wenn ihnen sexuelle Erfüllung wichtig ist.
    Wenn Frauen beim schnellen Männersex lustlos mitmachen – Zitat einer Interviewten im 3sat-Beitrag: „Wenn eine Frau sagt, sie hätte noch nie einen Orgasmus vorgetäuscht, lügt sie“… - Wenn also eine Frau nur mitmacht, dann leidet ihre körperliche Empfindsamkeit, was ein Erkalten ihrer Libido zur Folge haben kann. Dies ist der wahre Teufelskreis, um ein Bild der christlichen Religion zu benützen! Die Lösung läge in einer Erweiterung der sexuellen Kultur. Für Männer heißt das ganz konkret – Sex entgenitalisieren. Großes Fragezeichen? Mal versuchen – fünf Minuten…!
  • Vanish
    am 07.11.2015
    Dass sich Klaus Fricke, Mitbetreiber eines Bordells in Bremen, entsprechend äußert, ist nachvollziehbar - geht es hier doch um seine ureigensten Geschäftsinteressen.

    Die Kommentare der anderen männlichen Leser ... kein Kommentar.

    Allein der Vergleich von "Sexarbeit" mit einem gesellschaftlich anerkannten und akzeptierten Broterwerb zeugt von einem Weltbild, das mich schaudern lässt. Wohl die wenigsten von uns sind bei ihrer täglichen Arbeit ständiger Gewalt ausgesetzt, finden sich gesellschaftlich ausgegrenzt, werden psychisch und physisch erniedrigt und müssen sich nach Jahren als zerbrochene Persönlichkeiten wiederfinden.

    Aber in der männlichen Vorstellungswelt gibt es natürlich nur die Hure, die Freude am Sex hat und genau auf ihn, den tollsten aller Freier, gewartet hat. Klar doch ...
  • bonnie
    am 05.11.2015
    jallo julia,
    "Frauen sind keine Ware! "
    schreibst du.
    frauen nicht,
    aber ihre arbeitskraft.

    es ist die einzige ware ,
    die der nicht wohlhabende mensch besitzt.

    mfg bonnie
  • Kornelia
    am 04.11.2015
    Guter Artikel und mutig mal wieder die scheinbare Scheinwelt "Gleichberechtigt ist doch schon" durchbrochen zu haben!
    Gerade jetzt haben mich wieder mehrere Vergewaltigungsfälle hier in Stuttgart aufgeschreckt! (Hört das denn nie auf?)

    Gerade das jahrhunderte alte Huren/Heiligen Frauen-Ware-Bild scheint nicht auszulöschen zu sein, gepaart mit selber schuld!
    Und: das seit Jahrhunderten manifestierte miese Mütter-Bild!
    Warum beschimpfen Jungs den einen nicht mit "ManagerSohn", BanksterSohn, KaufmannsSohn"?
    Ja, große Jungs, antworten!
    Die Frage haben wir noch diese Tage erörtert, als mein Kind mit einem ähnlichen Schimpfwort belegt worden war! Warum wird Frau/Mutter UND Kind beschimpft?

    Wie kommt es dass unsere ur-ur-vorfahren einen besseren Umgang mit Müttern/Frauen hatten?

    Ich würde ja gern GleichbeRECHTigt und GleichWERTig nebeneinander stellen!

    Zu kurz kommt mir der zwecks Prostitution massiv gerade auch in Deutschland betriebene Menschenhandel!

    http://m.zdf.de/ZDF/zdfportal/xml/object/39667496
    "Viele der schutzlosen Frauen werden nach Deutschland gebracht. Das deutsche Prostitutionsgesetz ist lasch. Kritiker behaupten, dass die liberalen Prostitutionsgesetze den Menschenhandel fördern. Im Gegensatz zu anderen EU-Ländern dürfen in Deutschland junge Frauen schon unter 21 Jahren als Prostituierte arbeiten.
    In der Bundesrepublik werden geschätzt 100.000 Frauen zum Opfer des Frauenhandels, doch nur ein paar hundert Fälle werden jährlich offiziell verzeichnet. Man kann jedoch nur schwer gegen Menschenhändler vorgehen, solange Prostitution weiterhin legal ist.
    Die Polizei scheint machtlos. Solange die Nachfrage aus dem Westen hoch ist, werden die osteuropäischen Mädchen leichte Beute für die Frauenhändler bleiben."
  • Lady Hekate alias Almuth W.
    am 04.11.2015
    Mir kräuseln sich immer die Haare, wenn ich mit dieser Art von weiblichem Paternalismus konfrontiert werde, wie er sich in diesem Artikel artikuliert (interessantes Wortspiel übrigens...*grins*) . Ich möchte der Verfasserin ja den guten Willen nicht absprechen und in vielem hat sie Recht: zum Beispiel was die Verachtung der Hure durch die so genannte "Gesellschaft " angeht.
    Ich selber kann da ein Lied von singen: als ich vor etlichen Jahren von einem "besorgten Bürger" (genau die Kathegorie die heutzutage der PEGIDA hinterherläuft) zwangsgeoutet wurde, waren mein Mann und ich in Windeseile gesellschaftlich isoliert. MEIN Problem sind nicht meine GÄSTE, sondern die so genannten "Braven Bürger", die mir das Leben schwer machen.
    Mir persönlich hat die Sexarbeit über eine sehr schwierige Situation hinweg geholfen und ich bin froh, dass ich diese Möglichkeit hatte und noch habe - wenn ich heute mit einem graden Rücken durch die Welt gehe, habe ich es auch meinen Gästen zu verdanken, die mir das an Selbstachtung zurück gegeben haben, was mir im Umgang mit der Arbeitsamtsbürokratie gestohlen worden ist.
  • Mira
    am 04.11.2015
    Ein gelungener Artikel, der bissig klar macht, dass wir in dieser Gesellschaft von Gleichberechtigung noch meilenweilt entfernt sind, solange man uns die Ausbeutung von Frauen in der Prostitution als Freiheit verkauft. Die Kommentare der männlichen Leser zeigen deutlich, wie groß die Angst ist, dass man ihnen ihr männliches Privileg vom käuflichen Sex nimmt. Dass sie sich damit selbst erniedrigen, kapieren sie nicht, so sehr haben sie den allgegenwärtig verkündeten Anspruch von Männern auf verfügbare Frauenkörper verinnerlicht. Wie muss man drauf sein, um Sex mit einer Person zu haben, die das nicht will, sondern es nur aushält, um ihren Zuhälter/die Wohnungsmiete/den nächsten Einfkauf zu bezahlen?
  • Klaus Fricke
    am 04.11.2015
    http://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/240/die-unheimliche-hure-3230.html

    K_o_n_t_i_n_u_u_m - d_e_r - V_e_r_a_c_h_t_u_n_g

    Der richtige Hinweis auf die hegemoniale Verachtung, die in den Bezeichnungen Hure, Hurensohn/tochter, Hurenbock, Nutte usw. patriarchal verankert ist, ergänzt der Artikel durch seine Zuordnung der Aktiven dieses Feldes zum historischen Kontinuum dieser Verachtung. Damit reiht sich die Autorin in die Weltgeschichte der bis heute andauernden Verachtung der Aktiven des Feldes der erotischer und sexueller Dienste ein. Eine Apologie Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die im linken Tarnkleid, von der Unmöglichkeit freiwilliger Kommerzialisierung persönlicher Anlagen und Fähigkeiten unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktion erzählend, die soziale Entwertung Sexarbeitender betreibt. Dabei vergisst die Autorin, dass dieses Argument gegen jegliche Tätigkeit unter der Herrschaft kapitalistisch-patriarchaler Umstände ins Feld zu führen ist, es also zum isolierten Sexarbeit-Bashing untauglich ist und kaum Applaus von Seiten der Begründenden kritischer Theorie erhalten hätte.

    Zitat der Autorin Elena Wolf
    »Statt sich s_c_h_e_i_n_h_e_i_l_i_g Gedanken darüber zu machen, wie man es der Sexarbeiterin möglichst komfortabel machen kann, sollte eine Gesellschaft dafür sorgen, dass Frauen nicht auf den Strich gehen müssen. Dass Prostituierte jetzt Sexarbeiterinnen heißen ist ein s_p_r_a_c_h_l_i_c_h_e_r - T_r_i_c_k, um uns glauben zu machen, dass Prostitution und Selbstbestimmung auf Knopfdruck zusammen denkbar sind.« (Hvhbg. K.F.)

    Die Autorin macht sich der Apologie Gruppenbezogener Menschenverachtung gegenüber den Aktiven des Feldes der erotischen und sexuellen Dienste spätestens dann schuldig, wenn sie verächtlich von der M_ä_r spricht »dass Prostitution und Selbstbestimmung auf Knopfdruck zusammen denkbar sind.« und zugleich Sexarbeitende delegitimiert, die bei Maischberger auf der Couch die Selbstbestimmtheit von Sexarbeit leibhaftig präsentieren. Sie negiert das Offensichtliche: diese Sexarbeitenden, es gibt sie jetzt und ohne Knopfdruck (leider noch kaum Kund*innen und nur gelegentlich sonstige Dienstleistende aus dem Feld auf diesen Bühnen).

    Was soll ich sagen: Der Artikel von Frau Wolf strickt an einer, ich bediene mich der in Kreisen des Abolitionismus modischen Wortwahl von Frau Hellwig, Chefredakteurin des Weser-Kurier, L_e_g_e_n_d_e, einer M_ä_r. (1) Die Negierung des Faktischen war schon immer eine Domäne des Ideolgischen. Insofern: »nichts als grober Unfug« (1), keinesfalls seriöser Journalismus, was Frau Wolf (und Frau Hellwig) schreiben. Interessant aber die Gemeinsamkeit ihrer verächtlichen Wortwahl. Femoquerfront?

    Demgegenüber journalistisch beachtenswerter das Interview von Heide Oestreich mit Cathrine Murphy von Amnesty International in der taz, das wertschätzend mit den Sprechenden aus dem Feld der erotisch-sexuellen Dienste umgeht und der Marginalisierung entgegentritt, die Frau Wolf (und Frau Hellwig), das historische Kontinuum der Verachtung von Sexarbeit fortsetzend, betreibt.

    Heide Oestreich:
    »Nun sind aber die Prostituierten-Organisationen in Deutschland umstritten. Die Kritik lautet, dass sich vor allem Bordell- betreiber und Edelprostituierte zu Wort melden, die nicht für die marginalisierte Migrantin sprechen können.«

    Catherine Murphy:
    »Das Argument ist mit Vorsicht zu genießen. Denn so kann man die einzige Gruppe der Prostituierten, die sich zu Wort meldet, delegitimieren und zum Schweigen bringen.« (2)

    Im grundsätzlich Falschen von Patriarchat und Kapital ist Sexarbeit durchaus eine Möglichkeit richtig zu leben. Insbesondere für Menschen, die sich von Armut emanzipieren wollen und dies mittels ihrer erotischen und sexuellen Dienste erreichen, ohne bei Maischberger auf der Couch gessesen zu haben oder sitzen zu wollen. Ein Beispiel hierfür, findet sich in diesem Manuskript: (3)

    Klaus Fricke
    SIB-SWinfoBremen[at]gmx.de
    Mailingliste ProSexarbeit


    Quellen
    (1)
    http://www.weser-kurier.de/deutschland-welt_artikel,-Ein-grob-fahrlaessiger-Blick-auf-das-Rotlicht-Milieu-_arid,1188534.html
    Siehe auch Kommentare zum Artikel

    (2)
    http://www.taz.de/Amnesty-International-ueber-Prostitution/!5223665;m/

    (3) Dokument zum Download:
    Klaus Fricke, Manuskript zum Vortrag
    Sexarbeiter_innen und das Verwaltungshandeln vor Ort
    Sexdienstleistungsbetriebe zwischen
    - Wirtschaftsorientierung und
    - Unterstützung der freien Mitarbeiter_innen
    Friedrich Ebert Stiftung, Bonn,
    Wege aus der Grauzone (VI), den 09.04.2014
  • Plattenputzer
    am 04.11.2015
    Die Autorin echaufiert sich hier darüber
    "dass der absolute Großteil der Prostituierten weltweit dem horizontalen Gewerbe nicht etwa aus freien Stücken nachgeht, sondern weil sie sonst schlichtweg nichts zu essen hätten."
    So geht es wohl den meisten Arbeitnehmern weltweit. Das nennt sich Kapitalismus. Ich gehe auch nicht "aus freien Stücken" jeden Tag als Angestellter malochen, sondern weil ich meinen Kühlschrank füllen will.
    Die mangelnde Wertschätzung der Arbeit von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern ist tatsächlich ein gesellschaftliches Problem, dass wir schleunigst überwinden sollten. Der Artikel trägt dazu aber nichts bei, sondern argumentiert mit einen Zirkelschluß. Der Wunsch auf selbstbestimmte Arbeit im Bereich Sexualdienstleistungen mag derzeit eine Utopie sein. Berechtigt ist er allemal. Übrigens gibt es durchaus Sexarbeiter, die ein relativ hohes Ansehen in der Gesellschaft oder zumindest in aufgeklärten Teilen der Gesellschaft haben. Beispielsweise Sexarbeiter, die Köperbehinderte beim Erleben ihrer Fantasie unterstützen oder Tantriker.
    Die Autorin meint:
    "Erst in einer Welt, in der die Debatte um die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen nicht mehr geführt werden muss, ist ein gesellschaftliches Level erreicht, auf dem der Kauf von Sex neu - und vielleicht sogar selbstbestimmt - verhandelt werden kann."
    Dem kann ich nicht zustimmen: Es hat jeder und jede jederzeit das Recht, selbstbestimmt über seinen Broterwerb zu entscheiden (solange durch die Tätigkeit andere nicht geschädigt werden). Und nicht erst am St.-Nimmerleinstag, wenn das Patriarchat überwunden sein wird.
    Die Grenze ist meiner Meinung nach wo anders zu ziehen: Sklaverei und Ausbeutung ist zu bekämpfen. Und zwar nicht nur beim Mädchenhandel und auf dem Straßenstrich, sondern auch in jeder Näherei in Bangladesh, oder, was naheliegender ist, in jedem Lidl und Aldi.
  • Blender
    am 04.11.2015
    rano64, 04.11.2015 09:27
    >Wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit einem umfangreichen Zeugenschutzprogramm incl. Aufenthaltsrecht für Prostituierte aus anderen Ländern, damit man tatsächlich mal an die Schlepper und Menschenhändler rankommt?<

    Gute Idee, aber ich hätte erwartet dass es das schon gibt.
  • rano64
    am 04.11.2015
    Nun gut, wir lassen das mal so stehen: Prostitution ist ausschließlich Folge der bigotten, bürgerlich patriarchalischen Gesellschaft, in der wir leben.

    Und was ist jetzt der Lösungsvorschlag der Autorin und ihrer Gesinnungsgenossinnen? Eine Zwangsregistrierung? Zwang mit noch mehr Zwang begegnen?

    Oder gar ein Verbot wie in Schweden, sprich: Die Freier werden bestraft? Super Idee! Dann kommen nur noch die Männer, die mit Straftaten kein Problem haben und die ganze Szenen wird in den Untergrund abgedrängt. Aus den Augen, aus dem Sinn! So "löst" man Probleme.

    Und klar sollte eine Gesellschaft dafür sorgen, dass niemand (auch Männer nicht) auf den Strich gehen muss. Aber "nicht müssen" und "nicht dürfen" sind trotzdem zwei grundverschiedene Dinge.

    Wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit einem umfangreichen Zeugenschutzprogramm incl. Aufenthaltsrecht für Prostituierte aus anderen Ländern, damit man tatsächlich mal an die Schlepper und Menschenhändler rankommt? Könnte aber unangenehm werden, wenn man dann eventuell feststellt, dass die seit Jahren hinausposaunten Zahlen über Zwangsprostitution jeglicher Grundlage entbehren.

    PS: Die letzte Behauptung posaune ich jetzt auch ohne jeden Beleg raus. Warum sollte ich mehr Mühe geben als z.B. Frau Schwarzer?
  • Julia
    am 04.11.2015
    Ein sehr guter Beitrag zur aktuellen Debatte, Frau Wolf trifft den Nagel auf den Kopf! Man kann nur zustimmen und diese Scheindiskussionen über Scheingesetze (Prostitutionsschutzgesetz) gleich mal entsorgen. Wir brauchen in Deutschland das schwedische Modell der Freierbestrafung, die Eindämmung der Nachfrage im Zusammenhang mit Ausstiegshilfen für Frauen die sich prostituieren müssen. Es muss endlich mal ein Umdenken stattfinden, Frauen sind keine Ware!

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