In einer Welt, in der Frauen immer noch ausgebeutet werden, klingt "selbstbestimmte Prostitution" wie ein Witz. Fotos: Joachim E. Röttgers

In einer Welt, in der Frauen immer noch ausgebeutet werden, klingt "selbstbestimmte Prostitution" wie ein Witz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 240
Debatte

Die unheimliche Hure

Von Elena Wolf
Datum: 04.11.2015
Das neue Prostitutionsgesetz, das im kommenden Jahr in Kraft treten soll, befeuert einmal mehr grundsätzliche Debatten. Sexarbeiterinnen reklamieren das Recht auf freie Berufswahl. Doch in einer patriarchalen Gesellschaft, so unsere Autorin, kann es keine selbstbestimmte Prostitution geben.

Nutte oder Hure ist gegenwärtig eines der härtesten Schimpfworte gegen eine Frau. Sogar über eine zweite Generation hinweg, nämlich einen Sohn, wirkt die Beleidigung in Form von Hurensohn und trifft damit zwei auf einen Streich. Komischer Einstieg für eine Geschichte über Prostitution? Nicht, wenn man weiß, wie sich in Sprache gesellschaftliche Normen, Moralvorstellungen und Machtverhältnisse niederschlagen. Da diese sich bekanntlich verändern, verändert sich auch der Gebrauch von Schimpfworten. Klickt man sich auf You-Tube jedoch durch zahlreiche Clips von Vertretern des deutsch- wie englischsprachigen Rap, wird klar, die Hure spielt immer noch ganz weit oben mit, wenn es um übles Vokabular geht und verweist die Frau sprachlich auf ihren Platz - unter dem Mann. 

Im Mittelalter bezeichnete huor neben Ehebruch auch den außerehelichen Beischlaf, während die huoreslust auch allgemein für Geilheit stand, die nicht an die Ehe gebunden war. Das Interessante daran ist, dass Geilheit in der heiligen Ehe gar nicht denkbar war. Geschlechtsverkehr mit dem Ehepartner sollte der Fortpflanzung dienen, galt als rein und stand einem niederen Sexualtrieb ohne ehevertragliche Reproduktion diametral gegenüber. Diese kirchlich geprägte Moralvorstellung wurde von katholischen Männern gemacht. Sie waren es, die Sexualität ins Korsett der Ehe zwangen. Doch der Mensch ist nun mal geil. Was also tun, wenn die Heilige zu Hause der Geilheit kein Ventil verschaffen darf? Und schon sind wir beim Thema: Prostitution.

Sexarbeiterin - nicht mehr als ein sprachlicher Trick

Wahrscheinlich ist sie nicht alleine auf bigotte Moralvorstellungen zurückzuführen. Doch die lange Tradition der Unvereinbarkeit von so genannten niederen Trieben mit der Institution Ehe ist ein interessanter Aspekt in der Analyse des Unbehagens, das dem Thema Prostitution wie ein Kaugummi an der Schuhsohle klebt. Da hilft es auch nicht, dass Huren heute Sexarbeiterinnen genannt werden und kluge Menschen versuchen, Sex in ein Tauschverhältnis von Kapital und Ware zu transportieren. Wäre die Sexarbeiterin in der gesellschaftlichen Wahrnehmung eine Dienstleisterin wie die Frau, die in der Lieblingskneipe den Gin Tonic serviert, bekämen Eltern keine Schnappatmung mehr bei der Vorstellung, dass die Tochter Sex serviert. Außerdem hat wohl noch niemand gehört, dass ein Mann eine Frau mit "Du Restaurantfachfrau!" beschimpft hätte - ist doch auch ein normaler Beruf. Hier stimmt irgendetwas nicht.

Das Unbehagen, das der Prostitution anhaftet, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sie eine Moralvorstellung auf den Kopf stellt, die die bürgerlich-patriarchale Vorstellung von Liebe, Heirat und Monogamie unterwandert. Sie wird zu einem unheimlichen Ort der bloßen Sexualität, die keinen Platz in der bürgerlichen Dreifaltigkeit hat und damit zwangsläufig zu einem moralischen Unort mutiert. Das Fatale an dieser Konstellation ist nun, dass dieser Unort von Männern erschaffen und doppelmoralisch stabilisiert wurde. Durch das männliche Privileg, Moralvorstellungen, wie die einer bürgerlich-patriarchalen Gesellschaft zu definieren, die Frau zu domestizieren und damit die Spaltung von Frauen in Huren und Heilige (Ehefrauen) zu vollziehen, hatten Männer ein Machtinstrument in der Hand: Sie konnten einerseits empört gegen Prostitution und Prostituierte vorgehen, sich andererseits aber nach Belieben an den öffentlichen Mädchen bedienen, ohne selbst ins Kreuzfeuer zu geraten. Denn die houreslust oder Geilheit ist, wie wir oben gesehen haben, nicht einmal sprachlich mit einer ehrbaren Frau vereinbar, der Besuch bei einer Hure damit das Problem der (eigenen) Frau. Ein Teufelskreis. 

Von Gleichberechtigung immer noch weit entfernt

Was soll dieser Exkurs über Rap, Bürgerlichkeit und mittelalterliche Ehebetten? Er sollte - um im Bild zu bleiben - das Vorspiel sein, um das Phänomen der Prostitution von einer Seite zu beleuchten, die in der aktuell wieder aufkochenden Debatte um Prostitutionsgesetze & Co. kaum Beachtung findet: Hegemonie. Als unsichtbares Herrschaftsinstrument wirkt Hegemonie in unseren Köpfen und erzeugt Vorstellungen von Moral, Normen, Erwünschtem und Unerwünschtem. Ort der Entstehung von Hegemonie sind dabei gesellschaftliche Institutionen wie Kirchen, Schulen, Familien oder Medien. Sie programmieren die Hirnrinden und vermitteln so, was richtig oder falsch ist. Hier lernen wir auch, dass es zwar durchaus legitim ist, jeden nur erdenklichen Mist in der Werbung mit Sex zu verkaufen, während der wirkliche Verkauf von Sex an einem von Gewalt und Kriminalität dominierten Unort stattfindet. Doch Frauen, die sich auf dem kulturellen Fleischmarkt wiederum nicht sexy verkaufen, müssen mit sozialen Konsequenzen rechnen. Das Dilemma des Mittelalters scheint auch 2015 nicht gelöst.

Die Weberstraße in Stuttgart: Die Mehrheit der Prostituierten weltweit ist weiblich.
Die Weberstraße in Stuttgart: Die Mehrheit der Prostituierten weltweit ist weiblich.

Während man sich heute zurecht Gedanken darüber macht, wie Gewalt, Menschenhandel und anderen Aspekten der Prostitution beizukommen ist, wird vergessen, dass vielmehr an der Idee der Gleichberechtigung von Männern und Frauen gearbeitet werden müsste. Denn davon ist die Gesellschaft immer noch weit entfernt. In einer Welt, in der Frauen immer noch ausgebeutet, objektiviert, gefoltert, zwangsverheiratet, mies bezahlt, systematisch vergewaltigt werden und Hure ein Schimpfwort ist, klingt die Mär von der selbstbestimmten Prostituierten, die nur ein paar neue Gesetze braucht, wie ein schlechter Witz. Die selbstbestimmte Hure mag es zwar bei Sandra Maischberger auf dem Sofa geben, sie ist jedoch nicht repräsentativ für das Gros der Prostituierten. Diese selbstbestimmte Hure ist eine BILD-Leser-Wichsfantasie, mit der Prostituierte natürlich mehr Geld verdienen, als wenn sie unter Tränen offerieren würden, wie beschissen es ist, von mehreren wildfremden Männern täglich gefickt zu werden.

Klar haben ProstitutionsbefürworterInnen recht, wenn sie sich auf die Selbstbestimmung der Frau berufen. Jede Frau sollte frei entscheiden dürfen, wie sie ihr Geld verdienen möchte - und wenn das bedeutet, sich für Sex bezahlen zu lassen, why not. Jetzt kommt aber der Denkfehler, der übrigens nicht nur in dieser Debatte gemacht wird: Das Argument von der selbstbestimmten Hure, die nur einen Job macht, ist nicht denkbar in einer Welt, die voll von Sexismus und patriarchalen Strukturen ist. Gleichberechtigungsdebatten gibt es heute noch zurecht und nicht etwa, weil irgendwelche Gender-Studies-Lesben keine Typen abkriegen. Wäre das Patriarchat in den späten sechziger Jahren zerschlagen worden (was um Himmels Willen nicht heißt, dass das Matriarchat hätte eingeführt werden müssen), müsste man heute nicht mehr dagegen ankämpfen.

Und Vater Staat kassiert mit ab

Muss man aber doch. Denn was erst vor rund 50 Jahren ins Bewusstsein rückte, kann in Anbetracht von ein paar Jahrtausenden Zivilisation nicht flächendeckend in Mark und Bein übergegangen sein. Nur weil Hitler seit 1945 tot ist und alle (hoffentlich) gelernt haben, was er - und die, die von nix gewusst haben - Schlimmes mit den Juden, Schwulen und anderen Menschen angestellt haben, gibt es heute trotzdem beängstigend viele Idioten, wegen denen eine antifaschistische Erziehung auf ewig unerlässlich ist, damit - wie Adorno stets predigte - "Auschwitz nicht noch einmal sei".

Man muss sich vergegenwärtigen, dass der absolute Großteil der Prostituierten weltweit dem horizontalen Gewerbe nicht etwa aus freien Stücken nachgeht, sondern weil sie sonst schlichtweg nichts zu essen hätten. Statt sich scheinheilig Gedanken darüber zu machen, wie man es der Sexarbeiterin möglichst komfortabel machen kann, sollte eine Gesellschaft dafür sorgen, dass Frauen nicht auf den Strich gehen müssen. Dass Prostituierte jetzt Sexarbeiterinnen heißen ist ein sprachlicher Trick, um uns glauben zu machen, dass Prostitution und Selbstbestimmung auf Knopfdruck zusammen denkbar sind.

Naheliegender ist jedoch, dass man ein patriarchales Produkt damit in den Stand der steuerpflichtigen Arbeit erhebt, so tut, als könnte Prostitution von heute auf morgen ehrliche Arbeit sein, obwohl das Unbehagen und die patriarchalen Denkmuster nicht aus der Welt sind. Ist ja auch angenehmer, kräftig abzukassieren, statt strukturelle Herrschaftsverhältnisse offenzulegen. Bei rund 15 Milliarden Euro Rotlicht-Umsatz im Jahr klingelt nämlich auch die Kasse von Vater Staat - dem damit umsatzstärksten Zuhälter überhaupt. Die gute Absicht, die Rechte von Prostituierten durch diverse neue Gesetzesentwürfe zu stärken, kann sich schnell ins Gegenteil verkehren. Etwa, wenn man sieht, dass Anmeldepflichten zwar vordergründig dem Schutz der Frauen dienen sollen, in der Praxis jedoch helfen, die Ressource Frau effizienter zu nutzen, zu verwalten und abzukassieren.

Erst in einer Welt, in der die Debatte um die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen nicht mehr geführt werden muss, ist ein gesellschaftliches Level erreicht, auf dem der Kauf von Sex neu - und vielleicht sogar selbstbestimmt - verhandelt werden kann. Doch solange Werbung, Sprache, Film und Fernsehen noch Zeugen von Machtstrukturen sind, die die Frau als Objekt verorten, ist Prostitution nicht mit Gleichberechtigung vereinbar, sondern bestärkt das Patriarchat - letztlich auch zu Ungunsten der Männer. Das prominenteste frauenfeindliche Argument für Prostitution behauptet übrigens, dass sie notwendig sei, um dem von Natur aus triebhafteren Mann Abhilfe zu schaffen und eventuelle Sexualstraftaten zu verhindern. Mit diesem Argument macht man Frauen im Umkehrschluss für Sexualdelikte mitverantwortlich - denn gäbe es keine Prostituieren, würden mehr Menschen Opfer von Sexualstraftätern werden. Wer so argumentiert, lebt lieber in einer Welt, die sich nicht fragt, ob die Vorstellungen von (männlicher) Sexualität aufarbeitungswürdig sind, und hält damit patriarchale Denkmuster am Leben, die das Leid von Frauen als Kollateralschaden in Kauf nimmt.

Dass Frauen selbst nach Jahrtausenden immer noch im sogenannten ältesten Gewerbe der Welt arbeiten müssen, ist damit nur der Beweis, dass wir noch lange nicht dort sind, wo sich viele Frauen wie die Welt-Journalistin Ronja von Rönne, und solche, die es noch schlechter wissen, längst sehen: in der Gleichberechtigung. Bullshit. Wäre dem so, wäre die absolute Mehrheit der Prostituierten weltweit nicht weiblich. Und solange Hure eines der übelsten Schimpfwörter gegen Frauen ist, ist die selbstbestimmte Hure nicht gesellschaftsfähig.


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