Ausgabe 101
Debatte

"So was wie Liebe"

Von Annette Ohme-Reinicke
Datum: 06.03.2013
Das hat Frauen schon immer interessiert: Wieso gehen Männer in den Puff? Über abstruse Begründungen und was ein Berliner Taxifahrer mit dem Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk gemeinsam hat.

Freier fühlen sich gerne als Gönner: Sonst hat die arme Frau ja gar nichts, sagen sie. Foto: Kontext

Es ist nicht die Frage, warum Männer ins Bordell gehen, die hier interessiert, sondern wie sie es begründen. Wie rechtfertigt es jemand, einen anderen, der in so großer Not ist, dass er sich selbst mit Haut und Haaren verkauft, zu benutzen, ohne sich dabei schlecht zu fühlen? Die Sache lässt sich freilich als Akt der Selbstbestimmung darstellen: Jeder hat das Recht, mit seinem Körper zu tun was er oder sie will. Reeperbahn-Romantiker halten außerdem entgegen, dass "das Milieu" das kapitalistische Verwertungsgetriebe aushebelt, andere Regeln aufstellt und so eine eigene Subkultur produziert.

Bei aller Geborgenheit und allem Charme, den dies für manche darstellt, bleibt doch die nackte Tatsache, dass derlei Subkulturen immer aus der Not geboren, Akte des Überlebens und höchst repressiv sind. Es bleibt die Frage, wie es jemand rechtfertigt, die Not eines anderen für sich auszunutzen?

Einen Hinweis darauf fand sich bei einem Besuch in Havanna in den 90er-Jahren, zu einer Zeit, als dort die Armut beständig zunahm. Viele Frauen verkauften sich an europäische Touristen. Ein Berliner Busfahrer hielt tagelang eine schöne Kubanerin aus. Warum er die Frau bezahle und damit die Prostitution unterstütze? Manchmal dienen naive Fragen der Wahrheitsfindung. Seine Antwort eröffnete einen tiefen Einblick nicht nur in das Selbstverständnis von Freiern, sondern auch in die Abgründe der Arbeitgebermentalität. Auch konservative Ideologen, so stellte sich später heraus, haben sie offenbar entdeckt.

"Wenn ich die Prostituieren nicht zahle, haben sie gar nichts"

Zunächst stellte der Freier die Unterschiede zwischen Berliner Bordellen und den Praktiken kubanischer Prostituierter heraus. In Berlin sei nichts mehr wie es einmal war, die Milieus kaputt, alles nur noch aufs schnelle Geld machen ausgerichtet. Bei den Kubanerinnen dagegen wäre "noch sowas wie Liebe dabei", diese Frauen seien etwas ganz besonderes. Aber etwas besonderes, originäres müsse man doch bewahren, sagte ich, warum der Mann den Kubanerinnen denn nicht einfach das Geld gebe, ohne sie zu benutzen? Da wäre schon etwas dran, so die Antwort. Und deshalb würde er etwa den Putzfrauen tatsächlich oft, einfach so, etwas Geld geben, viel Trinkgeld auch in Bars lassen. Es folgte eine lange Gedankenpause. "Aber wenn ich die Prostituierten nicht bezahlen würde", so die finale Erklärung, "dann hätten diese armen Frauen doch gar nichts."

Es mag dieses Denken sein, mit dem Männer auch den Extremfall, nämlich den Missbrauch von Kindern in Thailand oder Säuglingen in Tschechien, legitimieren: Sie sehen sich als Geber, zuweilen als Arbeitgeber. So offenbart die Aussage des Berliner Busfahrers einen zutiefst sinnstiftenden, die Gesellschaft strukturierenden Gehalt. Auch Arbeitnehmer haben ihn offenbar verinnerlicht. So wies kürzlich ein bei Amazon Angestellter darauf hin, man müsse berücksichtigen, "dass Amazon Menschen zu akzeptablen Löhnen eine Perspektive biete, die zuvor zum Teil jahrelang arbeitslos waren." Arbeitgeber und Arbeitnehmer deuten Abhängigkeitsverhältnisse um, um sie zu rechtfertigen.

Man muss freilich nicht in Bordelle oder zu Leiharbeitsfirmen gehen, um auf diese Struktur zu stoßen. Überall dort, wo sich Menschen auf Kosten anderer bereichern und deren Not benutzen oder verwerten, wird dies gerechtfertigt mit der Aussage: Wenn ich die arme Frau, den armen Arbeitslosen nicht wenigstens schlecht bezahle, dann hat sie oder er gar nichts und muss noch größere Not leiden. Arbeitgeber, ob als Freier, Leiharbeitsvermittler oder Topmanager, sehen sich immer als Gönner. Die vermeintliche Entschuldigung ihres Tuns – man kann es auch Ausbeutung nennen – geht damit einher, dass sich der Bezahlende als Arbeitgeber über den Arbeitnehmer erhebt, indem er den oder die andere als minderwertig bedürftigen abqualifiziert, entwürdigt und damit die Ausbeutungsstruktur perpetuiert.

Der Arbeitende ist der Bittsteller, der Bezahlende der Gönner

Die Sache fängt bereits im Kopf an. Schon die Begriffe "Arbeitgeber" und "Arbeitnehmer" sind Euphemismen und beinhalteten eine Ideologie. Denn Arbeit ist ein Tun, das zunächst verrichtet werden muss, bevor man Geld gibt. Der Arbeitende gibt seine Arbeit, der Bezahlende nimmt sie und gibt dafür Lohn. In Wirklichkeit ist also der Arbeitgeber der Arbeitnehmer und umgekehrt. Die sprachliche Verdrehung dient der falschen Suggestion von Abhängigkeiten. Der Arbeitende soll nämlich verinnerlichen, er würde etwas bekommen, sei quasi empfangender Bittsteller, der Bezahlende dagegen sei der gebende Gönner.

Auf die Spitze getrieben findet sich dieses Selbstverständnis in Quentin Tarantinos "Django unchained": Ein Sklave verweigert verzweifelt die Arbeit, woraufhin sein Besitzer wütend mit ihm schimpft. Er habe so viel in ihn investiert, auf Sklavenmärkten so viel Zeit verbraucht, gerade ihn auszusuchen, und nun würde der Sklave seinen Arbeitgeber mit schlechter Arbeit enttäuschen. Schuldbeladen und verzweifelt nickend stimmt der Arbeitende mit seinem Peiniger überein, bevor dieser die Hunde auf den Sklaven hetzt, die ihn zerfleischen. Ein Dilemma des Sklaven: Er war für einen Ringkampf vorgesehen, in dem er seinen Gegner, ebenfalls ein Sklave, entweder töten müsste oder von ihm getötet würde. So oder so wird er in dieser Struktur zugrunde gehen.

Diese Szene stellt das Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis eindringlich dar. Der Herr hat die Vorstellung, über den Sklaven nach Belieben zu verfügen, schließlich hat er investiert, während der Sklave die Probleme des Herrn verinnerlichte, da er keine lebenswerte Alternative sieht. Hätte sich ein solches Selbstbewusstsein, das unsere gesellschaftlichen Verhältnisse maßgeblich prägt, nicht erhalten, würden sich gegenwärtig nicht Arbeitsverhältnisse ausbreiten, die an frühkapitalistische Zeiten erinnern.

Frauen sind von der Umverteilung von oben nach unten besonders betroffen

Miserable Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern und Leiharbeiterinnen etwa bei Paketzustellern oder Versandhändlern wie Amazon machen Schlagzeilen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen überall zu. Sie sind eine Folge der Umverteilung von unten nach oben, und Frauen sind davon besonders betroffen, nicht nur als Prostituierte. In Deutschland verdienen Frauen für dieselbe Arbeit im Durchschnitt 25 Prozent weniger als Männer, zwei Drittel aller im Niedriglohnsektor Arbeitenden sind Frauen.

Auch im Prostitutionsgewerbe klaffen – entsprechend der neoliberalen Dynamik – zunehmend Extreme auseinander: billige, schnelle Fließbandprostitution und zunehmender Frauenhandel auf der einen Seite und andererseits Bordelle wie das "Paradise" in der Nähe des Stuttgarter Flughafens, wo es sogar eine Frauenbeauftragte gibt – möglicherweise eine Errungenschaft der Frauenbewegung. Doch gerade derlei Modernitäten passen ins System. Denn sie bedienen die Ideologie der Selbstbestimmung, nämlich die des selbst bestimmten Mittuns.

Der identitätstiftende Gehalt jener Gönnermentalität, die bereits der Berliner Busfahrer vortrug, scheint überaus ansprechend. Gegenwärtig mühen sich verschiedene Schriftsteller mit erheblicher Anhängerschaft, sie zu einer vermeintlich neuen konservativen Ideologie auszubauen. Denn der Neoliberalismus scheint auch bei einstigen Anhängern in die Kritik geraten. Diese Kritiker, die sich als Sprecher einer "neuen Mitte" verstehen, stellen nun eine Geberkultur ins Zentrum sinnstiftender Versuche.

So sieht etwa Peter Sloterdijk die gönnenden Geber als Kern einer neuen politischen Weltanschauung und fordert eine "psychopolitisch klug gesteuerte Geberkultur auf (...) freiheitlicher Grundlage". Doch es geht ums Ganze, nämlich um die Vorstellung der Gesellschaft von sich selbst: "Das Gemeinwesenbewusstsein kann sich auf breiter Front nur regenerieren, wenn es gelingt, ein von Grund auf verändertes soziales Klima zu erzeugen, das es erlaubt, die effektiv gebenden Instanzen unserer Tage ins Zentrum zu rücken", schreibt er 2010.

Diese seien heute nicht mehr die Proletarier, die Arbeitslosen, die Marginalen und Prekären: "Es sind jetzt die effektiven Geber auf allen Stufen des Gemeinwesens, die in letzter Instanz das ganze Gewicht der geldvernetzten, wissensvernetzten und empathievernetzten sozialen Konstrukte trage, es sind die kleinen, mittleren und großen Zahler direkter und indirekter Steuern, die Spender, die Sponsoren, die Stifter, die freiwilligen Helfer, ... die mit ihren Zahlungen, Impulsen und Ideen das Gemeinwesen bereichern."

Wo sich Philosoph und Busfahrer treffen

Triumphierend verkündete der Karlsruher Philosoph, was der Berliner Busfahrer und seine Freunde längst praktizieren: "Die neue Idee ist ausgesprochen: Es ist an der Zeit, den sozialen Zusammenhang von der Gabe her zu denken." Ob dieser vermeintlich neue Gedanke bei einem Bordellbesuch entstanden ist, lässt sich freilich nicht ermitteln.

Obgleich die neue rechte Ideologie darauf abzielt, einen gesellschaftlichen Dualismus zwischen "parasitären Armen" (Sloterdijk) und gebenden Reichen ideologisch zu untermauern, stellt sie für Frauen eine besondere Provokation dar. Denn seit Jahrzehnten wehrt sich die Frauenbewegung etwa gegen christliche Glaubenslehren, durch die sich Frauen als empfangend, ausschließlich passiv imaginieren sollen. Ob vor dem Hintergrund wachsender Verarmung ein konservatives Roll-Back gelingt, hängt auch davon ab, derlei Anschauungen von den gönnenden Besitzenden und den unvermögend Armen als Ideologie zu dechiffrieren.

 


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