Ausgabe 265
Editorial

"Nutten sind Menschen"

Von unserer Redaktion
Datum: 27.04.2016

Die Provokation ist so perfekt, dass sich die Plakatierer weigerten, die Sprüche aufzuhängen. "Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar" oder "Nutten sind Menschen" – das konnte doch nur eine Guerillaaktion sein. OB Fritz Kuhn himself musste zum Hörer greifen, um die Reklameaufhänger davon zu überzeugen, dass es keineswegs um Schweinkram geht: "Stuttgart sagt stopp" heißt die offizielle Kampagne der Stadt. Das Ziel ist ambitioniert: Armutsprostitution stoppen, Freiern ins Gewissen und über das gesellschaftliche Frauenbild reden. Mag Kuhn beim Pressetermin auch etwas linkisch neben dem Plakat stehen – der grüne OB hat die Kampagne zu seiner Aktion gemacht. Dazu gehört Mut.

Bei den Prostituierten kommen die drastischen Sprüche gut an, weiß Sabine Constabel. Und wenn die Lobby der Bordellbetreiber aufgeregt twittert und Einbußen im Sexgeschäft fürchtet, denkt sie nur cool: "Wunderbar, hat doch geklappt." Sabine Constabel, Leiterin der Beratungsstelle für Prostituierte beim Gesundheitsamt und so etwas wie die Jeanne d'Arc des Stuttgarter Rotlichtviertels, hofft auf eine breite Diskussion. "Kondome benutzt man, Frauen nicht" – den Spruch finden nicht nur Prostituierte ganz prima. Darüber könnte man doch in der Oberstufe eine Erörterung schreiben, meint die Frau, die seit 20 Jahren Prostituierte berät. Eine gute Idee für die Deutschstunde.

Auch die 56-Jährige hat erst mal trocken geschluckt. Das Wort Nutten gehört nun mal nicht zu ihrem Sprachgebrauch, Nutten ist wie Neger, sagt sie, no go. Sie wollte es softer, der OB härter. Nun ist Stuttgart die erste Großstadt in Deutschland, die eine solche Kampagne startet und Kuhn der erste Oberbürgermeister, der sich das traut. "Das ist revolutionär und verdient Respekt", sagt Constabel. Stuttgart – von der Hauptstadt des Widerstands zur Hauptstadt der sexuellen Revolution. Sage noch einer, die Schwaben seien spießig.

Gestritten wird auf allen Kanälen, auch auf unserer Facebook-Seite gehen die Posts durch die Decke. "Ich bezweifle, ob sich Herr Kuhn mit diesen primitiven Sprüchen einen Gefallen tut", "armes Deutschland", meinen die einen, "Sexkauf verstößt gegen die Menschenwürde", kontern die anderen. Und selbstverständlich gibt es die üblichen Verdächtigen, die Armuts- und Zwangsprostitution anzweifeln.

Nun hoffen die Initiatoren auf eine kritische Bürgerschaft, die den städtischen Impuls aufgreift, um über Menschenwürde, Armutsprostitution und Freier zu diskutieren. Das La Strada hat schon reagiert: Das Prostituiertencafè in der Jakobstraße lädt an den kommenden zwei Freitagen zur Bürgersprechstunde ins Leonhardsviertel. Auch Sabine Constabel wird dort sein.

Preis für Kontext-Karikaturisten Kostas Koufogiorgos

Ein Anruf bei Kostas: Kannst du uns eine Kari zum Geburtstag machen? Klar. Wenige Stunden später ist sie da, und wir sind glücklich. Diesmal über die Torte, von der alle etwas haben sollen. Und so freuen wir uns natürlich über die Auszeichnung, die der Stuttgarter Grieche beim Deutschen Preis für die politische Karikatur erhalten hat. Kostas Koufogiorgos ist unter 300 Nominierten aus dem ganzen Bundesgebiet ausgewählt worden, mit einer Zeichnung eines Fußballfunktionärs in Sträflingskleidung ("Ich bin von der Fifa"). Die stand zwar nicht in Kontext, sondern im "Weser-Kurier", aber wir gratulieren trotzdem herzlich.


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13 Kommentare verfügbar

  • Rano64
    am 03.05.2016
    Wenn man Zwangsprostituierten wirklich helfen will, braucht man ein Zeugenschutzprogramm, ein Bleiberecht und eine Perspektive für die Frauen, die gegen ihre Peiniger (egal ob Zuhälter oder Freier) aussagen wollen.

    Zwangsregistrierungen und Verbote (schwedisches Modell) helfen nur heuchelnden und bigotten Moralisten und machen alles nur noch schlimmer.
  • Schwabe
    am 03.05.2016
    Anstatt in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der SSB AG (öffentlicher städtischer Nahverkehr - in privater Hand) und als Aufsichtsratsmitglied der städtischen Wohnbaugesellschaft SWSG (m.E. verantwortlich für Mietwucher) eine sich am Gemeinwohl orientierente anständige Politik zu machen (er macht in beiden Funktionen so ziemlich genau das Gegenteil), steht der Oberbürgermeisterer Kuhn der Stadt Stuttgart lächelnd Pate für eine mehr als fragwürdige, steuerfinanzierte Werbekampagne, welche obendrein noch das Wort "ficken" öffentlich hoffähig macht (auch für Kinder und Jugendliche).
    In der SWSG hat Kuhn noch nicht einmal den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden angenommen (eigentlich müßte er als OB m.E. auch dort Vorsitzender sein).
    Allein Kraft seines Amtes hätte er durchaus die Möglichkeit viele Dinge zum positiven zu veändern (aus der Sicht des Gemeinwohls). Doch wo kein Wille da auch kein Weg - so einfach ist Politik.
    Link bezüglich Kuhn und Feinstaub: http://www.bei-abriss-aufstand.de/2016/05/02/luftqualitaet-stuttgart-21-feinstaub-und-stickoxide/
  • Sikasuu
    am 29.04.2016
    Da war doch noch was? Utha der fromme Mormonenstaat führt in der Statistik der Klicks bei Sexseiten im Netz!
    (Die top level domain .va wird wohl bei der Erdassung ausgeblendet:-))

    Doppelmoral wo man hinsieht. Schön diese Kampagne, macht auch ein gutes Gewissen (offen bleibt nur wem), hat aber mMn genau den gleiche Effekt wie das "Elberfelder Modell"!

    Kennt keiner den Begriff: Also " Zum Zeitpunkt der Industrialisierung so 1850 ff. taten sich in Elberfeld a.d. Wupper reiche Fabrikantenfrauen zusammen und strickten usw. für die armen Arbeiterkinder, deren Väter so wenig verdienten, das sie keine warmen Sachen kaufen konnten. Das war gelebte Solidarität!:-((

    Bis dann so ein bärtiger aus London und seine Nachdenker kamen und was über "Den Warencharakter von Beziehungen unter besonderer Berücksichtigung der bürgerlichen Ehe" und auch noch Anderes faselten:-))

    Zwischenmenschliches wird IMMER BEZAHLT (womit bleibt erst mal offen), nur sollte mann FRAU auch die Möglichkeit geben, wenn gewünscht, auf andere Art & Weise ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

    In diesem Sinn nach Gruss "Norditalien: "Schön das mann mal drüber geredet hat.
    .
    Sikasuu

    Ps. Altes europäisches Sprichwort: "Je frömmer & konservativer ein Land, um so gepflegter die Bordelle!" ob da was dran ist/war???
  • Liane
    am 28.04.2016
    Hey... DAS hätte ich dem bisslang einschläfernden OB nicht zugetraut.... Chapeau!
    Super Aktion der Kategorie Denk-mal-nach!

    @schwabe: der Freier ist der Sünden-Bock! Soll der doch auch mal Schuld haben :)
    Überall werden meistens Frauen bestraft, weil sie dieses und jenes machen oder nicht machen/gemacht haben....
    Zuwenig Kinder, kinderlos, Abtreibungen, die falschen Kinder, überhaupt Kinder, Mädchen/Frau sein ....
    Sind es nicht u.a. H.W.Sinn, die AfD, weite Teile der Kirchenpartei, die Kirchen, Teile der Grünen und Nahles SPD, die von hinten durchs Auge die "Prostition Ehe" ( sagte mal ne Prostituierte zu einer echauffierten Ehefrau! ;) erzwingen wollen? Und damit die männliche Vollkaskoversicherung (Meuthen) im Mindestlohnbereich ;)

    Alleinerziehende Frauen und die Kinder werden seit eh und je bestraft, wenn sie "ausserhalb des Besitzes" "Mann", Kinder pflegen!

    Lange Jahrtausende war Frau per genetischer Disposition schuldig.....bis zum Köpfen, Verbrennen, Töten etc ging die Qual.....da könnte Mann doch mal 1000 Jahre Flyer ertragen, oder?
  • Kontext Leser
    am 28.04.2016
    Ja, Sonja, z.B. auch die Art von Leserbriefschreiber, die anderen implizit Dinge unterstellen, die man i.A. als "üble Nachrede" bezeichnet.
  • Sonja
    am 28.04.2016
    Hier hat es mal wieder ein paar Leserbriefschreiber unterwegs auf die könnte der Spruch "etroffenen Hunde bellen" zutreffen.
  • Klaar Kiming
    am 28.04.2016
    Nur weil es Prostitution seit Jahrtausenden gibt, muss man sie gutheißen? Diese Logik erschließt sich mir nicht. Und ja, es hat etwas mit so vermeintlich altmodischen Sachen wie Moral und Anstand zu tun, wie man mit seinen Mitmenschen umgeht.
    Das stößt Herrn Irmer ab? Schade.
  • Schwabe
    am 28.04.2016
    @Zaininger
    Um Bordellbetreiber geht es unserem Herrn Kuhn bzw. der Stadt in deren Kampagne aber gar nicht. Da können Sie sich aufregen so viel Sie wollen bzw. falsch verstehen was Sie wollen.
  • Heike Schiller
    am 28.04.2016
    Es ist eine der besten Kampagnen, die ich seit langem gesehen habe. geschmacklos ist nicht die Kampagne, sondern dass was sie beschreibt und das mal so auszusprechen wie es dringend notwendig ist, gefällt mir ausgesprochen gut. wer sich schon vor ein paar harten Worten wegguckt, die auf jedem Schulhof Standard sind, derdiedas weiß nicht oder will es nicht wissen, was sich hinter den Kulissen der sexindustrie abspielt. mir gefällt die Aufregung, die das auslöst. hoffentlich löst es auch aus, dass die braven Bürger*innen auch mal hinschauen statt sich über eine vermeintliche Geschmacklosigkeit aufzuregen, die - zumeist die braven Bürger ohne *innen millionenfach nutzen, sonst müsste man nämlich derartige Kampagnen nicht fahren. es gäbe sie nämlich nicht die armutsprostitution und die zwangsprostitution auch nicht würden genau diese Dienste nicht tag für tag auf das widerlichste genutzt.
  • Zaininger
    am 27.04.2016
    " ... und wenn die Lobby der Bordellbetreiber aufgeregt twittert und Einbußen im Sexgeschäft fürchtet ..." sagt doch mehr als genug.
    Leuten, die auf Kosten von seelischem, körperlichem und wirtschaftlichem Elend anderer ihren Lebensunterhalt bestreiten, gehört mehr als ein Plakat vor die Nase gesetzt - es sei denn die Namen solcher Figuren, die sich vermutlich sogar noch auf die "Gewerbefreiheit" berufen, steht gleich mit auf dem Plakat!
  • Schwabe
    am 27.04.2016
    Prostitution ist ein Jahrtausende altes Gewerbe und die Aktion der Stadt nichts weiter als Augenwischerei bzw. Wichtigtuerei.
    Mit dieser Aktion soll der Bevölkerung (nicht nur den Freiern) nichts weiter als eine Pseudomoral der politisch Verantwortlichen beigebracht werden. Ganz nach dem Motto die Notlage anderer nicht auszunutzen ("Nutten sind Menschen").
    Doch woher kommen die vielen Notlagen der betroffenen Frauen?Anstatt die (Flucht-)Ursachen für die Armutsprostitution anzugehen und öffentlich zu diskutieren wird an den Symptomen/Auswirkungen herumgedoktert und die Freier werden zum Syndenbock erklärt.
    Wieder einmal wird ein Pferd von hinten aufgezäumt und die Bevölkerung mit ihrem eigenen Steuergeld für dumm verkauft. Doch dafür liefert die Aktion der Bevölkerung sicherlich viel (m.E. politisch gewollten) Diskussionsstoff (Beschäftigungstherapie) der gut geeignet ist unterschiedliche Haltungen innerhalb der Bevölkerung zu erzeugen - also zu spalten - und somit vom Wesentlichen abzulenken, nämlich von den Ursachen.
  • Harald A. Irmer
    am 27.04.2016
    Sind jetzt schon wieder Wahlen?! Erstaunt reibe ich mir in Karlsruhe die Augen; ich hab' doch vor kurzem mein Kreuz bei den Landtagswahlen gemacht, sind jetzt gleich Kommunalwahlen in Stuttgart?

    "Stoppt Zwangs- und Armutsprostitution!" hätte doch wunderbar als Wahlkampfthema zu den Grünen gepaßt, aber wohl nicht Kretschmann, der die Grünen als die bessere CDU verkaufen will. Als Thema bei Die Linke hätte es mich nicht abgehalten, sie zu wählen.

    Aber als Thema der Stadt?? Ich denke immer, eine "Stadtregierung" repräsentiert doch alle Bürger, nicht die nur einer politischen Richtung und sollte sich mit Moralisieren zurückhalten. Wir Bürger möchten nicht das Wahre und Gute per Slogan von der Regierung aufgedrückt bekommen wie in der DDR.
  • Demokrator
    am 27.04.2016
    Aufmerksamkeit durch Provokation. Die Frage ist nur, ob bzw. wen man damit erreicht.

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